04
Erst, als der Hogwarts-Express Fahrt aufnahm und sich das Gleis mit Eltern und Geschwistern vor seinen Augen mit den Nebeln des kühlen Sommermorgens verwob, riss Harry sich den Tarnumhang vom Kopf und atmete tief durch. In dem Abteil roch es nach Muff und alten Socken und trotzdem fühlte er sich zum ersten Mal seit langer Zeit erleichtert.
Hermine saß bereits auf ihrem Sitz und blätterte in einem Buch, doch sie sah dabei merkwürdig desinteressiert aus. Harry hatte den Eindruck, dass sie nicht las, sondern nur ihre Nervosität zu überbrücken versuchte. Tatsächlich griff sie nach einer Haarsträhne und schob sich die Spitze in den Mund, um darauf herumzukauen. Er grinste und ließ sich auf den Sitz fallen.
"Ich finde, du hättest dich auch verabschieden können, Harry", sagte Hermine, die Augen starr auf die Seiten gerichtet, mit gerunzelter Stirn. "Anstatt dich mit dem Tarnumhang vorbeizuschleichen. Langsam denke ich, du nimmst Ron übel, dass er nicht mitkommt." Ihre Stimme nahm einen vorwurfsvollen Ton an.
Harry seufzte. So viel zu seiner Erleichterung. "Das wäre mir zu viel gewesen. Allein der Blick auf Lucius Malfoy hat mir gereicht - dass er freigesprochen wurde, ist wirklich..." Er schob die Brille nach oben und rieb sich über die brennenden Augen. "All die Leute, die mich kennen und die ich nicht kenne. Ich glaube nicht, dass ich die Nerven dafür gehabt hätte." Er blinzelte, bis seine Sicht sich klärte.
Missbilligend runzelte Hermine die Nase. "Schön, das kann ich nachvollziehen, aber Molly und Ron hätten sicher eine Umarmung verdient." Endlich schaute sie von ihrem Buch auf und sah ihn mit einem grimmigen Blick an. "Gestern Nacht, als ich zum Fuchsbau zurückkam, hat Ron mir eine Szene gemacht, weil ich ihn nicht gefragt habe, ob er mitkommen will. Ich wollte ihn schonen, aber das versteht er nicht. Er vermisst dich."
Als Harry an Ron dachte, wurde ihm kalt und er fröstelte. "Ich verstehe das auch nicht. Wenn du ihn gestern mitgebracht hättest, hätte ich mich ja verabschieden können." Er verzog den Mund. "Aber du hattest eigentlich vor, mit mir zu streiten, oder? So, wie ich dich kenne, bist du gekommen, um mir Vorwürfe zu machen." Harry dachte daran, wie sie ihre Fäuste gegen die Tür geworfen hatte wie eine Furie. "Dafür konntest du Ron nicht gebrauchen."
"Das ist wirklich Blödsinn, Harry!" Hermine verzog den Mund, als hätte sie auf etwas Saures gebissen, doch ihre Wangen färbten sich rosa. "Ich bin gekommen, um wieder Kontakt herzustellen, nachdem du dich ewig nicht gemeldet hast."
"Genau", sagte Harry grinsend und Hermine zuckte zusammen. Als sie ihn ansah, verdrehte sie ihre Augen.
"Vielleicht hast du ein paar Vorwürfe verdient. Du siehst schrecklich dürr aus", sagte sie versöhnlich und beugte sich vor, das aufgeschlagene Buch noch immer in den Händen.
Harry lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Seit gestern Nacht suchte ihn ein bestimmter Gedanke heim. Er hatte auf eine Gelegenheit gewartet, ihn anzusprechen, und obwohl Hermine ihren Redebedarf signalisiert hatte, zögerte er nun, zweifelte daran, ihr klarmachen zu können, was er meinte. Die Dynamik zwischen ihnen hatte sich auf rätselhafte Weise verändert, als würden sie in unterschiedlichen Galaxien mit vollkommen entgegengesetzten Grundsätzen schweben. Gestern, als sie ihn besucht hatte, war ihm aufgefallen, dass sie nicht mehr auf einer Wellenlänge lagen.
