Viertes Kapitel
……in dem eine Bande arroganter Halbaffen beinahe alles verdirbt
Eugenia war Nicholas darin sehr ähnlich, dass sie alle Fächer mit Zauberei perfekt beherrschte, aber bei dem Rest nicht sehr gut war.
Sie versaute häufig Zaubertränke und Severus half ihr immer wieder, die Fehler auszubügeln. Sie waren in den letzten beiden Jahren zögerlich so etwas wie Freunde geworden. Beide unsicher, ob es eine solche Person in ihrem Leben überhaupt geben durfte. Und doch fühlten sie mehr und mehr eine merkwürdige Anziehungskraft, die vom Anderen ausging und so verbrachten sie immer wieder Zeit miteinander, sie redeten, schwiegen, machten ihre Aufgaben und manchmal starrten sie einfach auf dem See.
Es war ihr fünftes Jahr in Hogwarts und die ZAG-Prüfungen standen bevor. Sie büffelten gemeinsam und allein, taten alles, um sich gut auf die Aufgaben vorzubereiten.
Schließlich kamen die ersten schriftlichen Prüfungen und als sie fertig waren und jeder Schüler nach draußen strebte, um frische Luft zu bekommen und die Anspannung loszuwerden, wurde Eugenia ungewollt Zeuge einer scheußlichen Szene.
Sie beobachtete, wie Potter und Black, zwei der übelsten Gryffindor-Angeber gemeinsam mit ihren Freunden zur Belustigung einer großen Gruppe von Schülern Severus kopfüber in der Luft schweben ließen.
Sie beobachtete die Szene, als sie gerade aus dem Schloss kam und zum See wollte. Eine kleine Hecke verdeckte sie, aber sie hatte freie Sicht auf das, was geschah. Schließlich kam auch noch Evans, diese entsetzliche Zicke und meinte, ihr soziales Gewissen damit beruhigen zu müssen, dass sie Severus verteidigte. Hatte sie denn keinerlei Gespür dafür, dass sie ihn nur noch mehr demütigte? Eugenia war versucht, ihren Zauberstab zu ziehen und das dumme Mädchen zu verhexen. Nur der Gedanke, dass Severus es nicht ertragen würde, wenn sie ihm auch noch zur Seite sprang, hielt sie davon ab. Wenigstens hing er nun nicht mehr in der Luft, dachte sie.
Schließlich, nach einem bösen Wortgefecht verzog sich Evans und kaum war sie weg, schwang Potter auch schon wieder seinen Zauberstab und Snape baumelte ein weiteres Mal kopfüber in der Luft.
Eugenia traute ihren Ohren nicht, als er fragte, wer dafür sei, dass er Snapes Unterhose verschwinden lasse solle. Sie wollte nicht glauben, dass das passieren konnte, aber auf das zustimmende Johlen der Schüler machte Potter seine Drohung wahr und ließ die Unterhose tatsächlich verschwinden.
Eugenia war klar, dass es eine noch schlimmere Demütigung für ihn sein musste, wenn er ihr Mitgefühl sah, das sie jetzt aus tiefstem Herzen empfand, also versteckte sie sich noch tiefer hinter der Hecke.
Sie sah sein Gesicht, in dem plötzlich eine Veränderung vor sich ging. Scham und Verzweiflung verschwanden und eine beängstigende Leere ersetzte sie. Es war, als hätte Snape sich vollständig in sein Inneres zurückgezogen und nähme nicht mehr an der Szene teil.
Was auch immer das war, was sie dort in seinem Gesicht beobachtete, ihr wurde schlagartig klar, dass er nie mehr der Gleiche sein würde.
Sie wandte sich ab, um die quälende Szene zu verlassen und so hörte sie nicht mehr, wie James spöttisch rief: „Was würde Kasparian wohl sagen, wenn sie das Elend hier sehen könnte?"
Er sah in Snapes Gesicht.
„Tu nicht so, als wäre Dir das egal, Schniefelus. Jeder weiß doch, dass Du auf sie scharf bist, aber ich fürchte, Versager wie Du haben keine Chance. Nicht mal bei einem zickigen Eisblock wie Kasparian. Ein Mädchen müsste wohl tot sein, damit Du eine Chance bekommst. Andererseits glaube ich nicht, dass Kasparian sehr wählerisch sein kann, so wie sie aussieht und sich benimmt. Vielleicht hast Du ja doch noch eine Chance."
Er lachte laut, aber die Stimmung begann umzuschlagen. Es wurde stiller und die Zuschauer fingen an, sich unbehaglich zu fühlen. Murmelnd wandten sie sich ab und wanderte zum Schloss zurück.
