Der Wind peitschte um seinen Körper, als er sich tiefer über seine Maschine beugte und schneller wurde. Die Kurve kam in rasanter Geschwindigkeit immer näher, sein Verstand gellte nach der Bremse, doch er unterdrückte seine innere Stimme. In aller letzter Sekunde erst drosselte er seinen Speed rapide und legte sich in die enge Wendung. Sein Knieschoner schrappte leicht über den Asphalt. Kaum, dass er den Scheitelpunkt erreicht hatte zog er das Gas schon wieder durch und beschleunigte. Der Motor unter ihm heulte auf und er spürte die Kraft die in dem Motorrad arbeitete. Ein Gefühl der Befriedigung durchfuhr ihn, als er auf die gerade Autobahn auffuhr. In einem mehr als mörderischen Tempo heizte er jenseits jeglicher Vorschriften zwischen den Autos hindurch. Wechselte die Bahnen, wie es ihm passte. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem diabolischen Grinsen. Ja, das machte ihm Spaß. Er raste nicht so weil er es eilig hatte, oder weil er Todessehnsucht hatte, nein. Einfach weil er es wollte. Niemand würde ihn auf dieser Maschine vermuten. Keiner seiner Bekannten, oder seiner Familie würde auf die Idee kommen, dass er sich auf einem Motorrad befand und über die Straßen heizte. Seine Mutter würde einen Herzinfarkt erleiden, wenn sie jemals sein Hobby herausfinden würde. Die Musik aus seinem linken Inear war ebenso rasant wie seine Fahrt. Auf dem Rechten hatte er freilich keine Musik. Ein wenig von seiner Umgebung musste er schließlich noch mitbekommen. Kurz warf er einen Blick auf seine Armbanduhr, die zwischen seinen schwarzen Handschuhen und seiner Lederjacke hervorblitzte. Noch zwei Stunden bis er im Stadion sein musste. Dann würden die Falmouth Falcons gegen die Tutshill Tornados antreten. Abermals huschte ein diabolisches Grinsen über sein Gesicht, als er einen Gang runterschaltete und das Gas bis zum Anschlag drehte.

Müde schloss Hermione ihre Wohnungstür ab und lief die Stiegen hinab. Warum musste dieses dämliche Spiel auch so früh beginnen? Ein Gähnend unterdrückend öffnete sie die Haustür und wollte gerade hinaustreten, als ihre Nachbarin ihre Wohnungstür öffnete. „Oh Madam Malfoy, sie habe ich ja lange nicht mehr gesehen. Alles in Ordnung?", fragte die neugierige Dame in ihren Mittfünfzigern freundlich. „Madam Lafait, guten morgen. Mir geht es gut, danke der Nachfrage. Wie ist es ihnen ergangen?", erwiderte Hermione höflich und fluchte innerlich. Auf ihre Nachbarin hatte sie so gar keine Lust. „Och wie es alten Menschen so geht", begann die blonde rundliche Dame und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Das Alter", fügte sie gewichtig hinzu. Innerlich verdrehte die junge Hexe die Augen. Madam Lafait war schon am altern und sterben, seit sie hier eingezogen war und schien nicht zu begreifen, dass sie noch lange zu leben hatte. „Oh je." War alles was sie zu der Frau sagte, wissend, dass diese egal was sie zu ihr sagte sowieso ihre Lebensgeschichte erzählen würde inklusive der doch recht farbenfrohen Krankenhistorie. „Als ich noch so jung war wie sie", begann die Dame auch prompt und die braunhaarige verlagerte ihr Gewicht unruhig, sie musste schließlich zum Zug. Die sonst so ignorante Nachbarin schien die Veränderung in ihrer Haltung zu bemerken, denn sie brach ab und musterte ihre junge Hausgenossin. „Halte ich sie auf?", fragte sie direkt und brachte Hermione kurz aus dem Takt. „Ehrlich gesagt, muss ich einen Zug erreichen und bin schon recht knapp dran", gab sie gespielt zerknirscht zu. „Oh, dann ein anderes Mal Madam Malfoy, lassen sie sich von einer alten sterbenden Frau nicht aufhalten", seufzte die Nachbarin und legte eine Hand in ihren Rücken wie um ihr schmerzendes Kreuz zu stützen. „Gerne Madam Lafait, es tut mir wirklich leid. Bis bald", verabschiedete sich Hermione hastig und ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen. Da war sie noch einmal davon gekommen. Flott lief sie zur Bahnstation um mit dem RER zum Gard du Nord zu fahren. Diese Nachbarin war irgendwann noch mal ihr Nagel zum Sarg. Wegen der alten Dame hatte sie überhaupt erst den Namen Malfoy weg. Sie war damals mit dem Zug nach Paris gekommen und war der Beschreibung zur Wohnung gefolgt. Nach einer recht einsamen Nacht in ihrem neuen Domizil hatte sie am nächsten Tag dringend einkaufen müssen und hatte das Haus verlassen. Als sie bepackt mit Lebensmitteln zurückgekommen war, hatte die Nachbarin sie im Flur aufgehalten und in ein Gespräch verwickelt. Ein unwilliges Seufzen entfloh Hermiones Lippen bei dieser Erinnerung und sie verließ den RER um sich zum Boardingbereich des Eurostars zu begeben. Während sie den Check in durchlief und ihren Platz im Zug suchte, ließ sie dieses Gespräch von vor drei Jahren noch einmal Revue passieren.

