So, da bin ich schon wieder.

Das folgende Kapitel ist vermutlich eines der traurigsten... Aber ich will nichts vorwegnehmen. Es schließt unmittelbar an die Ereignisse in Harrys Traum aus dem Prolog an. Der Morgen, nachdem Draco nach Orkney aufgebrochen ist...

Freue mich wie immer auf eure Reviews.

Ach ja, Ano & Nym, es sind jetzt knapp zwei Jahre seit dem Ende von Soul of a Dragon. Wurde langsam Zeit, gell. ;o)

Bis bald, Eure Yulah

Chapter 03

Sommer - VD 3

"Hey Harry. Isst du das noch?"

Simon ließ sich auf die Bank fallen und deutete auf Harrys Teller, auf dem noch ein Brötchen und ein Stück Käse lagen.

"Natürlich ess ich das noch! Warum denkst du, hab ich mir das geholt? Schwing deinen Hintern in die Küche und hol dir was eigenes."

"Ja, ja. Ist ja gut. Ich dachte ja bloß. Wo ist Dray? Pennt der noch?"

Harry begann damit sein Brötchen aufzuschneiden.

"Er ist nach Orkney unterwegs. Was du wüsstest, wenn du zugehört hättest gestern. Er ist letzte Nacht aufgebrochen und kommt heute Abend wieder."

"Ach stimmt ja. Jetzt wo du's sagst, da war was. Egal."

Simon zuckte mit den Schultern, dann stand er auf und verschwand Richtung Küche, um zehn Minuten später mit einem voll beladenen Teller wiederzukommen.

Harry betrachtete kritisch die mehr als farbenfrohe Zusammenstellung.

"Bist du schwanger?"

"Warum?"

"Na, die Kombination deines Frühstücks legt die Vermutung nah."

"Ich leg halt Wert auf eine ausgewogene Ernährung."

"Na, wenn du meinst."

"Ich bin noch im Wachstum."

"Klar. Simon! Du bist 32. Da wächst man nicht mehr. Höchstens in die Breite."

"Und das weißt du woher? Warst du schon mal 32?"

"Nein. Aber da man mit 26 auch nicht mehr wächst, geh ich mal schwer davon aus, dass das auch so bleibt."

"Warte nur ab, wenn du in Ende nächsten Monat 27 wirst. Da geht das dann los."

Ginny kam an den Tisch und setzte sich Harry gegenüber.

"Morgen, Jungs."

Harry verdreht die Augen. "Willkommen zu Biologie für Anfänger mit Professor O'Leary."

Simon streckte Harry die Zunge raus, dann sah er Ginny fragend an.

"Was hast du denn hier verloren?"

"Ich möchte frühstücken, wenn du gestattest."

"Ich dachte, du wärest mit Dray unterwegs nach Orkney."

"Nein. Erinnerst du dich, dass Blade sich letzte Woche mit Flame angelegt hat? Eigentlich dachte ich, dass das wieder ok wäre. Aber gestern Nacht sind wir nur bis zur äußersten Insel gekommen, dann konnte er nicht mehr weiter."

"Geht's Blade denn gut?"

"Ja. Er ist nur noch nicht wieder kräftig genug für den weiten Flug."

"Draco war bestimmt schwer begeistert, oder?" Harry grinste.

"Kann man so sagen."

"Mit wem ist der denn jetzt geflogen?"

Ginny zögerte. "Mit... niemandem. Er ist allein weiter."

Harry ließ sein Messer sinken und sah Ginny entsetzt an.

"Allein? Aber niemand darf die Insel allein verlassen! Nicht nach allem was passiert ist." Er spürte unwillkürlich Panik in sich aufflackern.

Ginny legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

"Ja. Aber ich denke, das geht schon in Ordnung. Orkney ist nicht so weit und Draco kommt schon allein zurecht. Auf der Strecke ist bisher noch niemand angegriffen worden. Dafür fliegen wir sie zu oft. Ich meine, auf dem Stück ist praktisch immer ein Drache in der Luft. Hey, jetzt mach dir bloß keine Sorgen, Harry."

