Fallen from grace

Kapitel 4

Kurz davor

Hermine und Severus lagen Arm in Arm auf dem Sofa in seinem Büro und dösten vor sich hin. Zwischen ihnen war eine eigenartige Vertrautheit entstanden, die es ihnen erlaubte, sich diesen kostbaren Momenten des Schweigens hinzugeben. Oft sprachen sie stundenlang kein Wort, was für eine gesprächige Person wie Hermine sehr ungewöhnlich war. Aufgrund der kleinen Berührungen und Gesten aber fühlte sie sich ausgesprochen wohl damit. Das Einzige, was sie plagte, war ihr schlechtes Gewissen, ihm seine Ruhe zu rauben, die er bitter nötig hatte. Ihr war aufgefallen, dass er in unregelmäßigen Abständen extrem überarbeitet und gestresst wirkte, sich aber in ihrer Gegenwart deutlich entspannte.

„Sollte ich nicht besser gehen, damit du dich ausruhen kannst?", fragte sie vorsichtig. Vor lauter Ungeduld bearbeitete sie wieder einmal mit den Zähnen ihre Lippe.

Er machte ein Auge auf und beäugte sie kritisch. „Ich bin wach."

Sie schmunzelte, als sie seine raue Stimme hörte. „Das sehe ich."

Erneut waren seine Augen von neuen und tiefdunklen Schatten umgeben, doch sie wusste nicht so recht, ob sie es wagen konnte, ihn darauf anzusprechen.

Entschieden schüttelte er den Kopf. „Bleib. Bitte."

„In Ordnung. Aber nur, wenn du mir endlich sagst, was mit dir los ist."

Er vergrub sein Gesicht in ihren Locken, um seinen Ausdruck vor ihr zu verbergen, denn irgendwie schaffte sie es immer wieder, seine Stimmungen zu deuten. „Was meinst du?"

„Wenn du vorhast, dich jetzt vor mir zu verstecken, ist es zu spät. Ich konnte sehen, dass du todmüde bist. Was ist los mit dir? Du bist doch nicht etwa auch ein Werwolf, wie Lupin?"

Sein tiefes Lachen an ihrem Ohr ließ sie erzittern. „Wie kommst du denn darauf?"

„Ha! Du weichst mir schon wieder aus, Severus. Und vor allem, was ist so komisch daran? Er hat hart damit zu kämpfen. Und das ist in letzter Zeit nicht spurlos an ihm vorüber gegangen."

Er drückte ihr einen langen Kuss auf den Hals, bevor er antwortete. „Nein, es ist nicht komisch. Obwohl ich nicht sagen kann, dass er mir leid tut."

„Natürlich nicht. Du bist Severus Snape, wie konnte ich das nur vergessen ..."

„Würdest du aufhören, dich über mich lustig zu machen? Oder muss ich dich erst vom Sofa werfen?" Ohne auf ihre Antwort zu warten, packte er sie spielerisch und schob sie so weit an den Rand, bis sie, dank seiner kräftigen Hände, halb in der Luft hing.

Hermine war so überrascht von seinem Handeln, dass ihr gar keine Zeit geblieben war, etwas dagegen zu tun. Das Gefühl, ihm ausgeliefert zu sein, war eigenartig, ohne unangenehm zu wirken. Als sie jedoch versuchte, seinem Griff zu entkommen, sackte sie ruckartig einige Zentimeter nach unten und kreischte vor Schreck auf. Noch immer hielt er sie fest in den Händen, ohne Anstalten zu machen, von ihr abzulassen.

„Lass mich runter!", befahl sie energisch. Warum sie das gesagt hatte, wusste sie selbst nicht so genau, vermutlich geschah es aus alter Gewohnheit, immer einen Kommentar abzugeben, ganz gleich, ob er nun angemessen war, oder nicht. Jedenfalls sauste sie prompt tiefer, bis sie ganz unten aufkam. Dort wurde sie von seinen Armen gebremst, ehe sie mit dem Kopf aufschlagen oder sich verletzen konnte. Lediglich ihr Körper hatte den kleinen Aufprall gespürt.

