Bittere Lektionen

Der salzige Wind und der Geruch von Tang ließen Hanae für einen kurzen Moment den Atem stocken. Zu intensiv, zu unverhofft überfielen sie Erinnerungen, begleitet vom Kreischen der Seevögel, die sich um Fischabfälle stritten, und dem Fluchen des Hafenmeisters von Seitung, der lautstark offene Liegegebühren von einem Kapitän einforderte.

Irgendwo weiter hinten waren die derben Stimmen einiger betrunkener Matrosen zu hören, die ihren Sold offenbar in Wein und Weibern angelegt hatten und jetzt mit ihren Abenteuern prahlten. Wider Willen schmunzelte Hanae vor sich hin - ohne akrobatische Grundausbildung und diverse potenzsteigernde Mittelchen schienen die beschriebenen Aktivitäten doch eher im Bereich des Unwahrscheinlichen zu liegen.

Obschon es erst früher Abend war, machten die vielen Hafenspelunken bereits gute Geschäfte. Aus den offenstehenden Fenstern drang Stimmengewirr, Gelächter und das Klappern von beinernen Würfeln auf Holztischen. Zotige Trinksprüche und die protestierende Stimme einer Schankmagd vervollständigten das Bild, welches Hanaes Erinnerungen ungewollt heraufbeschworen.

In unauffälliges, leicht abgewetztes Braun gekleidet, einen Korb über dem Arm, war Hanae der Inbegriff eines kleinen Dienstmädchens, das von seinen Herrschaften geschickt worden war, Besorgungen zu machen - frischen Fisch für das Abendessen oder exotische Gewürze aus fremden Ländern – welches nun den Ausflug etwas in die Länge zog, um das bunte Treiben am Hafen zu bestaunen. Bislang schien die Tarnung gut zu funktionieren. Todkranke, verstümmelte Bettler hatten um Almosen gefleht, fliegende Händler hatten die Möglichkeit gewittert, etwas Ramsch überteuert an ein dummes, unerfahrenes Mädchen zu bringen, und eine Gruppe Matrosen hatte sich einen Spaß draus gemacht, Hanae im Vorbeigehen diverse vorzugsweise horizontale Aktivitäten anzubieten – nur, damit sie was fürs Leben lerne, selbstverständlich! Den Blick scheu auf den Boden gerichtet, hatte sie ihren Korb festgeklammert und ihre Schritte beschleunigt, wie es von einer braven Magd zu erwarten war.

Wer Hanae dafür allerdings nicht bemerkt hatte, geschweige denn belästigt, waren die Agenten von Jung Bao, die im Hafengebiet verteilt waren und Ausschau hielten nach einer überheblichen Hauptstadtschlampe, die sich anscheinend einbildete, ungestraft die Am Fah an der Nase herumführen zu können. Dies zumindest hatte Hanae dem Gespräch zweier Agenten entnommen, welche so zuvorkommend gewesen waren, ihrer Umgebung keine Beachtung zu schenken, während sie sich unterhielten – Änfänger! Aber so etwas passierte halt, wenn Bauerntrampel sich zu Banditen aufschwangen. Nicht, daß Bauern per se dumm waren, aber sie waren meist zu stolz, sich einem anderen zum Lernen unterzuordnen, wenn sie es gerade geschafft hatten, ihr kleines Dorf zu verlassen.

„Sie ist weg!"

Vor Jung Baos Männern war ein Gassenjunge aufgetaucht, der eine Weile zuvor von ihnen etwas Geld zugesteckt bekommen hatte, vermutlich begleitet von einem Auftrag.

Ein ungläubiger Aufschrei der beiden Männer ließ ihn etwas redseliger werden.

„Ich hab erst ne Weile vorm Schiff gewartet und da war sie nicht. Dann hab ich die Matrosen gefragt und die wussten auch nix, ausser daß sie sie lange nich gesehen haben. Dann hab ich nen Schiffsjungen gefunden, der mich an Bord gelassen hat. Scheint, daß ihr schlecht war und sie nach nem Arzt geschickt hat. Naja, und als der ankam, war sie weg."

