Kapitel 4
In der Falle
Nachdem er einen Hyperraumsprung nach Falleen, der Planet seines Auftraggebers, berechnet und eingegeben hatte, rief Miko den Plan des Frachters auf und besah sich die Situation. Es gab mehrere Räume für die Fracht, Gänge und Zimmer für Passagiere, außerdem ein Maschinendeck, eben das Cockpit, in dem er sich befand, einen Waffenraum und eine kleine Krankenstation. Rein theoretisch konnte der Jedi überall sein, denn zu Mikos Bedauern war der ehemalige Besitzer des Frachters ein vertrauensseliger Mann, der keine Überwachungskameras für nötig gehalten hatte, ebenso wenig wie einen Scanner, der Lebenszeichen erfassen konnte. Der Kopfgeldjäger musste also auf die traditionelle Variante zurückgreifen: suchen.
Er versuchte sich zuerst in die Lage des Jedi hineinzuversetzen, der den entschiedenen Vorteil hatte, dass er wusste, wo sich sein Gegner aufhielt. Da außer Miko und dem Jedi niemand an Bord war und irgendjemand das Schiff gestartet hatte, musste dem Jedi klar sein, dass er sich im Cockpit befand. Würde er ihn wohl stellen und angreifen wollen? Sie befanden sich auf relativ engem Raum und bis jetzt sich hatte Miko in solchen Situationen immer als der Überlegene erwiesen. Würde er ihm eine Falle stellen wollen? Diese Idee schien wahrscheinlicher. Aber was für eine Falle?
Dumm war auf jeden Fall, dass der Jedi wieder im Besitz seines Lichtschwertes war und Miko seine Vibroklinge im Hangar hatte liegen lassen müssen. In einem Nahkampf würde es also nicht besonders gut für den Profikiller aussehen, womit das sofortige Stellen wieder wahrscheinlicher wurde. Ein Abstecher in die Waffenkammer wäre also hilfreich. Doch genau das erwartete der Jedi wahrscheinlich von ihm. Oder kam er nicht auf diese Idee? Immerhin kannte er nicht den Plan des Schiffes. Vielleicht irrte er durch die Gänge? Nein, Jedi irrten nicht. Durch ihren nahezu perfekten Orientierungssinn fanden sich Jedi schnell zurecht. Zumal dieser Frachter keinen ungewöhnlichen Aufbau hatte. Er war mittelgroß und Miko musste noch überlegen, ob die Größe ein Vor- oder Nachteil für ihn war.
Auf jeden Fall sollte er jetzt das Cockpit verlassen. Ihm würde schon etwas einfallen. Er schnappte sich also noch schnell ein schiffsinternes Comlink, mit dem er sich innerhalb des Schiffes verständigen konnte, zückte seine Waffe und schlich aus dem Raum hinaus.
Zuerst lief er geradeaus, den Gang entlang und wandte sich dann einem Gefühl folgend nach rechts, um sofort stehen zu bleiben. Seit wann folgte er nur einem Gefühl. Bis jetzt hatte ihm das immer nur Schwierigkeiten gebracht und er würde einen solchen Fehler nicht noch einmal begehen. Also vielleicht erst nachdenken und dann bewegen. Ob der Jedi ihn spüren konnte?
Mitten im Gang verharrend wünschte sich Miko mehrere Dinge herbei. Zunächst wäre ein wenig mehr Licht von Vorteil, denn aus irgendeinem Grund funktionierte ausschließlich die Notfallbeleuchtung, bei der man kaum von „erleuchten" sprechen konnte. Sie vertrieb aber wenigstens die vollkommene Dunkelheit, sodass sich Miko nicht vortasten musste, sondern schemenhaft das erkennen konnte, was unmittelbar vor ihm lag. Des Weiteren hatte er eben nur den Blaster und sein Messer bei sich, was ebenfalls nicht gerade zu seiner Beruhigung beitrug und so wünschte er sich seine geliebte Vibroklinge herbei.
Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Er war immerhin Profi, das alles war für ihn doch kein Problem.
Er atmete einmal tief durch und ging dann trotzdem weiter den Gang entlang, auch wenn er sich einredete, dass er nicht seinem Gefühl folgte, sondern das dieser Weg sowieso der Logischste war. Immerhin befand er sich auf dem Weg zur Waffenkammer. Eine Nahkampfwaffe war auf seiner Prioritätenliste ganz oben.
