Energieüberladung

Kurz vor dem Abendessen erwachte sie aus einem traumlosen Schlaf und fühlte sich wieder topfit. Weder verspürte sie Schmerzen in der Schulter noch war ihr schwindlig. Als sie bald darauf in den Essenssaal ging, sah sie einige Eltern schon bei ihren Kindern sitzen und mit ihnen essen. Sie setzte sich zu Ororo, Jean, Charles, Hank, John und Logan an den Tisch. Kurt und Piotr waren noch nicht da, oder schon wieder weg.

„Na Dornröschen", lächelte John sie an.

„Na Musketier", erwiderte sie grinsend, während sie sich neben Logan auf einen Sessel fallen ließ. „Ich verhungere!"

„Du verhungerst doch immer", lachte John und schob ihr den Teller mit den Fleischscheiben hin.

„Wie geht's der Schu…", begann Jean neben ihr, doch plötzlich griff sie sich an den Kopf und verzerrte den Mund vor Schmerzen. Rogue sah sie sofort besorgt an und legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Jean? Was ist los", fragte sie, doch erhielt keine Antwort. Als sie einen hilflosen Blick zu Charles warf, erkannte sie, dass er versuchte mit ihrer Freundin telepathisch Kontakt aufzunehmen.

„Hank, wir müssen sie ins Medlab bringen", sagte er, als er die Augen wieder aufschlug. Logan reagierte sofort, hob die Ärztin hoch und trug sie durch die Hintertür zum Lift. Die anderen folgten ihm auf dem Fuße. Während Hank sie untersuchte, warteten sie ungeduldig vor der Tür. Xavier kam nach unendlich scheinenden Minuten zu ihnen. Alle Augen ruhten erwartungsvoll auf ihm.

„Jean scheint alle Gedanken der Menschen hier herum auf einmal zu empfangen, und kann sie nicht an dem Eindringen in ihren Kopf hindern. Dadurch kommen auch ihre telekinetischen Kräfte durcheinander", erklärte er ihnen. „Hank hat ihr ein Beruhigungsmittel verabreicht, und nun schläft sie."

„Wieso…", begann Rogue, doch Charles lächelte sie an und sagte: „Das wissen wir leider nicht. Aber wir werden morgen früh daran arbeiten, dass sie es wieder unter Kontrolle bringt und danach wieso das geschehen konnte."

Sein Tonfall machte klar, dass er keine weiteren Fragen beantworten würde. Somit mussten sie sich damit zufrieden geben, und alle gingen langsam wieder hoch zum Essen, bis auf Rogue. Sie verschwand leise im MedLab.

Hank lächelte sie sie an und nickte ihr aufmunternd zu. Marie stand einige Minuten neben Jean am Krankenbett und strich ihr zärtlich über die Haare. Sie sah blass aus und doch gleichzeitig friedlich.

„Hör mir zu, Süße, auch wenn du schon genug Stimmen in deinem Kopf hast. Konzentrier dich auf meine Stimme, und hör mir zu. Mach die Tür in deinem Kopf zu, so wie du es mir einmal erklärt hast, wie du die Gedanken anderer ausschließen kannst. Mach sie zu und hör nur auf deine eigene Stimme. Du bist stark, Süße. Ich werde dich nicht anlügen. Ich mach mir Sorgen um dich. Du bist immer so stark und stolz, aber wenn ich dir auch nur irgendwie helfen kann, dann ruf mich, egal wann. Ob ich schlafe oder in der Antarktis bin, ruf mich, dring ungefragt in meinen Kopf ein, und ich bin umgehend bei dir", flüsterte sie.

Bevor sie ging, strich sie ihr nochmals sanft über ihre Haare. Legte zwei Finger an ihre Lippen und danach an Jeans Lippen. Von Labortisch aus hatte Hank die junge Frau beobachtet, wie er es des Öfteren tat. Er konnte sich über ihr großes Herz nur wundern und lächelte. Er war erst nach den anderen zu den X-Men gekommen, doch sie hatte ihn gleich herzlich willkommen geheißen und ihn tief drinnen berührt.

Rogue … Hilf mir. Ich kann sie nicht kontrollieren hallte Jeans Stimme durch Maries Gedanken, als sie erschrocken aufwachte. Die Sonne schien schon durch das Fenster. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Stereoanlage. Kurz nach sieben Uhr morgens. Ich muss hier weg!

Sofort sprang sie von ihrem Bett auf und rannte die Stiegen hinunter ins MedLab. Jean brauchte sie. Als sie atemlos den Code zum Labor eingab, übermannte sie ein seltsames Gefühl, dass sie nicht einordnen konnte. Die Tür schien Ewigkeiten zu brauchen, um endlich aufzuschwingen, und schon lief Rogue den Gang entlang zu Jeans Zimmer. Sie stieß die Tür auf und sah sich um, doch fand das Bett in dem ihre Freundin noch vor einigen Stunden gelegen hatte leer vor. Hank war über dem Schreibtisch eingeschlafen. Er musste noch bis in die Morgenstunden gearbeitet haben.

„Beast! Beast", rief Rogue und schüttelte den blauen Fellträger, der hochschoss, als er ihre Stimme hörte.

