Anmerkung zu Kapitel 3:
Da ich gefragt wurde – 'nageln' bedeutet soviel wie 'flachlegen' ;)
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Burden of impurity
Kapitel 4
Den Spieß umdrehen
Sie würde nicht vor ihm weinen. Nein. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht geben; selbst dann nicht, wenn ihre Tränen kaum noch zu verbergen waren.
Ungläubig blinzelte sie ihn an, den seltsamen Mann in seinen unheimlichen, schwarzen Sachen. Er war ein Scheusal, ein Monster. Genauso wie sie es immer befürchtet hatte.
„Das wagen Sie nicht", murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm.
Snapes schwarze Augen blitzten auf. „Was, Granger?", zischte er. „Was wage ich nicht?"
Offenbar hatte er noch immer Schmerzen, zeigte es aber nicht. Lediglich seine Finger, die erneut zu zittern begannen, verrieten ihr, dass der Zustand, in dem er sich befand, alles andere als harmlos war.
Wie benommen starrte sie auf sein blutgetünchtes Gesicht, überrascht, wie schnell er dazu in der Lage war, von einer Stimmung in die nächste zu wechseln. Es machte ihn unberechenbar. Dennoch konnte Hermine die Sache zwischen ihnen nicht einfach so stehen lassen. Sie hasste es, wenn etwas ungeklärt in der Luft hing.
Ironischerweise sollte sie nicht dazu kommen, sich weitere Gedanken darüber zu machen, denn ein Klopfen von draußen riss sie unsanft aus ihrer Lethargie.
Snape warf ihr einen eigenartigen Blick zu, der irgendwo zwischen Unverständnis und Verwirrung lag. Schnell holte er seinen Zauberstab aus dem Ärmel und beseitigte mit einem gekonnten Schwung seines Handgelenks das Blut. Dann sah er zur Tür.
„Ja?"
Hermine erkannte eine leichte Schwankung in seiner Stimme. Das war es aber auch schon. Binnen Sekunden hatte er sich kerzengerade aufgerichtet und seine harte Fassade an Ort und Stelle zurückgebracht, ganz so, als wäre nie etwas gewesen.
„Professor?"
Ein Drittklässler steckte den Kopf durch den Türspalt und Snape funkelte ihn mit seinen schwarzen Augen an.
„Lassen Sie die anderen eintreten", sagte er dann an den Schüler gewandt, ohne Hermine auch nur mit einem weiteren Blick zu bedenken.
Der Junge nickte und stieß die Tür auf. Nicht lange darauf drängte die Klasse ins Innere des Raumes und zu ihren Plätzen.
Endlich kam Bewegung in Hermine. Sie holte tief Luft und schlurfte zu ihrer Schultasche. Dann suchte sie, so schnell ihr zerrissener Zustand es zuließ, das Weite.
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„Was wollte Snape denn nun eigentlich?", fragte Harry unschuldig, als sie beim Mittagessen beisammen saßen.
Den ganzen Vormittag über hatte Hermine sich geweigert, ihm eine Auskunft zu erteilen und ihn mit irgendwelchen unsinnigen Ausreden abgespeist.
Jetzt, da sie endlich etwas Zeit gefunden hatten, sich miteinander zu unterhalten, schienen all die Emotionen, die sie an diesem Morgen so durcheinander gebracht hatten, wieder hochzukommen.
Sie setzte ein unschuldiges Gesicht auf und seufzte. „Es ist immer dasselbe mit ihm, Harry. Du kannst es dir ja denken."
Er legte fragend die Stirn in Falten. „Kann ich das?"
Hermine nickte knapp. Sie hatte eigentlich überhaupt keine Lust, mit ihm darüber zu reden. Teilweise war der Vorfall in Snapes Klassenzimmer ja ihre eigene Schuld gewesen, schließlich hatte sie ihn herausgefordert.
Harry ballte wütend die Hand zur Faust und schlug damit auf den Tisch. „Es ist so unfair! Genügt es ihm nicht, dich nachsitzen zu lassen? Muss er jetzt auch noch darauf herum hacken?"
