Kapitel 4 – Eine Silhouette am See
Severus Snape hatte eine dieser Nächte hinter sich, in der er Punkt 3:35 Uhr aufwachte, wo ihn die Vergangenheit und pessimistische Zukunftsgedanken bedrängten, bis er etwa gegen 5:15 Uhr wieder in einen unruhigen Schlaf fiel. Zum Glück waren solche Nächte in den letzten Jahren seltener geworden.
Er fühlte sich nach all den schwarzen Gedanken morgens immer wie gerädert und konnte dann nicht mehr nachvollziehen, welche Macht diese frühen Morgenstunden über ihn hatten. Die darauf folgenden Stunden verbrachte er meist mit ausgedehnten Streifzügen durch die Gegend. Bewegung und Natur hatte er als beste Heilmittel gegen düstere Anwandlungen zu schätzen gelernt.
So auch an diesem Tag: Gegen Abend war er zum dritten Spaziergang aufgebrochen, nachdem er schon den gesamten Morgen und Nachmittag in Bewegung verbracht hatte. Plötzlich fand er sich in unmittelbarer Nähe des Sees wieder. Hier war er schon lange nicht mehr gewesen. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten sich im Wasser. Ein schöner Anblick. Eine Bewegung am Wasser ließ ihn plötzlich zusammenzucken und hinter einem Baum Schutz suchen.
Eine Frau stand am See. Er konnte nicht viel mehr als ihre Silhouette erkennen. Sie wirkte groß und schlank und ihre schulterlangen krausen Haare schimmerten kastanienbraun in der Abendsonne. Sie strahlte Ruhe aus.
Sie stand reglos und war anscheinend tief in den Anblick des Sonnenuntergangs versunken. Erst, als es schon fast gänzlich dunkel war, wandte sie sich ab. Er hatte die ganze Zeit die Augen nicht von der in sich ruhenden Gestalt losreißen können und als sie loslief, folgte er ihr wie unter einem Zwang.
Nach etwa 15 Minuten gelangten sie zu einem kleinen Häuschen, in dem sie verschwand. Gedankenverloren trat er den Rückweg an.
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In dieser Nacht fand Severus Snape erneut wenig Schlaf, doch dieses Mal wälzte er ein Problem, das aus seinem abendlichen Rundgang resultierte: War er verrückt geworden, einfach hinter dieser Frau herzugehen, was, wenn sie ihn entdeckt hätte?
War es ihre Präsenz gewesen - die absolute Ruhe und Konzentration, die ihn fasziniert hatte? Er hatte in seinem bisherigen Leben kaum Personen getroffen, die in der Lage gewesen wären, Ruhe zu genießen und sich zu konzentrieren.
All die oberflächlichen Gespräche, das ständige Schwatzen und Klatschen war ihm schon zu Hogwartszeiten zutiefst zuwider gewesen. Selbst Dumbledore war ihm oft auf die Nerven gegangen. Da konnte er nur Minerva positiv hervorheben. Allerdings hatte sie es verstanden, sich auf weniger aggressive Art Respekt und Abstand zu verschaffen als er.
Trotz der ruhigen Ausstrahlung der Frau am See war das immer noch kein ausreichender Grund, ihr einfach zu hinterherzugehen. Außer Lily Evans war er noch nie einer Frau gefolgt. Doch seine ohnehin schwach ausgeprägte Fähigkeit, sich auf andere einzulassen, war mit dieser gestorben und er hatte nie Ambitionen gehabt, diese Lücke zu füllen. Er fand, dass er sein Defizit im Umgang mit anderen durch sein Untertauchen ziemlich elegant gelöst hatte, ohne dass er sich weiter damit auseinandersetzen musste.
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Drei Stunden später brühte er sich einen extrastarken Kaffee und ließ sich im Kräutergarten nieder. Je mehr er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass er am ehesten seinen Frieden wiederfinden würde, wenn er mehr über sie herausfinden könnte, um ihr den Mythos zu nehmen. Es würde ihm sonst keine Ruhe lassen.
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Ginny und Hermione saßen mit den Kindern beim Frühstück.
„Mama, dürfen Albus und ich zum See?" fragte James, nachdem er sein Besteck aus der Hand gelegt hatte.
„Ja, aber seid vorsichtig und pünktlich zum Mittagessen wieder hier."
„Oh Mami, darf ich mit?", bettelte Lily.
„Nein, Lily, es ist besser, wenn du hier bei uns bleibst. Die Jungs werden sicherlich einiges vorhaben, wofür du noch zu klein bist. Aber wir machen mit Hermione einen Ausflug zu den Eichhörnchen, was hältst du davon?"
