Ab und zu lichtete sich der Schleier um sie herum ein wenig, sodass zusammenhanglose Dinge aus der Umgebung zu ihr durchdrangen. Hermine nahm am Rande war, dass Leute bei ihr waren, die sich unterhielten. Sie hörte Stimmen, aber konnte die Worte nicht verstehen. Es war wohlig warm um sie herum und manchmal glaubte sie, jemand wäre dicht bei ihr und berühre ihre Wange. Es fühlte sich gut an. Sie fühlte sich wohl, wo sie war. Vielleicht war endlich alles vorbei und sie war bei Harry und Ron oder vielleicht träumte sie das alles auch nur.
Es dauerte lange, bis die Erinnerungen an die kürzlich geschehenen Ereignisse wieder in ihr Gedächtnis zurückkehrten und sie sich bewusst wurde, was passiert war. Da waren Todesser und Auroren gewesen, sie war geflohen, doch hatte sie es nicht rechtzeitig geschafft, zu entkommen. Da waren der Minister und so viele andere Menschen gewesen, die zugesehen hatten. Man hatte ein Urteil über sie gesprochen. War das ein Prozess gewesen? Sie erinnerte sich dunkel an das tobende Meer, das Boot und den Sturm, doch ab da war da nur noch Kälte. Sie war in Askaban gewesen und sie hatte geglaubt, sterben zu müssen.
Aber offenbar war sie nicht tot. Und sie war auch nicht mehr in Askaban. Sie war irgendwo anders, wo es nicht kalt und modrig war, sondern angenehm warm. Hier gab es keine Auroren, die sie verhöhnten und schlugen. Hier waren sanfte Menschen, Menschen, die ihr wohlgesonnen waren. Hermine verstand nicht, was passiert war. Hatte jemand sie gerettet? Hatten ihre Freunde es geschafft, sie zu befreien? Die leise Hoffnung keimte in ihr, dass ihre Gebete erhört worden waren.
Als Hermine Granger die Augen aufschlug, sah sie erst alles verschwommen. Ihre Augenlider waren schwer wie Blei und die Müdigkeit drohte, sie sofort wieder in die Dunkelheit mitzunehmen, von der sie sich freigekämpft hatte. Sie lag auf weichem Untergrund. Ihr Kopf war auf ein Kissen gebettet und ihr Körper von einer dicken Decke zugedeckt. Der Raum, in dem sie sich befand, war keine enge Zelle. Er war groß und gemütlich eingerichtet. Die Möbel waren antik, auf der Tapete waren schöne Blumenmuster abgebildet. An der Wand neben der Tür hing ein Gemälde, das eine Seenlandschaft zeigte. Die schweren grünen Stoffvorhänge waren zugezogen. Gegenüber des Bettes, in dem Hermine lag, gab es eine Tür, die in ein angrenzendes Badezimmer führte.
Hermine kannte die Umgebung nicht und wusste auch nicht, wie sie hierhergekommen war. Aller Müdigkeit zum Trotz richtete sie sich langsam auf. Sie war schwach und hatte keinerlei Kraft in den Gliedmaßen. Ihre Lungen und Bronchien fühlten sich an, als hätte jemand sie mit einem Reibeisen bearbeitet. Selbst die kleine Bewegung brachte sie außer Atem und sie musste langsam und tief durchatmen. Sie bemerkte, dass jemand ihre Haare mit einem Band zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Als sie an sich heruntersah, sah sie, dass sie keine Gefängniskleidung mehr trug. Jemand hatte ihr einen Schlafanzug angezogen. Auf dem Nachtkästchen neben ihrem Bett stand eine Reihe von Heiltränken.
Wo zum Teufel war sie und was war passiert?
„Geht es Miss besser?", fragte plötzlich eine Stimme wie aus dem Nichts. Hermine fuhr vor Schreck zusammen.
„Entschuldigung, es war nicht Tipsis Absicht, die junge Miss zu erschrecken." Eine Hauselfe trat in Hermines Sichtfeld und verbeugte sich tief. Ihre Stimme war piepsig und sie trug ein weißes Leinentuch um ihren Körper gewickelt.