Sie blinzelte ihn an. „Mach dir keine Gedanken deswegen. Ich werde das schon durchstehen."
Mit einem künstlichen Lächeln auf den Lippen wollte sie ihre Worte untermauern. Doch selbst Harry merkte, dass es nicht besonders geschickt rüber kam.
„Und was machen wir zwei jetzt?"
Sie rümpfte die Nase. „Keine Ahnung, wirklich. Ron geht mir immer noch gehörig auf den Keks, seit er sich so eigenartig verhält. Aber irgendwie fehlt er mir auch."
Harry grinste und legte aufmunternd den Arm um sie. „Das wird schon wieder. Im Moment strotzt er vor Selbstbewusstsein, weil er jetzt in der Quidditch-Mannschaft ist. Aber du kennst ihn ja. Früher oder später wird er wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren."
Hermine rollte mit den Augen. „Musst du mich daran erinnern?"
„Tut mir leid, Mione. Aber es ist einfach zu komisch. Lavender hat sich nie sonderlich für ihn interessiert. Und jetzt? Sieh sie dir an!"
Hermine schob ihn von sich und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Pah! Diese blöde Kuh! Ständig hält sie sich in seiner Nähe auf. Was glaubst du, will sie von ihm?"
Er legte die Stirn in Falten. „Na was wohl?"
„Ähh!"
Laut glucksend bückte er sich nach unten und holte ein ramponiertes Buch aus seiner Schultasche.
„Okay, dann lass uns über was anderes reden ..."
„Gerne, Harry."
Was so harmlos klang, war es keineswegs. Ihre Augen blitzten gefährlich auf, als sie sah, wie er, total besessen von dem alten Schinken, durch die Seiten blätterte.
„Wie wäre es, wenn du dabei dieses alberne Buch aus der Hand legst? Seit Wochen tust du nichts anderes mehr, als es von vorn bis hinten durchzuackern."
Harry räusperte sich. „Das kann ich nicht, Mione. Dieses Buch ist mein Schlüssel, um endlich zu Slughorn durchzudringen."
„Tatsächlich?", fragte sie eingeschnappt.
„Ja."
„Hmmm. Dann findest du es wohl in Ordnung, deine Noten aufzubessern, indem du dich an die Anweisungen von irgendeinem kranken Hirn hältst, das seine Notizen da hinein gekritzelt hat?"
Wie beiläufig zuckte er mit den Schultern. „Warum nicht?"
Hermine schüttelte den Kopf und stand auf. „Harry, Harry. Wenn ich dich nicht so gern hätte, hätte ich dich schon längst verpfiffen."
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Insgesamt hatte Hermine keine gute Woche hinter sich, als sie sich am Samstag Abend auf einer Treppe im Schloss zurückgezogen hatte, um über die jüngsten Ereignisse zu brüten. Tragischerweise hatten sich die Dinge zwischen ihr und Ron nicht gebessert. Sie vermisste ihn schrecklich, obwohl sie es ihm gegenüber nicht zugeben wollte.
Seit einer guten Stunde saß sie hier nun schon in aller Abgeschiedenheit und ließ ihren Tränen freien Lauf. Als sie dann eine Hand auf ihrer Schulter spürte, wischte sie die nassen Spuren eilig mit dem Ärmel fort, ehe sie aufblickte.
„Hey, Harry."
„Ich dachte mir, dass ich dich hier finde", sagte er milde und setzte sich zu ihr.
Sie zog die Nase hoch. Es war gut, ihn zu sehen.
„Ich verstehe das alles nicht", schluchzte sie leise und lehnte sich an seine tröstende Schulter.
„Ebenso wenig wie ich."
„Ich weiß. Du und Ginny, ha?"
Er nickte schlicht. Und so saßen sie für eine Weile in vollkommener Stille, bis er plötzlich aufstand.
„Ich denke, ich sollte dann mal wieder gehen und die Karte checken."
