Als Hermine am Samstag aufstand, war sie zum ersten Mal, seit der verhängnisvollen ersten Begegnung mit dem Fremden in der Gasse, nicht mit Schuldgefühlen beladen, sondern fest entschlossen herauszufinden, wer dieser Kerl war. Nach dem gestrigen Abend musste sie sich endlich eingestehen, daß Scham und Schuldgefühle ihrem eigenen Verhalten gegenüber nicht nur absolut unangebracht und ihr in dieser verzwickten Lage auch keine Hilfe waren, sondern sie sogar noch mehr in die Rolle des Opfers drängten.

Entschieden schnappte sich Hermine einen Block und einen Stift und setzte sich mit einer großen Tasse Kaffee an den Küchentisch. Sie arbeitete schließlich als Referendarin in einer bekannten und renommierten Anwaltskanzlei, da sollte sie nach über zwei Jahren doch gelernt haben, wie man Fakten sammelte, Hintergründe beleuchtete und sich so ein Bild von einer Gesamtsituation schaffen konnte. Es war an der Zeit, daß sie ihren, in den letzten Tagen offensichtlich recht wenig beanspruchten Verstand, endlich einschaltete und benutzte. Sie musste in ihren Erinnerungen wühlen, auch in denen, die sie am liebsten verdrängte, weil sie doch noch immer schmerzten. Der Mann, der es mit einigen Berührungen und wenigen Küssen schaffte ihren Körper in Brand zu setzen, diesen Mann kannte sie, dessen war sie sicher. Es war ebenfalls offensichtlich, daß er Kenntnisse über sie hatte, die teilweise sogar bis in ihre Schulzeit zurück reichten.

Es lag nun einzig an ihr, herauszufinden, woher er sie kannte und wer er war.

Nach über drei Stunden und etlichen Litern Kaffee sah Hermine resigniert auf ihren Block. Sie hatte nicht einmal eine Seite mit Fakten füllen können, und das, was sie zusammengetragen hatte, war einfach lächerlich wenig. Jeder ihrer Chefs würde sie auslachen, wenn sie mit dieser Liste das Bild eines Verdächtigen beschreiben wollte.

Hermine beschloss eine kleine Pause einzulegen und einen Spaziergang im Park zu machen. Danach wollte sie ihre Liste noch einmal überarbeiten.

Als sie aus der Haustür trat, bemerkte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung hinter dem kurzen Holzzaun eines leer stehenden Hauses auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Nachdem sie ein paar Schritte gegangen war, überlegte sie, ob sie vielleicht beobachtet wurde oder langsam Teil zwei ihrer zunehmend geistigen Umnachtung begann – Verfolgungswahn....

Während sie durch den Park ging, überlegte sie, daß es allerdings keine andere Erklärung gab, wieso der Fremde so genau wußte, wann und wo er sie antreffen konnte. Er musste sie beobachtet haben, oder zumindest über fast jeden ihrer Schritte genauestens informiert worden sein.

Sie versuchte nochmals den Tag, als er sie in der Gasse überfiel, zu rekonstruieren. Sie hatte niemandem im Büro gesagt, was sie an diesem Abend noch unternehmen wollte. Die einzigen Personen, die wußten, daß sie noch in die Kneipe in dieser Gasse wollte, waren sie, Harry und vermutlich einige seiner Freunde, die sich auch dort mit ihm treffen wollten. Es war auch niemand bei ihr, als Harry sie im Büro anrief, um sie einzuladen.

Obwohl sie nicht alle von Harrys Freunden kannte, verwarf sie rasch den Gedanken, einer von ihnen könne der Täter sein. Sie schüttelte den Kopf, als sie sich grinsend vorstellte, wie Hector, ein herzensguter junger Mann und ein fantastischer Sportler, aber leider mit dem IQ einer Straßenlaterne, grübelte, wie er eine junge Frau kidnappen könne. Er würde es wahrscheinlich für das unauffälligste halten, sie in einem überfüllten Warenhaus mit einem Lasso einzufangen, sich wie einen Sack Mehl über seine Schulter zu werfen und dann gemütlich nach Hause spazieren, während sein Opfer sich die Kehle aus dem Leibe schrie.

