4) Bierophile Landsmänner und ein praktischer Professor

Einen Flug ins verregnete England später sehen wir die Oxforder Uni aus der Vogelperspektive. Na gut, von so hoch oben auch wieder nicht. Aber das ist jetzt ohnehin unwichtig. Lauscher aufgesperrt! Wir dürfen die körperlose Stimme eines Professors nicht überhören, die aus dem Gemäuer heraufschwebt.

Professor: „Für den langatmigsten Vortrag, der an dieser Stätte des Wissens jemals gehalten wurde, ernennen wir Charles Francis Xavier zum Professor für Genetik. Glückwunsch, Kollege! Klatscht tüchtig in die Hände, liebe Studenten!"

Als Charles und Raven gleich darauf nach draußen kommen (und Moira, die pünktlich wie die Maurer ist, sich unbemerkt an sie dranhängt), regnet es immer noch. Da merkt man, wie hübsch hier Clichés eingebracht werden. Die Einsatzmöglichkeit schlechthin für den guten alten Regenschirm! So ist die Stimmung im Trockenen dann auch gelöst.

Raven: „Ich gratuliere, Herr Professor!"

Charles (winkt ab): „Titel sind doch nur Schall und Rauch. Außerdem steht in den Sternen, wann ich überhaupt Schüler unterrichten werde. Bis dahin ist mir nach etwas Greifbarerem."

Raven: „Lass mich raten. Nach einem Drink?"

Charles (erfreut): „Ganz genau!"

Also begeben sich die Beiden in die nächste Bar. Mit einer CIA-Agentin im Schlepptau, die vorhat, den frischgebackenen Genetik-Experten mitten in den Feierlichkeiten zu unterbrechen und auszuquetschen.

Damit muss sie noch ein wenig warten. Und wir auch, werte Zuschauer. Schließlich war Erik in der Zwischenzeit nicht untätig – Müßiggang ist für diesen Rächer des Unrechts ein Fremdwort – und hat seit der tollen Fährte in der Schweiz wieder ein ordentliches Stück auf dem Erdball zurückgelegt. Folgen wir ihm in der nächsten Szene also nach Argentinien. Wie wir wissen, ist Shaw in den USA und der Jäger wird demnach wieder leer ausgehen. Aber vielleicht passiert unter dieser heißen südlichen Sonne trotzdem etwas Spannendes? Nur Geduld.

Bei strahlendem Sonnenschein läuft Herr Lehnsherr über eine blühende Wiese und betritt die ihm empfohlene Villa Gesell, ein Häuschen, das nur so zum Einkehren einlädt. Bis auf den Wirt und zwei Gäste ist es aber – oh Wunder! – leer. Gut, dass sie wenigstens uns noch als Zuschauer haben für das, was da kommen mag...

Ganz für die Katz ist Eriks Besuch wohl nicht. An der Wand hängt nämlich ein Foto, auf dem unschwer Shaw zu erkennen ist, und zu beiden Seiten von ihm ausgerechnet die Kerle, die sich hier momentan ihr Bier hinter die Binde kippen, live und in Farbe. Das Leben geht manchmal schon seltsame Wege! Erik sieht seine Chance gekommen. Aber als guter Angler zieht er es vor, die Fischchen mit einem Köder anzulocken, anstatt sie an Ort und Stelle zu verschlingen. Deshalb wahrt er sein Pokerface und pflanzt sich an der Theke auf einen Hocker. (Nicht, ohne alle höflich auf Spanisch gegrüßt zu haben. Der Mann ist gebildet! Und gerissen).

Erik: „Ein Bier bitte, aber aus Deutschland."

Wirt: „Was anderes hab ich gar nicht mehr. Meine Stammkunden da hinten trinken nur das."

Schweinebauer: „Für uns Kenner eben nur das Beste! Du bist wohl ein Landsmann, was?"

Als diese Worte des Deutschen von den billigen Plätzen ertönen, tritt ein raubtierhaftes Leuchten in Eriks Augen. Zeit, die Show voranzubringen. Er steht auf und setzt sich mit einem freundlichen Lächeln zu den beiden Nazis. Denn wenn sie etwas mit Shaw zu tun hatten, dann sind auch sie Nazis, so einfach ist das. Und sie müssen wissen, wo ihr sauberer Freund ist. Weil wenn nicht, dann wird Erik sauer, und wir erinnern uns aus der Bank, was in solchen Fällen passiert.

Erik: „Das ist ja schön, Sie hier in der Fremde zu treffen! Ich komme tatsächlich aus Deutschland. Aus Düsseldorf, um genau zu sein."

Schneider: „Ist ja kaum zu fassen! Mein Vater war ein richtiger Star unter den Schneidern Düsseldorfs. So klein ist die Welt!"

Erik: „Wirklich unerwartet, gerade hier so etwas wie... Freunde zu Gesicht zu bekommen."