Bedächtig leerte Hanae ihre Schale mit Reis und scharfem, eingelegten Gemüse, die sie bei einem Händler erstanden hatte, der praktischerweise schräg hinter den beiden Männern seine Waren anbot. Satt und zufrieden mit sich selbst beobachtete sie die hitzige Diskussion, welche die Nachricht des kleinen Spähers ausgelöst hatte.

Einige Zeit später hastete ein schuldbewußtes Dienstmädchen aus dem Hafengebiet, bemüht, verlorene Zeit wieder gutzumachen, klammerte ihren Korb an sich und folgte ganz nebenbei den Männern Jung Bao's, bis diese sie auf direktem Weg vom Hafen zum örtlichen Hauptquartier der Am Fah geführt hatten. Eine Ecke später verschmolz Hanae mit den Schatten und verließ die Stadt, um die Nacht sicher draussen in den Hügeln vorm Kloster zu verbringen, auf denen die einzige Störung weidende Bullen oder einige Mantiden sein würden.

Sie erwachte von einem dumpfen Stöhnen, gefolgt von leisem Wimmern. Sie schreckte hoch. Alles dunkel. Sie war nicht allein. Ihr Kopf noch benebelt vom Schlaf, desorientiert und doch schon voller Panik. Ganz in der Nähe ein lautes Poltern. Mit rasendem Puls rieb sie sich die Augen, versuchte, Einzelheiten der Umgebung zu erkennen. Ein dunkler, enger Raum, irgendwo eine Tür, durch deren Spalt unten ein Schimmer von Licht dringt. Es stinkt säuerlich nach vergorener Milch und Erbrochenem, darüber ein Schwall von alkoholischen Dünsten. Nur wenige Schritte neben ihr plötzlich eine derbe Männerstimme.

Miststück! Halt endlich still, sonst kriegst Du mein Messer zu spüren, wenn ich mit Dir fertig bin!" Das Wimmern wird leiser und wird nach und nach von rhythmischem Klatschen Fleischs auf Fleisch übertönt. Sie liegt still und weint sich mit lautlosen Tränen wieder in den Schlaf.

Nein! Nicht jetzt! Daran durfte sie jetzt auf keinen Fall denken. Sie berührte ihre langen Dolche, die griffbereit an ihrer Seite hingen, und richtete sich vorsichtig ein wenig auf.

Es mußte ein böser Wind sein, der ihr diese Gedanken brachte, und ausgerechnet, während sie in ihrem Versteck kauerte und jeden Moment entdeckt werden konnte, wenn ihr der kleinste Laut entfuhr. Es war mitten am Tag, und die Sonne brannte gnadenlos auf die Haiju Lagune nieder, wo Hanae in einem stacheligen Gebüsch kauerte und seit Stunden Jung Bao beobachtete. Sie war ihm seit Tagen gefolgt, vom Hauptquartier in der Nähe des Hafens bis zum Kloster, dann von dort mühselig immer außerhalb der Sichtweite von ihm und seinen Wachen bleibend die Jaya-Klippen überquert, wo er schließlich in der Lagune in der Nähe von Linkei sein Lager aufgeschlagen hatte. Nun wartete Jung Bao, und seiner sich ständig verschlechternden Laune zufolge kam sein Kontaktmann deutlich zu spät.

Hanae war gespannt, wer sich später zeigen würde. Ihre Auftraggeber hatten nur Andeutungen gemacht, daß die Am Fah in letzter Zeit offensichtlich erstarkt waren, und sich ihr Einflussgebiet nun auch über Umwege auf Shing Jea erstrecken würde. Von einer möglichen Allianz zwischen Am Fah und den Purpurschädeln war die Rede, doch fehlten bislang Beweise. Sicher war nur, daß die Organisation seit kurzem über mehr Finanzmittel als gewöhnlich verfügte, und das bereitete der Jadebruderschaft nicht wenig Sorgen.