Immer noch schmunzelnd macht sich Hermine auf den Heimweg, wobei sie diesmal versuchte unauffällig ihre Umgebung zu beobachten, ob sie vielleicht etwas ungewöhnliches bemerkte, was darauf schließen ließ, daß sie beschattet würde. Ohne irgendetwas feststellen zu können, kam sie unbehelligt nach wenigen Minuten vor ihrer Wohnung an und ging sofort, nachdem sie ihren Mantel ausgezogen hatte, in die Küche um sich wieder ihrer Liste zu widmen.

Der erheiternde Gedanke an den lieben, aber etwas trotteligen Hector, hatte sie auf die Idee gebracht, eine Liste all ihrer männlichen Bekannten und Freunde anzulegen.

Vielleicht schaffte sie es auf diese Weise, den einen oder anderen Kandidaten zu selektieren, der eventuell in Frage kommen könnte. Hermine war sich klar, daß der Kandidat zumindest zwei auffällige Charaktereigenschaften haben musste, einen brillanten Verstand und eine verflucht großzügige Portion Selbstbewusstsein. Vermutlich war er bei der Verteilung des Charakterzuges „Bescheidenheit" schlicht und ergreifend nicht anwesend gewesen.

Bereits nach weniger als 20 Minuten hatte Hermine ihre Liste fertig gestellt. Sie las sich nicht gerade wie das Who-is-Who der brillanten Zauberer des Landes. Hermine stellte überrascht fest, daß sie fast alle ihrer männlichen Bekannten Harrys und Ginnys Freundeskreis zu verdanken hatte. Sie war sich immer bewußt gewesen, aufgrund ihrer Ernsthaftigkeit und der vielen Zeit, die sie mit Lernen verbrachte, kaum wirklich enge Freundschaften geknüpft zu haben. Auch während der Zeit ihres Studiums hatte sie wahrscheinlich die Bibliothek besser gekannt als die Mensa oder die Cafeteria, aber so offensichtlich war ihr das noch nie vor Augen geführt worden.

Auf ihrer Liste befanden sich nur 3 Männer, die sie selber kennen gelernt hatte.

Da war Chase, den sie zu Beginn des Studiums gefunden und mit dem sie auch intim befreundet gewesen war. Ein netter Kerl aus reicher Familie, allerdings mit dem Gemüt eines lieben tapsigen Teddys. Ihn konnte sie sofort von der Liste streichen. Chase war gar nicht in der Lage sich eine sexuelle Begegnung mit einer Frau, außer zum Zwecke der Fortpflanzung, vorzustellen. Aus diesem Grunde war die Beziehung auch bereits nach kurzer Zeit gescheitert. Chase suchte eine Ehefrau und Mutter, die neben den häuslichen Fähigkeiten über genug Intellekt verfügte, damit er sich abends mit ihr unterhalten konnte. Das war allerdings nicht die Intention, mit der Hermine ihr Studium begonnen hatte. Sie wollte lernen, einen Job haben, der sie forderte und erfüllte. An Familienplanung dachte sie noch gar nicht und wenn sie ehrlich war, Chase war mit seiner Gleichmütigkeit (oder war es nicht schon fast Langweiligkeit) nicht gerade aufregendes Genmaterial, zumindest nicht in ihren Augen.