Benommen lag sie auf dem Boden und fühlte seine warmen Hände, die unter ihrem Nacken lagen und ihren Kopf stützten. Unmittelbar darauf hörte sie das vertraute Rascheln seines allgegenwärtigen Umhangs und spürte das Gewicht seines Körpers, der auf ihr lag und sie fest auf den Boden drückte. Das Gefühl war berauschend und sendete unzählige elektrische Schocks durch ihre Körpermitte. Noch nie zuvor hatte er so direkt auf ihr gelegen.

Als sie sich von dem unerwarteten Sturz gefasst hatte, blickte sie in sein Gesicht und sah das schelmische Grinsen darauf. Sekunden, in denen sie sich innig anblickten, vergingen, ehe sie sich traute, sich zu bewegen. Vorsichtig schälte sie ihre Hand hervor, die unter seinem Umhang begraben lag und legte sie in seinen Nacken.

Sofort erkannte sie die Veränderung seines Ausdrucks, der sowohl der Unsicherheit, als auch der Überraschung über sich selbst wich. Ihre Finger fühlten die weiche und zugleich kräftige Struktur seiner Haare und wickelten einzelne Strähnen ein, während er sie mit leicht geöffnetem Mund anblickte und offenbar nicht so recht wusste, was er aus dieser Situation machen sollte. Die Gedanken in seinem Kopf waren so durcheinander, dass er vermutlich alles getan hätte, wenn er sich in seiner Zerrissenheit nur hätte festlegen können.

Hermine spürte die sich kontinuierlich steigernde Erregung seines Unterleibs auf sich. Es war kurios, sich in dieser Position unter ihm zu befinden. Verlegen blinzelte sie ihn an und strich ihm mit der anderen Hand, die nicht in seinem Nacken feststeckte, die langen schwarzen Strähnen aus dem Gesicht. Mit Verwunderung stellte sie fest, dass er einige wirklich interessante Züge an sich hatte, die ihr optisch noch nie zuvor aufgefallen waren. Seine Augen waren feurig und dunkel, zugleich aber nicht so verschlossen wie gewöhnlich. Zum ersten Mal überhaupt waren die Muskeln seiner Kiefer entspannt, wodurch die Falten seiner Mimik an Intensität verloren.

Hätte sie ihn unter diesen Umständen kennen gelernt, wäre ihr seine Ausgelassenheit nicht näher aufgefallen. Doch so entdeckte sie Schritt für Schritt, dass Severus weitaus gefühlvoller war, als sie vermutet hatte, diese Emotionen jedoch in seinem Inneren verborgen hielt, wie viele seiner anderen Eigenarten auch.

Sie stutzte, als sie darüber nachdachte. Vermutlich wären die Veränderungen seines Verhaltens niemandem sonst aufgefallen. Die Erfahrungen, die sie mit ihm machte, passten kaum mit dem Bild zusammen, das man bekam, wenn man in seiner Klasse war und ihn im Unterricht erlebte.

Ihre Hand strich gedankenverloren über sein Gesicht, als er sich zu ihr hinab beugte und sanft ihre Lippen berührte. Hermine schloss die Augen und ließ seinen Geschmack auf sich einwirken. Ihre Zunge streckte sich nach ihm aus und sie stellte fest, dass er ihr entgegenkam. Das warme feuchte Fleisch ihrer Münder verschmolz so innig miteinander, als hätte es nie etwas anderes für sie gegeben. Die Bewegungen seiner Hände, die ihren Körper abtasteten, wurden fahriger und Hermine verstärkte den Griff in seinem Nacken, als sie geräuschvoll ausatmete.

Sie brannten vor Sehnsucht und Begierde, bis ihnen die Luft wegblieb und sie schließlich auseinander stoben. Schwer atmend leckte sie sich über die Lippen, um den letzten Rest seines Geschmacks in sich aufzunehmen.

Snape sah verwundert auf sie hinab, seine Brust hob und senkte sich schnell. Hermine aber lächelte ihm mit roten Wangen entgegen. „Wir sollten das öfter tun", bemerkte sie atemlos.

Seine Brauen rutschten fragend nach oben, doch sie ließ ihm keine Zeit, sich weitere Gedanken darüber zu machen und zog ihn zu sich, indem sie ihre Finger um eine Handvoll Knöpfe auf seiner Brust schlang, die sich im Rhythmus seiner Atmung bewegten.