„Wie geht es Miss?", fragte die Hauselfe.
Hermines Stimme, die sie seit einer Ewigkeit nicht benutzt hatte, war rau und kratzig. Sie musste husten, bevor sie sprechen konnte.
„Wer bist du?", fragte sie.
„Mein Name ist Tipsi und der Herr hat mir befohlen, an Miss Grangers Bett zu wachen", erklärte die Elfe. „Ich soll Miss sofort etwas zu Essen bringen und dem Herrn Bescheid sagen, wenn Miss wach ist. Geht es Miss besser?"
„Ich denke schon", sagte Hermine. „Wer ist denn dein Herr?", wollte sie wissen, doch die Elfe war bereits verschwunden.
Es dauerte nicht lange und die Elfe kehrte mit einem Tablett zurück. Hermine, die nicht gemerkt hatte, wie hungrig sie eigentlich war, lief beim Anblick des Tellers und des verlockenden Duftes der Suppe das Wasser im Mund zusammen. Gierig machte sie sich über die Mahlzeit her. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass sie das letzte Mal etwas so Gutes gegessen hatte. Überhaupt schien ihr letztes Mahl schon eine ganze Weile zurückzuliegen. Sie konnte sich nur erinnern, dass sie in dem Pub gegessen hatte, bevor die Todesser sie erwischt hatten.
„Der Herr ist sehr erfreut, dass es Miss besser geht", sagte Tipsi. „Er wird Miss in Kürze besuchen."
„Wer ist denn dein Herr?", fragte Hermine erneut, diesmal beinahe flehend. „Bitte sag es mir!"
„Der Herr hat Tipsi gebeten, nichts zu sagen, um die junge Miss Granger nicht zu erschrecken."
Mit einer weiteren tiefen Verbeugung verschwand Tipsi wieder und ließ Hermine mit dieser rätselhaften Aussage zurück. Wer, der Hermine gerettet hatte, könnte sie wohl erschrecken? Wenn jemand sie aus Askaban befreit hatte, dann musste derjenige ihr offensichtlich wohlgesonnen sein. Es konnte nur jemand vom Orden oder ihren Freunden sein. Auch wenn sie anderthalb Jahre keinen Kontakt zu irgendjemandem gehabt hatte, wusste sie, dass sich viele ihrer ehemaligen Schulkameraden und Ordensmitglieder zu einem Widerstand gegen Voldemort und das Regime zusammengeschlossen hatten. Es war seit langem ihre größte Hoffnung, ihre Freunde wiederzusehen.
Hermine löffelte langsam ihren Teller leer. Es ging ihr zwar besser, doch das Essen hatte sie sehr angestrengt, sodass sie sich wieder hinlegen musste. Sie starrte an die Decke ihres Zimmers und fragte sich, ob sie eigentlich träumte. Bevor sie irgendetwas dagegen tun konnte, war sie auch schon wieder in tiefen Schlaf gesunken.
Rabastan saß in seinem Arbeitszimmer und war gerade dabei einen Brief an seinen Bruder zu schreiben, als eine Hauselfe erschien und sich tief verbeugte.
„Was willst du?", fragte Rabastan und legte seine Feder beiseite.
„Tipsi sollte dem Herrn Bescheid sagen, wenn die junge Miss aufgewacht ist."
Rabastan wurde hellhörig. „Ist sie?"
„Ja. Ich habe Miss Granger wie befohlen das Essen auf ihr Zimmer gebracht", erklärte Tipsi. „Ich habe ihr gesagt, der Herr wird sie besuchen."
„Sehr gut", sagte Rabastan. „Ich komme sofort nach oben."
