Kapitel 3 – Crazy day
Ich hatte mich mittlerweile wieder vollkommen im Griff, außer meine leicht roten Augen wies nichts mehr auf meinen Gefühlsausbruch von eben hin.
Ich saß gespannt auf der Liege und wartete darauf, dass der Doc endlich mit der Sprache herausrückte. Ich hatte wirklich keine Ahnung was er noch wollte bevor ich gehen konnte.
„Was ist denn jetzt noch", frage ich erwartungsvoll. Und wollte schon von der Liege hüpfen um mir schon mal wieder die Schuhe anzuziehen.
Doch Dr. Cullen hielt mich an der Schultern sachte auf die Liege gedrückt und schüttelte den Kopf, womit er mir signalisierte, ich solle sitzen bleiben.
„Nun ja, es ist so. Ich hab doch zu Anfang noch die Anzeichen einer Gehirnerschütterung angesprochen. Und vorhin ist mir Aufgefallen, dass sie doch stärker sind als ich zu
Anfang dachte. Daher bin ich der Meinung, es ist besser wenn du noch etwas im Krankenhaus bleibst. Nur nur Beobachtung." Offenbarte er mir dann die Nachricht.
Deswegen hat er also vorhin etwas nervös ausgesehen. Er wusste natürlich das mir das ganz und gar nicht gefallen würde.
„Wie lange?" fragte ich bemüht nicht gleich wieder hektisch zu wirken.
„2-3 Tage Minimum!" antwortete er sofort unverblümt.
„Nein! Auf keinen Fall. Tut mir leid, aber ich bleibe bestimmt nicht hier im Krankenhaus." meinte ich schnell kopfschüttelnd. Selbst wenn es nur eine Nacht gewesen wäre.
„Ja … das dachte ich mir schon. Okay, am besten kontaktieren wir erst mal deine Eltern. Die machen sich bestimmt schon große Sorgen. Gibst du mir mal bitte ihre Telefonnummer?"
Er ging zum Telefon und sah mich dann abwartend an.
Na super … meine Eltern. Wie komm ich da jetzt nur wieder raus? Ich könnte ihm die Nummer einfach geben, und abwarten was passiert. Aber unter Umständen müsste ich dann wieder zurück … und das wollte ich auf gar keinen Fall. Außerdem würden die sich wahrscheinlich nicht mal dafür interessieren.
Tja, aber was sage ich Dr. Cullen dann jetzt? Am besten lüge ich einfach.
„Ehm, sorry aber ich hab die Nummer nicht im Kopf." Er schaute mich etwas verwundert an, denn es war nicht üblich, mit 17 nicht die Nummer seiner Eltern auswendig zu wissen.
„Okay, nicht schlimm. Dann schauen wir eben im Telefonbuch nach. Die Nummer kriegen wir schon heraus." Mit diesen Worten drehte er sich um, und ging in Richtung eines Schrankes in dem vermutlich ein Telefonbuch war. Der ließ echt nicht locker.
Na suuuuuper! Genau das hatte mir noch gefehlt!
„Was? Nein, ach quatsch das muss doch nicht sein. Wenn ich nachhause gehe sehen sie es ja sowieso. Also ist es unnötig anzurufen. Es ist ja auch kaum der Rede wert." wimmelte ich seinen Versuch an die Nummer zu kommen schnell ab.
Ja klar, als ob ich überhaupt nachhause gehen würde. Wo ich stattdessen hingehen wollte … darüber hätte ich mir dann früher oder später Gedanken gemacht.
Nur schien ihm das ein wenig zu schnell gewesen zu sein. Er drehte sich wieder zu mir um und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Schrank und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nicht der Rede wert? Du warst einige Stunden Ohnmächtig, hast zahlreiche Blessuren an deinem ganzen Körper, ein geprelltes Knie und zu guter Letzt eine beträchtliche Platzwunde an deinem Kopf. Nun, ich denke ist sehr wohl der Rede wert, Kleine!
Mir scheint es eher so, als würdest du nicht wollen, dass deine Eltern das erfahren. Liege ich da richtig?" Naja, du liegst fast richtig Doc … Mir ist es herzlich egal ob sie das erfahren, nur will ich nicht wieder zurück dorthin, und das wäre jawohl zwangsläufig eine Konsequenz der ganzen Sache hier. Eine Konsequenz der ich definitiv aus dem Weg gehen wollte!