Miko schlich weiter, immer wieder verharrend und lauschend. Aber es umgab ihn nur völlige Stille. Immer wieder flackerte eine Lampe an der Wand, wodurch es einen ständigen Wechsel zwischen Licht und Dunkelheit gab. Er kam an mehreren Türen vorbei, die zu den Schlafräumen führten und lugte vorsichtig in manche hinein. Aber außer persönlichen Habseligkeiten befand sich dort nichts Brauchbares für ihn. Wer ließ schon seine Waffe an Bord dieses Frachters?
Endlich war er an der Waffenkammer angekommen, blieb aber davor stehen und lauschte in die Dunkelheit. Seine Muskeln waren angespannt, immer dazu bereit, sich einem Angriff zu stellen oder eventuell auszuweichen. Er schloss die Augen, um sich voll und ganz auf seinen Hörsinn verlassen zu können, riss aber die Augen sofort wieder auf, als er ein Knacken nicht unweit von seiner Position hörte und drehte sich lautlos und mit erhobenem Blaster um.
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Noolo hatte das Ganze nicht fassen können. Was ihm in den letzten Stunden widerfahren war, war so was von unwahrscheinlich, dass er für einen kurzen Augenblick an seinem Verstand zweifelte. Und dabei hatte alles so harmlos angefangen. Diese Mission, auf die er geschickt worden war, war eigentlich eine Routinesache gewesen. Der Verlauf der Mission jedoch hatte sich alles andere als routinemäßig entwickelt.
Nachdem er seinen Schützling, die Prinzessin verloren hatte, musste er sich mit diesem Kopfgeldjäger herumschlagen, der zweifelsohne einer der besseren Profikiller war und ihm ganz schöne Schwierigkeiten bereitete. Das alles wäre jedoch zu ertragen gewesen. Aber nun wandten sich seine eigenen Leute gegen ihn. Die Klonsoldaten, die im Auftrag der Republik gezüchtet worden waren und die Armee der Republik waren, erhoben ihre Waffen gegen die Jedi-Ritter, die schon seit unzähligen Jahren die Hüter des Friedens und der Gerechtigkeit waren und der Republik dienten. Sie waren die Befehlshaber über diese Armee, die nun eine Revolte startete. Eine Erklärung dafür hatte er nicht. Klone befolgten sonst, ohne zu hinterfragen die Befehle.
Aber mit all dem nicht genug. Auf einmal verbündete sich der Kopfgeldjäger mit ihm und gemeinsam kämpften sie gegen die Klonsoldaten. Dann rettete dieser Mensch ihm sein Leben, indem er ihn auf den Frachter zerrte, auf dem er sich nun befand. Und er musste sich über sich selbst ärgern. Anstatt irgendwie zu reagieren, hatte dieser Mann ihn quasi in den Frachter schleifen müssen und selbst beim Starten war Noolo immer noch wie in Trance gewesen.
Eben erst hatte er sich wieder gefasst und die Situation analysiert. Er selbst befand sich direkt hinter der Rampe des Frachters. Es war nicht zu erwarten, dass der Kopfgeldjäger immer noch auf eine Zusammenarbeit aus war. Im Gegenteil, wahrscheinlich würde das Nexu-und-Barkratten-Spiel weitergehen.
Allerdings war der Jedi diesmal im Vorteil, da er wusste, wo sich der Kopfgeldjäger aufhielt, umgekehrt aber nicht. Noolo hoffte sehr, dass dieser Frachter nicht über ein Kamera- und Sensorensystem verfügte. Überwachungskameras konnte er jedenfalls nicht spüren und auch nicht sehen. Was ihn störte, war die Helligkeit. Er selbst war nicht auf Licht angewiesen, aber der Mensch war es vermutlich schon. Noolos erste Aktion auf dem Frachter war also, dass er die Leitungen für die Lampen sabotierte und nur die Notbeleuchtung funktionierte und auch die nur sehr unzuverlässig.