Er nickte langsam.

"Ja. Wahrscheinlich hast du recht. Es ist nur wegen dieser ganzen Sache..."

Sie seufzte. "Ja, ich weiß, was du meinst. Aber keine Angst. Nach Orkney ist reine Routine. Amber kennt den Weg im Schlaf. Und das alte Mädchen ist zu ausgefuchst für irgendeinen Hinterhalt. Mal ganz abgesehen davon, dass Draco sich seiner Haut zu wehre weiß. Er ist der Letzte, um den ich mir Sorgen machen würde."

Sie behielt für sich, dass sie Draco praktisch angefleht hatte mit ihr zurückzufliegen und zu warten, bis jemand anderes ihn begleiten konnte. Es war seine Entscheidung gewesen allein zu fliegen. Aber Ginny hatte trotzdem ein mulmiges Gefühl gehabt. Zu viel war in den letzten zwei Jahren passiert. Inzwischen war die Anzahl der getöteten Drachen und Reiter trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auf 15 angestiegen. Nur von Jason, seinem Drachen Spike, Simons Cousin Kevin und Laura, einer Drachenreiterin, die zu Pauls Schwarm gehört hatte fehlte nach wie vor jede Spur.

Als Ginny jetzt Harrys Blick sah, spürte sie wieder, dass es ein Fehler gewesen war, Draco allein fliegen zu lassen. Sie hätte darauf bestehen sollen, dass er mit ihr zurück kam und den Flug auf den nächsten Abend verschob, zusammen mit einem anderen Begleiter. Auch wenn sie nicht ganz sicher war, wie sie seine Meinung hätte ändern sollen.

„Es wird schon nichts passieren." schaltete sich jetzt Simon ein. „Mach dir keine Sorgen, Harry. Er kommt schon klar. Du kennst Dray." Er grinste schief und wandt sich wieder seinem Essen zu.

Harry nickte langsam. „Ja. Sicher. Ihr habt Recht. Ist ja nur ein kurzer Flug nach Orkney. Heute Abend ist er wieder da."

„Aber tut mir trotzdem einen Gefallen und sagt Charlie nichts. Er flippt aus, wenn er davon hört."

Simon sah sie entgeistert an.

„Bist du verrückt? Ich will noch ein bisschen länger leben! Charlie reißt uns allen den Kopf ab, ob wir was dafür können oder nicht."

Harry zuckte leicht zusammen bei der Bemerkung. Den gefundenen Drachen hatte man allen den Kopf abgeschlagen...

Jetzt reiß dich mal zusammen!' schalt er sich selbst. ‚Immerhin ist Draco seit fast 10 Jahren ein Drachenreiter. Er kennt die Strecke nach Orkney im Schlaf.'

Laut sagte er:

„Es ist auf jeden Fall gesünder, wenn Charlie nichts erfährt. Immerhin wollen wir dich noch ein bisschen behalten, Gin."

„Vielleicht solltest du dich besser versteckt halten für den Rest des Tages, Süße. Morgen kannst du dann mit Dray sprechen, damit er auch die Klappe hält, dann geschieht niemandem etwas."

Simon setzte seine Verschwörermiene auf und grinste Harry und Ginny an. Harry lächelte und hoffte dabei, dass seine beiden Freunde nicht bemerkten, wie sehr er sich zu diesem Lächeln zwingen musste.

xxx

In dieser Nacht wartete Harry.

Er lag im Bett, die Fenster geöffnet wie in der Nacht zuvor und wartete, dass Draco heimkam. Er versuchte nicht zu sehr darüber nachzudenken, dass Draco allein geflogen war. Dass er irgendwo da draußen war, ohne den Schutz seiner Freunde, auf sich allein gestellt, nur beschützt durch seinen Drachen und seine eigenen Fähigkeiten.

Er dachte an die vielen Nächte, die er in den letzten Jahren damit verbracht hatte auf seinen Gefährten zu warten. Bisher hatte er sich niemals Sorgen gemacht. Nicht wirklich. Da war das unsichtbare Band, das sie verband und auf das Harry sich blind verließ.