Er entschied sich, es auf eine diplomatische Art zu versuchen. "Ich habe auch kaum jemals gegessen. In der letzten Nacht ist es wieder passiert, und ich konnte einfach keinen Bissen herunterkriegen. Jedenfalls hoffe ich, dass Hogwarts die Lösung ist, sonst verhungere ich wahrscheinlich." Angespannt lächelnd sah er ihr ins Gesicht, und mit einem Mal wusste er, dass er es verpatzen würde. "Können Vampire sich unsichtbar machen?"
Hermine stutzte und blinzelte ihn überrascht an. "Du denkst doch nicht, dass...? Ich glaube nicht, dass es ein Vampir ist, der dich verfolgt, Harry! Sie sind nicht gerade für ihre Geduld bekannt. Wenn, hätte er dich getötet, statt drei Monate lang dein Fenster aufzureißen und sich darüber zu amüsieren!"
Mit steigender Frustration hörte Harry sich ihren Ausbruch an. Sie hatte die richtigen Schlüsse aus seiner Frage gezogen, selbstverständlich, aber beantwortet hatte sie sie nicht. "Es ist egal, was irgendwer getan hätte. Können sie es nun oder nicht?" Selbst er konnte hören, wie drängend, wie flehend seine Stimme klang.
Sie biss sich auf die Wange und blickte ihn finster an. "Ich weiß es nicht genau. In Mergers Lexikon dunkler Kreaturen hieß es, dass es in seltensten Fällen vorkommen kann, dass sie eine Fähigkeit entwickeln, die den Gesetzen der Magie entgegenstehen. Ich vermute, das schließt Telepathie und Unsichtbarkeit mit ein." Hermine sah mit einem bestürzten Ausdruck dabei zu, wie Harry sich vorbeugte und den Kopf in die Hände legte. "Aber sie sind sehr selten, Harry! So selten, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass überhaupt ein Vampir existiert, der diese Fähigkeit hat."
Mit dem Gefühl im Bauch, ein Glas eiskaltes Wasser in einem Zug geleert zu haben, starrte Harry in die Schatten seiner Handflächen vor seinen Augen. "Aber es ist möglich", antwortete er krächzend.
"Es ist vollkommen unwahrscheinlich!", brauste Hermine auf. Harry musste sie nicht ansehen, um zu wissen, dass ihre Wangen rot angelaufen waren und dass ihre Hände sich in den Buchdeckeln verkrampft hatten. Obwohl er die entscheidende Information erhalten hatte und sein Instinkt vermutlich richtig lag, bestätigte sich, was er dachte. Hermine und er waren längst in ihren Galaxien auseinandergedriftet.
"Und es ist ja auch vollkommen unwahrscheinlich, dass ein Basilisk durch die Rohrleitungen der Schule schlängelt und Leute versteinert", sagte Harry sarkastisch. "Und dass ein dunkler Magier sich in Hogwarts einschleicht und meinen Namen in den Feuerkelch wirft."
"Aber das kannst du nicht ernsthaft als Beweis dafür ansehen, dass dir ein Vampir folgt und dich hänselt!", rief Hermine. Harry schloss die Augen und atmete tief durch. "Der, von dem wir jetzt sprechen, hat zweiundsechzig Hexen und Zauberer getötet!"
"Und keiner hat ihn je gesehen", erwiderte Harry und nahm die Hände von den Augen. Wie erwartet war Hermines Gesicht gerötet und sie funkelte ihn wütend an. "Wenn du also derart auf kalte, harte Fakten stehst, warum sind wir dann hier? Es gibt keinen Beweis, dass ein Vampir all diese Menschen auf dem Gewissen hat."
"Im Gegensatz zu dem, was du dir ausgedacht hast, haben wir dafür aber wenigstens gute Gründe! Du willst nur wieder etwas finden, dem du nachjagen kannst. Eine fixe Idee. Und da mache ich nicht mit! Dieses Schuljahr entscheidet über mein weiteres Leben!", rief sie schrill und hob das Buch vor ihr Gesicht.