„Was ist…", wollte er fragen, doch sie fiel ihm ins Wort.
„Wo ist sie?"

Suchend sah er sich um.

Als kurz darauf alle X-Men sich in Xaviers Büro zusammenfanden, erklärte Rogue, dass Jean sie um Hilfe gebeten hatte, und sagte, dass sie weg müsse von hier.

„Sie konnte sie nicht kontrollieren", murmelte sie, während Logan sie nicht aus den Augen ließ. Ihre Sorge um Jean war ihr anzusehen, wie auch allen anderen Anwesenden.

„Ich werde Cerebro benutzen, um sie zu lokalisieren. Scott ist schon auf dem Weg zurück hier her. Er wird in einer Stunde eintreffen. Sobald er da ist, holen wir sie zurück", sagte Charles.

„Du hast so schnell gehandelt, wie du nur konntest", hörte Rogue Logans Stimme, als sie in der Küche sich einen Kaffee eingoss, nachdem sie sich die Uniform angezogen und fertig für die Mission gemacht hatten. Sie nickte nur.

„Niemand konnte wissen, dass es so ein Ausmaß annehmen würde", stimmte ihm Ro zu, die gerade zu ihnen in die Küche gekommen war.

„Wir finden sie", munterte er sie auf und drückte sie kurz an sich.

„Ja, ich weiß, ich hoffe nur, es geht ihr gut, wenn wir sie finden", erwiderte Rogue leise.

Scott wartet im Hangar auf uns hörten sie alle in ihren Köpfen den Professor sagen, und schon waren sie auf dem Weg dort hin. Währenddessen hatte Charles Jean lokalisieren können. Sie war nicht weit von dem Mansion, erklärte er, aber es ginge eine starke Energie von ihrem Aufenthaltsort aus. Auf dem Flug zu ihr beantwortete Xavier alle Fragen von Scott, und versuchte ihn zu beruhigen.

Der Flug im Blackbird dauerte nicht lange. Sie landeten und eilten zu den Koordinaten, an denen Charles Jean geortet hatte. Auch ohne den genauen Punkt zu wissen, Hätten sie sie gefunden, da offensichtlich ihre telekinetischen Kräfte außer Kontrolle geraten waren, durch die Überreizung ihrer Gedanken. Sie lag in der Mitte einer Ruinenhalle, und um sie herum wirbelten große und kleine Steine, und von den zerfallenden Mauern brachen alle paar Sekunden ein weiterer Teil ab, der sich in den Wirbel um sie einreihte.

Xavier versuchte augenblicklich mit ihr in Kontakt zu treten, doch konnte nicht zu ihr durchdringen. Erschöpft sackte er in seinem Rollstuhl zusammen. „Die Energie ist zu hoch, ich komm nicht zu ihr durch."

Logan hielt Scott zurück, der ohne weiter nachzudenken zu seiner Frau eilen wollte. „Nicht Scott", rief Ororo über die laute Kulisse ihm zu. „Du kommst hier nie heil hinein."

„Professor", begann Rogue nach einigen Momenten, in denen sie alle das Geschehen beobachtet hatte, „ich könnte doch versuchen einen Teil der Energie zu absorbieren." Charles sah die Frau durchdringend an, die vor ihm kniete und ihre Hände auf seine Beine gelegt hatte. Ihre Augen waren groß, erwartungsvoll und voller Sorge um ihre Freundin. Er wusste, dass sie bereit war alles zu tun, um ihr zu helfen. „Wenn der Energielevel sinkt, kann sie sich vielleicht auf einzelne Stimmen konzentrieren, und selbst von sich aus die Stimmen kontrollieren."

Durch das ständige Rauschen und Klirren, das Jean durch den Wirbelwind um sie herum hervorgerufen hatte, konnte selbst Logan nicht hören, was gesagt wurde, doch er sah, dass Xavier nickte und ihn zu sich hin winkte. Kurt und er standen nun auf beiden Seiten des Rollstuhls, während Rogue noch vor ihm kniete.

„Du kommst allein hier nicht durch, und wenn du drinnen bist, brauchst du jemanden, der deinen Rücken bewacht", begann der Professor nun. Logan wusste sofort, was sie vorgeschlagen hatte, und alles schien sich in ihm zu verkrampfen. Das war verdammt noch einmal viel zu gefährlich für sie, schrie es in ihm. Charles sah zu ihm hoch.

„Ja, es ist zu gefährlich, Wolverine", stimmte er ihm zu. Doch Rogue war noch nicht einmal nahe daran aufzugeben. Ihre Freundin hatte ihre Hilfe erbeten und genau die würde sie auch bekommen.

„Ihr wisst genauso gut wie ich, dass das im Moment unsere einzige Möglichkeit ist zu ihr durchzukommen. Kurt konnte mich reinzappen…Wenn Scott mit ihr spricht und versucht zu ihr durchzukommen. Auf ihn reagiert sie am schnellsten…", erwiderte sie unbeeindruckt. Xavier schien diesen Vorschlag in seinem Kopf abzuwiegen.