Tipsi verschwand wieder. Rabastan ließ alles stehen und liegen und eilte sofort nach oben zu den Gästezimmern. Als er die Tür erreicht hatte und eintreten wollte, hielt ihn jedoch etwas zurück. Er hatte nicht nachgedacht. Mit Sicherheit war er der letzte, den Hermine Granger jetzt erwarten würde. Mit Sicherheit ging sie davon aus, dass ihre Freunde sie gerettet hatten. Er konnte sich nur zu gut bildlich vorstellen, wie sie reagieren würde, wenn sie ausgerechnet Rabastan Lestrange gegenüberstand. Wenn er in ihr Zimmer kam und ihr erklärte, dass er sie aus Askaban gerettet hatte und dass sie jetzt in seinem Haus zu leben hatte. Er musste sich bei dem Gedanken glatt zurückhalten, nicht laut loszulachen.
Rabastan biss sich auf die Lippen. Er wusste nicht einmal, was er sagen sollte. In der Vergangenheit waren sie sich im Kampf auf unterschiedlichen Seiten begegnet. Er war ein Todesser und Hermine Granger war die ehemals beste Freundin von Harry Potter. Was Rabastan getan hatte, war eigentlich völlig irrational gewesen. Es gab keine gute Erklärung dafür, warum er Hermine Granger aus dem Gefängnis geholt hatte. Zumindest keine, die ihm das Mädchen glauben würde. Ihr zu sagen, dass er sie kennenlernen wollte, war keine gute Idee. Wahrscheinlich hätte sie an seinem Geisteszustand gezweifelt. Das tat Rabastan bei sich selbst schon oft genug dieser Tage. Und ihr zu erklären, dass der Dunkle Lord sie in seinem Gewahrsam wissen wollte, weil er früher oder später etwas mit ihr vorhatte, war eine noch weniger gute Idee.
Eine Entscheidung, was er jetzt tun sollte, wurde ihm von seinem Herrn abgenommen, der ihn in diesem Moment zu sich rief. Sein Mal schmerzte und er wusste, dass es Zeit war, zu gehen. Wie immer folgte Rabastan dem Ruf des Dunklen Lord. Er entschloss sich, sich unterwegs zu überlegen, wie er auf Hermine Granger zugehen sollte.
Sein Weg führte ihn diesmal nach Hogwarts. Seit dem Ende der Schlacht verbrachte der Dunkle Lord oft Zeit im Schloss. Offiziell waren die beiden Carrows für die Leitung der Schule verantwortlich, doch insgeheim wurde schon lange gemunkelt, dass der Dunkle Lord persönlich diese Aufgabe übernommen hatte.
Das große Tor mit den geflügelten Ebern wurde von zwei Todessern bewacht. Rabastan grüßte sie flüchtig mit einem Kopfnicken. Die Gänge des Schlosses waren zu dieser späten Uhrzeit verlassen, da die Schüler bereits in ihre Gemeinschaftsräume zurückgekehrt waren. Rabastan musste jedes Mal, wenn er Hogwarts betrat, schmunzeln und erinnerte sich an seine eigene Schulzeit in dem alten Gemäuer. Wie oft war er nachts heimlich durch die Gänge geschlichen oder hatte geheime Plätze erforscht? Er hatte sich als Schüler das ein oder andere Nachsitzen deswegen eingehandelt. Im Gegensatz zu seinem Bruder Rodolphus, der Vertrauensschüler gewesen war, war Rabastan in seiner Jugend nicht brav und anständig gewesen.
Zielsicher steuerte er das Büro des Schulleiters an, von dem er wusste, dass dort der Dunkle Lord auf ihn warten würde. Er hatte bereits den Gang des großen Wasserspeiers erreicht, als ihm unverhofft zwei wohlbekannte Personen entgegenkamen: das Geschwisterpaar Amycus und Alecto Carrow.
Mit Amycus hatte Rabastan ab und zu sporadisch Kontakt, seine Schwester jedoch hatte er einige Zeit nicht gesehen. Umso erstaunter war er, als er sie erblickte. Sie hatte sich äußerlich merklich verändert. War sie früher eine dicke, rundliche Hexe gewesen, war sie heute deutlich dünner. Ihr Haar, das sie in der Vergangenheit immer in einem strengen Dutt getragen hatte, war nun zu einem langen Pferdeschwanz zusammengebunden.
„Wen haben wir denn da?", fragte Amycus im Scherz.