Ich verstand den ganzen Zirkus hier sowieso nicht, er hatte mich doch schon lange fertig gequält, wieso ließ er mich dann nicht einfach abhauen. Was hatte er davon mich Löcher in den Bauch zu fragen und sich noch weiter mit mir zu beschäftigen … er könnte seine Zeit sinnvoller nutzen.
Als ich ihm auch nach einiger Zeit keine Antwort gab, kam er seufzend zurück zu mir ans Bett und setzte sich neben mich. Ich sah allerdings nicht zu ihm auf, sondern starrte weiter nachdenklich auf den Linoliumboden unter meinen Füßen, welche frei in der Luft baumelten. Ich spürte aber wie sein Blick auf mir lag, und mich, metaphorisch genommen, durchbohrte.
Nach weiteren Sekunden in denen ich noch immer nicht auf seine Frage geantwortet hatte und auch nicht aufsah, spürte ich zwei starke und kühle Finger unter meinem Kinn, die meinen Kopf so anhoben, das ich gezwungen war ihm in die Augen zu sehen.
„Wenn du aus einem ganz bestimmten Grund nicht möchtest, das ich deine Eltern kontaktiere, dann sag es mir besser jetzt. Vielleicht hast du Glück und ich sehe ein, dass es unnötig ist, wie du es so schön gesagt hast." Er sah mir dabei immer noch ganz fest in die Augen, und als ich wieder in dieses flüssige Gold sah, blieb mir nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen und ihm die Wahrheit zu sagen. Aus welchen Grund auch immer, war ich mir sicher, dass ich in diesem Moment das richtige tat und er mich verstehen würde.
„Naja, sie haben zumindest zur Hälfte recht." gab ich kleinlaut zu. „Ich will nicht das sie bei mir anrufen. Jedoch nicht weil … nicht weil meine Eltern das nicht wissen sollen, sondern ...", ich brach ab und überlegte doch noch mal, ob das ganze nicht eher kontraproduktiv war.
Dr. Cullen schaute mich interessiert aber auch besorgt und verwundert an. Er schien nur Bahnhof zu verstehen. „Sondern?" forderte er mich auf weiter zu reden.
„Sondern, ich will nur einfach nicht wieder zurück dahin," sagte ich schnell aber flüsternd.
Jetzt schien er gar nichts mehr zu verstehen.
„Du willst nicht nicht zurück wohin?" fragte er nochmal nach. Ich wollte meinen Kopf zur Seite drehen um nicht mehr in seine Augen sehen zu müssen, denn das verwirrte mich langsam ein bisschen. Aber das war nicht möglich, da er immer noch mein Kinn mit seinen Fingern festhielt. Und er war eindeutig viel stärker als ich.
„Zurück nach Hause! Ich will nicht zurück zu meinen sogenannten Eltern!" Den zweiten Teil sagte ich lauter und ziemlich überzeugt, außerdem lag in diesem Satz soviel Hass und auch ekel, weil ich sie eigentlich gar nicht Eltern nennen wollte, dass er mir einfach glauben musste, ohne mich Löcher in den Bauch zu fragen. Er sollte es einfach so hinnehmen!
Er ließ mein Kinn los, sodass ich endlich wieder wegschauen konnte. Blockkontakt zu halten war sowieso nicht wirklich eine meiner Stärken, das ist natürlich was anderes wenn man dazu gezwungen wird. Er sah mich fragend, aber vor allem schockiert an.
„Darf ich auch erfahren wieso du nicht wieder nach Hause möchtest? Ich meine, dafür muss es ja schon einen gravierenden Grund geben." Sagte er ganz sachlich und ohne jegliches Drängeln. Ich verstand beim besten Willen nicht, warum er sich so für mich interessierte. Seine Arbeit hier war doch theoretisch schon getan … schon lange.
Ich war doch auch nur eine von seinem Patientinnen die er mal eben fix behandeln musste. Aber das er bei jedem seiner Patienten so viel Zeit investierte ist doch eher unwahrscheinlich.