Schweinebauer: „Mich hat das Klima in dieses Fleckchen Erde verschlagen. Meine Schweine mögen es, und ich übrigens auch."

Erik: „Freut mich für Sie."

Schneider: „Ich frag mich, ob mein Vater nicht vielleicht sogar Ihnen oder Ihren Eltern Kleidung verkaufte. Zufälle gibt's!"

Erik (abwesend): „Glaub ich weniger. Meine Familie trug damals keine maßgeschneiderten Anzüge, sondern Sterne und später mit Streifen bedruckte Lumpen."

Schneider: „Also mit Mode kenne ich mich aus, und dieser Stil stößt mich doch ziemlich vor den Kopf. Außer wenn... Wie war der Name Ihrer Erzeuger, wenn ich fragen darf?"

Erik: „Sie hatten keinen Namen. Dieselben Schneider und Schweinebauern, die sie mit diesem Stil brandmarkten, mopsten ihn ihnen. Kapieren Sie jetzt, wer ich bin?"

Mit einer theatralischen Geste schlägt er die Augen nieder. Seine Tischnachbarn folgen seinem Blick, der auf seinen Arm gerichtet ist. Langsam dreht er ihn so, dass die Tätowierung sichtbar wird. Wie eine Visitenkarte, die ein bestimmtes Wörtchen geradezu herausschreit. Das Gesicht des Schweinebauern verzieht sich zu einer Fratze des Hasses. Action im Anmarsch, Leute.

Schweinebauer (zieht ein Messer): „Du Judensau, stiiiirb..."

Weiter kommt er nicht. Denn da Erik praktischerweise Metall manipulieren kann, ist gleich darauf er derjenige im Besitz des Messers. Mutant an der Macht, wie er leibt und lebt.

Erik: „`Nen hübschen Spruch haben Sie da auf der Klinge stehen. Blut und Ehre. Wovon wollen Sie sich zuerst verabschieden, um Ihre ehrlose Vergangenheit auszumerzen?"

Schweinebauer: „Ich habe nur meine Befehle befolgt. Ich war ein guter Volksgenosse."

Erik: „Dann wählen Sie also die rote Tinte..."

Daraufhin nagelt das Messer die Hand des Unglücklichen auf dem Tisch fest. Dieser schreit wie am Spieß (ähnlich wie seine Schweine, wenn es mit ihnen zu Ende geht, kann man sich vorstellen). Sein Freund der Schneider springt auf, aber anstatt etwas zu unternehmen, steht er sich mit ratlosem Blick die Beine in den Bauch. Der Wirt ist da schneller. Er taucht mit einer Pistole auf, um die Rangelei unter seinen Gästen zu beenden. Sind die Argentinier wie die Amerikaner? Immer ein Schießeisen im Haus? Egal.

In jedem Fall ist man bei Herr Lehnsherr damit an der falschen Adresse. Ohne lange um den heißen Brei herumzureden, macht er sich auch dieses Metallstück untertan. Noch in den Händen des Wirts bewegt sich die Waffe, richtet sich auf den Schneider. Und schießt. Momente später wird der Schütze von einem Messer gekillt, das danach folgsam zu Erik zurückkehrt und fein säuberlich in die Schweinebauernhand zurückgestoßen wird. Pistolen und Messer mit Eigenleben gewissermaßen. Richtig gruselig! Aber da steckt ja nur Erik dahinter, kein Gespenst. Auch wenn mit ihm vielleicht trotzdem nicht gut Kirschen essen ist.

Trotz seiner Qualen findet der einzige Überlebende im Raum – neben Erik natürlich – die Sprache wieder. Ein starker Kerl.

Schweinebauer (keuchend): „Wenn Sie ein Mensch sind, fress ich `nen Besen! Wer oder was sind Sie?"

Erik: „ Ja, ich bin kein Mensch. Ich bin etwas viel Besseres!"

Er läuft zum Foto von Shaw hinüber und betrachtet es genau. Man braucht keine Gedanken lesen zu können, um zu wissen, dass ihn keine warmen Gefühle mit dem guten Mann verbinden. Aber er kennt ihn schon lange, und sucht nach ihm.

Schweinebauer: „Wie meinen?"

Erik: „Ich bin der, der nach den Menschen kommt. Und ich suche meinen Wohltäter."

Die schon längst fällige Frage, wo dieser sich aufhält, spart er sich. Stattdessen hebt er nun eigenhändig die Pistole und knallt den wehrlosen Nazi ab, ohne eine Miene zu verziehen. Wir sehen, alle um ihn herum sind tot. Dabei hat er die gewünschte Antwort nicht bekommen. Und wir folgern, dass er bezüglich Shaw im Dunkeln tappen müsste. Aber dabei vergessen wir seine wunderbare, berühmt-berüchtigte Spürnase. Sie wird ihn nicht im Stich lassen und ihn direkt zu Shaws Nussschale führen. Später.