Er würde wissen, wenn etwas nicht in Ordnung war. Zumindest hatte er das bisher geglaubt. Aber in dieser Nacht konnte er nicht umhin daran zu denken, dass die Verbindung bisher nur funktioniert hatte, wenn Draco in seiner Nähe war. Wenn er sich in der Festung oder irgendwo auf dieser Insel aufhielt. Bereits wenn er auf einer der äußeren Inseln war, wurde die Verbindung schwächer. Außerhalb der magischen Barriere, die die Inseln umschloss brach sie ganz ab. Draco hatte ihm gesagt, dass das nur eine Frage der Übung sei, und dass Harry irgendwann auch über größere Entfernungen hinweg das Band würde spüren können.

In dieser Nacht wurde Harry den Gedanken nicht los, dass es dafür vielleicht zu spät sein könnte.

In dieser Nacht wartete er vergeblich.

xxx

Am nächsten Tag versuchte er sich zu beruhigen. Es war nicht ungewöhnlich, dass Drachenreiter verspätet von einer Mission heimkehrten. Das geschah immer wieder...

Als er Ginny und Simon bei Frühstück begegnete beruhigten sie sich gegenseitig.

„Das ist ganz normal. Ich weiß von Cora, dass es letzte Nacht außerhalb der Barriere ziemlich gestürmt hat. Wahrscheinlich ist er auf Orkney geblieben und kommt morgen wieder."

Harry wurde den Verdacht nicht los, dass Ginny, ebenso wie er selbst, alles versuchte um sich einzureden, dass alles in Ordnung war, um nicht über die anderen Möglichkeiten nachdenken zu müssen.

Trotzdem nickte er.

„Ja. Du hast sicher recht."

„Genau, Leute." stimmte Simon zu. „Kein Grund gleich in Panik auszubrechen."

„Morgen." Charlie kam an den Tisch geschlappt und ließ sich auf die Bank fallen. Er sah nicht aus, als ob er viel geschlafen hätte letzte Nacht.

„Na Chef. Wieder die halbe Nacht mit Stella Verstecken gespielt, was?"

Simon grinste.

„Ach halt die Klappe, Simon." Charlie zog sich eine Kaffeetasse heran und trank in tiefen Zügen.

„Fall nicht rein, großer Bruder. Da kriegen wir dich nicht wieder raus."

„Ha, ha." Er stellte die Tasse ab und sah Ginny an.

„Du bist ja schon wieder hier. Seit wann seid ihr denn zurück? Hat alles geklappt? Keine besonderen Vorkommnisse?"

Ginny errötete leicht. Sie versuchte nicht daran zu denken, dass sie eigentlich mit Draco unterwegs war und nicht hier sein sollte. Oder besser gesagt, dass sie beide zu diesem Zeitpunkt hätten zurück sein sollen.

Simon fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Oh man... ich schätze du beichtest besser, Gin. Desto eher hast du es hinter dir."

„Beichten? Was beichten? Was hast du ausgefressen?"

Ginny sah Charlie leicht zerknirscht an. „Bitte nicht schreien, Charlie. Ich... also ich war gar nicht auf Orkney..."

Sie zog unwillkürlich die Schultern hoch und den Kopf ein um gegen das Gebrüll gewappnet zu sein.

Dieses blieb jedoch aus.

Charlie blinzelte nur.

„Warum nicht?"

„Naja, Blades Schulter... Der Kampf mit Flame letzte Woche. Wir waren schon über den äußersten Inseln, als sein Flügel schlapp gemacht hat. Also sind wir wieder umgekehrt."

„Ist doch kein Problem. Aber warum sagst du mir das jetzt erst? Mensch, Ginny. Draco hätte doch gestern Abend mit nem anderen Begleiter fliegen können. Wo steckt er überhaupt? Versteckt er sich vor mir?"

Charlie grinste, weil er genau wusste, dass Draco der letzte war, der sich vor ihm verstecken würde.