„Ehm also, naja …" stotterte ich herum. Ich wusste nicht so recht wie jetzt beginnen sollte, ohne dass es klang, als würde ich hier in Selbstmitleid ertrinken. „Bei uns Zuhause läuft das alles nicht so gut, und meine Eltern … sind halt totale Idioten! Ich meine das ernst, ich geh nicht wieder zurück!" Mit jeden Wort wurde ich lauter, aber ich schrie nicht. Es tat nur einfach gut, mal jemand fremden zu erzählen wie bescheuert es bei uns war und dass ich es dort keine Minute länger aushielt. Ich sah wieder zu Dr. Cullen, welcher stumm neben mir saß und mich musterte. Sein Gesichtsausdruck war ratlos und besorgt.
„Es mag dir jetzt aufdringlich und merkwürdig vorkommen, dass ich dich darum bitte, aber würdest du mir davon etwas ausführlicher berichten?"
Jetzt war ich diejenige die ihn ratlos ansah. Warum um alles in der Welt will er jetzt eine genauere Ausführung davon? Ich hab ihm den Grund gesagt, warum ich nicht will, das er bei mir anruft. Ich meine, er hat doch bestimmt noch andere Patienten, nicht nur mich. Der Doc hält sich schon eine ganze Weile bei mir auf.
„Also eigentlich … naja warum nicht. Aber haben sie denn keine Patienten um die sie sich kümmern müssen, Dr. Cullen?" fragte ich ihn und sah dann wieder in sein makelloses Gesicht.
Er lächelte mich kopfschüttelnd an und legte einen Arm um meine Schulter. Im ersten Moment erschrak ich mich etwas, da es sehr überraschend kam. Im nächsten Moment fand ich diesen Gedanken auch schon wieder albern, immerhin ist die ganze Situation ja sowieso irgendwie merkwürdig und ich erzähle ihm, einem Arzt - welche ich eigentlich gar nicht ab kann - in einem Krankenhaus - was ich noch weniger ab kann - warum ich nie wieder zurück nachhause will – was eigentlich niemanden etwas angeht. Außerdem lag ich heute bereits weinend an seiner Schulter … warum also nicht.
„Momentan bist ausschließlich du meine Patientin, und ich bin ja auch nicht der einzige Arzt hier im Krankenhaus. Wenn es einen Notfall gibt, werde ich kontaktiert." Dabei tippte kurz mit seinem Zeigefinger auf den Pieper, der an seinem Gürtel befestigt war, wandte seinen Blick dabei aber nicht von mir ab.
Wieder dieses aufmunternde und liebevolle Lächeln von ihm.
„Okay, wie sie meinen, aber nicht, dass sie mich nachher für verrückt erklären, weil ich ihnen das erzählt habe," sagte ich und erwiderte verlegen sein Lächeln.
Als ich fertig war mit erzählen, sah er mich noch immer mit diesem liebevollen Blick an, jedoch lag auch ein Hauch von Mitleid darin. Er hatte mir die ganze Zeit zugehört und mich nicht einmal unterbrochen, nur als von meinem Bruder erzählt habe, wollte er mehr über ihn wissen. Auch sein Arm lag immer noch über meinen Schultern.
„Okay, wenn es stimmt was du sagst, und davon will ich jetzt mal ausgehen, da ich nicht denke, dass du lügst, ist es mehr als verständlich wenn du nicht wieder zurück zu deinen Eltern möchtest. Außerdem erklärt das ganze wieso du im Wald warst, noch dazu bei dem Wetter." Sagte er und beendete den Satz mit einem kleinen Seufzer.
Dr. Cullen nahm seinen Arm von mir und stand auf. Er stellte sich vor mich und streichelte mir kurz mit der linken Hand über die Wange, „Ach, übrigens Herzlichen Glückwunsch, Melina" flüsterte er mir zu und kicherte in sich hinein. Als ich ihm von all dem erzählt habe was passiert ist, ist mir auch herausgerutscht, dass heute mein Geburtstag war. Denn im Großen und Ganzen war dieser Umstand ja erst der Auslöser dieses ganzen Schlamassels in dem ich steckte. Ich erwiderte nichts, sondern schaute nur verlegen nach unten, abwartend was jetzt noch kommen würde.
Der Doc wurde auch sofort wieder ernst.
„Jedoch bist du immer noch minderjährig und kannst nicht einfach von Zuhause weglaufen.