Frustriert stöhnte Harry auf und warf sich auf seinem Sitz nach hinten. Er wusste, dass er recht hatte, er konnte fühlen, dass er sich das nicht nur einbildete.
Eine fixe Idee. Harry schnaubte und verschränkte wieder die Arme vor der Brust. Ihm kam der Gedanke, dass er aussehen musste wie ein kleines, trotziges Kind, jedoch fühlte sich diese Haltung in diesem Moment richtig an. Denn Harry war sich sicher, dass es eher eine fixe Idee war, auf jeden seiner Einfälle so zu reagieren, als würde er gerade durchdrehen. Gerade Hermine hatte aus dieser Disziplin eine langjährige Tradition gemacht.
Den Rest der Fahrt hüllte sie sich in beleidigtes Schweigen, selbst dann, als Ginny die Tür des Abteils aufschob und sich neben Harry auf den Sitz fallen ließ. Hinter ihr wankte Luna mit einem verträumten Gesichtsausdruck, der von einem Hut aus einem rundgewachsenen Wurzelgebilde betont wurde, in den Raum. Sie lächelte unbestimmt und zog die Tür zu.
"Hallo", sagte Luna und setzte sich neben Hermine. "Ich bin froh, dass ihr beide das Schuljahr wiederholt. Das wird viele Menschen aufheitern." Sie hielt inne und begann dann, unter ihren Wurzelhut herumzukratzen.
Ginny lächelte ihn verstohlen an. "Hallo auch."
Harry winkte grinsend in die Runde. "Hi. Was... äh... ist das für ein Hut auf deinem Kopf, Luna?"
"Hm? Ach, das", sagte Luna und lächelte Harry mitleidig an. "Das ist kein Hut, sondern eine Wurzel." Sie fischte eine eingerollte Zeitung aus dem weiten Ärmel ihres Umhangs heraus, schlug sie auf und begann zu lesen.
Ginny lachte und Harry sah sie zum ersten Mal seit drei Monaten wieder richtig an. Sie wirkte glücklicher als an dem Tag, an dem er sich aus dem Fuchsbau geschlichen hatte, um sie vor seinem Spuk zu beschützen. Ihre Haut hatte wieder eine gesunde Farbe angenommen und ihre Augen leuchteten in einem unbewölkten Himmelblau. Ein schmerzhafter Stich fuhr in seine Brust, als ihr Blick ihn traf und er war sich nicht sicher, was er bedeutete. Seine Gedärme schienen sich verknotet zu haben.
"Ich bin jedenfalls froh, endlich fertig mit diesen elenden Pflichten zu sein", sagte Ginny gutgelaunt und strich sich eine lange, rote Haarsträhne aus dem Gesicht. Erst jetzt, als sie auf ihre Pflichten hingewiesen hatte, bemerkte Harry das glänzende Schulsprecherabzeichen an ihrer Brust. "Ich könnte schwören, dass es jedes Jahr mehr Idioten gibt und sie für den Vertrauensschülerposten diejenigen unter ihnen auswählen müssen, die am wenigsten bescheuert sind."
"Glückwunsch, Ginny!", sagte Harry und lächelte ihr entgegen, in der Hoffnung, das unbehagliche Gefühl, das ihn ergriffen hatte, durch ein gewöhnliches Gespräch auflösen zu können. "Ich habe gar nicht gewusst, dass du Schulsprecherin geworden bist. Vielleicht kannst du mir ja eine Sondererlaubnis geben, die Schule für einen Tag verlassen zu können. Ich habe keine Bücher oder sonst irgendetwas."
"Tut mir leid, das liegt außerhalb meiner Befugnisse", antwortete Ginny betont blasiert und warf den Kopf in den Nacken, um ihn von oben herab ansehen zu können. Dann aber brach ihre Scharade in sich zusammen, als sie in lautes Lachen ausbrach. "Es wundert mich ja sowieso, warum du so spontan noch ein Jahr dranhängst. Hast du nicht auch, wie Ron, ein Superangebot von Kingsley bekommen?"