Dann traf sie John, der ihr auf den ersten Blick gefiel. John studierte Sprachwissenschaft und begeisterte sie immer wieder mit Zitaten aus den unterschiedlichsten Klassikern. In einem gewissen Sinn waren sie seelenverwandt. Sie liebten beide Bücher und konnten sich vollkommen von der realen Welt abschirmen, wenn sie in einem interessantes Buch lasen. In einem Falle waren sie allerdings sehr gegensätzlich. John war für Hermines Begriffe etwas zu sensibel. Er nahm alles persönlich, fühlte sich ständig angegriffen und wollte jeden nichtigen Streit tagelang ausdiskutieren. Als er begann Hermine immer häufiger Vorwürfe zu machen, wenn sie sich mal mit Harry oder einem anderen Bekannten alleine traf, zog Hermine einen Schlussstrich. Als sie es John mitteilte, brach er in Tränen aus, zitierte aus Romeo und Julia und drohte ihr eine Woche lang, er werde sich das Leben nehmen. Dieses Verhalten reichte Hermine um ihren Entschluss nicht zu bereuen. Heute sagte es ihr aber auch, daß er als Täter ebenso wenig in Frage kam wie Bambi.

Beim letzten Kandidaten sah die Sache etwas anders aus. Hermine war in einer Phase gewesen, in der sie sicher war, mit einem Partner, der ihr geistig nicht überlegen war, besser zu fahren. Und so lernte sie in einer Muggel-Kneipe Hank kennen. Hank war Automechaniker, hatte noch nie von Zauberei gehört, lebte in einer typischen Junggesellenwohnung und fand es „scharf, eine tolle und schlaue `Alte` zu haben." Leider wurde der „Alten" nach einiger Zeit klar, daß samstägliches Rudelsaufen mit den Kumpels, Fußballspiele außerhalb und der abendliche TV-Genuss von täglichen Reality-Shows, gar nicht ihr Ding waren. Sie war es leid, daß Hank fast ständig eine spöttische Bemerkung von sich gab, wenn er sie mit einem Buch vorfand. Nach nur 3 Monaten platze ihr der Kragen als sie von ihm den Satz „Hey Schatz, les nicht so viel, Dumm fi.....t besser" zu hören bekam. Sie teilte ihm mit, daß er ab jetzt jederzeit in der Lage sei, sich ein solch passendes Pendant für seine abendliche Bettakrobatik mit nach Hause bringen zu können – sie stünde ab heute nicht mehr zur Verfügung.

Auch Hank hatte sich nach einigen Tagen nochmals kurz in Erinnerung gebracht, als er volltrunken vor der Bibliothek auftauchte, als sie gerade heraus kam, und auf der Straße herum lallte, sie solle wieder kommen. Als Hermine ihn ignorierte, begann er zu brüllen, sie sei eine frigide Kuh und er habe nun jeden Tag besseren Sex, als sie sich in ihrem verknöcherten Gehirn ausmalen könne.

Nur Hank fiel, bei genauerer Betrachtung, ebenfalls als Täter aus, was hätte er davon sie zu kidnappen? Außerdem hätte er sich wohl niemals so ausdrücken können, wie der Fremde.

Harrys Freunde waren auch relativ schnell aussortiert. Einige waren Sportler und hatten an jedem Finger wenigstens 2 – 3 Mädchen. Ein kleiner Teil war glücklich verheiratet und die anderen Junggesellen waren zumindest fest liiert. Außerdem war niemand darunter, bei dem sie auch nur einmal den Eindruck gewonnen hätte, daß er an ihr ernsthaft interessiert sei.

Entmutigt legte Hermine den Block auf den Tisch zurück. Das ganze Unterfangen brachte nichts, sie war keinen Schritt weiter als zuvor. Als eine leise Stimme in ihren Gedanken flüsterte „und wieso suchen wir nicht mal vor der Studienzeit?" – „Absurd", Hermine schüttelte den Kopf. Sie war in sexueller Hinsicht ein absoluter Spätzünder gewesen. Insofern hatte sie in der Schulzeit nur wenige Freunde gehabt, außerhalb der Schule hatte sie in dem Alter fast gar keine Kontakte. Es gab natürlich die üblichen zwei bis drei besten Freundinnen der Kindheit aus der Nachbarschaft, aber dann war schon Ende Gelände.

Doch leider war die Zeit vor dem Studium die einzige Option, die sich nun noch bot. Entschlossen schnappte sich Hermine wieder ihren Block und begann alle männlichen Personen aufzuschreiben, denen sie jemals in ihrem Leben begegnet war.