Harry sah Simon an, der ein plötzliches Interesse an der Maserung der Tischplatte entwickelt hatte und konnte nicht umhin eine neue Woge der Sorge zu spüren.

„Tja... technisch gesehen... wenn ich ‚wir' sage, meine ich Blade und mich... Draco ist... auforkeny..." Ginnys Stimme war immer leiser geworden und brach schließlich ab.

„Wie bitte? Er ist wo? Ich versteh kein Wort, wenn du so nuschelst."

„Er ist auf Orkney."

„Mit wem?"

Ginny seufzte. „Er ist allein weitergeflogen."

Einen Moment war es totenstill am Tisch. Dann kam das Gebrüll, auf das sie alle gewartet hatte.

„WIE BITTE?!?! Was zum TEUFEL denkt ihr euch eigentlich?"

„Tut mir leid, Charlie! Ich hab versucht ihn davon abzubringen. Aber du kennst Draco. Er hat gesagt, die Nachricht für die Druiden wäre wichtig."

„Nicht so wichtig, wie sein LEBEN, verdammt noch mal!"

Harry zuckte zusammen. Ginny redete weiter, ihre Stimme klang flehend:

„Charlie, hör mal. Orkney ist ein Routineflug. Das weißt du. Und Dray ist einer der besten Drachenreiter und Schwertkämpfer überhaupt. Ganz von seinen magischen Fähigkeiten abgesehen."

„Ja, und nebenher ist er so arrogant sich einzubilden, dass Regeln nur für andere gelten! Es ist nicht das erste Mal, dass er meine Befehle missachtet."

Jetzt mischte sich Simon ein.

„Hey, jetzt wirst du aber unfair. Du weißt genau, dass das nicht stimmt!"

„Zum letzten Mal! Halt dich da raus, O'Leary! Ich bin es leid, dass mir jeder von euch Clowns meint sagen zu können, was ich zu tun habe!"

Er funkelte seine Schwester an.

„Du weißt, dass du mir sofort davon hättest berichten müssen! Wir hätten jemanden hinter ihm herschicken können. Dass er noch immer nicht zurück ist, sagt doch deutlich, dass es eben DOCH kein Routineflug war. Ich hoffe, du bist dir darüber im Klaren, dass du Mitschuld trägst, wenn ihm etwas zustößt!"

Harry und Simon starrten Charlie entgeistert an, während Ginny in Tränen ausbrach.

In der Halle war es inzwischen mucksmäuschenstill geworden. Die Gespräche um sie herum waren verstummt, alle starrten Charlie an.

Harry legte Ginny einen Arm um die Schultern.

„Charlie jetzt gehst du langsam echt zu weit! Meinst du, wir machen uns keine Sorgen? Da hab ich Neuigkeiten für dich: Ich bin krank vor Sorgen! Aber deine Sorge gibt dir nicht das Recht solche Anschuldigungen aufzustellen!"

Charlie atmete tief durch.

„Tut mir leid. Aber ihr verhaltet euch einfach unverantwortlich."

„Meinst du, das weiß ich nicht?" schluchzte Ginny. „Meinst du, ich hab mir nicht schon die schlimmsten Dinge ausgemalt, die passiert sein könnten?"

„Ich werde sofort eine Patrouille losschicken. Entweder sie treffen Draco auf dem Weg und können ihn sicher nach Hause geleiten oder sie erfahren, warum er zu spät ist." Die dritte Möglichkeit sprach er nicht aus.

Er sah zwischen der immer noch weinenden Ginny und Harry, der inzwischen totenbleich war hin und her.

„Wahrscheinlich ist es wirklich nichts Schlimmes..." sagte er etwas lahm. „Wir müssen einfach abwarten."

xxx

Drei Tage später kehrte die aus Paul, Alan und Angelina bestehende Patrouille von den Orkney-Inseln zurück.

Draco war dort niemals angekommen.

Nach zwei Tagen der Suche hatten sie Amber auf den Klippen vor der Küste gefunden.