"Das haben wir alle bekommen, ja. Aber -" Harry unterbrach sich. Für einen kurzen Moment überwältigte ihn der Wunsch, sich Ginny mit ihrer wenig hysterischen, pragmatischen Art anzuvertrauen. Er sah sie an und in ihrem offenen Blick fand er das, was er seit dem Krieg schmerzlich vermisste. Der Glaube daran, dass die Welt Gutes für einen bereithielt. Er wandte den Blick ab. "Aber Hermine hat mich letztlich überreden können, dass es für einen Auroren ein schlechter Start wäre, ein Schuljahr komplett zu überspringen." Die Lüge spülte einen bitteren Geschmack in seinen Mund.
Hermine schnaubte missbilligend, sah aber nicht von ihrem Buch auf. Ginny betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen, schüttelte verständnislos den Kopf und schien etwas sagen zu wollen, wandte sich dann aber wieder an Harry.
"Lust auf eine Runde Snape explodiert?"
In vergnüglichem Miteinander, an dem sich später auch Luna beteiligte, verließen sie England und fuhren immer tiefer in die Dämmerung hinein. Obwohl er lachte, fühlte Harry sich wie ein Betrüger. Wie jemand, der sich eingeschlichen hatte in diese Gesellschaft aus Zuversichtlichen, um in ihrem Glanz und ihrer Freude baden zu können.
Als der Zug anhielt und die Schüler in dichtem Gedränge in die Nacht hinausströmten, nahm Harry sich einen kurzen Moment Zeit, um die Augen zu schließen und die kühle Luft zu atmen.
Er hatte befürchtet, dass Ginny furchtbar wütend auf ihn sein würde, weil er einfach verschwunden war, und das Unbehagen hatte ihn von Innen heraus zerfressen. Auch jetzt noch lag es ihm schwer wie ein Stein im Magen, obwohl er ausgesprochen freundlich behandelt wurde. Es war anders, zwischen ihnen, zwischen ihm und Hermine - selbst die trutzigen, erleuchteten Türme von Hogwarts, die er in der Ferne erkennen konnte, schienen sich verändert zu haben. Sie wirkten weniger einladend als vielmehr bedrohlich. Als würde er unwiederbringlich etwas Wichtiges verlieren, wenn er sich der erdrückenden Schwere der Steinmauern auslieferte.
Er schnaubte und schüttelte den Kopf. Dies hier war ein Zufluchtsort für ihn gewesen. Wahrscheinlich war er einfach zu müde, um sich wohlzufühlen.
Ginny hüpfte leichtfüßig neben ihn auf den Bahnsteig. Ihre Hand legte sich sanft auf seinen Oberarm. "Kommst du? Es ist lausig kalt hier." Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie ihn ins Gedränge und Harry, der sich irgendwie matschig fühlte, im Kopf und in den Beinen, ließ sich den Bahnsteig entlang zu den weißen Kutschen führen, vor die eine Herde Thestrale angespannt waren, zwei vor jeder Kutsche. Gelangweilt schnaubten die Tiere in die Menge.
Harry, der die skelettartigen, dunklen Pferde eigentlich immer gemocht hatte, wandte den Blick ab. Nicht ihr Anblick machte ihn betroffen, sondern, wofür sie standen. Sie zu sehen, bedeutete, den Tod selbst gesehen zu haben und er konnte den Gedanken in diesem Augenblick, mit Ginny an seiner Seite, nicht aushalten. Vielmehr fühlte er sich, als würde er überlaufen vor Verzweiflung.
"Wo sind denn Hermine und Luna abgeblieben?", fragte Ginny neben ihm und er spürte, wie sie sich unruhig bewegte. "Ich will einfach nur schnell ins Warme."