Müde hatte sie die Tür geöffnet und wollte nur noch schnell die Stiegen hoch in ihre neue Wohnung. „Oh, sie müssen Madam Malfoy sein. Ich dachte schon bei ihnen wohnt gar niemand mehr. Früher kam der junge Herr ja öfter, aber der hat sich nun auch nicht mehr Blicken lassen. Eine Schande bei der Wohnung. Ich hatte schon den Vermieter gefragt, ob die Wohnung nicht leer stehen würde. Auch wenn ich alt bin. Die Aussicht wäre es wert. Aber da sagte der Vermieter zu mir, dass die obere Wohnung von dem jungen Herren gekauft worden war. Können sie sich das vorstellen? So jung und schon eine eigene Wohnung in Paris. Aber was erzähle ich ihnen, schließlich wohnen sie nun dort. Wie ist eigentlich ihr Vorname?", überfiel die rundliche Dame sie und erschreckte sie beinahe zu Tode. „Jean", hatte sie nahezu gestammelt, völlig überfordert mit der Situation. „Oh wie unhöflich von mir. Madam Lafait mein Name. Ich halte sie auf nicht? Keine falsche Scham, ich sehe doch, dass sie vom Kaufen kommen. Lassen sie sich nicht aufhalten. Schönen Tag noch Madam Malfoy", hatte sie schnell gesagt und war wieder in ihrer Wohnung verschwunden. Hermione hatte wie festgewachsen noch einige Minuten im Flur gestanden ehe sie hoch in ihre Wohnung geschossen war. Dort hatte sie sich von innen gegen die Tür gelehnt. Was zum Teufel…? Sie hatte tief durchgeatmet und ihre Gedanken geordnet. Jean Malfoy, eigentlich nicht schlecht als Deckname. Es klang sogar halbwegs französisch. Doch damit konnte sie vorerst Leben.

Der Eurostar ruckte an und Hermione hätte beinahe geschnaubt. Vorerst war gut. Sie hatte den Namen nie abgelegt. Nachdem die Nachbarin auch den anderen zwei Bewohnern des Hauses von Jean Malfoy erzählt hatte, war ihr nichts anderes übrig geblieben als den Namen weiter zu behalten. Ihr tatsächlicher Name stand außer Frage. Selbst wenn sie in der Muggelwelt unbekannt war, es brauchte nur einen Muggelstämmigen Zauberer oder eine Hexe, welche den Namen hörte um ihre Tarnung auffliegen zu lassen. So war innerhalb eines Tages aus Hermione Jean Granger, Jean Malfoy geworden. Schnell hatte sie entschieden, dass nicht nur ihr Name sondern auch ihr Aussehen geändert werden musste. Am nächsten Tag war sie zu einem Friseur gegangen und hatte sich ihre Haare glätten und färben lassen. Danach hatte sie auf Dracos Kosten sich eine komplett neue Garderobe zugelegt.