Ihr Geschirr war zerrissen, die Schwertscheide hing leer in ihrer Halterung.

Der mächtige Körper des Drachen lag verkrümmt zwischen den scharfkantigen Felsen, die Flughäute waren zerfetzt.

Ihr Kopf und das Herz fehlten.

Ebenso wie ihr Reiter.

Sie fanden den zerrissenen, blutgetränkten Mantel, einige Strähnen blonder Haare, die sich in den Schuppen des Drachen verfangen hatten und das Schwert, das einige Meter von Amber entfernt zwischen den Felsen lag. Die Klinge war zerkratzt und blutig, das Onyxauge des Drachenkopfes aus der Fassung gebrochen.

Mit Hilfe ihrer Drachen brachten sie den Kadaver des roten Weibchens zu den Druiden auf Orkney, die ihn verbrennen und die Asche zur Insel schicken würden. Sie warteten die Verbrennung nicht ab. Die Nachricht, die sie zu überbringen hatten war wichtiger.

Während des Rückfluges waren die drei stumm. Angelina weinte lautlos, Alan starrte vor sich hin. Paul hielt eingewickelt in den blutigen Umhang das Schwert im Arm und fragte sich, wie er Harry sagen sollte, was geschehen war.

Als sie auf dem Wehrgang landeten wurde sie bereits von Charlie erwartet. Paul stieg von Dawns Rücken, während die anderen beiden zum Hort weiterflogen.

Charlie sah seinen Schwager an.

„Und?"

Pauls braune Augen waren voller Trauer, als er langsam den Kopf schüttelte und Charlie das Bündel in seinen Armen überreichte.

„Das ist alles."

Charlie zog die Falten des Mantels auseinander und starrte lange Minuten den Drachenkopf des Schwertgriffs an.

„Amber?"

„Die Druiden auf Orkney kümmern sich um sie. Draco ist dort nie angekommen. Es muss in der Nacht geschehen sein, als er hier aufgebrochen ist."

„Danke Paul. Ich kümmere mich um den Rest. Ruh dich aus."

Charlie fühlte sich als würden bleischwere Gewichte seine Beine umschlingen, als er langsam in Richtung der Haupttreppe ging. Er war sich der Blicke bewusste, die ihn trafen, der gewisperten Fragen.

Sie alle kannte und mochten Draco.

Sie alle wollten wissen, was mit ihrem Freund geschehen war.

Sie alle sahen das umhüllte Schert in seinen Armen und wussten, was das bedeutete.

Ein Krieger trennte sich niemals von seinem Schwert.

Nur der Tod konnte daran etwas ändern.

Die Nachricht von der Rückkehr des Suchtrupps hatte sich bereits herumgesprochen.

Als Charlie die Halle betrat waren alle Augen auf ihn gerichtet.

Harry saß zusammen mit Ginny, Stella, Simon, Greg, Narcissa und den Kindern an ihrem üblichen Tisch. Als er ihre Augen sah hatte Charlie einen Moment lang das Gefühl, dass er nicht weitergehen konnte. Er konnte es ihnen nicht sagen. Nicht, wo in ihren Augen die flehende Bitte um Hoffnung stand.

Die Kinder, sonst laut und übermütig schienen zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war und hielten sich an ihre Eltern.

Charlie blieb vor dem Tisch stehen und sah in die wartenden Gesichter.

„Paul und die anderen sind gerade zurückgekommen..."

Seine Stimme klang seltsam fremd in seinen eigenen Ohren. Er spürte, dass sich ihm die Kehle zuschnürte.

Es war anders als bei den anderen Toten.

Sie waren nicht seine Freunde gewesen.

„Charlie... bitte..." Stellas Stimme zitterte leicht.

Er sah Narcissa an, dann Harry.

„Es tut mir leid."

Er legte das Schwert auf den Tisch und ließ sich neben seine Frau sinken.

Harry schüttelte verständnislos den Kopf.

„Was... Charlie..."

„Sie haben Amber gefunden. Sie ist tot. Wie bei den anderen."

„Nein..." Narcissa schluchzte trocken auf. "Draco…?"