„Lange nicht gesehen", meinte Rabastan. „Offenbar sehr lange nicht", sagte er mit Blick auf die erschlankte Alecto. „Du siehst fabelhaft aus."
„Vielen Dank", sagte Alecto und grinste. „Wie geht's dir, Rabastan? Was führt dich zu so später Stunde zu uns?"
„Mir geht es sehr gut, danke der Nachfrage. Der Dunkle Lord will mich sprechen", erklärte er schlicht.
„Verstehe. Geht es um… du weißt schon… deinen neuen Hausbewohner?", wollte Amycus wissen.
„Ich weiß nicht, wieso der Lord mich sprechen will. Ich werde es sehen. Aber Amycus sag mal, was ist eigentlich aus diesem Mädchen geworden? Habt ihr noch Kontakt?"
Amycus wirkte plötzlich peinlich berührt und sah verlegen zur Seite. Die Miene seiner Schwester verhärtete sich. Sie warf ihrem Bruder einen strengen, beinahe tadelnden Blick zu.
„Wir haben… schon lange keinen Kontakt mehr", sagte Amycus, aber er klang dabei so, als mache ihm genau dieser Umstand zu schaffen.
„Ich verstehe."
„Das ist auch gut so", meinte Alecto. Amycus erwiderte nichts darauf.
„Es war nett dich zu treffen, Rabastan", sagte er. „Vielleicht sieht man sich bei Gelegenheit mal wieder. Gute Nacht."
Der Dunkle Lord saß hinter dem Schreibtisch, als Rabastan das Büro des Schulleiters betrat. Seine Hände ruhten auf den beiden Armlehnen und er hatte die Augen geschlossen, als schliefe er. Es war ein seltsamer Anblick, den Rabastan noch nie zuvor gesehen hatte. Er war sich nicht sicher, ob der Dunkle Lord überhaupt jemals schlief. Er schloss die Tür hinter sich und trat langsam nach vorne.
Der Dunkle Lord hatte sich seit dem Ende der Schlacht stark verändert. War sein schlangengleiches Gesicht zuvor fast weiß gewesen, hatte seine Haut mittlerweile einen fahlen grau-braunen Ton angenommen. Fast wie verwitterndes Holz, dachte Rabastan. Niemand aus den Reihen der Todesser, auch Rabastan nicht, wagten es offen und laut auszusprechen, aber insgeheim dachten alle dasselbe. Es war ersichtlich – nur ein Blinder hätte dies geleugnet – dass der Dunkle Lord schwächer wurde. Sein Körper erweckte den Eindruck, als zerfalle er langsam aber sicher. Wie es um seine magischen Fähigkeiten stand, konnte Rabastan nicht sagen, doch es war offensichtlich, dass der Dunkle Lord seine einstige Größe verloren hatte. Natürlich hätte es niemand gewagt, den Dunklen Lord darauf anzusprechen. Der schwarze Magier hatte unter seinen Anhängern den Ruf erlangt, äußerst ungehalten auf Fehlverhalten zu reagieren. Er verzieh nichts mehr und regierte mehr denn je mit eiserner Hand.
Rabastan kniete vor dem Schreibtisch und wartete.
„Du darfst dich erheben, Rabastan", sagte der Dunkle Lord, erst dann öffnete er die Augen.
„My Lord", sagte Rabastan, „Ihr habt mich hergebeten?"
„In der Tat, Rabastan. Ich wollte mich erkundigen, wie es um deinen Gast steht."
„Ich war noch nicht bei ihr, aber die Hauselfen haben mir gesagt, dass sie endlich aufgewacht ist", erklärte Rabastan. „Ich wollte gerade zu ihr, als Ihr mich riefet."
„Hat sich ihr gesundheitlicher Zustand verbessert?"
„Ja, auf jeden Fall. Anfangs sagten die Heiler noch, dass es sehr kritisch um sie stand, aber mittlerweile geht es ihr besser. Ich bin zuversichtlich, dass sie bald vollständig genesen sein wird."
„Das freut mich zu hören", sagte der Dunkle Lord. „Ich will, dass sie in deiner Obhut bestmöglich versorgt wird, Rabastan."