Ihre Lippen prallten aufeinander, ihre Zungen verschmolzen. Hermine stöhnte auf. Jeder Muskel ihres Körpers schien in Bewegung zu sein.

Kaum hatte er ihre Laute vernommen, fühlte er, dass er ungemein schwach wurde. Das unvermeidliche Verlangen, sie hier und jetzt zu nehmen, siegte über ihn. Es war ein stechender Schmerz, der ihn alles andere vergessen ließ. Seine Hände glitten in langen Bahnen über ihren Körper und fühlten die Konturen ihrer Brüste.

Ihre Sprache, die sie ihm ohne ein einziges Wort signalisierte, war eindeutig: sie wollte ihn. Und das mindestens ebenso stark, wie er sie.

Auch dann, wenn er unerfahren auf diesem Gebiet war, konnte seine geübte Nase die wohltuenden und erregenden Düfte wittern, die ihrer warmen Haut entströmten. Ihr buschiges, rotbraunes Haar lag ausgebreitet vor ihm auf dem Boden und verstärkte die verführerische Wirkung der jungen Hexe nur noch mehr. Er konnte nicht anders, als sich darüber wundern, wie er es immer verachtet hatte…

Hermine presste ihn an sich und sehnte sich bei jeder ihrer Bewegungen danach, ihre Kleider von sich zu reißen. Auch dann, wenn sie unsicher deswegen war. Gemeinsam fielen sie immer tiefer und ließen sich forttragen von den Geschehnissen, die um sie herum stattfanden.

Sie war gerade dabei, seine Knöpfe genauer zu erkunden und wollte einen neuen Versuch starten, sie zu öffnen, als die traute Zweisamkeit, in der sie sich befanden, jäh unterbrochen wurde und ein Patronus vor ihnen erschien. Beide fuhren erschrocken auf und schon drang die aufgebrachte Stimme von Professor McGongagall durch den Raum: „Severus! Sie hat Sybill entlassen!"

Er stöhnte auf und setzte sich ruckartig auf die Knie.

Hermine starrte ihn fragend an. „Sybill?", keuchte sie angestrengt hervor.

Ihr war nicht entgangen, dass ihre Hauslehrerin keinesfalls freundlich zu ihm gesprochen hatte. Warum auch immer; jedes Ordensmitglied schien seine eigenen Vorbehalte gegen ihn zu haben und sie war neugierig darauf, die Hintergründe zu erfahren. Aber das hatte Zeit.

„Trelawney", antwortete er schnaubend und fuhr sich mit einem tiefen Seufzer mit den Fingern durch die Haare.

Obwohl Hermine in einer so innigen Situation wie dieser nicht daran denken wollte, wirkte sie geschockt. „Wie kann Umbridge das nur tun?"

Er legte den Kopf schief und hob die Brauen, als würde sich diese Frage erübrigen.

„Nun ja", erklärte sie schnell, „es ist nicht unbedingt so, dass ich besonders viel mit ihr und der Wahrsagerei anfangen konnte. Trotzdem! Das ist nicht gerade fair …"

Wortlos schüttelte er den Kopf. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich jetzt damit auseinander zu setzen, ob das Fach Wahrsagen einen Sinn ergab. Benommen richtete er sich auf.

Nachdem er mehr schlecht als recht auf den Füßen stand, streckte er Hermine seine Hand entgegen und zog sie zu sich hoch. Seine Augen starrten sie mit einem unleserlichen Ausdruck darin an. Was auch immer er vorhatte zu sagen, war nicht das, was er sagen wollte.

„Ich …"

Sie blinzelte, als sie merkte, dass er mit sich kämpfte. Die plötzliche Unterbrechung, die ihre Nähe zueinander gestört hatte, war ihm keineswegs gelegen gekommen. Sie konnte deutlich die Zerrissenheit spüren, die er empfand und es schmerzte sie, dass sie so jäh auseinander gebrochen waren. „Ja?"

Noch während er nach Worten rang, tauchte die tiefe Falte zwischen seinen Brauen auf, die bis vor wenigen Minuten fast gänzlich verschwunden war. „Ich – ich muss gehen."

Sie nickte matt. „Ich weiß." Ihre Enttäuschung war nicht zu überhören und sie schämte sich dafür. Doch dann besann sie sich eines Besseren und holte Luft. „Werde ich dich später noch sehen?"