„Ja, toll!", jubelte die Kleine. „Dann nehme ich ganz viele Nüsse mit."
Ginny lächelte. Die Kleine war ihr Sonnenschein. An den Jungs hing sie auch sehr, wobei sie sich immer wieder über ihre totale Gegensätzlichkeit wunderte. James war ein kleiner liebenswerter Rabauke, der immer wieder versuchte, die Grenzen seiner Umwelt auszutesten. Albus, ihr sanfter, ruhiger Sohn, neigte eher zu Grübeleien. Er war schlaksig und hatte als einziger Harrys grüne Augen geerbt.
Sie hatten ihren ältesten Sohn und die kleine Tochter nach Harrys Eltern benannt, es war ihnen beiden wichtig gewesen, die Erinnerung an sie in den Namen der Kinder weiterleben zu lassen. Doch bei Albus hatten sie erst eine Meinungsverschiedenheit gehabt, da Harry unbedingt Severus als Zweitnamen haben wollte. Sie war skeptisch gewesen, da sie fürchtete, dass der Kleine mit dieser Namenskombination in der Schule Schwierigkeiten bekommen könnte. Aber es diese Sorge war unbegründet geblieben.
Ginny schreckte auf, als in der Küche ein Glas zu Bruch ging. Ein paar Minuten später kam Hermione fröhlich lachend ins Zimmer und ließ sich in einen Sessel fallen.
„Wenn Scherben wirklich Glück bringen, müsste ich die glücklichste Person auf Erden sein!"
Ginny betrachtete ihre Freundin lächelnd. Sie war auf eine aparte Art anziehend. Hermione machte sich nicht viel aus modischen Accessoires und Make-up. Trotzdem besaß sie Geschmack und bestach durch ihren schlichten Kleidungsstil.
Man sah auf den ersten Blick, dass man ein intelligentes Gegenüber vor sich hatte. Im Freundeskreis wusste man aber auch, dass man sich in Acht nehmen musste, wenn sich Hermiones Augenbrauen auf eine gewisse Art zusammenzogen. Doch momentan war in ihrem fröhlichen Gesicht kein Anzeichen davon zu entdecken.
„Gehen wir?" fragte Hermione.
„Ja, ich bin fertig. Komm, Lily!" rief Ginny.
Die drei machten sich einträchtig auf den Weg in den Wald.
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Albus und James waren inzwischen am See angekommen und ins kalte Wasser gesprungen.
„Huh, ist das eisig!", schrie Albus und spritzte James voll.
„Schau mal, Fische", entgegnete dieser begeistert und beide betrachteten eine Weile einen Fischschwarm, der im klaren Wasser entlang schwamm.
„Wollen wir uns eine Laubhütte bauen?", schlug James vor.
„Ja, da drüben wäre ein guter Platz", entgegnete Albus.
„Lass uns die Äste der Weide zusammenbinden, dass sie das Dach bilden und noch Holz zum Bauen suchen." Mit diesen Worten verschwand James im Wald.
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Severus Snape lief zum See, aber von der Frau war bisher nichts zu sehen.
Stattdessen hörte er schon von fern Gekreische und sah zwei Jungen von ungefähr 10 – 12 Jahren, die ausgelassen im Wasser tobten. Er schaute ihnen aus dem sicheren Schutz einer Baumgruppe zu. Nach einer Weile rannte der eine in den Wald, der andere blieb am Ufer und versuchte, die Zweige einer Weide zusammenzubinden, sodass sich eine Art Eingang ergab.
Erst beim dritten Versuch klappte es und der Kleine lächelte glücklich. In diesem Moment kam der andere Junge mit einem Bündel Holz aus dem Wald zurück. „Guck mal, Albus, was ich gefunden habe!" rief er.
Albus? Snape erstarrte, doch schon im nächsten Moment fing er sich wieder. Albus war ein sehr beliebter Name nach dem Krieg geworden, viele hatten zur Würdigung von Dumbledore ihre Söhne nach ihm benannt. Trotzdem war es für ihn ungewohnt, diesen Namen mit einem Kind in Verbindung zu bringen.
Er beobachtete die beiden Kinder noch eine Weile, die anscheinend vorhatten, sich unter der Weide eine Hütte zu bauen, bevor er durch den Wald heimwärts ging.
Da sein Ausflug nicht das gewünschte Resultat gebracht hatte, beschloss Severus Snape, gegen Abend seinen Radius zu erweitern und die Hütte näher in Augenschein zu nehmen, in welche die Unbekannte am Vorabend entschwunden war.
Alle ausgeliehenen Charaktere gehören J. K. Rowling. Ich schreibe allein aus Freude und es sind keine finanziellen Vorteile damit verbunden.