„Ja, tritt Malfoy in den Arsch, wenn er was Dummes anstellt. Ich für meinen Teil bleibe noch etwas hier sitzen."
„Okay. Wir sehen uns, ja? Aber pass auf. Es ist schon spät, Mione. Und wenn Filch dich um diese Zeit hier erwischt, gibt's noch mehr Ärger."
Sie nickte, obwohl ihr alles gleichgültig war. Ganz besonders Filch.
Tief in sich selbst zurückgezogen gab sie sich erneut ihren Tränen hin.
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„Schön, schön. Was haben wir denn da?"
Hermine riss den Kopf hoch, als sie Snapes Stimme hörte.
Sie antwortete nicht. Stattdessen sah sie ihm einfach nur in die Augen, die vor kalter Wut zu glitzern schienen.
„Sie haben wohl nie genug, Miss Granger? Man könnte beinahe meinen, Sie würden es auf meine Gesellschaft anlegen, indem Sie so spät noch hier herumlungern."
Ein dreckiges Grinsen legte sich über sein Gesicht.
Hermine wischte sich die Tränen beiseite. „Denken Sie nicht so hoch von sich, Professor", gab sie bitter zurück.
Er rollte mit den Augen. „Wo ist all ihr Mut hin? Haben Sie nicht mehr auf Lager? Und das alles wegen des armseligen Weasley-Jungen?"
Sie konnte nicht glauben, dass er das gesagt hatte.
„Woher wollen Sie das wissen?", fragte sie giftig. „Sie wissen gar nichts über mich!"
Er hob eine seiner Brauen an. „Wirklich? Sie enttäuschen mich. Ich habe viele Mädchen wie Sie gesehen, Granger. Heulend, flennend, mit Tränen überströmt … Es ist immer dasselbe. Ein trauriges Klagen, wie unfair doch das Leben ist."
Sie warf ihm einen tödlichen Blick zu, doch es schien ihn nicht zu kümmern.
„Sie stehen Mr. Weasley sehr nahe, da ist es ein Leichtes, den Grund für Ihr Verhalten herauszufinden."
Eine kurze Pause seinerseits gab ihr die Gelegenheit, seine Worte sacken zu lassen. Erst dann fuhr er fort.
„Wie dem auch sei, es ist mir ein Rätsel, wie jemand, der Verstand in sich hat, mit einem Trottel wie ihm auskommen kann."
Hermine riss die Augen auf. „Verstand? Sie rechnen mir tatsächlich Verstand an?"
Er lachte bitter. „Sie sind nicht dumm, ebenso wenig wie ich. Wir wissen beide, dass etwas in Ihnen steckt. Sie gebrauchen es nur nicht richtig."
Wieder einmal sackte ihr in seiner Gegenwart die Kinnlade nach unten.
„Blicken Sie mich nicht so armselig an. Es ist eine schreckliche Angewohnheit von Mädchen, über Dinge zu heulen. Ganz besonders, wenn es sich dabei um einen Jungen mit überdrehten Hormonen handelt."
„Was verstehen Sie schon davon?", keifte sie ihn an.
„Bitte! Denken Sie, mir ist das Getue dieser Gryffindor-Schnepfe entgangen? Won-Won hier, Won-Won da … Absolut lächerlich. Und mindestens ebenso typisch für Ihr Haus."
„Mein Haus?"
Ihr Herz pochte vor Aufregung. Snape aber kratzte mit seinen mit Tinte besudelten Fingern auf sehr desinteressierte Weise Dreck unter seinen Nägeln hervor.
„Er wird zurückkommen. Natürlich erst, sobald er ihrer überdrüssig geworden ist, was nach dem aktuellen Zustand ihres Geturtels etwas dauern kann."
„Was?", fragte sie in einem panischen Flüstern.
Hatte Snape soeben tatsächlich eine Analyse zu Rons Beziehung mit Lavender abgegeben? Was zur Hölle sollte sie damit anfangen?