Ich weiß, dass du etwas anderes von mir erwartet hast, aber ich muss mich darum kümmern, das du entweder wieder nach Hause kommst, oder wo anders untergebracht wirst. In letzterem Fall müssen aber trotzdem deine Eltern informiert werden, da sie dein Vormund sind, so verlangt es das Gesetz. Tut mir leid, Kleine. Da kann auch ich nichts machen."
Das konnte doch jetzt nicht sein Ernst sein. Ich erzähl ihm hier meine halbe Lebensgeschichte, und er? Er hat nicht besseres zu tun, als mich wieder zurück schicken zu wollen. Ich sprang von der Liege und bei dem Gedanken daran, wieder zurück zu müssen, und das alles umsonst war, liefen mir schon wieder Tränen die Wangen runter. Aber das war mir in diesem Moment egal.
„Nein, nein! Bitte nicht, kommen sie schon. Das muss doch keiner wissen. Ich meine … ich kümmere mich da selbst drum. Bitte! Es hat doch einen Grund wieso ich da abgehauen bin, ich hab keine Lust mehr auf den Mist. Ich will nicht zurück. BITTE!" flehte ich ihn unter Tränen an. Er sah mich mit einem traurigen und verständnisvollen Blick an und kam dann noch einen Schritt näher auf mich zu. Bevor ich mich versah nahm er mich auch schon in seine Arme. Reflexartig presste ich mein Gesicht an seine Brust.
„Alles wird gut, versprochen. Wir kriegen das irgendwie hin. Beruhige dich bitte", versuchte er mich zu beruhigen. Doch es half nicht wirklich, ich war einfach zu aufgebracht. Es fiel alles von mir ab was heute so passiert war, und das war ja doch eine Menge. Ich brauchte jetzt einfach irgendjemanden an den ich mich wenden konnte.
Nach einiger Zeit ebbten die Tränen Gott sei Dank ab und ich drückte mich leicht von ihm weg um ihn ansehen zu können.
„Aber ich will nicht wieder zurück!" versuchte ich es noch einmal, sobald ich meine Sprache wiedergefunden hatte.
Er schien kurz zu überlegen, bevor er mich anlächelte und leicht nickte.
„Okay. Ich bringe dich nicht wieder zurück zu deinen Eltern! Und das auch nur, weil du ziemlich verzweifelt klingst. Außerdem solltest du in deinem Alter selbst entscheiden können wo du lebst. Und dann ist es in Ordnung wenn das nicht bei deinen Eltern ist. Aber du kannst auf keinen Fall alleine durch die Weltgeschichte wandern. Erst recht nicht in deinem Zustand. Und wie gesagt, du musst zur Beobachtung hier bleiben, auch wenn du das nicht willst. Vor allem, da du ja momentan sowieso kein Zuhause zu haben scheinst. Das ändern wir aber noch irgendwie," sagte er leise und hielt mich dabei sachten an den Schultern fest.
„Ach kommen sie schon. Mir geht's gut, ehrlich. Ich brauch keine Beaufsichtigung! Ich bin kein kleines Kind mehr." quengelte ich weiter. Auch wenn ich nicht viel Hoffnung hatte, dass er einlenken würde. Immerhin hatte er mir schon einen großen Gefallen getan indem er mir versprochen hatte, niemandem von meiner Reiß-aus-Aktion zu erzählen.
„Melina, wir beide wissen doch, dass es dir überhaupt nicht gut geht, also hör bitte auf mich anzulügen. Abgesehen davon steht hier ein Arzt vor dir! Glaubst du also, du könntest mich anlügen wenn es um deinen Gesundheitszustand geht?" fragte er in einem tadelnden Ton und sah mir dabei streng in die Augen. Okay, er scheint es gar nicht leiden zu können wenn man ihn anlügt.
Ich schüttelte nur meinen Kopf um zu signalisieren, das ich verstanden habe.
Er nickte, „Gut, okay. Es ist ja verständlich das du nicht gerne hier im Krankenhaus bleibst. Ich werde mir etwas überlegen, okay?" Was meinte er denn jetzt damit?