Danach überlegte er, wie dieser Frachter wohl aufgebaut sein könnte. Mit Sicherheit gab es mehrere Frachträume, Quartiere für die Passagiere und jede Menge Gänge. Am besten war es vermutlich, wenn er seinen Gegner mithilfe der Macht aufspüren würde. Also trat er einen Schritt in den Gang vor ihm hinaus, schloss die Augen und sammelte die Macht um sich. Das viel ihm immer noch sehr schwer. Er hatte Probleme damit, jemanden in der lebendigen Macht zu spüren, vor allem, wenn dieser Jemand zu seinen Feinden zählte und jeden Augenblick auftauchen konnte, während er noch versunken war. Aber diesmal hatte er sich unter Kontrolle und konnte die dunkle Aura des Kopfgeldjägers deutlich spüren. Er befand sich auf der linken Seite des Schiffes und lief durch die Gänge.
Noolo überlegte, ob er sich sofort auf den Weg zu ihm machen sollte, um ihn zu stellen. Dabei fiel ihm ein, dass er ja noch im Besitz seines Lichtschwertes war, während der Killer sein Vibroschwert hatte auf Nar Shaddaa zurücklassen müssen. Ein Vorteil, den er so schnell wie möglich ausnutzen musste, bevor sein Kontrahent sich noch eine Waffe organisierte.
Mit schnellen Schritten ging er also in Richtung der Präsenz des Kopfgeldjägers, den Griff seines Schwertes in der Hand, die Waffe aber noch nicht aktiviert. Wenn er es geschickt anstellte, konnte er sich vielleicht sogar unbemerkt an den Kopfgeldjäger heranschleichen.
Bald befand sich Noolo im selben Gang wie der andere und schlich vorsichtig näher. Anscheinend hatte der Killer ihn noch nicht bemerkt. Noolo konnte schon den Schatten sehen, den der Mann im flackernden Licht der Wand auf den Boden warf und hob seinen Schwertarm. Doch dann hörte er ein Knacken und blieb abrupt stehen. Sein Gegner musste es ebenfalls gehört haben, denn sein Schatten bewegte sich, drehte sich offenbar um. Hatte er das Geräusch verursacht oder befand sich noch jemand an Bord, denn Noolo hatte kein Geräusch erzeugt. Er selbst drehte sich nun ebenfalls vorsichtig um und konnte der Faust nicht mehr ausweichen, die hart auf sein Gesicht traf und ihn zurücktaumeln ließ, direkt in die Arme des Kopfgeldjägers, der ihn zur Seite schob und mit dem Blaster auf eine Person dahinter schoss.
Der Gang leuchtete im roten Licht des Blasterfeuers auf, aber niemand war zu sehen.
Noolo hatte inzwischen seine Klinge gezündet und war den Gang hinaus getreten, aber noch immer war niemand zu sehen. Er wirbelte wieder herum und sah sich dem Kopfgeldjäger mit erhobenem Blaster in der rechten und einem Messer in der linken Hand gegenüber. Seine Klinge hielt Noolo vor seinem Körper, aber er bezweifelte, dass der Kopfgeldjäger so dreist sein würde und hier auf ihn schießen würde. Er musste wissen, dass der abgelenkte Schuss ihn treffen würde.
Für ein paar Sekunden standen sie sich schweigend gegenüber, dann senkte der Mann vorsichtig seine beiden Arme und warf die Waffen vor Noolos Füße.
Aus Erfahrung wusste Noolo, dass man diesem Mann immer noch nicht trauen konnte und deshalb ließ er seine Waffe aktiviert. Auch wenn sein Gegner nun schutzlos und unbewaffnet war, er hatte erstaunliche Fähigkeiten und Reflexe und Noolo wollte nicht den Fehler machen, ihn zu unterschätzen. Also machte er vorsichtig einen Schritt auf ihn zu.
„Die Hände vorsichtig und langsam hinter den Kopf und umdrehen", befahl der Rodianer.
Der Kopfgeldjäger tat wie ihm geheißen, hob die Hände hinter den Kopf und drehte sich langsam mit dem Rücken zu Noolo. Bis jetzt verlief alles nach Plan, aber plötzlich zog der Kopfgeldjäger ein Messer aus seinem Kragen, drehte sich um, warf es Noolo entgegen und rannte dann in die entgegengesetzte Richtung.