„Natürlich, My Lord, wie ihr befiehlt", sagte Rabastan.
Der Blick des Dunklen Lord wanderte nachdenklich aus dem Fenster. Er legte die Fingerkuppen seiner spinnenartigen, dürren Hände zusammen.
„My Lord, gestattet Ihr mir die Frage, wofür Ihr Hermine Granger brauchen werdet?"
Der Dunkle Lord wandte sich seinem Todesser zu und musterte ihn mit seinen schlangenartigen Augen. Waren sie zuvor rot gewesen, war ihr Glanz irgendwann in den letzten zwei Jahren erloschen. Die schlitzartigen Pupillen hatten ein tiefes Schwarz angenommen. Es war allerdings nicht weniger bedrohlich. Instinktiv verschloss Rabastan seinen Geist mit Okklumentik.
„Du darfst fragen, Rabastan, allerdings erwarte keine allzu ausführliche Antwort", sagte der Dunkle Lord. „Nur so viel, Hermine Granger wird mir auf meinem weiteren Weg hin zur Überwindung des Todes gute Dienste leisten. Doch bis es soweit ist, darf ihr nichts geschehen. Sie steht unter deinem Schutz, Rabastan. Bewahre sie gut für mich auf."
Rabastan wusste mit dieser kryptischen Antwort nichts anzufangen. Er verbeugte sich als Zeichen seiner Ehrerbietung.
Als sie das zweite Mal erwachte, fühlte sich Hermine viel besser. Sie war fitter, ausgeschlafener und konnte freier durchatmen. Sie hustete noch, aber zumindest schmerzte es sie nicht mehr in ihren Lungen und der meiste Schleim hatte sich gelöst.
Die Vorhänge waren diesmal offen und sie konnte das helle Tageslicht von draußen sehen. Die Landschaft war winterlich weiß und Schneeflocken tanzten durch die Luft. Der Raum, in dem sie sich befand, war immer noch derselbe wie beim ersten Mal, als sie aufgewacht war. Diesmal war kein Hauself bei ihr, aber auf ihrem Nachtkästchen fand sie trotzdem ein Tablett mit Essen.
Hermine, die zuerst gar nicht merkte, wie hungrig sie schon wieder war, konnte nicht anders, als sich sofort über das Rührei mit Speck herzumachen. Jeder Bissen war eine Wohltat und gab ihr mehr Kraft. Abermals fragte sie sich, wer wohl der Herr des Hauses war, der es so gut mit ihr meinte. Sie war neugierig und wollte unbedingt ihre Freunde wiedersehen. Sie hatte nicht bemerkt, dass ein Mann in einem schwarzen Umhang unweit von ihr in einem Sessel gesessen und sie beobachtet hatte. Hermine war gerade dabei, gierig in ihre Scheibe Toast zu beißen, als eine Stimme von irgendwo aus dem Raum sie erstarren ließ.
„Guten Morgen, Ms. Granger", sagte der Mann. Seine Stimme war tief, charmant und samtig und vor Schreck lief Hermine augenblicklich eine Gänsehaut über den Rücken. Sofort hörte sie auf zu essen und starrte entsetzt auf die andere Person im Raum, die sie zuvor nicht bemerkt hatte.
Der unbekannte Mann lachte, dann erhob er sich von seinem Platz und kam langsam auf das Bett zu. Er war groß und schlank, aber unter seinem edlen, schwarzen Umhang waren deutlich seine muskulösen Oberarme zu erkennen. Er hatte dunkle Haare, die sein Gesicht umspielten, und dunkelbraune, warme Augen. Hermines Augen weiteten sich, als sie ihn erkannte. Sie hatte ihn schon mehr als einmal auf Fahndungsplakaten oder im Tagespropheten gesehen.
„Ich freue mich, dass Sie wach sind, Ms. Granger", sagte Rabastan Lestrange.
Hermine vermochte eine Antwort zu geben. Sie saß nur stocksteif da und betrachtete den Todesser, der vor ihr stand, mit großen, vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen.