Er schob mich in Richtung Tür und wartete keine Antwort ab. Ich war immer noch ziemlich verdattert und wusste nicht was er nun wieder vorhatte. Aber wenn es dazu beitrug, dass ich nicht hier im Krankenhaus bleiben musste, war es mir ganz recht.
Draußen im Flur deutete er mir kurz auf ihn zu warten. Ich lehnte mich an die weiße Wand und verlagerte mein Gewicht auf das rechte Bein, da es doch ziemlich weh tat auf dem linken, dank der Prellung am Knie.
Als er nach weniger als drei Minuten zurück kam, hatte er Krücken dabei.
Krücken? Oh bitte, der will mich doch verarschen! Er hielt mir die zwei schwarzen Dinger vor die Nase und kicherte leicht als er meinen Gesichtsausdruck sah.
Ich wollte gerade meinen Mund aufmachen um was dazu zu sagen, als er mich sofort unterbrach, „Denk nicht mal daran mit mir zu diskutieren!" Ich schloss meinen Mund wieder und nahm die Dinger seufzend an mich. Ich wollte ja jetzt nicht schon wieder Stress machen. Auch wenn mir das gegen den Strich ging mit Gehhilfen gesehen zu werden!
Toll! Jetzt komme ich mir vor wie ein Krüppel!
Dann führte er mich zu seinem Büro und ich folgte ihm humpelnd. Und vor allem langsam! Weil ich mit den ollen Krücken noch nicht wirklich zurecht kam. Jedoch schien ihn das nicht zu stören,da er sich meinem Tempo anpasste. Als wir endlich ankamen, schloss er die Tür auf und wir betraten den doch recht großzügigen Raum. „Setzt dich doch bitte dort auf den Stuhl", ich tat wie mir geheißen und ging in Richtung seines Schreibtisches zu dem Besucher Stuhl.
Da ich aber immer noch starke Kopfschmerzen hatte und ich dadurch auch manchmal für einen kurzen Augenblick etwas verschwommen sah, stolperte ich kurz vorm Ziel und blieb mit der Krücke an einem Stuhlbein hängen. Doch bevor ich auf dem Boden aufkam fingen mich zwei starke Arme auf. Ich hatte mir das wahrscheinlich nur eingebildet aber es hat keine Sekunde gedauert, in der er das realisiert hatte, zu mir eilte und mich auffing. „Alles okay?" Fragte er mich besorgt, aber er versuchte auch eindeutig ein Lachen zu unterdrücken. Mir war das verdammt peinlich …
So etwas konnte auch wieder nur mir passieren. Typisch! Ich war unkoordiniert und verdammt paddelig! Das konnte noch ein Spaß werden mit den Krücken.
Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, aber immer noch halb in seinen Armen hing, nickte ich schnell, „Ja, natürlich. Nichts passiert. Danke Doc." Dann befreite ich mich aus seinem stützenden Griff und setzte mich, diesmal ohne weitere Komplikationen auf den Stuhl vor seinem Tisch und stellte die Krücken neben den Tisch an die Wand. Er nahm mir gegenüber Platz und beobachtete mich eine Zeit lang, bis er sich seufzend nach hinten lehnte.
„Bevor ich das jetzt abkläre; Sehe ich das richtig, dass du unter gar keinen Umständen die Nacht hier verbringen willst, und auch nicht zurück zu dir willst? Denn dann würde ich dir anbieten, je nach dem wie lange es dauert bis zu wieder völlig fit bist und ich mit gutem Gewissen verantworten kann, dass du unbeaufsichtigt bist, bei uns unterzukommen." Er machte eine kurze Pause und schien zu überlegen wie er weiter machte.
„Immerhin brauchst du einen Schlafplatz, und da du ja heute gerade mal 17 geworden bist, dürfte es sich schwierig gestalten, dir selbst einen zu organisieren." Als er das sagte, hatte er die Hände auf seinem Schreibtisch gefaltet und sah mir fest in die Augen. Er wartete eindeutig auf eine Reaktion meinerseits. Diese lies allerdings auf sich warten, denn das musste ich erst mal sacken lassen.
Ich war absolut sprachlos. Bat Dr. Cullen mir, einer minderjährigen Ausreißerin, gerade wirklich an, bei ihm zu Hause zu übernachten? Mein Gesichtsausdruck muss Bände gesprochen haben, denn er schien das ganze schon wieder ziemlich amüsant zu finden und kicherte leise vor sich hin, während er sich in seinen Bürostuhl zurücklehnte und mich weiter beobachtete.
