Sieben Gedanken, die ihm oft im Kopf herumschwirren
—Manchmal fragte er sich, wie es wäre einen Sohn zu haben.
Er liebte Emily. Über alles. Er würde sie gegen nichts und niemanden eintauschen wollen und trotzdem gab es da diese Gedanken an einen Jungen, der mit ihm Fußball spielen, Baumhäuser bauen und an Autos herumschrauben würde. Stereotypen.
Vielleicht wäre er auch hilfreicher, wenn es um Tipps in Sachen Liebesleben ginge, doch wenn er an sich selbst im zarten Teenager-Alter zurückdachte, waren die hilfreichsten Tipps wohl doch die, die er Emily geben konnte. Sie hangelten sich vornehmlich an der Grundaussage 'Halte dich vor männlichen Teenagern fern' entlang.
Nein, wahrscheinlich war alles schon in Ordnung, so wie es war.
—Er dachte an das Leben weit weg von Washington, D.C.
Diese Stadt konnte einen mit ihren endlos aufsteigenden und tief gefallenen Existenzen, ihrer eigenen Wichtigkeit und trotzdem existierenden Irrelevanz erdrücken. Manchmal fühlte er die Last und fragte sich, wie es wäre, an einem Ort zu leben, an dem sich bei Partys nicht alle als Politiker, Botschafter, Anwalt oder Retter der (vornehmlich amerikanischen) Menschheit vorstellten. Er hasste es. Dass er kein Social Animal war, kam erschwerend hinzu.
Aber es war die Stadt für Lügner, das wusste er. Seit Vegas keine Option mehr war, war es der beste Platz, um sein Geschäftsmodell am Laufen zu halten. Doch irgendwo da draußen musste es noch etwas anderes geben.
Er dachte an die Straßenschluchten New Yorks, den Nebel über San Francisco, die Ruhe einer Kleinstadt, die er noch gar nicht kannte, irgendwo mitten in der Natur. Er wusste, dass ein Weggang nicht wirklich zu seinen derzeitigen Möglichkeiten gehörte, aber irgendwann vielleicht.
—Seine Gedanken waren oft in der Grauzone seines Tuns gefangen.
Er hatte gelogen, log immer noch. Er wusste, was es hieß ein Lügner zu sein, für seine Lügen gerade zu stehen und dafür bezahlen zu müssen. Er wusste, dass sie verworren waren, manchmal unergründlich, manchmal eine letzte Ausflucht und manchmal einfach nicht vermeidbar.
Er war nicht perfekt, also kam es ihm ab und an heuchlerisch vor, auf die Jagd der Lügen der Anderen zu gehen. Er tat es selten mit erhobenem Zeigefinger, weil es ihm nicht zustand, aber er tat es.
Als er angefangen hatte, sich mit all dem zu beschäftigen, war es nie seine Intention gewesen, eine Wissenschaft der Lügen zu begründen. Er wollte Wahrheiten sehen. Es war für ihn etwas fundamental anderes.
Aber eines musste er schneller lernen, als ihm lieb war: Auf dem Weg zur Wahrheit waren es meistens die Lügen, die im Weg standen. Es würde immer so sein.
—Die Angst, irgendwann selbst den Verstand zu verlieren, sie blieb.
Es war einer seiner konstantesten Gedanken. Einer, der ihn schon Jahrzehnte begleitete und nie losließ.
Sein Grat war ein schmaler. Immer zwischen Wissenschaft, Normalität und Wahnsinn. Es war der Grund, warum er Menschen wie Gillian in seinem Leben brauchte. Mit Zoe war es Explosion nach Explosion, eine immerwährende Kette chemischer Reaktionen. Gillian dagegen war ein ruhender Pol, der ihn zurückzog, ihn erinnerte und da war, wenn er ihn brauchte.
Seine Angst manifestierte sich in Hirnscans und Checklisten, die er regelmäßig durchlief. Immer auf der Suche nach dem Fehler in seinem Verstand. Einem Fehler, dem er glaubte nicht entkommen zu sein. Und irgendwann war es wieder nur die Angst vor der Angst selbst.
"Würde es dir helfen, wenn ich bestätige, dass du definitiv verrückt bist und mit all diesen Tests aufhören kannst?", hatte Gillian ihn eines Abends gefragt, sich neben ihm auf dem Sofa seines Büros niedergelassen und auf eine Antwort gewartet, die er ihr nicht geben konnte.
Er lächelte, weil sie es zumindest versucht hatte.
—Manchmal dachte er doch an Vegas.
Oder vielleicht dachte er an Nervenkitzel und Zufall und Ungewissheit. Es waren Dinge, die ihn antrieben in einer Welt, die er sich selbst oft zu berechenbar gemacht hatte mit dem, was er sah und immerzu analysierte.
Er liebte die Gefahr, weil sie all das war, was er nicht vorhersagen konnte. Er war nicht lebensmüde, ganz im Gegenteil: Er fühlte sich lebendig, wenn er am Rande des Ungewissen stand und in den Abgrund blickte.
Gillian hatte recht; er verlor seinen Kopf in Las Vegas. Er hatte ihn öfter verloren, als ihm lieb war. Es war berauschend und toxisch zugleich zwischen all den blinkenden Lichtern der Stadt, der Aufregung und Nervosität, und sicher auch den unzähligen langen, leichtbekleideten Damenbeinen, die zwischen den Spieltischen und Automaten umherstolzierten. Geld war dabei das, was ihn am wenigsten interessierte.
Kurz nachdem er aus Vegas verbannt wurde und dieses Kapitel vorerst geschlossen schien, hatte er sich an einem Freitagabend ins Auto gesetzt und war nach Atlantic City gefahren—in der Hoffnung dort die Sachen zu spüren, die ihn belebten.
In drei Tagen hatte er ein wenig Geld gewonnen, noch mehr verloren und wirklich alles dem Zufall überlassen. Doch es war einfach nicht dasselbe. Er hatte seinen Kopf nicht verloren und konnte am Ende nur noch auf den billigen Fusel an der Bar zurückgreifen. Am Montag saß er wieder in seinem Büro und hatte den Kater seines Lebens.
Manchmal dachte er an das Gefühl der Spielchips in seinen Fingern und es zuckte in eben diesen. Nur in Vegas. Verdammt.
—Sie.
Ganz simpel. Und so komplex.
—Die Frage, die er sich am meisten stellte, war die nach seinem Leben ohne den Suizid seiner Mutter.
Alles wäre anders. Er könnte nicht sagen, ob besser oder schlechter. Alles wäre einfach nur anders.
Es gäbe trotzdem die Spuren von Wahrheit und Lüge in der Mimik und den Gesten der Menschen dieser Welt, doch er würde sie nicht sehen und er würde sich nicht dafür interessieren. Vielleicht wäre es gut, weil es alles so viel einfacher machen würde, doch vielleicht wäre es auch schlecht, weil er nie etwas gefunden hätte, das ihn genug faszinierte, um sein Leben darauf aufzubauen.
Vielleicht wäre er mit etwas anderem erfolgreich geworden, vielleicht wäre er ohne Bestimmung in dem Loch gelandet, aus dem sein Vater nie herausgeklettert war. Vielleicht wäre er weniger verkorkst, vielleicht wäre er es gar noch mehr.
Er konnte es nicht sagen und vielleicht war das das Beste.