War sie womöglich in einem Albtraum gefangen? Ihr fielen Tipsis Worte wieder ein. Der Herr des Hauses will die junge Miss nicht erschrecken. Welcher Herr, der sie aus Askaban gerettet hatte, hätte sie erschrecken können? Jetzt wusste sie die Antwort darauf. Damals war sie noch davon ausgegangen, dass sie in Sicherheit bei ihren Freunden war. Aber offenbar hatte sie das Glück, so schnell es gekommen war, auch schon wieder verlassen.
„Wie…. Was… zur Hölle…", stammelte sie und brachte keinen vollständigen Satz zusammen.
„Es tut mir leid, dass ich Sie unterbrochen habe. Sie dürfen ruhig weiteressen, Sie haben es nötig", sagte der Todesser und deutete auf den halbleergegessenen Teller.
Hermine war mit einem Schlag jeder Appetit vergangen. Sie würde keinen Bissen mehr anrühren. Demonstrativ schob sie das Tablett von sich. Langsam und ohne den Blick von dem Todesser zu nehmen, rutschte sie aus dem Bett und stand auf. Ihr Herz pochte wie wild gegen ihre Rippen. Ihr ganzer Körper war in höchster Alarmbereitschaft. Sie stand einem der schlimmsten Todesser, der berühmt-berüchtigt für seine Verbrechen war, schutzlos und ohne Zauberstab gegenüber. Schreckliche Bilder, was jetzt mit ihr passieren konnte, zogen vor ihrem geistigen Auge vorbei. Dass Lestrange sie angrinste, machte die Sache nicht besser.
„Was… wollen Sie? Warum…", stotterte Hermine. Sie drängte sich in die Ecke an die Wand, um nur ja weit genug von ihm wegzukommen. Es waren lächerliche Versuche, ihrem Schicksal entrinnen zu wollen.
„Ms. Granger, ich werde Ihnen nichts tun", sagte der Todesser, „aber bitte tun Sie mir einen Gefallen und kommen Sie aus der Ecke raus. Sie sollten im Bett bleiben."
Bei dem Wort Bett packte Hermine große Angst. Die Todesser waren dafür bekannt, dass sie folterten und mordeten, doch was war, wenn sie aus einem anderen Grund hier war? Wollte er sie im Bett haben, damit er… Hermine wollte den Gedanken gar nicht zu Ende denken. Schreckliche Angst überkam sie und Tränen stiegen in ihre Augen. Sie wollte weg, einfach nur weg von diesem Ort und diesem Mann, der vor ihr stand, als wäre nichts. In diesem Moment wäre es ihr sogar lieber gewesen, sie wäre wieder in der kalten Zelle in Askaban. Lieber wäre sie dort freiwillig in den Tod gegangen, als auf Gedeih und Verderb einem Todesser ausgeliefert zu sein. Panik überkam sie. Hilfesuchend drückte sie sich an die Wand und weinte.
„Ms. Granger", sagte Rabastan, der sie nun nicht mehr freundlich anlächelte. Ein besorgter Ausdruck war auf sein Gesicht getreten. „Ms. Granger, bitte…"
Hustenreiz packte Hermine. Wahrscheinlich war es die Aufregung. Ihre Lungen verkrampften sich, schienen regelrecht zu brennen. Und sie bekam keine Luft mehr. Geschwächt wie sie immer noch war, sank sie auf den Boden. Ihre Beine wollten sie nicht mehr tragen. Ehe sie es sich versah, war Rabastan an ihrer Seite und stützte sie. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, dass er sie vorsichtig hochhob und zurück ins Bett legte. Seine Berührung, seine Hände waren sanft, was sie ihm nicht zugetraut hätte. Sie erinnerte sich ganz weit entfernt daran, dass auch sanfte Hände in Askaban sie berührt hatten. Jemand hatte sie hochgehoben. Da war ein warmer Körper gewesen, an den sie sich geschmiegt hatte. Es war genau wie jetzt, als Rabastan Lestrange sie hochhob und ins Bett zurücklegte.
