VIER
„In was verwandelt sich eigentlich ein Irrwicht, wenn er dich sieht?"
Remus blickte angesichts ihrer aus heiterem Himmel kommenden Frage verdutzt auf.
„Hallo Tonks, auch schön dich zu sehen!", sagte er sarkastisch während sie sich einen Stuhl heranzog und gegenüber von ihm und Sirius am sonst leeren Tisch Platz nahm. Tonks nahm sich unbekümmert ein Stück gebutterten Toast von Remus' Teller und fuhr kauend fort. „Ich frag nur, weil du mal meintest, dass du sie amüsant findest."
Sirius legte die Stirn in Falten und blickte von Tonks zu Remus. Remus hatte Recht behalten und Sirius hatte sich noch am selben Tag nach der Besprechung reumütig für seine übertriebene Reaktion entschuldigt. Seitdem hielt er sich mit schnippischen Kommentaren etwas zurück, auch wenn Tonks vermutete, dass diese Höflichkeit nicht lange anhalten würde.
„Also…?", fragte sie ungeduldig an Remus gewandt und nahm sich eine weiteres Stück von Remus Toast.
Remus, der offenbar eingesehen hatte, dass er nur so zu seinem Frühstück kommen würde, bemerkte mit Resignation in der Stimme, „es liegt in erste Linie an der Art, wie man sie bekämpft und weniger an dem, in was sie sich verwandeln." Er schnappte Tonks seinen letzten Toast vor den Fingern weg. „Außerdem bin ich zugegebenermaßen etwas befangen, weil ich meine Existenz einem Irrwicht verdanke."
„Wie darf ich mir denn das vorstellen?", fragte Tonks belustigt kichernd.
„Oh, eine gute Geschichte. Immer eine Erzählung wert", bemerkte Sirius ironisch und trank hörbar schlürfend von seinem Tee. Tonks rollte ihre Augen in seine Richtung.
„Meine Mutter lief durch einen Wald und traf auf einen Irrwicht, der sich in eine finstere Gestalt verwandelt hatte", sagte Remus schulterzuckend und trank in Ermangelung von Toast nun ebenfalls von seinem Tee, „Mein Vater hörte den Schrei und vertrieb den Irrwicht. So haben sie sich kennengelernt."
„Konnte deine Mum den Irrwicht denn nicht selbst verscheuchen?", fragte Tonks in schnippischen Ton. Remus sah unbeirrt in Tonks' Gesicht. Sein linkes Augenlid zuckte und Tonks hatte den unweigerlichen Eindruck, dass er gerade anstrengend versuchte einen bissigen Kommentar zurückzuhalten.
„Sie war ein Muggel… seine Mum!", durchbrach Sirius nach drei Sekunden plötzlich die Stille und sein Blick pendelte wieder zwischen Remus und Tonks hin und her. „…und ich geh jetzt mal rauf Seidenschnabel füttern", fügte er noch hinzu als keiner von ihnen etwas erwiderte. Er stand auf und verließ die Küche.
„Wie auch immer…", meinte Tonks, „in was verwandelt sich dein Irrwicht denn nun?"
Remus seufzte und lächelte sie schief an. „Dir ist schon klar, dass das eine ziemlich persönliche Frage ist, oder?"
Tonks rollte wieder mit den Augen nach oben und stand auf, um neues Brot aus dem Schrank zu holen. „Na und. Dann stell mir halt auch ne persönliche Frage, wenn du dich dadurch besser fühlst."
Da sie den Toast noch auf dem Weg zum Tisch mit ihrem Zauberstab bearbeitete, wurde er ein wenig zu dunkel. Trotzdem nahm sie sich ungerührt nun auch Remus' Messer um den Toast zu buttern.
„Am besten eine zu meiner Metamorphmagie", sagte Tonks gleichgültig, während Remus ihr Verhalten mit immer tieferen Falten auf der Stirn beobachtete. „Das hatten wir ja noch nicht und irgendwann kommen immer die gleichen dummen Fragen, also warum nicht jetzt."
Sie schnitt den fertig gebutterte Toast in zwei Hälften und legte diese auf Remus Teller. Verdutzt blickte er erst auf seinen Teller und dann in Tonks feixendes Gesicht.
„Na los, Wölfchen!" sagte sie zwinkernd.
„Wölfchen?", fragte Remus in einem Tonfall irgendwo zwischen belustigt und entsetzt.
„Na mach schon, Remus!"
„Ok, ok" er hob beschwichtigend die Hände. „Ähm…" Sein Blick wanderte suchend durch den Raum. Tonks sah in einer gespielt genervten Geste auf ihre Armbanduhr.
„Ähm…ok… hast du eine Lieblingslänge?", Er deutete mit einer schwachen Bewegung seines Zeigefingers in Richtung ihrer heute in einem Zopf gebundenen und bis zu den Kniekehlen reichenden langen giftgrünen Haare.
„Das ist deine Frage?" sagte Tonks in leicht abschätzigen Ton.
„Ja, und?", entgegnete Remus pampig.
Sie biss sich auf die Lippe und grinste ihn an. „Nicht zu kurz, aber Durchschnitt ist völlig ausreichend, wenn er damit umgehen kann." Ihren Worten folgte ein Moment der Stille. Dann sah Remus sie mit aufrichtiger, tiefer Verwunderung an?
„Wer?"
„Was?"
„Wenn wer womit umgehen kann?"
Tonks zog die Augenbrauen hoch. „Ähm…" Sie spürte wie erst ihre Haarspitzen, dann ihr Gesicht rot anlief. „Das war nur…ich meine…" Sie sah in Remus immer noch schwer verwirrtes Gesicht und die fragend erhobenen Augenbrauen. Völlig verdutzt saß sie da und wusste nicht was sie sagen sollte. Normalerweise pflegten ihre Gesprächspartner mit derben Erwiderungen auf Bemerkungen wie diese zu reagieren. Vielleicht auch Schlagfertigkeit, wenn sie den geistigen Horizont dazu hatten. Und Remus machte doch ständig schnippische Kommentare.
Auf einmal breitete sich ein Grinsen auf Remus' Gesicht aus und seine Brust bebte unter stillen Lachsalven.
„Du!", stieß Tonks entrüstet hervor und wich mit inzwischen hochrotem Kopf seinem Blick aus.
„Du hättest dein Gesicht sehen sollen", sagte er immer noch lachend.
„Mann, das war nicht witzig!", erwiderte sie beleidigt.
„Tonks, wenn ich dir einen Rat geben darf", sagte er und fing an den Toast von seinem Teller zu essen. Sie sah schüchtern zu seinen freundlichen Augen auf. „Mach keine Witze, bei denen du die Retourkutsche nicht vertragen kannst."