"Alles was sie gefunden haben ist das." Er deutete auf das Bündel auf dem Tisch. „Sein Umhang. Sein Schwert. Ein paar Strähnen seiner Haare."

Harry sprang auf. Seine Hände umklammerten die Tischplatte, die Knöchel traten weiß hervor. Er zitterte am ganzen Leib.

„NEIN! Das ist nicht wahr! Du lügst! Er ist nicht…" Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein... nein... ich glaub dir kein Wort! Du lügst! Er lebt!"

„Harry..." Ginny umfasste sanft sein Handgelenk. Ihre braunen Augen schwammen in Tränen.

Harry riss sich los.

"NEIN! Nein… Ich glaub euch kein Wort…." Er starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an, dann riss er Schwert und Umhang an sich und rannte aus der Halle. Ginny sprang auf, wollte ihm folgen, aber Greg hielt sie zurück.

„Lass ihn..." Er zog sie an sich und hielt sie, während sie heftig zu weinen begann. Seine eigenes Gesicht war tränenüberströmt.

Stella sah Charlie flehend an. „Gibt es gar keine Hoffnung?"

Er stützten den Kopf in die Hände, kämpfte selbst mit den Tränen.

„Ich weiß es nicht. Aber die Zeichen sprechen dagegen. Diese Klippe liegt mitten im Ozean. Selbst wenn er überlebt hat... Wie soll er da weg gekommen sein? Das Wasser ist zu tief, zu kalt, zu wild zum schwimmen."

„Wir müssen trotzdem weitersuchen, Charlie!"

Simon hatten die Arme um Narcissa geschlungen, die heftig schluchzte und ihre zweijährige Tochter Greta fest an sich drückte.

„Ja. Das werden wir auch."

xxx

Harry saß auf dem Felsplateau, auf dem Draco ihm seine ersten Schwertkampfstunden gegeben hatte und starrte mit tränenblinden Augen in den Sonnenuntergang.

Wie lange war es her, dass sie hier zusammen gesessen hatten? Erst wenige Tage und doch schienen es auf einmal Jahrhunderte zu sein.

Er hielt das Schwert in seiner Hülle aus schwarzem Stoff fest umklammert. Das Schwert, dass er seit fünf Tagen kaum losgelassen hatte. Das Schwert, dass ihm mehr als alles andere sagte, dass Draco fort war.

Er verkroch sich Tag für Tag hier, wo er keine Fragen beantworten musste, wo niemand ihn mitleidig ansah oder zu trösten versuchte. Hier, wo er allein war mit seinem Schmerz.

Er wusste, dass Charlie weiter Patrouillen aussandte, die jeden Meter der umliegenden Küsten absuchten. Aber er brachte es nicht über sich, sie zu begleiten, denn tief in seinem Herzen wusste er, dass diese Suche umsonst bleiben würde.

Sie würden Draco nicht finden.

Das Meer hatte ihn für sich beansprucht. Nur Ambers Größe hatte verhindert, dass auch sie ein nasses Grab fand.

Und trotzdem schrie jede Faser seines Herzens in ihm, dass er sich irrte, irren musste, dass Draco nicht tot war. Nicht tot sein konnte. Wie sollte das möglich sein? Wo er, Harry, doch noch lebte. Wo sein Herz doch noch immer schlug, seine Seele noch immer existierte.

Es war still hier draußen. Nur das beständige Tosen der Wellen, die unten gegen die Klippen schlugen und die Schreie der Möwen.

Und Ashes.

Er konnte die schrillen, gequälten Klagelaute des großen Drachen vom Hort aus hören. Der Drache wusste, dass sein Herr nicht wiederkommen würde. Und er schrie seinen Schmerz in die Welt hinaus. In seiner Raserei hatte er am Tag zuvor zwei andere Drachen getötet. Harry konnte es ihm nicht verdenken. Er selbst hätte am liebsten um sich geschlagen, irgendetwas verletzt nur um diesen Schmerz und die Wut loszuwerden, die sein Innerstes aufwühlten.