Er rollte mit den Augen und zog im Anschluss eine Braue in die Höhe. „Überrascht Sie das etwa?"
Hermine schluckte geknickt. „Warum erzählen Sie mir das? Haben Sie nichts anderes zu tun, als sich mit meiner unwürdigen Gesellschaft abzugeben?"
„Ah, nun sind Sie zurück, Miss Granger."
Er lehnte sich gemächlich an die Wand und verschränkte, von einem sanften Rascheln seiner schwarzen Kleidung begleitet, die Arme vor der Brust.
„Sie waren zu spät zu Ihrem Termin", verkündete er genüsslich.
Sie biss sich auf die Zunge. Verdammt!
„Bevor wir es vergessen, werde ich Ihnen zehn Hauspunkte dafür abziehen."
Hermine atmete scharf ein, entgegnete aber nichts darauf.
„Nun? Keine Gegenwehr? Sie überraschen mich."
„Ich hatte nie die Absicht, die Grenze zu Ihnen zu überschreiten, Professor", sagte sie leise. „Aber ich stehe zu meinem Wort. Es war unfair von Ihnen, nur mich zu bestrafen."
„Und da sind wir wieder", bemerkte er sarkastisch.
Betreten zog sie die Nase hoch. Snape kräuselte im Gegenzug die Mundwinkel.
„So, was soll ich jetzt mit Ihnen machen? Sie haben es doch tatsächlich geschafft, das Nachsitzen zu versäumen. Man könnte glatt meinen, Sie haben es darauf angelegt, meine Person zu meiden. Außerdem haben Sie mich zuletzt beleidigt."
Sie fröstelte, als sie den sardonischen Ton hörte, der über seine Lippen rutschte. Automatisch beschleunigte sich ihr Puls.
„Ich habe es vergessen", sagte sie so gefasst wie sie nur konnte.
„Es scheint so."
„Was wollen Sie von mir hören? Eine Entschuldigung?"
„Denken Sie wirklich, dass ich mich für eine verfickte Entschuldigung aus dem Munde einer sturen Gryffindor-Schülerin interessiere?"
Sie blinzelte ihn an.
„Ich bin nicht Minerva, Miss Granger."
„Was wollen Sie dann?", fragte sie verwirrt.
Seine Augen blitzen auf. „Was können Sie mir geben, dass ich mich befriedigt fühle?"
Hermine hielt den Atem an. Er konnte unmöglich das meinen.
„Sie … Sie wollen, dass ich mit Ihnen schlafe?"
Seine Brauen zogen sich voller Abscheu zusammen. „Nein."
Einen Moment lang überlegte sie, ob es der richtige Zeitpunkt war, um ihm ihre Erleichterung zu zeigen und so entschied sie sich dazu, es nicht zu tun, obwohl sie nur zu gut wusste, dass es eine Kleinigkeit für ihn war, sie zu durchschauen.
„Ich hätte Sie bereits beim letzten Mal mit Leichtigkeit nehmen können, wenn Sie sich erinnern."
Hermine schluckte, zutiefst getroffen von seiner Wortwahl. Was sie aber am meisten irritierte, war sein passives Gesicht, das wie immer keine Emotionen erkennen ließ.
Als sie sich endlich wieder gefasst hatte, entschloss sie sich dazu, aufzustehen, schließlich würde alles nicht besser werden, wenn sie noch länger hier herum hockte.
„Keine Entschuldigungen und keine schmutzigen Sachen also?", fragte sie kritisch.
Er schüttelte leicht belustigt den Kopf.
„Was dann?"
„Ich denke, es wird Zeit, Sie zu meinem Büro zu eskortieren, Miss Granger. Nur um sicher zu gehen, dass Sie unterwegs nicht verloren gehen."
„Ja, Sir", sagte sie ohne Widerstand.
Hermine hatte genug. Genug von allem.
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Es war ein langer Marsch durch das Schloss gewesen, in vollkommener Stille, mal abgesehen von ihren Schritten und dem sanften Rascheln seines wallenden Umhangs.