Es dauerte ein paar Augenblicke bis sich ihr Husten beruhigt hatte.
„Sehen Sie? Sie müssen sich noch schonen. Sie waren sehr schwer krank, die Heiler hatten Ihnen nur geringe Chancen eingeräumt, dass Sie überhaupt wieder gesund werden. Seinen Sie vorsichtiger."
Sie sah Rabastan Lestrange sprachlos an. In seinen Augen konnte sie keine Feindseligkeit erkennen. Offenbar meinte er es tatsächlich ernst mit ihr. Sie war misstrauisch. Warum war er so nett und freundlich zu ihr? Hatte er vergessen, wer sie war? Wer er war? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, was das alles sollte. Als der Hustenanfall vorbei war, nickte Rabastan und ließ sich am Fußende des Bettes nieder. Er achtete darauf, ihr nicht zu nah zu kommen.
„Wo bin ich?", fragte Hermine.
„Im Anwesen der Familie Lestrange", erklärte der Todesser. „Das ist das Haus meiner Eltern."
„Verstehe." Hermine ging gedanklich alles durch, was sie über die Familie Lestrange wusste, doch ihr wollte nichts zu einem Haus einfallen. „Und warum bin ich hier?"
„Sie… sind mein Gast", sagte Lestrange. „Es wäre nicht gut gewesen, wenn Sie länger in Askaban geblieben wären. Also habe ich Sie hier her zu mir geholt."
„Warum?"
„Warum? Sie wären beinahe gestorben dort, Ms. Granger, ist Ihnen das klar? Sie hatten eine schwere Lungenentzündung und die Heiler haben um Ihr Leben gerungen. Wäre es Ihnen lieber gewesen, Sie wären in Askaban geblieben und dort gestorben?"
„Vielleicht, ja", sagte Hermine, die jede Gesellschaft der jetzigen vorgezogen hätte.
„Beleidigen Sie nicht meine Gastfreundschaft, Ms. Granger", sagte Lestrange hart. „Glauben Sie mir, ich kenne viele, die Sie nur allzu gerne tot sehen würden. Denen wäre es nur recht gewesen, wenn Sie in Askaban verrottet wären."
„Warum haben Sie mich nicht dort gelassen?", fragte Hermine und Tränen liefen über ihre Wangen. „Warum bin ich hier? Was soll das Ganze? Was wollen Sie von mir?"
„Das werden Sie früher oder später erfahren", sagte der Todesser und wich ihrem Blick aus. Hermine beschlich das Gefühl, dass er ihr etwas verheimlichte.
„Welcher Tag ist heute?", verlangte Hermine zu wissen. Sie hatte seit ihrer Gefangennahme jegliche Orientierung verloren.
„Wir haben bereits den fünften Januar, Ms. Granger. Sie haben Weihnachten und Neujahr vollkommen… verschlafen."
„Wie… wie lange war ich…?"
„Eine Weile. Können Sie sich an gar nichts erinnern?", fragte der Todesser.
„Doch, dunkel, aber… Nicht richtig", sagte Hermine. „Was ist passiert? Ich war ja… in Askaban, oder?"
„In der Tat, ja. Sie wurden am 18. Dezember des vergangenen Jahres von Mitarbeitern des Ministeriums aufgegriffen. Am 20. Dezember war ihr Prozess. Danach sind sie nach Askaban gekommen. Sie waren ungefähr eine Woche dort, wurden allerdings krank, deshalb habe ich sie zu mir genommen. Sie haben sehr lange geschlafen, fast eine ganze Woche. Eine Heilerin hat sich in der Zwischenzeit um sie gekümmert."
„Waren… waren Sie auch ab und zu da?", fragte Hermine, der plötzlich schrecklich unwohl wurde. Die Stimmen, die Berührungen, das alles hatte sie sich also tatsächlich nicht eingebildet. Der Todesser war bei ihr gewesen und wahrscheinlich hatte er ihr über die Wange gestrichen. Beim Gedanken daran wurde ihr schon übel.
„Ja, ich habe manchmal nach Ihnen gesehen."