"Dann setzen wir uns lieber schon mal in eine Kutsche", murmelte Harry. Während er vorwärtsging, hielt er den Blick in dem Bestreben, die Thestrale weiterhin zu ignorieren, auf den Boden gerichtet.
Abwesend blieb er vor dem abgegriffenen Holz stehen, öffnete die Tür und streckte eine Hand aus, um Ginny hineinzuhelfen. Ihr Lächeln blieb von ihm unbemerkt, und als er sich selbst auf den abgegriffenen Stoffbezug des Sitzes fallenließ, schaute er aus dem Fenster hinaus in die Nacht. Sein bleiches Gesicht spiegelte sich in der schmuddeligen Scheibe. Der Waldrand lag in Schatten hinter dem Weg und schien sich auf eine unwirkliche Art abzuheben, als wäre er in die Szenerie gemalt worden.
"Ich glaube, ich weiß, was dich beschäftigt", flüsterte Ginny. "Ich kann die Thestrale jetzt auch sehen." Harry hörte, dass sie schwer seufzte. Am liebsten hätte er sich nun vorgebeugt und sie in den Arm genommen, aber er klebte wie festgefroren an Sitz und Kutschenwand fest.
Die Kutsche erbebte leicht. "Ich glaube, Hermine hat die Thestrale gesehen", sagte Luna, unpassenderweise vergnügt klingend. Harry blickte auf und sah, wie sie Hermine in die Kutsche half, ihr Gesicht so bleich wie sein eigenes.
Schweigend brachten sie die Fahrt hinter sich. Die Gedanken an diejenigen, die sie nicht mehr wiedersehen würden, zwangen sich in Harrys Schädel, und sein Hals begann zu schmerzen. Er presste den Kiefer zusammen, versuchte, sich abzulenken, doch es war zwecklos.
Kurz schweiften seine Gedanken zu den Mitschülern, die sich geopfert hatten in dem Glauben an eine bessere Welt. Er fragte sich, ob sich das gelohnt hatte. Vor dem finalen Kampf hatte er selbst daran geglaubt, doch nun war er sich nicht sicher. Was hatte sich schon geändert?
Dann teilte ein kraftloser Blick aus schwarzen Augen seine Erinnerungen und er dachte an Snape und fühlte sich noch mieser. Die Erkenntnisse, die er aus der silbernen Flüssigkeit gewonnen hatte, waren auf eine zwingende Art entwaffnend gewesen; was Snape durchgemacht hatte, seinetwegen, größtenteils, lag wie ein schwarzer Schatten auf Harrys Seele. Jetzt würde er nie wieder wie ein Schreckgespenst durch das Schloss stürmen, auf der Suche nach irgendwem, an dem er die Last abreagieren konnte. Harry fragte sich, warum es dieser Gedanke war, der eine Übelkeit in ihm heraufbeschwor, die kalt, traurig und schwer war wie ein abgestorbenes Bein. Ihre Leben waren zweifellos miteinander verwoben gewesen, mehr noch, als er es je hatte ahnen können. Diese Schuld würde er niemals abtragen können, und dass er die Erinnerung dem Ministerium hatte zukommen lassen, um Snape posthum freizusprechen, war nicht einmal ansatzweise genug.
Während die Kutsche sie näher herantrug, wirkte das Schloss immer abweisender und kälter. Die Fassade glänzte im Nieselregen, als würde sie bluten und in Harrys Fantasie war es das Leben selbst, das aus den Fugen der Mauern sickerte. Er wandte den Blick ab.
Als die Schüler, einige von ihnen in der ungewöhnlichen Kälte fröstelnd, in die große Halle strömten, blieb Harry stehen und starrte durch die Flügeltüren ins Innere. Er konnte die Kerzen sehen, die über den Haustischen schwebten und das Besteck funkeln ließen. Sein Blick fiel auf den Ausschnitt des Lehrertisches, den er von hier aus einsehen konnte und auf Snapes leeren Platz neben dem, auf dem früher Dumbledore gesessen und ihm über den Kelch hinweg zugezwinkert hätte. Er konnte nicht weitergehen.