Ashes war jetzt im Hort angekettet und nur seine Schreie blieben ihm um seiner Qual Ausdruck zu verleihen.

Bob hatte davon gesprochen, dass sie ihn würden töten müssen, wenn er so weitermachte. Er war eine Gefahr für sich selbst und andere. Aber das würde Harry nicht zulassen.

Smoke kreiste seit 5 Tagen unablässig um den Felsvorsprung, bewachte seinen Herrn, spürte, dass dieser ihn vielleicht brauchen würde.

xxx

Die Trauer war wie ein großes Tier, das die Festung eng in seinen Fängen hielt. Viele hatten Draco geliebt, jeder zeigte den Schmerz auf andere Art.

Narcissa weinte drei Tage fast ununterbrochen. Die ganze Zeit über hielt sie dabei ihre Tochter an sich gedrückt, solange bis Bob ihr das Kind behutsam abnahm. Er war hilflos dem Schmerz seiner geliebten Frau gegenüber. Wie konnte er ausloten, was es für sie bedeutete nach allem was ihr widerfahren war, ihren über alles geliebten Sohn doch noch zu verlieren? Er konnte nur abwarten, für sie da sein, wenn sie ihn brauchte.

Greta war noch zu jung um zu verstehen, warum ihr geliebter großer Bruder, der mit ihr gespielt und sie zum Lachen gebracht hatte auf einmal nicht mehr da war.

Simon trank bis zur Bewusstlosigkeit. Er wollte nicht denken. Nicht darüber nachdenken, dass er den einzigen Menschen verloren hatten, den er jemals wirklich geliebt hatte. Ihn an Harry zu verlieren war nicht schlimm gewesen, denn er war noch immer da gewesen, war noch immer sein Freund gewesen. Aber zu wissen, dass er ihn jetzt niemals wiedersehen würde brachte das Schlimmste in Simon zutage. Er trank und prügelte sich, bis Charlie ihn schließlich in seinem Zimmer einsperren ließ, damit er seinen Rausch ausschlief und sich wieder beruhigte.

Ginny machte sich bittere Vorwürfe. Charlies Anklage, sie sei mit Schuld falls Draco etwas zustoßen würde hatte sich tief in ihr Herz gegraben und ließ sie nicht los. Es WAR ihre Schuld, daran gab es keinen Zweifel. Wenn sie nur nicht zugelassen hätte, dass er allein flog. Wenn sie nur darauf bestanden hätte, dass er mit ihr umkehrte. Wenn sie sofort jemanden hinter ihm her geschickt hätte. Wenn sie Charlie rechtzeitig Bescheid gegeben hätte. Egal was die anderen sagten, sie allein hatte Schuld. Sie hatte das Leben ihres besten Freundes auf dem Gewissen und damit würde sie leben müssen.

Greg bemerkte die Verzweiflung seiner Frau, aber seine Versuche ihr zu helfen wurden von seiner eigenen Trauer vereitelt. Draco war sein bester Freund gewesen, seit er sich erinnern konnte. Er dachte an ihre gemeinsame Kindheit und Jugend. An die schönen und schrecklichen Dinge, die sie gemeinsam durchgemacht hatten. In den Tagen, die Dracos Tod folgten war er unausstehlich, schrie jeden an, der ihm in die Quere kam, brachte die Küchenmädchen zum Weinen, versalzte oder verbrannte das Essen und gab ihnen die Schuld. Schließlich trank er eines Nachts zusammen mit Simon um anschließend die Küche vollkommen zu verwüsten. Er schrie und weinte, warf Lebensmittel, Töpfe, Pfannen, Schüsseln und alles was ihm sonst in die Hände fiel an die Wände, bis er schließlich irgendwann einfach zusammenbrach. Am nächsten Morgen fanden seine Küchegehilfen ihn mit von Scherben zerschnittenen Händen inmitten eines vollkommenen Chaos.