Offiziell waren natürlich beide Schattenorganisationen vom Kaiser strikt verpönt und verfolgt, doch ein kompliziertes Geflecht von bestechlichen Beamten, ausstehenden Gefälligkeiten und politischen Winkelzügen, die sich in ihrer Komplexität nicht hinter einem meisterhaft gelegten Neun-Laternen-Spiel verstecken mußten, sorgte dafür, daß Am Fah und Jadebruderschaft gleichermassen zum Zuge kamen und nie ernsthaft angegangen wurden.

Ein Erstarken der Am Fah konnte nur Probleme mit sich bringen.

Da Hanae von ihrem vorigen Auftrag noch einiges über die Struktur der Am Fah wußte und ihre Anwesenheit auf Shing Jea den Gegner vermutlich nervös machen und vielleicht sogar zu Fehlern verleiten würde, war man sich schnell einig über ihr Folge-Engagement.

Alles in Hanae hatte sich gesträubt, den neuen Auftrag zu akzeptieren. Sie wollte nie wieder einen Fuß auf Shing Jea setzen, und auf das gebotene Gold konnte sie bequem verzichten. Allerdings wäre es mehr als unprofessionell gewesen, und hätte sie auch in eine unangenehme Lage gebracht. Wie bitte hätte sie ablehnen sollen?

„Tut mir leid, ich habe dort keine angenehme Zeit verbracht und möchte lieber nicht?" Hrmpf, wohl kaum! Sie würde ihre Schwächen nicht freiwillig offenbaren, auch wenn das bedeutete, eine schwere Reise in ihre Vergangenheit anzutreten. Sie hatte sich allerdings ausbedungen, daß sie den Auftrag jederzeit abbrechen konnte, wenn ihrer Einschätzung nach die Lage dies erforderte. Da sie nur beobachten, aber nicht töten sollte, war dies auch mit dem Kodex der Assassinen vereinbar.

Von Osten her, aus Richtung des Wassers, näherten sich mehrere Gestalten dem Lager Jung Baos. Eine etwa 5 Mann starke Truppe bewegte sich langsam und vorsichtig den Hang hinauf. Hanae kniff die Augen zusammen. Irgendetwas sah seltsam aus, etwas an der Art der Bewegung. Noch war die Gruppe zu weit entfernt, als daß Details erkennbar gewesen wären. Ein paar tiefe Atemzüge versetzten Hanae in den Zustand höchster Konzentration, wie es ihr damals von ihrem Meister beigebracht worden war.

Du bist nur Wahrnehmung. Augen, Ohren, Nase, selbst Deine Haut spürt die Umgebung und kleinste Veränderungen an der Temperatur oder am Wind. Dein Körper heißt Schmerzen willkommen, wenn der Feind sich nähert, helfen sie Dir doch, wach und aufmerksam zu bleiben.'

Einige Minuten später hatten auch Jung Baos Wachen die sich nahenden Personen gesichtet und bereiteten sich auf deren Ankuft vor. Waffen wurden dezent im Gürtel gelockert so daß sie leicht zu ziehen waren, und gespannte Bögen wurden ein paar Schritte den Hang hoch lose hinter etwas Strauchwerk verborgen. Es schien, als sei dies ein Treffen, dem auch die Am Fah mit Vorbehalt entgegen sahen.

Schockiert spähte Hanae zur Bucht hinunter. Konnte das wirklich sein? Sie hatte erkannt, was an den Bewegungen falsch war – es war kein Gehen, sondern eher ein aufrechtes Schlängeln – Nagas! Nagas, die sich gleich mit Menschen treffen würden, obwohl die beiden Rassen seit langem verfeindet waren! Was ging hier vor?

Ihr Anführer war eine große Schlange mit einer Aura starker Macht um sich herum. Er trug einen roten Lendenschurz, besetzt mit kostbar gearbeiteten metallenen Applikationen. In der rechten Hand hielt er einen großen Stab, dessen Kopf mit einem Geflecht aus Schnüren und bunten Steinen versehen war. Ein Ritualist.

Noch bevor sie ihre Überraschung verwunden hatte, erstarrte Hanae zu einem schockierten Bündel Panik. Direkt auf ihrer Halsschlagader übte plötzlich eine schmale Klinge Druck aus und eine kräftige Hand schloss sich über ihrem Mund.

„Keine Bewegung! Und kein Wort!"