"Sag' jetzt nicht, dass du nicht reingehst, Harry", bat Ginny und steckte ihre Hände unter die Achseln, von einem Bein auf das andere hüpfend.
"Ich gehe nicht rein", antwortete er mit kratzender Stimme. Ginny stöhnte. "Gibst du mir das Passwort? Ich will ins Bett."
Zum ersten Mal an diesem Abend wandte sich Hermine an ihn. Ihre Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ein Anblick, den er gut kannte. "Du musst an dem Essen teilnehmen! Du kannst dich nicht vor allem drücken, Harry!"
Er starrte sie an und versuchte, den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. "Oh, komm' schon, Hermine", sagte Ginny genervt. "Wir sind alle müde, traurig und geschafft. Ich sage ihm das Passwort und wir gehen zum Essen." Hermine stemmte die Arme in die Hüften und blickte nun Ginny furios an, die ihrerseits die geröteten Wangen aufblies. Harry bemerkte als einziger, dass Luna ihnen zuwinkte und in der großen Halle verschwand.
"Du solltest ihn wirklich nicht in diesem Verhalten unterstützen", fauchte Hermine. "Das hat er den ganzen Sommer lang getan und es wird Zeit, dass er sich zusammenreißt, sonst macht er gar nichts mehr. Du hast dich doch beklagt, dass Harry abgehauen ist und jetzt tut er es wieder."
Harry zuckte zusammen. "Würdest du bitte aufhören, über mich zu reden, als wäre ich nicht hier?", zischte er und ballte die Hände zu Fäusten. Die Wut rauschte durch seine Ohren, aber da war noch etwas, das ihm den Hals zusammenzog. "Ich kann das gerade nicht, egal, wen du zur Schnecke machst. Geh' einfach selbst, wenn dir das so wichtig ist."
"Greifenfeder", schnauzte Ginny dazwischen. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und warf Hermine einen finsteren Blick zu, bevor sie wütend davonstapfte. Harry starrte ihr nach.
"Ich kann dich anscheinend nicht davon abhalten, dich zu verkriechen", grummelte Hermine. "Aber bedenke, dass es den Leuten helfen könnte, dich zu sehen. Viele von ihnen haben Angehörige verloren, Freunde -"
"Was glaubst du, warum ich da nicht rein kann?", fragte Harry. Sein Zorn löste sich so plötzlich auf, wie er gekommen war und ließ eine schwere Traurigkeit zurück, die von Innen auf seine Augen drückte und seine Sicht verschleierte. "Ich kann mich da nicht reinsetzen und auf Snapes leeren Platz glotzen und -"
Hermine riss ihre Augen auf und drehte sich um, spähte in die große Halle hinein. "Er ist nicht da, ja." Sie wandte sich wieder zu Harry um, der Blick, den sie ihm zuwarf, war von Mitleid erfüllt. "Dir hat niemand gesagt, dass er gerettet wurde? Professor McGonagall hat ihn selbst aus der heulenden Hütte geholt und erste Hilfe geleistet. Aber eigentlich dachte ich, dass du es wüsstest. Du hast dem Ministerium doch seine Erinnerung geschickt."
"Ich dachte, ich wäre es ihm schuldig, wenigstens das zu tun", sagte Harry taub. "Er lebt wirklich? Ich dachte -"
Sie lächelte und beugte sich vor, um die Tränen auf seiner Wange mit kalten Händen wegzuwischen. "Er war im Fuchsbau, nachdem sie ihn freigesprochen hatten. Obwohl er kaum laufen konnte, hat er herumgewütet. Ich glaube, Molly konnte ihn gerade noch davon abhalten, dein Haus zu stürmen und dich umzubringen."
Harry lachte glucksend, doch er fühlte sich noch immer völlig aufgelöst. "Ich kann da trotzdem nicht rein."
"Na schön", sagte Hermine und wandte sich ab. "Gute Nacht."
"Nacht", sagte Harry und nahm die Treppen nach oben, die ihn von dem Trubel forttragen würden.