„Und was wollen Sie jetzt von mir?"
„Im Moment nichts, Ms. Granger", sagte Lestrange. „Sie müssen erst einmal gesund werden, dann sehen wir weiter. Das wird inzwischen kalt sein", meinte er mit Blick auf ihr Frühstück. „Ich werde den Hauselfen sagen, dass sie Ihnen etwas Neues bringen sollen."
„Nein, danke. Nein, das ist nicht nötig", sagte Hermine schnell.
„Wie Sie meinen. Die Heilerin sagte, dass Sie dringend essen müssen. Als ich Sie aus Askaban geholt habe, waren Sie nur noch Haut und Knochen. Also, wann immer Sie etwas brauchen, sagen Sie nur den Hauselfen Bescheid. Die werden sich um sie kümmern. Ich werde auch die Heilerin noch einmal schicken, damit sie Sie untersucht. Bleiben Sie derweil im Bett und ruhen Sie sich aus. Versuchen Sie nicht zu fliehen, Ms. Granger."
„Sonst was?"
„Nun, wie Sie sehen, ist das Wetter nicht gerade einladend", sagte Lestrange und wies auf die verschneite Landschaft draußen. Während sie geredet hatten, war das Schneegestöber draußen schlimmer geworden. „Und in Ihrem Gesundheitszustand wäre es höchst unklug, etwas Dummes zu versuchen. Sie müssen im Warmen bleiben. Außerdem liegen Schutzzauber um das Haus. Sie können die magische Grenze nicht passieren." Der Todesser wandte sich zum Gehen.
„Bin ich jetzt Ihre Gefangene?", fragte Hermine.
Rabastan hatte den Raum zur Hälfte durchquert, als er innehielt und sich zu ihr umdrehte. „Nein, das sind Sie nicht. Sie sind keine Gefangene dieses Haus, sondern ein Gast, Ms. Granger, und werden dementsprechend behandelt werden."
„Wie lange muss ich hierbleiben?" Hermine hatte schon schlimme Befürchtungen.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen, Ms. Granger. Auf unbestimmte Zeit."
Hermines Gedanken rasten. Sie war im Haus eines Todessers mit der Aussicht, es nie wieder zu verlassen.
„Werden Sie mich töten?"
Lestrange wirkte irritiert. „Nein, das werde ich nicht tun."
„Ich verstehe das nicht! Warum bin ich dann hier? Was soll das alles? Und wo ist mein Zauberstab? Haben Sie ihn zerstört?"
„Ich bedauere Ihnen sagen zu müssen, dass Ihr Zauberstab zwar nicht zerstört wurde, aber das Ministerium ihn konfisziert hat. Sie werden ihn nicht wiedersehen. Tut mir leid."
„Ist das irgend so ein krankes Spiel, das sich Ihr Dunkler Lord ausgedacht hat? Muss ich jetzt hierbleiben und warten, bis man mich… öffentlich… exekutiert? Damit Sie und Ihre Todesserfreunde ihren Spaß mit mir haben können? Damit Sie aller Welt zeigen können, welcher Abschaum ich für Sie bin?"
Lestrange sah sie mitleidig an. Er atmete tief durch. Er schien langsam die Geduld mit ihr zu verlieren. Als er sprach, war er jedoch erstaunlich gelassen und ruhig. „Ms. Granger, niemand hier wird Ihnen etwas Böses antun, haben Sie verstanden? Sie stehen unter dem Schutz meiner Familie. Der Dunkle Lord hat angeordnet, dass Ihnen nichts geschehen darf. Danach richte ich mich. Ich hoffe, damit sind Ihre Fragen beantwortet. Essen Sie jetzt und schlafen Sie. Die Heilerin wird in Kürze nach Ihnen sehen. Wenn es Ihnen besser geht, steht es Ihnen frei, sich im Haus zu bewegen."
„Mr. Lestrange, warten Sie…"
„Nicht so förmlich, Ms. Granger. Nennen Sie mich Rabastan."
Mit diesen Worten verließ Rabastan Lestrange ihr Zimmer und ließ Hermine allein.