Apropos Draco Malfoy. Er hatte sich ewig nicht bei ihr gemeldet, warum jetzt? Und warum zitierte er sie zu einem Quidditchspiel, wo es von magischen Mitmenschen nur so wimmelte? Sie hoffte dass er eine gute Erklärung dafür hatte.

Der Zug fuhr in den Eurotunnel ein und sie sah ihre eigene Spieglung im Fenster. Helle Haut, dunkelbraune beinahe schwarze glatte Haare, welche zu einem strengen Zopf gebunden waren. Eine schwarze Sonnenbrille verdeckte ihre Augen. Ihre Lippen hatte sie mit einem bronzefarbenen Lippenstift nachgezogen, passend zu ihren ebenfalls bronzefarbenen Rollkragenpullover, welcher unter ihrer geöffneten schwarzen Lederjacke gut zu erkennen war. An ihren Ohren hatte sie lange Titanohrringe befestigt, welche jeweils aus zwei Seilen bestanden, die in massiveren Kegeln endeten. Um den Hals trug sie die passende Halskette. Langsam zog sie die Sonnenbrille ein Stück von der Nase und betrachtete sich ihre geschminkten Augen. Schwarz umrandet mit Lidschatten und Wimperntusche. Nein, sie sah gar nicht mehr wie Hermione Granger aus. Hermione Granger war für die Masse eine junge Frau, mit unglaublich buschigem Haar, ohne Make-up oder Schmuck in weiten Jeans und ebenso unmodischen Pullovern. Wer nach Hermione suchte würde sie nicht in Jean finden, zumindest nicht auf den ersten Blick. Zufrieden lehnte sie sich zurück und genoss die restliche Fahrt.

Draco versteckte sein Motorrad nahe dem Stadion und trat hinaus auf die Straße. Vor dem Eingang standen bereits die Paparazzi und versuchten ein Foto von den Spielern zu erhaschen. Nicht willens sich den Medien in seinem Muggeloutfit zu präsentieren, bog er schnell wieder in den Wald ab und nahm einen Umweg zum Hintereingang. Nein, eine erneute Diskussion mit seiner Mutter wollte er in nächster Zeit wirklich nicht führen. Während er ungesehen durch das Unterholz schlich wanderte sein Blick zurück zur Straße gleiten. Eben trat eine junge Frau aus dem Waldweg, welcher die Verbindung zur Muggelwelt war. Unwillkürlich blieb er stehen. Sie war nicht sonderlich groß, doch ihre Beine schienen endlos, was natürlich durch ihre hochhackigen Stiefel begünstigt wurde. Entgegen den meisten Fans hier, trug sie keinen Fanartikel und keine Roben. Ihre schwarze Lederjacke war geöffnet und zeigte einen bronzefarbenen Rollkragenpullover. Ihre dunkelbraunen beinahe schwarzen Haare waren streng zu einem Zopf zurückgekämmt. Ihr Gesicht wurde zu großen Teilen von einer schwarzen Sonnenbrille verdeckt, welche sie gerade zu recht rückte und dann weiter zum Stadion ging. Unterbewusst begann er seinen Kopf zu schütteln. Dass konnte doch nicht Granger gewesen sein? Sie sah überhaupt nicht mehr aus wie Granger, doch sie erinnerte ihn verdammt an sie, obwohl die junge Frau lediglich die Straße entlang gelaufen war. Noch einmal warf er einen Blick zu Stadioneingang, wo gerade der Sicherheitsmann mit der Hand auf einen Gang wies und machte sich dann weiter auf seinen Weg. Er musste sich schließlich noch umziehen.