Als Ron den Brief las, den George ihm und Hermine schickte, ging er in den Garten und fluchte eine geschlagene Stunde lang in den schillerndsten Farben. Anschließend brachte er die Kinder zu seinen Eltern und machte sich mit Hermine gemeinsam auf den Weg nach Orkney, von wo aus man sie abholen und zur Insel bringen würde. Dort angekommen versuchte er vergeblich an Harry heranzukommen, während Hermine sich alle Mühe gab Ginny zu trösten.

xxx

Drei Wochen nachdem Amber gefunden worden war standen die Bewohner der Festung bei Sonnenaufgang auf dem Wehrgang um sich von zwei ihrer Gefährten zu verabschieden.

Charlie, als Oberhaupt des Ordens stand an der Brüstung und hielt eine große silberne Schale in Händen, die Ambers Asche enthielt. Am Abend zuvor hatten die Druiden der Insel in einer Zeremonie Dracos Schwertscheide, seinen blutgetränkten Umhang sowie die Strähnen seiner Haare verbrannt, die man auf Ambers Körper gefunden hatte.

Mehr gab es nicht.

Diese Asche war mit der des Drachen vermischt.

Es gab keine Gräber auf Inis Draig. Die Toten wurden dem Wind und den Wellen übergeben.

Charlie sah in die blassen Gesichter, die ihn umgaben.

George und Paul, beide stumm, beide reglos. Jeder in Gedanken versunken, die ihnen ihren Freund zeigten.

Narcissa, die auf Bob gestützt leicht schwankte, als würde sie jeden Moment umkippen.

Ginny, die Zwillinge vor sich, die immer wieder leise aufschluchzte.

Greg, der hinter seiner Frau stand und seine kleine Familie umschlungen hielt.

Stella, die Ben im Arm hielt, dessen Schultern leicht zitterten.

Simon, den die Trinkgelage der letzten Wochen gezeichnet hatten.

Ron und Hermine, die hergekommen waren, sobald sie erfahren hatten, was geschehen war und die jetzt ein wachsames Auge auf Harry hatten, der stumm und mit ausdruckslosem Gesicht zwischen ihnen stand. Niemand hatte ihn bisher weinen sehen und seit seinem Ausbruch in der Halle hatte er kaum gesprochen. Charlie wusste nicht, ob er seinem Schmerz freien Lauf ließ, wenn er allein war. Er konnte es nur hoffen.

„Freunde. Wir sind hier, weil wir uns von zwei Seelen verabschieden wollen, die uns verlassen haben."

Er stellte die Schale mit der Asche auf die Brüstung, dann nahm er eine Handvoll und warf sie in den Wind.

„Leb wohl, Amber. Tochter der Flammen, Schwester des Windes. Bis zum Tag deiner Wiedergeburt."

Charlie spürte wie seine eigenen Tränen langsam über sein Gesicht liefen, als er eine zweite Handvoll Asche nahm.

„Leb wohl, Draco. Geliebter. Sohn. Bruder. Freund. Wir erwarten voller Sehnsucht den Tag, da deine Seele zu uns zurückkehren wird. Möge sie hoch fliegen und dich weit tragen."

Während er die letzten Worte sprach, nahm er die Schale wieder auf und schüttete die gesamte Asche in den Wind, der sie erfasste und forttrug.

Aus dem Hort wehten Ashes' Klagerufe über das Meer.

TBC...

In my hands
a legacy of memories
I can hear you say my name
I can almost see your smile
feel the warmth of your embrace

But there is nothing but silence now
around the one I love
Is this our farewell?

Sweet darling, you worry too much
my child, see the sadness in your eyes
you are not alone in life
although you might think, that you are.

Never thought
this day would come so soon
We had no time to say goodbye
How can the world just carry on?
I feel so lost, when you are not at my side.

But there is nothing but silence now
around the one I love
Is this our farewell?

Sweet darling, you worry too much
my child, see the sadness in your eyes
you are not alone in life
although you might think, that you are.

So sorry, your world is tumbling down
I will watch you through these nights
Rest your head and go to sleep
because my child,
this is not our farewell
this is not our farewell.

(Within Temptation - Our Farewell)