3. Januar 244 D.Z., Imladris / 41. hríve 244 E.Z.
Wenn Arwen Schnee will, dann bekommt sie eben Schnee. Die Kleine war so enttäuscht, dass in diesem Winter noch kein Schnee gefallen war und hatte schon Angst, dass es ihr erster Winter ohne Schnee würde. Ich hatte beinahe den Eindruck, dass ihre kleine, gerade einmal drei Jahre alte Welt davon komplett einstürzen würde.
Der Winter im Tal ist dieses Jahr sehr mild, nur in den hohen Lagen des Nebengebirges liegt Schnee. Also habe ich gestern Abend, nachdem Arwen ihren Papa anflehte, es schneien zu lassen, an einigen Rädchen gedreht und über Nacht ein paar kalte Winde herabgerufen, die Schnee mit sich brachten. Ich hoffe, dass Gil-galad nichts dagegen haben wird, wenn ich sein Geschenk hin und wieder dazu benutze, meiner Tochter eine Freude zu machen.
Arwens Freude heute Morgen war unbezahlbar. Sie glaubt jetzt, ich sei so eine Art Zauberer, der alles machen kann, was er will. Ich belasse sie erst einmal in diesem Glauben. Hauptsache, sie kann wieder im Schnee spielen und hat Spaß. Elladan und Elrohir haben sie natürlich gleich zur Schneeballschlacht angestiftet. Celebrían wollte mit Arwen einen Schneemann bauen, aber die Zwillinge hielten die Schneeballschlacht für eine bessere Idee. Nur Flausen im Kopf, die Jungen!
Kurzum: Es war ein schöner Tag.
Wären da nicht die Gedanken an Elwing. Jetzt, wo ich selbst etwas von unschätzbarem Wert besitze und eine wundervolle Familie um mich weiß, muss ich immer wieder an sie denken. Wie sie meinen Bruder und mich für einen Silmaril zurückließ. Uns wurde gesagt, dass sie uns tot glaubte und um uns trauerte, obwohl sie wusste, dass wir noch lebten, als sie uns zurückließ. Ich habe keine Ahnung, wie sie dazu steht, dass Maglor uns aufnahm. Ob Eonwe es damals Earendil sagte? Hatten sie überhaupt darüber gesprochen? Wissen Earendil und Elwing es?
Aber wie Elwing ihre Söhne für einen Stein zurücklassen konnte? Ich weiß es nicht …
Ich weiß nicht, was ich an ihrer Stelle machen würde. Eigentlich möchte ich darüber auch gar nicht nachdenken. Besser, ich werde nie wählen müssen! Als Fürst dieses Tals habe ich nicht nur eine Verantwortung mir und meiner Familie gegenüber, sondern muss mein gesamtes Volk im Sinn haben. Aber auf Kosten meiner Familie? Dieser Preis erscheint mir einerseits zu hoch. Andererseits: Wäre es nicht ungerecht denen gegenüber, die sich nicht selbst schützen können und die zu schützen meine Aufgabe, meine Pflicht ist? Haben sie nicht ebenso ein Recht auf ihre Familien wie ich?
Dieser Gedanke bereitet mir Bauchschmerzen. Ich will nicht weiter darüber nachdenken müssen, aber ich weiß, dass ich es wohl muss. Vielleicht stehe ich ja früher oder später vor derselben Wahl wie Elwing. Ein schrecklicher Gedanke. Grausam.
Vielleicht war ich in der Vergangenheit zu hart mit Elwing ins Gericht gegangen. Schlussendlich ändert es nichts daran, dass ich mich als Kind immer ein wenig verraten gefühlt hatte. Ich kann mir keine besseren Eltern als Onkel Maglor und Onkel Maedhros vorstellen. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass ein Kind einen Vater und eine Mutter braucht, die es bedingungslos lieben. Etwas hatte eben doch in meiner Kindheit gefehlt. Ich bin froh, dass meine Kinder das haben dürfen, was mir fehlte. Ich werde meine Familie schützen, so lange es in meiner Macht steht.
Und wenn es eben heißt, ab und an ein wenig Schnee von den Bergen herabzurufen.
Ein druckfrischer Eintrag, der neu hinzukam, statt eines alten, aufpolierten Eintrages.