Irgendwann fand ich dann meine Sprache wieder. „Soll das heißen … ich muss nicht hier bleiben, sondern … sondern ich darf mit zu ihnen? Also zu ihnen nach Hause?" stotterte ich ungläubig vor mich hin. Ich konnte es immer noch nicht glauben und wartete nur darauf das gleich so etwas wie „April April" aus seinem Mund kam. Natürlich hatten wir erst Januar, aber jedenfalls so was in der Art erwartete ich.
„Also … ich meine dann falle ich ihnen und ihrer Familie ja nur auf den Nerv … und naja, -" weiter kam nicht, da er immer noch lachend die Hand hochnahm und mir signalisierte ich solle mal kurz Luft holen bevor ich weiter sprach.
„Ja, genau das soll es heißen. Jedoch nur wenn du das auch möchtest. Fühle dich bitte nicht gedrängt. Und du fällst niemanden auf dem Nerv, Kleine. Wer hat dir denn den Floh ins Ohr gesetzt, mh? Sonst würde ich dir das ja nicht anbieten. Natürlich muss ich zu aller erst mal mit meiner Frau reden. Aber wenn du das möchtest, wird sie mit Garantie auch zustimmen. Und meine anderen Kinder werden sich bestimmt auch über etwas Abwechslung im Haus freuen," erklärte er mir und faltete wieder seine Hände auf der Tischplatte zusammen.
„Also, ja oder nein?" Fragte er dann noch mal ganz deutlich und sah mich fragend an.
„Wenn nicht, dann wirst du definitiv hier bleiben! Auf jeden Fall wirst du, als ein 17 jähriges Mädchen in der nächsten Zeit nicht unbeaufsichtigt bleiben."
„Ookay, ja! Ist ja schon gut, immer mit der Ruhe. Also … ich meine wenn sie das wirklich ernst meinen und ich ihnen nicht zur Last falle, Dr. Cullen," sagte ich schnell sah zu Boden. Unfassbar, ich würde also wirklich die nächste Zeit bei dem Doc sein … Wieder hörte ich ihn kichern über meine hastige Antwort.
Als ich wieder aufsah, blickte ich in ein erleichtertes Gesicht. „Nein, das tust du ganz gewiss nicht. Gute Entscheidung, Kleine! Ich hätte dich nur ungern hier gelassen, so wie du dich dagegen wehrst", mit diesen Worten griff er zum Telefon, welches von mir aus gesehen rechts an der Wand auf seinem Schreibtisch stand. Direkt neben seinem Laptop. Er wählte eine Taste und hielt dann sofort den Hörer an sein Ohr. Seine Hausnummer war wahrscheinlich auf einer Kurzwahltaste gespeichert.
„Kann ich mal kurz wohin?" fragte ich kleinlaut und immer noch eingeschüchtert von dem was hier gerade passierte. Er verstand was ich meinte, nickte mir zu und zeigte mit dem Kinn auf eine Tür in der hinteren Ecke seines Büros. Ich musste schon seit einer halben Ewigkeit aufs Klo, aber kam bis jetzt noch nicht dazu, also nutze ich die Zeit in der er telefonierte.
Ich stand wieder auf, bedacht darauf nicht zu stolpern, hängen zu bleiben, oder mich anderweitig zu blamieren, und ging zur angewiesenen Tür. Ich ließ die Krücken für diesen kleinen Gang wo sie waren, was der Doc mit einem tadelnden Seufzer zur Kenntnis nahm, was ich wiederum gekonnt ignorierte. Man musste ja nicht übertreiben mit den Dingern.
Ich bekam noch mit wie am anderen Ende abgenommen wurde und Dr. Cullen anfing mit jemanden zu sprechen.
„Hi … Edward? Gibst du mir bitte deine Mutter? Ja, es ist wichtig … Danke!
Esme, hallo Liebling. … Es geht um folgendes ..."
Als ich, nach ein paar Minuten wieder aus dem angrenzenden Badezimmer humpelte, schien schon alles geregelt zu sein, denn der Doc war nicht mehr am telefonieren. Er hatte seinen Arztkittel gegen seinen Mantel getauscht und wartete mit den schon jetzt verhassten Krücken auf mich. Er lehnte lässig an seinem Schreibtisch.