Als Hermione aus dem Bus stieg nahe dem abgelegenen Wald im Norden Londons wurde sie vom Busfahrer recht schräg angeschaut. Den Blick ignorierend lief sie die Straße ein Stück hoch und bog dann auf einen Waldweg ab. Sie spürte die Magie kaum das sie den Waldweg betrat und keine drei Schritte später befand sie sich nicht mehr direkt im Wald, sondern auf einer Straße, die zu einem Stadion führte. Ihre Absätze klackten laut auf dem Asphalt, als sie sich gemächlich auf den Weg zum Eingang des Stadions machte. Sie war recht früh dran um nicht mehr Menschen als nötig über den Weg zu laufen. Dennoch waren schon mehr Besucher anwesend, als sie sich erhofft hatte. Kurz wallte Panik in ihr auf. Was wenn sie einer erkennen würde? Zittrig rückte sie ihre Sonnenbrille zurecht und lief weiter, stoppte erst vor dem Sicherheitsmann. Ihr Herz klopfte laut als er ihren Pass in die Hand nahm und sie musterte. Als er seine Augenbrauen zusammenkniff und mit einer Hand in seinen Umhang griff, dachte sie schon es wäre vorbei, doch er holte nur eine Lesebrille heraus. Kurz angebunden erklärte er ihr den Weg zur VIP Box und wandte sich dem Gast hinter ihr zu. Erleichtert lief sie die Gänge entlang und entzog sich dem Strom der Menschen, als sie in die kleine und noch leere VIP Box trat. Zielstrebig lief sie zu ihrem Platz in der ersten Reihe. Als sie sich setze atmete sie einmal tief durch. Es fühlte sich komisch an, wieder an etwas magischem Teilzunehmen. Dort unten wurden gerade magisch die Pfützen vom Regen am Morgen getrocknet und am Rande des Feldes bauten Heiler ein Zelt auf. Überall sah man Hexen und Zauberer in Roben. Aufmerksam betrachtete sie das Treiben im Stadion. Es kam ihr so unwirklich vor, dass sie generell Teil dieser Welt war. Sie hatte sich so in die Rolle von Jean Malfoy, Balletttänzerin und Muggel, eingefunden, dass sie sich noch nicht recht entspannen konnte. Irgendwie machte ihr die Magie hier ein wenig Angst. Seufzend schloss sie die Augen und versuchte auszublenden, dass sie in einem Quidditchstation saß.

Eine Viertelstunde vor Anpfiff öffnete sich die Tür zur Box hinter ihr und eine Horde schnatternder junger Hexen kam herein. Sie schenkten Hermione nicht einmal einen zweiten Blick und setzten ihre Diskussion über Make-up, Mode und die heißen Quidditchspieler ungerührt fort. Langsam entspannte sich die Kriegsheldin und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Vielleicht würde es doch nicht so schlimm wie sie gedacht hatte.

Als erstes Flogen die Tutshill Tornados in ihren blauen Umhängen ein. Ein simples melodisches Hermione unbekanntes Lied begleitete sie. Die Menge jubelte und das Team ging in Stellung. Kurz und schmerzlos ohne viel Chichi. Dann wurde es mucksmäuschen Still im Stadion. Unterschwellig begannen die ersten Töne von Toccata zu spielen. Nicht die Orgelversion von Bach, sondern eine Instrumentalversion mit einer Geige [S1] als Hauptinstrument. Nach circa einer halben Minute Intro flogen passend zur Musik die Falmouth Falcons ein. Die hellgrauen Umhänge mit den schwarzen Einsätzen flatterten wild im Wind. Die Mannschaft schwärmte aus und hetzten in wilder jagt um das Stadion. Der Hütter Thomas Raily flog einen Salto und kam mit einer gekonnten überschlagsrolle vor seinen Ringen in der Luft zum stehen. Die drei Jäger Bryan O'Conor, Sarah Langdon und Phillip Carefree jagten sich gegenseitig und schienen sich gegenseitig vom Besen stoßen zu wollen. Kira McCallum und Jonas Padfoot, die Treiber begnügten sich damit am Rand Stellung zu beziehen und die Zuschauermenge mit Rufen aufzuheizen. Nur einer schoss von der Mitte aus kerzengerade nach oben und ließ sich langsam rücklings überfallen, was zu hysterischen Schreien im Publikum führte. Im Fall ließ er sogar seinen Besen los und es schien, dass er auf dem Boden aufschlagen würde, doch im allerletzten Moment fand der Besen wieder seinen Weg zurück in seine Hände und er schoss so knapp über dem Boden her, dass der Sand aufgewirbelt wurde. Hermione erkannte ihn sofort. Draco Malfoy lieferte eine Show ab, die selbst ihr kurzzeitig das Herz in die Hose rutschen ließ und sie war von Harry und Ron schon einiges gewöhnt gewesen. Nach beinahe vier Minuten Tortur für ihre Nerven formierte sich auch das Team der Falmouth Falcons und das Spiel konnte beginnen.

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