Als sie endlich das Büro erreichten, führte er sie hinein und setzte sich an seinen Tisch. Nachdem er sie dazu aufgefordert hatte, nahm auch Hermine Platz.
Dann legte er seelenruhig seine Hände vor sich ab, faltete die langen, dünnen Finger ineinander und blickte auf sie hinab.
„Nun, Miss Granger, was Sie neulich gesagt haben, ließ mich erkennen, dass Sie eine sehr aufmüpfige Person sind."
Sie runzelte die Stirn, sagte aber nichts darauf.
„Sie hatten kein Recht dazu, diese Dinge zu mir zu sagen." Wie ein Raubtier beugte er sich plötzlich zu ihr vor, bis er ihr unangenehm nahe war. „Haben Sie mich verstanden?"
Als Hermine zuletzt geglaubt hatte, alle Dinge zwischen ihnen waren im Unklaren gewesen, hatte sie absolut richtig gelegen. Spätestens jetzt wurde ihr bewusst, dass er dasselbe gedacht hatte.
„Warum haben Sie es dann nicht für nötig erachtet, Draco ebenfalls zu bestrafen?", fragte sie vorsichtig, wobei sie sich bemühte, seinen heißen Atem auf ihrer Haut zu ignorieren.
„Was Draco getan hat, hat nichts mit der Wahl Ihrer Worte gegenüber Ihrem Lehrer zu tun."
„Mag sein."
Er schnaubte. „Ist Ihnen klar, das ich kurz davor war, Ihnen Gewalt anzutun? Allem Anschein nach nicht, denn sonst würden Sie nicht die Frechheit besitzen, mich ständig herauszufordern."
Sie seufzte und er schob unterdes seine Hände durch seine ungepflegten Haare.
„Sie mögen Intelligenz besitzen, sollten jedoch lernen, in Gegenwart älterer Personen Ihre Zunge zu hüten. Ob Sie mir das glauben mögen oder nicht, die Herkunft eines jungen Menschen führt nicht zwangsläufig dazu, dass er sich im Beisein anderer gehen lässt."
Hermine stutzte. „Was soll das heißen?"
Er kräuselte die Lippen. „Zugegeben, es hat mich erstaunt, dass ausgerechnet Sie so aufbrausend reagieren können, wo Sie doch den Ruf einer Vorzeigeschülerin genießen, nicht wahr?"
Kaum hatte er ausgesprochen, entblößte er eine Reihe gelblicher Zähne.
Hermine aber war zu aufgebracht, um sich näher damit auseinander zu setzen. Ungläubig schnappte sie nach Luft.
„Sie wollen doch nicht etwa den Erziehungsstil meiner Eltern kritisieren?"
„Ihre Eltern, Miss Granger, mögen eine Prinzessin in Ihnen sehen und Ihnen alles gegeben haben, was Sie sich wünschten. Ich jedenfalls komme zu dem Schluss, dass Sie ein verwöhntes Ding sind."
„Meine Eltern lieben mich", schoss sie zurück.
„Das bezweifle ich nicht. Doch manchmal kann eine bestimmte Art der Liebe zu einem falschen Urteilsvermögen führen."
„Was wissen Sie schon davon? Sie haben keine Kinder, oder?"
„Glücklicherweise nicht. Aber ich unterrichte nun schon lange genug, um die verschiedenen Arten der Erziehung analysieren zu können, Miss Granger. Außerdem geht es hier nicht um jemand anderen, sondern um Sie. Ihr kindisches Verhalten zwingt mich dazu, Sie zur Rede zu stellen und gleich, ob ich das nun will oder nicht, sind Sie meine Schülerin und als solche bin ich für Sie verantwortlich, ebenso wie für jeden anderen auch."
Sie konnte keinen Sinn hinter seinen Worten erkennen, nachdem er ihr erst kürzlich damit gedroht hatte, sie flachzulegen. Doch es spielte ohnehin keine Rolle, weil er einfach weiter seinen Vortrag hielt, ohne sie mehr als nötig zu beachten.
„Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, was Sie schon längst wüssten, wenn Sie nur Ihre Augen öffnen würden. Benutzen Sie Ihr Hirn. Ich bezweifle nicht, dass Ihnen bewusst ist, dass uns ein Krieg bevorsteht. Demnach müssen Sie erwachsen werden. Hören Sie auf, wie ein Kind zu weinen."
„Ich habe nicht geweint!"
„Wirklich? Warum saßen Sie dann in diesem derart desolaten Zustand auf der Treppe? Weil ich Sie nachsitzen lasse etwa?"
Er grinste und Hermine hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Während sie auf ihrer Lippe herumkaute, kam ihr in den Sinn, dass das nicht die richtige Lösung war, um die Probleme zwischen ihr und ihm beizulegen.
„Ich sagte Ihnen, dass es mir gleich ist, wenn Sie mich nachsitzen lassen. Aber ich bin erst siebzehn Jahre alt. Da gibt es gewisse Dinge, die einen durcheinander bringen können und darum weinen Mädchen schon mal."
„Vielleicht. Es wird nur nicht besonders hilfreich sein, wenn Sie mit Potter befreundet sind und Sie sich nicht etwas zusammen nehmen. Er hat einen Hang dazu, sich in Schwierigkeiten zu bringen und mit dem Urteilsvermögen, das Sie bisher an den Tag legen, werden Sie den Krieg nicht überstehen. Glauben Sie bloß nicht, dass Ihnen noch jede Menge Zeit bleiben wird, sich darauf vorzubereiten. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Krieg Sie erreicht."
„Wann?", fragte sie hart.
Er blinzelte. „Wie bitte?"
„Wann wird es diesen Krieg geben, von dem Sie sprechen?"
Snape schnaubte amüsiert. „Einige von uns sind schon beinahe zwanzig Jahre dabei."
„Richtig ..."
Seit er das Dunkle Mal angenommen hatte, war eine halbe Ewigkeit vergangen.
„Allerdings."
„Redet er nicht mit Ihnen darüber? Voldemort?"
Er zuckte zusammen, als hätte er Schmerzen. „Sagen Sie nicht seinen Namen", zischte er sie an.
Sie rollte mit den Augen. „Sie müssen hoch in seiner Gunst stehen, sonst würde Dumbledore nicht so große Stücke auf Sie setzen, nicht wahr? Und dennoch fürchten Sie sich vor seinem Namen."
„Lassen Sie uns das klarstellen: ich fürchte weder Schmerzen, noch den Tod."
Sie nickte schlicht. Was sonst hätte sie tun können, als sie sein unheimliches Gesicht mit den durchdringenden, schwarzen Augen betrachtete?
In Wahrheit hatte Snape nie einen vertrauenerweckenden Eindruck auf sie gemacht. Im Gegenteil, er wirkte, als wäre er bereit, jeden Moment auszuticken, um welche auch immer armselige Kreatur niederzumetzeln, die es wagen sollte, im falschen Moment unaufgefordert durch seine Tür zu spazieren.
„Ich würde jetzt gerne gehen, Professor", sagte sie vorsichtig. „Unsere Zeit ist um."
Er grinste und sie wusste sofort, dass er nicht zum Scherzen aufgelegt war.
„Haben Sie in mir je eine humorvolle Person gesehen?"
Hermine schluckte wortlos.
„Versuchen Sie nicht, mich zum Narren zu halten, Granger", warnte er. „Wir werden selbstverständlich die versäumte Zeit nachholen."
„Was Sie nicht sagen", murmelte sie verhalten.
Snape stand plötzlich auf und verschränkte seine Hände hinter dem Rücken.
„Ich sehe keine Notwendigkeit für das übliche Prozedere, Sie fünfhundert Zeilen derselben Sache schreiben zu lassen, Miss Granger. Es wäre einfach fehl am Platz. Somit bin ich zu der Übereinkunft gekommen, anders mit Ihnen zu verfahren."