„Alles geklärt, die nächsten Tage verbringst du bei mir und meiner Familie, Melina. Sie freuen sich schon auf dich. Und dann habe ich wenigstens ein Auge auf dich, das scheint mir nötig zu sein," sagte er mit diesem liebevollen Lächeln, das ich nun schon zu gut kannte, als ich auf ihn zu ging. Er reichte mir wieder die Krücken, nahm noch einen schwarzen Koffer in die Hand und schob mich dann sanft zur Tür in den Flur hinaus. Da ich keine Ahnung hatte wo er hin wollte, lief ich einfach neben ihm her und hing meinen Gedanken nach. Nachdem wir erneut den langen Krankenhausflur passiert hatten, stoppte er vor der Information dieser Station. „Hallo, Amy. Ich gehe heute eine halbe Stunde Früher, aber das ist schon abgeklärt. Ich wollte mich nur abmelden." Sagte er zu der hübschen Angestellten, die hinter dem Pult am Computer saß. „Achso, und hier sind die Entlassungspapiere für Melina." Er fingerte ein gefaltetes Blatt aus seiner Manteltasche und schob sie mit zwei Fingern über der Tisch. Diese Amy war so Ende zwanzig, hatte lange schwarze Haare die sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Sie war nicht schlank aber auch nicht dick, einfach gut gebaut. Im allgemeinen sah sie sehr hübsch aus. Sie stand auf und erwiderte Dr. Cullens freundliches Lächeln.
Meine Entlassungspapiere verschwanden in einer Akte, die wiederum wieder unter dem Tisch verschwand.
„Okay, dann weiß ich Bescheid. Schönen Feierabend Doktor."
„Danke, Amy" Dann dirigierte er mich wieder in Richtung meines Zimmers.
„So, dann müssen wir jetzt nur noch deine Sachen holen" stellte er sichtlich erfreut fest. „Mhh," mehr brachte ich nicht heraus, da ich wirklich aufgeregt war. Jetzt hatte er sich wegen mir auch noch früher frei genommen. Ganz toll.
Außerdem hoffte ich, dass ich seiner Familie nicht zur Last fallen werde. Da war ja auch noch das Problem, was ich machen würde wenn das alles hier vorbei war … ich brauchte also dringend einen Plan. Ich war total der nervös weil ich nicht genau wusste was mich noch so alles erwarten würde … dieser Tag war ohnehin schon viel zu lang und anstrengend und merkwürdig gewesen … ein Tag den ich am liebsten aus dem Kalender streichen würde. Aber das war natürlich nicht möglich.
Als wir in dem bekannten Zimmer ankamen, zog ich mir schnell wieder meine Straßenschuhe und meine Sweatshirt-Jacke an, da ich ja sowieso gar keine andere Jacke dabei hatte musste das ausreichen.
„Ist das alles was du dabei hast?" Fragte er verwundert und sah mich mit gerunzelter Stirn an. Ich hatte ihm doch erzählt, dass ich Hals über Kopf abgehauen war, da habe ich doch nicht meinen ganzen Hausstandart dabei. Außerdem war ich alles andere als eine Frostbeule, im Gegenteil mir war ständig warm, auch im Winter. Deswegen zog ich ohnehin nur selten eine Jacke an, nur dann, wenn es wirklich so richtig kalt war und selbst ich fror.
„Ja, das ist alles. Hatte heute Morgen andere Probleme als das Wetter und meine Kleidung." Sagte ich und der Sarkasmus war nicht zu überhören. „Ist dir das nicht etwas zu kalt? Ich meine draußen liegt Schnee, und wir haben Winter. Nicht das du dir zusätzlich noch eine Erkältung einfängst." Entgegnete er mir nachdenklich.
Ne Erkältung? Oh ja, nicht das ich auch noch Schnupfen bekomme … das wäre fatal.
Und selbst wenn ich mich jetzt wieder erkälten würde, das würde den Kohl nun auch nicht mehr fett machen, wie man so schön sagt.
Aber gut, er ist Arzt. Was hatte ich auch anderes erwartet?