„Kurt, kannst du Rogue und Wolverine zu Jean teleportieren", fragte er, und Kurt nickte. „Wolverine wird dich von den Steinen schützen, während du versuchst Jeans Energie zu mindern", begann Charles wiederum. Rogue und Logan nickten einander zu. Sie wussten, sie konnte sich auf ihn verlassen.

„Rogue, nur so viel Energie, bis Scott zu ihr durchkommt" mahnte der Professor, und die Besorgnis schwang in seiner Stimme hörbar mit. Alle wussten, dass sie nicht leichtfertig mit ihrer Mutation umging, und sich mehr davor fürchtete sie einzusetzen als manche vermuteten.

„Ich werd ihr nicht weh tun", erwiderte Marie fest und griff nach Kurts Hand, und Logan tat es ihr gleich.

Einen Augenblick später fanden sich Wolverine und Rogue neben Jeans leblos wirkendem Körper wieder, während Kurt sich auch schon wieder hinaus teleportiert hatte. Sie kniete sich neben ihre Freundin hin und zog ihren Handschuh aus, als sie hörte, dass Logan hinter ihr die Klauen aus seinen Händen fahren ließ und auch schon den ersten Gesteinsbrocken von ihrem Rücken fern hielt. Sie musste schnell handeln. Auch in der Mitte des Wirbelsturms war es nicht sicher. Sie zögerte nur kurz, bevor sie ihre Hand an Jeans Wange legte. Sofort spürte sie den Sog den ihre Mutation herbei rief und die Energie von ihrer Freundin in sich übergehen. Weit entfernt hörte sie Scott, als er versuchte mit Jean zu reden. Rogue schloss die Augen, da der Fluss immer stärker wurde. Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren, was sie von Jean empfing, um zu sehen, wann Scott zu ihr durchdrang. Seine Stimme wurde langsam immer lauter und deutlicher in ihr, doch sie wusste, dass die Telepathin noch nicht orten konnte, wer mit ihr sprach. Nach schier endlos erscheinenden Sekunden nahm sie Scott klar und deutlich wahr. „Jean, ich bin da! Konzentrier dich auf meine Stimme!" Sie riss ihre Hand von Jeans Wange und wurde gleich darauf aus dem immer schwächer währenden Wirbel um den Körper der Rothaarigen gerissen. Mit einem dumpfen Aufprall landete sie an einer Mauer der Ruine auf der gegenüberliegenden Seite.

„Scott", rief Rogue, „ich kann es nicht kontrollieren!" Augenblicklich war der Teamleader an ihrer Seite und hielt ihre unter Stoff verborgene Hand in seiner. „Scott, Liebling, hilf mir!" Es war Maries Stimme, doch Scott erkannte sofort, dass aus ihr Jean sprach.

„Ich bin hier Schatz. Konzentrier dich auf meine Stimme. Hör mir zu, du kannst das schaffen…"

„Nein Scott es ist zu stark. Ich schaffe das nicht", widersprach sie.

„Sag mir nicht was du nicht kannst. Ich weiß, wozu du fähig bist. Konzentrier dich. Ich liebe dich", erwiderte er.

Wolverine kämpfte noch immer darum, die fliegenden Steine von Jean fern zu halten, als der Wirbel langsam schwächer wurde und nach einigen Augenblicken verebbte. Im nächsten Moment war Scott an Jeans Seite und sah ihr liebevoll in die müden Augen.

Rogue rappelte sich langsam auf, um zu sehen, ob es funktioniert hatte. Als sie sah, dass Jean, Cyclopse und Wolverine in Sicherheit waren und der Sturm um sie sich aufgelöst hatte, fiel sie bewusstlos gegen die Mauer. Im Bruchteil einer Sekunde waren Logan und Ororo bei ihr. Er hielt sie fest. „Rogue", rief er und tätschelte ihre Wange. „Komm schon, wach auf." Doch sie hörte ihn nicht und blieb regungslos in seinen Armen liegen.

„Wir müssen sie sofort zurück ins Mansion bringen", sagte Xavier, als er bei ihnen war.

„Wieso ist sie noch nicht wieder bei Bewusstsein", fragte Ro, als sie alle im Blackbird saßen.

„Ich hab befürchtet, dass so etwas geschieht", murmelte Charles. „Ich hab ihr gesagt, sie solle nicht zu viel Energie absorbieren und sofort loslassen. Sie dachte, ich meinte die Schmerzen, die sie Jean sonst zufügen würde."

„Was meinten sie dann", erwiderte Jean schwach, die an Scotts Seite lehnte.

„Der Energielevel war extrem hoch. Sie musste sehr viel mehr absorbieren, als angenommen, damit Scott zu dir durchkam. Die Frage ist nun, ob sie selbst Schaden davongetragen hat. So viel absorbierte Energie und Mutation ist ihr Körper nicht gewohnt, und niemand weiß wie er damit umgehen wird", antwortete er und warf Rogue einen besorgten Blick zu. Logan war seitdem nicht von ihrer Seite gewichen.

„Was heißt das nun genau", fragte er ungeduldig.

„Das werden wir wohl erst herausfinden, wenn wir sie untersucht haben, und sie wieder bei Bewusstsein ist."