Bevor wir diesem geschichtsträchtigen Wiedersehen beiwohnen dürfen, kehren wir erst einmal nach England zurück. In eine Bar, wo – wie sollte es auch anders sein? - Charles´ Ernennung zum Professor von diesem höchstpersönlich begossen wird. Er kippt sich eine große Menge eines undefinierten Alkoholprodukts hinunter, während die Gäste ringsum ihn anfeuern, als ginge es um einen Sportwettkampf. Nach vollbrachter Meisterleistung lässt er ein Gebrüll los, dass man meinen könnte, er wäre ein Löwe. Etwas wacklig auf den Beinen, kommt er zu Raven.

Raven (knuddelt ihn): „Ich bin so stolz auf dich, Bruderherz!"

Charles: „Danke sehr. Ich brauch noch einen Drink zur Stärkung, und du kriegst eine Cola, bis du volljährig bist."

Als er auf die Theke zusteuert, wo Amy ihn schon mit breitem Lächeln erwartet, tritt plötzlich Moira ins Bild und schnappt ihr den Traumprinzen weg. So kann´s gehen.

Moira: „Toll gemacht, Professor!"

Charles (demonstriert das riesige Trinkgefäß): „Es war kein Kinderspiel, zugegeben..."

Moira (denkt): Der ist ja völlig dicht! Ich rede doch von seinem Vortrag.

Charles: „Meinten Sie rein zufällig etwas anderes? Meinen Vortrag vielleicht?"

Moira: „Ja, genau."

Charles: „Nett von Ihnen, dass Sie dabei waren. Mit Ihnen als Zuhörerin habe ich ihn umso lieber gehalten."

Moira (unbeeindruckt): „Könnten wir kurz reden?"

Charles (legt ihr den Arm um die Schultern): „Eine so süße Maus mit mutiertem MCR1-Gen verdient sogar ein langes Gespräch. Sie würden diese Mutation anders nennen, nämlich kastanienbraun. Ich finde sie wirklich schön. Und wissen Sie, was? Durch Mutationen haben wir es zur -"

Sie setzen sich an einen freien Tisch, und Moira unterbricht ihn prompt.

Moira: „Damit können Sie höchstens bei Erstis Punkte holen. Ich bin nicht zum Spaß hier, sondern wegen meinem verbohrten Chef, der mir nicht zuhören will. Ich brauche Ihre Hilfe."

Charles (in Gedanken): Komisch, bisher hab ich fast jede damit rumgekriegt...

Moira: „Ähm... Professor? Sind Sie noch da?"

Charles konzentriert sich wieder auf sein Gegenüber. So zugedröhnt, wie er ist, fällt ihm das sichtlich schwer. Ich an seiner Stelle könnte nicht einmal mehr gerade sitzen, geschweige denn sprechen.

Charles: „Ich bin ganz Ohr."

Moira: „Gibt es die Mutationen schon, die Sie in Ihrem Referat behandelt haben? Oder sind sie nur Auswüchse Ihrer kranken Phantasie?"

Daraufhin blickt Charles sie leicht abwesend an, aber dieser Eindruck täuscht. In Wahrheit liest er nämlich ungefragt ihre Gedanken und sieht dort alles, um zu wissen, woran er bei dieser Dame ist: ihre Beobachtungen zu Hendry, Shaw und dessen Konsorten. Tornadobeschwörung, Telepathie, Diamantmetamorphose, Teleporterhandwerk – alles, was die da so hatten. Der gute Professor macht innerlich sicher Freudensprünge, weil er mit seinen Studien so ins Schwarze getroffen hat. Aber er sieht auch, wie unmanierlich sich Mutanten benehmen können. Er selbst ist mit seinem ungefragten Eindringen in fremde Köpfe da trotzdem gaaaaanz anders... Wie dem auch sei, er lässt sich Moira gegenüber nichts anmerken.

Moira: „Professor? Sie sind ja schon wieder weggetreten, oder? Besser, wir sehen uns morgen, wenn Sie wieder denken können."

Charles (sucht ihren Blick): „Ich meine zu wissen, dass Sie die Antwort schon kennen. Aber ich habe Lunte gerochen und werde Ihnen helfen, so gut es geht."

Moira: „Tausend Dank, das ist wirklich lieb von Ihnen! Ich wünschte, Sie wären mein Chef, und nicht dieser ergraute, sture... Aaaargh!"

Charles: „Sie schmeicheln mir. Aber gehen Sie nicht zu hart mit ihm ins Gericht, meine Liebe. Man kann nicht erwarten, dass jeder die Faszination der Genetik versteht."

Sieh an, da haben sich also neben Erik noch zwei Erdenwesen an Shaws Fersen geheftet. Kaum zu vermeiden, dass sich ihre Wege kreuzen werden. Üben wir uns in Geduld und warten wir ab, was da noch geschehen mag...