„Ach nein, das geht schon. Mir ist nicht kalt, ehrlich. Und erkälten werde ich mich auch nicht, so viel Pech habe nicht mal ich", doch hatte ich sehr wohl. Muss er aber ja nicht wissen.
Das würde jetzt noch fehlen für das ganze Paket. Aber ich hoffte einfach auf mein Glück und vor allem darauf, das der Doc es dabei beließ.
„Na gut, ausnahmsweise. Ich wüsste sowieso nicht, wo ich auf die Schnelle eine brauchbare Jacke herbekommen sollte. Wir sitzen ja gleich auch im Auto.
Gut, dann komm, wir gehen." Er drehte auf dem Absatz um und ging durch die Tür zurück in den langen weißen Flur. Ich humpelte ihn hinter her und blieb dann neben ihm stehen um die Tür zu schließen. Dies gestaltete sich jedoch nicht ganz so einfach, da ich immer noch mit den Krücken zu kämpfen hatte. Ich hielt die rechte Krücke mit der linken Hand fest und versuchte nach der Klinke zu greifen. Bei einem Versuch blieb es jedoch auch. Die Tür war einfach zu weit weg, und ich kam nur mit den Fingerspitzen dran. Als ich mich etwas strecken wollte um endlich die verdammte Klinke in die Finger zu bekommen, verlor ich beinahe wieder mein Gleichgewicht, konnte mich aber im letzten Moment noch abfangen. Dr. Cullen beobachtete das Schauspiel von der Seite aus und versuchte nicht einmal sein Lachen zu verbergen. Irgendwann hatte er sich das Elend lange genug angesehen, griff an mir vorbei und machte mit einem Ruck die Tür zu.
Er erntete einen bitterbösen Blick von mir, während ich die Krücken wieder ordnete und mich dann in Richtung Ausgang begab … in einem wahnsinnigen Tempo.
Als wir draußen waren spürte man sofort die eisige Kälte, selbst ich fand es wirklich kalt und hatte Mühe nicht zu zittern, das hätte ihm nur noch mehr Angriffsfläche geboten.
Er dirigierte mich zu einer Reihe von Parkplätzen neben dem Krankenhaus, die extra für die Ärzte freigehalten waren und ein Namensschild am Ende des Platzes hatten. Wir hielten an dem mit der Aufschrift Dr. Carlisle Cullen an. So war also dein Vorname, Carlisle. Sollte ich mir besser merken!
Ich warf einen Blick auf sein Auto und mir blieb der Mund offen stehen. Es war ein schwarzer Mercedes, in dem man sich spiegeln konnte, so blank wie der war! Ein Mercedes S 500.
Nicht dass ich Ahnung von Autos haben würde … aber es stand ganz klein auf der Seite des Wagens. Auf jeden Fall sah dieses Auto aus, als hätte der Doc viel zu viel Geld.
Er fischte seine Autoschlüssel aus der Manteltasche und öffnete mir dann die Beifahrertür.
Ich stieg auf eine umständliche Art und Weise in den Wagen, welcher von innen komplett aus Leder war aber zu meiner Verwunderung nicht danach roch oder stank.
Die Tür wurde zugeschlagen und er verfrachtet meine tollen Krücken im Kofferraum, dann wurde die Fahrertür geöffnet und er ließ sich neben mir nieder.
Mein Herzschlag ging sehr schnell und unregelmäßig, da ich nach wie vor aufgeregt war, und nicht wusste was mich erwartete wenn wir bei ihm zu Hause ankamen.
Ich starrte stur auf meine Hände im Schoß und spürte wie sein Blick auf mir brannte.
„Alles okay?", hörte ich ihn leise neben mir fragen. „Klar, alles gut. Ist nur alles ein bisschen merkwürdig wenn ich ehrlich bin." antwortete ich ehrlich und wartete dann darauf, dass er den Wagen startete. „Verständlich!" entgegnete er mir mit einem aufmunternden Lächeln während er dann endlich den Wagen anließ.
Ohne weitere Worte parkte er den Wagen elegant aus und entfernte sich dann vom Krankenhausgelände. Auf der Landstraße gab er dann Gas und lehnte sich in den Ledersitz zurück.
Ich saß stillschweigend neben ihm und hing wieder meinen Gedanken nach.