Er richtete sich kerzengerade auf und starrte sie an.
„Stehen Sie auf, Granger."
Sie tat es nicht. Aus dem einfachen Grund, dass sie zu geschockt war.
„Tun Sie sich keinen Zwang an und reagieren Sie sich an mir ab. Das ist es doch, was Sie wollten, nicht wahr?", fragte er süßlich.
Dann beugte er sich zu ihr hinunter, noch immer mit den Händen hinter dem Rücken, so dass seine langen Strähnen beinahe ihr Gesicht berührten.
„Lassen Sie uns das endlich klären, dann geht es Ihnen besser", flüsterte er aufreizend.
Hermine schauderte und schüttelte den Kopf, als wäre etwas faul an der Sache, was es ja offensichtlich auch war, denn wenn Snape so etwas forderte, konnte dahinter nur eine Falle stecken.
„Kommen Sie, stehen Sie auf."
Hermine wusste nicht, wie er es geschafft hatte, all die Dinge, die sie neulich gegen ihn verwendet hatte, nun gegen sie einzusetzen.
„Sie haben Draco geschlagen", verkündete er schlicht. „Tun Sie es noch einmal. Doch diesmal bei mir."
Sie erzitterte. „Das ist nicht Ihr Ernst", sagte sie kaum hörbar. „Das mit Draco war vollkommen anders."
„Wirklich?" Er sah sie mit hochgezogener Braue an. „Warum?"
„Er hat mir einen Grund gegeben, indem er mich und meine Herkunft beleidigt hat."
„Ha. Interessant."
„Nein. Keinesfalls. Es geschah alleine zu seiner Belustigung. Er ist jemand, der Spaß daran hat, andere zu ärgern."
„Und was lässt Sie glauben, dass ich anders bin? Kommen Sie schon. Nur ein Schlag, Granger."
„Sie haben mich nicht verletzt. Jedenfalls waren Ihre Worte anders als das, was Draco gesagt hat. Außerdem sind Sie mein Lehrer."
Seine Augen blitzten auf. „Wenn ich also nicht Ihr Lehrer wäre und Sie herausfordern würde, würden Sie es tun?"
Sie zögerte, ehe sie antwortete. „Vielleicht."
Hermine konnte ihm nicht länger in die Augen sehen und senkte den Kopf.
Er hingegen richtete sich wieder auf.
„Gut. Wir tun das, was Sie beim letzten Mal vorgeschlagen haben. Ich werde niemandem davon erzählen. Versprochen. Niemand wird es je erfahren."
Hermines Blick schoss wütend nach oben. „Und was dann? Sie denken, ich würde Sie schlagen, nur weil Sie mir Ihr Wort gegeben haben, es nicht zu verraten?"
Er zuckte mit den Schultern. „Das ist der Teil des Deals."
„Ja, dennoch habe ich nicht die Absicht, Sie zu schlagen."
„Was dann, Miss Granger? Welche Absicht hatten Sie beim letzten Mal in Ihrem Kopf? Sie waren wütend und haben mich beleidigt. Wollen Sie es mir nicht sagen? Nein? Schade."
Purer Sarkasmus lag auf seiner Zunge und Hermine wurde ganz übel davon. Plötzlich wusste sie wieder, warum sie ihn nie gemocht hatte: es war seine Art, jemanden auflaufen zu lassen.
„Sie enttäuschen mich", sagte er weiter. „Nichts als leere Worte. Aber was ist, wenn ich den ersten Schritt mache? Was wird dann passieren? Werden Sie sich dann zur Wehr setzen, so wie bei Draco?"
„Das wagen Sie nicht!", stieß sie panisch aus.
„Tatsächlich? Lassen Sie es uns versuchen ..."
Hermine sprang mit einem Satz auf die Beine und hechtete zur Tür. Doch noch ehe sie sie erreichen konnte, hörte sie ein Klickgeräusch und wusste instinktiv, dass sie diesen Raum nur würde verlassen können, indem sie über Snapes Leiche stieg.