Noolo konnte dem Messer natürlich dank seiner Reflexe ausweichen, aber trotzdem war er überrascht über soviel Dreistigkeit und setzte schon zur Verfolgung an, als sein Gegner mit voller Wucht gegen ein Kraftfeld prallte und zurückgeworfen wurde, sodass er auf den Rücken zu liegen kam und benommen den Kopf schüttelte. Noolo erreichte ihn kurz danach, zerrte ihn auf die Beine und setzte ihm seine gelbe Klinge an den Hals. Dann sah er sich nach einer Kontrolltafel für das Kraftfeld um, fand aber keine. Der mysteriöse Angreifer von eben musste es aktiviert haben.
Also zog er den Mann in die andere Richtung mit sich, aber schon nach ein paar Metern stießen sie wieder auf ein Kraftfeld und mussten feststellen, dass sie in der Falle saßen. Ganz offensichtlich hatte die andere Person an Bord sie ausgetrickst.
Noolo seufzte, senkte seine Waffe wieder und deaktivierte sie. Immer noch misstrauisch starrten sich die beiden Gegner an, waren sich jedoch darüber im Klaren, dass ein Kampf momentan völlig sinnlos war, solange sie beide nicht herauskamen.
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Momentan entwickelte sich alles in eine miese Richtung. Miko hatte weder die Zeit noch die Lust, sich mit noch jemandem herumzuärgern. Dieser Jedi reichte ihm vorerst schon vollkommen. Dabei hätte alles gut werden können. Jetzt saß er zusammen mit seinem Opfer in der Falle und wusste noch nicht einmal, von wem er überlistet worden war. Er hatte zwar registriert, dass der Jedi von jemandem angegriffen worden war, wollte sich aber zunächst auf sein eigentliches Ziel konzentrieren und dann um die dritte Person. Schlimmer als ein Jedi konnte es ja nicht mehr werden. So konnte man sich irren. Und es zeigte sich wieder einmal, dass die einfachsten Tricks immer noch die besten waren. Zwei Kraftfelder, einfach, aber genial. Das musste Miko gestehen. Er konnte die Arbeit anderer durchaus honorieren. Trotzdem sollte sich der unbekannte Fremde auf etwas gefasst machen, wenn Miko hier wieder raus war.
Eine leichte Erschütterung ging durch das Schiff. Sie hatten den Hyperraum verlassen und änderten nun offensichtlich den Kurs.
„Noolo."
Miko drehte sich herum. „Was?"
„Mein Name. Ich heiße Noolo. Und du?" Der Rodianer schaute ihn mit seinen großen Facettenaugen an.
Miko knurrte leise. Jetzt machte er sich schon mit seinem Opfer bekannt. Wie erbärmlich. „Interessiert mich nicht, wie du heißt. Ich rede nie mit meinen Opfern."
„Erstens hast du schon im Hangar mit mir gesprochen und zweitens hast du wohl vergessen, dass ich immer noch im Besitz meines Laserschwertes bin."
Miko lachte verächtlich und beugte sich zu seinem Gegenüber vor. „Jetzt pass mal auf, Kleiner. Egal in was für einer Scheiße wir stecken, wir werden uns nicht anfreunden und auch nicht miteinander reden, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Momentan denke ich darüber nach, wie wir hier heraus kommen und das solltest du auch tun, anstatt unsere Zeit mit Reden zu vergeuden. Kapiert? Wir wissen schließlich beide, dass du nie mit deiner Waffe auf mich losgehen würdest, solange ich unbewaffnet bin. Also tu nicht so als wäre es anders."
Der Jedi antwortete nicht, sondern setzte sich stattdessen mit verschränkten Beinen auf den Boden und schloss die Augen. Miko schüttelte nur den Kopf. Dann atmete er tief durch und fuhr mit der Hand über die Wand. Es gab tatsächlich nichts, was man gebrauchen konnte. Nur die beiden Kraftfelder, die nackte Wand und den Jedi. Offensichtlich musste er darauf warten, dass sich die Person zeigte, der sie das Ganze zu verdanken hatten. Gerade wollte er sich ebenfalls hinsetzen, da fiel ihm das Comlink ein, das er vom Cockpit mitgenommen hatte. Er könnte sich also mit seinem Gegner verständigen.