James verlor schlagartig das Interesse und ließ Severus mit einem Armschlenker auf den Boden krachen.
Er wandte sich an Sirius und begann sofort über die noch ausstehenden Prüfungen zu reden. Ins Gespräch vertieft gingen die vier Freunde auch auf das Schloss zu. Einzig Lupin drehte sich noch einmal um und sah Snape einen Moment lang an. Scham spiegelte sich in seinem Blick, aber ohne etwas zu sagen wandte auch er sich ab und lief hinter seinen Freunden her.
Severus wünschte sich nur noch eines: die Erde möge sich auftun und ihn für immer verschlingen.
Er wollte sterben, sich in Luft auflösen, egal was, nur nie wieder seinen Schulkameraden begegnen.
Am Schlimmsten war, dass er Eugenia gesehen hatte, wie sie in der Ferne zur Schule gegangen war. Hatte sie die Szene gesehen? Hatte sie wohlmöglich gehört, was James gesagt hatte?
Er würde ihr nie wieder in die Augen sehen können, er wollte ihr nie wieder begegnen. Zwar wusste er nicht, ob sie wirklich etwas gesehen oder gehört hatte, aber sicher war sicher. Er würde es nicht ertragen können, wenn sie ihn so gesehen hatte.
Heiße Tränen voller Zorn und Hass liefen ihm über die Wangen. Sie hatten alles kaputt gemacht. Alles.
Er schwor sich, Rache zu nehmen und ihnen auch alles zu zerstören, wenn er jemals die Gelegenheit haben würde.
So weit es sich vermeiden ließ, ging Severus Eugenia in den nächsten Tagen aus dem Weg, wenn sie gemeinsamen Unterricht hatten, vermied er Blickkontakte und sprach nie ein Wort mit ihr. Scham brannte in ihm und verbrannte fast jedes andere Gefühl. Fast jedes, Hass loderte immer wieder auf, wenn er die Gryffindor-Bande sah und ihr tuscheln und lachen hörte.
Eugenia wusste genau, warum er sie mied und sie konnte fast nachempfinden, wie er sich fühlen musste. Nur hatte sie keine Idee, was sie dagegen tun konnte. Sie glaubte, es würde ihm gut tun, wenn sie ein Stück normalen Umgang in sein Leben bringen konnte, wenn sie ihm weismachen konnte, dass sie nichts gesehen hatte und ihm so ermöglichte, mit ihr gemeinsam weiter zu machen, wie früher.
Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber sie vermisste die Stunden mit ihm mehr, als sie jemals geglaubt hätte, etwas vermissen zu können.
Sie verbrachte Stunden damit, zu grübeln, wie sie sich ihm nähern konnte, ohne, dass er annahm, sie hätte die verheerende Szene gesehen.
Schließlich hatte sie eine Idee.
Sie passte ihn nach einer Stunde draußen ab und stellte sich ihm in den Weg. Dann, als sie schon Panik in seinen Augen sehen konnte, blaffte sie ihn furchtbar an, was für ein treuloser, widerlicher Mistkerl er wäre und dass sie jede Sekunde bedauere, die sie an ihn verschwendet habe. Und dass er wenigstens den Mumm haben könnte, ihr mitzuteilen, warum er nicht mehr ihr Freund sein wolle. Sie redete sich in Rage und am Ende schrie sie ihn in Grund und Boden.
Severus stand wie versteinert da und als er begriff, dass sie offensichtlich keine Ahnung hatte, warum er sie schnitt, dass sie glaubte, er wolle nicht mehr mit ihr befreundet sein, erfüllte ihn Erleichterung.
Er wusste zwar nicht, wie er jetzt reagieren sollte und brummte irgendetwas unverständliches, als er sich umdrehte und davon schlurfte, aber die Basis war gelegt, dass sie sich wieder sehen konnten.
Einige Zeit später traf Eugenia Remus Lupin auf einem Gang nahe dem Ravenclaw-Turm. Sie zögerte einen Moment als er an ihr vorbei ging, dann packte sie seinen Arm und hielt ihn fest.
„Was für ein Vertrauensschüler bist Du eigentlich?"
„Wieso, was meinst Du?"
„Das weißt Du verdammt gut, Lupin."
Ihre Augen flammten vor Zorn, aber er wusste wirklich nicht wovon sie redete.
„Wie gut, dass für das Haus Gryffindor nur Mut erforderlich ist und kein Fairplay, nicht war? Sonst könntest Du nicht immer tatenlos zusehen, wie Deine Freunde einzelne Schüler, die sie nicht mögen fertig machen."