Es war zu viel für ihn. Er wandte den Blick ab und sah zu Boden. „Morgen." Sein Magen verkrampfte sich bei dem grausamen Gefühl, das er hatte, als er in die Realität zurückgerufen wurde und mit steifen Fingern seine Kleidung in Ordnung brachte. Sofort begannen seine Kiefermuskeln zu arbeiten. „Es wird spät werden, heute …", fügte er nach einer kleinen Pause an.

Hermine nahm ihre Lippe zwischen die Zähne. „Dann also morgen."

Er nickte knapp und eilte zur Tür, während sie ihm nachdenklich hinaus folgte.

xxx

Trelawneys Entlassung war im Grunde genommen nur eine Frage der Zeit gewesen. Umbridge hatte sämtliche Lehrer inspiziert und war wohl – wie alle anderen auch – zu der Ansicht gekommen, dass sie am wenigsten von Nutzen war. Für Snape hatte schon immer festgestanden, dass Albus einen Hang dazu hatte, sich den verlorenen Seelen anzunehmen, die ihre Kreise um die Schule zogen.

Er seufzte. Sein eigenes, klägliches Dasein, das er in den Kerkern fristete, war das beste Beispiel dafür. Im Grunde genommen hatte er selbst genug Probleme, um sich auch noch mit dem Nutzen der Wahrsagelehrerin auseinanderzusetzen. Dennoch mochte er die Methoden nicht, die Umbridge anwandte, um ihren Einfluss auszuweiten. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn sie nie in Hogwarts erschienen wäre.

Unruhig schritt er in seinem Büro auf und ab und ließ die vergangenen Stunden noch einmal Revue passieren. Sybill. Umbridge. Hermine…

Erst jetzt, da er wieder alleine war, wurde ihm so richtig bewusst, was geschehen war. Verloren hockte er sich auf das Sofa und krümmte sich vornüber zusammen, den Oberkörper tief über die Knie gebeugt.

Was hatte er da nur getan? Er hatte sie in einem Anflug einer albernen Spielerei vom Sofa fallen lassen. Was war dabei nur in ihn gefahren? Jahrzehnte lang hatte er sich zurückgezogen und vor jeglicher Form des Vergnügens abgeschottet.

Lily. Er konnte nicht leugnen, dass er einst Spaß mit ihr hatte. Doch seine kuriose Form der Liebe, die er für sie empfunden hatte, war nicht ausreichend gewesen, um sie zu halten. Im Gegenteil. Vermutlich hatte er sie damit erschreckt und sie genau deshalb auf Abstand zu ihm gebracht. Oder etwa doch nicht? Sie hatte ihre Wahl getroffen, als sie sich an James geworfen hatte.

Severus schauderte. Hermine. Sie war viel zu jung. Aber er hatte auf ihr gelegen und jeden ihrer Atemzüge unter sich gespürt, genauso wie die Hitze ihres Körpers, der ihn in Erregung versetzt hatte. Es war hart gewesen, ihr zu widerstehen. Schon allein ihr Lächeln versetzte ihn immer wieder in einen vollkommen unbekannten Zustand der Euphorie.

Er mochte sie und ihre Gegenwart leiden und es war nicht zu übersehen, dass es ihr genauso ging. Trotzdem war er sich nicht sicher, warum er das heute getan hatte. Am Anfang war es noch einer seiner üblichen Versuche gewesen, sie von ihren ständig heraussprudelnden Fragen abzulenken, die zu tiefgründig in sein Privatleben und seine Vergangenheit vordrangen. Doch dann, als er auf ihr gelegen und ihren voller Leben pulsierenden Körper an seiner Brust gespürt hatte, war es ihm schwer gefallen, sich von ihr abzuwenden.

Wer weiß, was alles geschehen wäre, wenn McGonagall nicht dazwischen gefunkt hätte … Hermine war dazu bereit gewesen, mit ihm zu schlafen. Und er musste sich eingestehen, dass sie sich extrem gewandelt hatte. Plötzlich wirkte sie weiblich und gereift. Doch war das wirklich das, was er wollte. Nach all dieser Zeit?

Lily.

Es mochte ihm zwar nicht besonders behagen, doch irgendwie war die junge Hexe Teil seines Lebens geworden.