Remus starrte sie fassungslos an, als er begriff, wovon sie redete.
„Merlin, ihr seid so erbärmlich."
Er lief rot an, murmelte dann aber nur: „Ich werde mit ihnen reden, ok?"
Sie schnaubte verächtlich, spuckte vor seinen Füssen aus und ging ohne ein weiteres Wort davon.
Es war Abend geworden und um zu zeigen, dass sie die Abmachung ernst nahm, hatte Eugenia den Nachmittag mit Nachforschungen verbracht. Sie war erst einmal der naheliegendsten Idee nachgegangen und hatte das Stammhaus der Malfoys aufgesucht. Aber sie fand nur heraus, dass Malfoy Manor verlassen war, dass dort nur noch ein Hauself das Haus in Ordnung hielt.
Niemand wusste, wo Narcissa geblieben war, sie hatte das Haus nach Abschluss des Schuljahres verlassen und war seitdem nicht mehr gesehen worden.
Draco war nicht zuhause aufgetaucht, da war der Elf sich absolut sicher.
Als sie ihren Bericht beendet hatte, war Snape zwar nicht zufrieden, aber wenigstens war ein Anfang gemacht.
Sie aßen gemeinsam zu Abend und erst, als sie fertig waren, begannen sie ein Gespräch.
Eugenia musterte Severus lange, dann fragte sie, was ihr schon den ganzen Tag auf der Zunge gelegen hatte.
„Was hast Du mit den Malfoys zu tun, Severus? Warum suchst Du ihren Jungen?"
Snape schwieg lange, er schien zu überlegen, ob er sich mit ihr auf dieses Gespräch einlassen solle. Schließlich antwortete er: „Ich habe einen Eid geleistet, Draco zu beschützen."
Etwas wie Kummer schwang in seiner Stimme mit, aber Eugenia konnte nicht ahnen, dass das nur die halbe Wahrheit war, dass der Schwur längst erfüllt war und ihn jetzt nur noch etwas erfüllte, das rational nicht zu erklären war. Als könne es das, was geschehen war abmildern, wenn er herausfand, wo Draco steckte, ihn fand und heil zu seiner Mutter zurückbrachte.
Eugenia nickte ernst. „Ein Schwur. Ja, natürlich, das bindet Dich."
Er erinnerte sich, wie ernsthaft sie schon immer diese Art von Dingen betrachtete hatte und wie wichtig Aspekte wie Ehre und Integrität ihrer Familie immer gewesen waren.
Wieder breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus.
„Wem hast Du diesen Schwur geleistet?", fragte sie schließlich in die Stille hinein.
Er zögerte. Dann entschloss er sich, die Wahrheit zu sagen. Zumindest soweit es ihm klug erschien.
„Seiner Mutter."
Sie lachte. Der Laut klang blechern in der kleinen Küche.
„Narcissa, die stolze Tochter des Hauses Black hat Dir einen Eid abgerungen?"
Er sah sie mit steinerner Miene an. In diesem Moment war er froh, dass sie nicht wusste, was genau für einen Schwur er geleistet hatte, dass er sich zu einem unbrechbaren Schwur hatte verleiten lassen.
„War es Teil dieses Schwurs, den alten Mann zu töten?"
Er sah erstaunt auf. Wusste sie…? Nein, das konnte nicht sein, niemand konnte davon wissen.
Er stand auf, und ging wortlos in das angrenzende Wohnzimmer, um sich demonstrativ ein Buch aus dem Regal zu nehmen.
Eugenia folgte ihm, ein spöttisches Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Ich frage mich, was man anstellen muss, um Dich dazu zu bringen, irgendetwas zu schwören, Severus."
Er ignorierte sie. Wenn sie sich nicht geändert hatte, dann würde er sie damit in den Wahnsinn treiben, das wusste er und ein Teil von ihm freute sich darauf.
Sie seufzte, als sie sich zu ihm setzte.
„Ach Sevus, was ist nur aus uns geworden?" Ihre Stimme war leise und tiefes Bedauern klang aus ihr.
Er schwieg weiter, verwundert, wie sehr der alte Kosename, den nur sie ihm gegeben hatte, ihn noch immer berührte.
Jeder von ihnen hatte an diesem Abend einen Angriff gegen den anderen gestartet, aber beide hatten es irgendwie geschafft, keinerlei Grausamkeiten daraus abzuleiten.
Und doch wussten sie beide nicht, ob das etwas Gutes war, oder ob es vielleicht viel Schlimmer war, als jede Verletzung, die sie sich im Laufe der Zeit zugefügt hatten.
