3. Kapitel

Es war Punkt acht Uhr, als Javert an die Tür der Rue de l'Homme-Armé Nummer 7 klopfte. Er hatte eine nicht sonderlich große Tasche über der Schulter und ein wenig Reiseproviant in den Taschen seines Mantels. Da er, wie immer, bereits seit zwei Stunden wach war, hatte ihn jede Müdigkeit verlassen.

Bevor der achte Schlag der nahegelegenen Kirchturmuhr verklungen war, hatte Valjean die Tür geöffnet. Er war zwar aufgrund der schlaflosen Nacht nicht halb so munter wie Javert, aber immerhin reisefertig. Auch er hatte eine kleine Reisetasche in Händen. Neben ihm stand allerdings eine zweite überdimensionierte Tasche.

„Was transportieren Sie da?" fragte Javert stirnrunzelnd. „Ihren gesamten Hausstand?"

„Ich habe mir vorgestellt, daß zumindest ich mit ziemlicher Sicherheit nicht wieder hierher zurückkehren werde", antwortete Valjean und zerrte die Tasche über die Schwelle, um die Tür zu schließen. „Ich habe nur das Wichtigste mitgenommen."

Javert, der ungerührt zusah, wie Valjean, dessen Bärenstärke ihm hinlänglich bekannt war, mühsam die große Tasche zu schultern versuchte, konnte eine spöttische Bemerkung nicht zurückhalten. „Ich hatte nicht erwartet, daß Sie ausgerechnet Ihre Steinsammlung als ‚wichtig' bezeichnen würden."

„Das ist keine Steinsammlung", widersprach Valjean etwas atemlos. „Nur Dinge, ohne die ich Paris unmöglich verlassen kann."

„Ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr Herz an ‚Dingen' hängt", sagte Javert ehrlich überrascht, als sie den Hauseingang verließen.

„Nur an diesen." Valjean versuchte, das Gleichgewicht und gleichzeitig mit Javert Schritt zu halten. „Es ist etwas aus Cosettes Kindheit, das ich immer bei mir hatte, seit ich sie zu mir nahm. Dann zwei Kerzenleuchter, die mir der Bischof von Digne gab und damit meine Seele kaufte, und eine Bibel."

„Und das ist so schwer?"

Valjean lächelte verlegen. „Nun, ja, ich habe dann noch so ein paar Bücher eingepackt."

„Wieviele Bücher?" fragte Javert streng.

„Zwanzig." Valjean klang fast kleinlaut.

„Sie haben vor, zwanzig Bücher quer durch Frankreich zu schleppen?"

„Es war schon schwer genug, diese zwanzig auszuwählen…" Valjean warf einen fast bittenden Blick nach oben, der etwas von dem Blick eines kleinen Jungen hatte, der seine Eltern anfleht, das Hündchen, was er auf der Straße gefunden hatte, behalten zu dürfen.

Für einen langen Moment wußte Javert nicht, ob er lachen oder ärgerlich werden sollte. „Stellen Sie das Ding ab", sagte er schließlich im Befehlston.

Mit zerknirschtem Gesichtsausdruck nahm Valjean die Tasche von den Schultern und ließ sie vorsichtig auf das Pflaster sinken.

„Aufmachen", befahl Javert und stellte seine eigene Tasche ebenfalls ab.

Mutlos öffnete Valjean seine Tasche. Er wußte, daß es Wahnsinn war, so viele Bücher mitzunehmen, und daß Javert zu Recht ärgerlich war. Also widersprach er nicht.

Javert hockte sich vor die beiden Taschen und griff wahllos fünf Bücher aus Valjeans Tasche heraus.

Valjean biß die Zähne zusammen. Javert würde diese Bücher doch nicht einfach auf der Straße aussetzen?

Javert öffnete seine eigene Tasche, die nur etwa zur Hälfte gefüllt war, und warf die fünf Bücher achtlos hinein. Dann schloß er beide Taschen, erhob sich und griff nach seiner nun deutlich schwerer gewordenen. „Gehen wir", sagte er schroff und marschierte los.

Vollkommen fassungslos und mit halboffenem Mund starrte Valjean ihm nach. Das war bestimmt gerade nicht wirklich passiert!

Bevor es ihm gelang, auch nur ein einziges Wort des Dankes zu artikulieren, wandte Javert sich um. „Nun kommen Sie schon, wir werden noch die Kutsche verpassen."

Valjean beeilte sich aufzuschließen. Er ahnte, daß Javert jetzt keinen Dank hören wollte.

„Ach, und wenn ich mitbekomme, daß Sie auf dieser Reise nur ein einziges Buch kaufen", sagte Javert grimmig, „dann werfe ich diese fünf Freunde von Ihnen in meiner Tasche in den nächsten Teich, verstanden?"

„Verstanden", antwortete Valjean und strahlte.

XXX

Währen die Postkutsche auf miserablen Straßen südwärts rumpelte, lehnte Javert den Kopf gegen die Seitenwand und betrachtete Valjean, der es trotz seines schlechten Platzes schräg gegenüber geschafft hatte einzuschlafen. Ursprünglich hatten sie nebeneinander gesessen, daneben dann noch eine ältere Dame, deren Mann auf der gegenüberliegenden Bank saß. Beim ersten Halt kurz hinter Paris war ein weiteres Ehepaar eingestiegen, und natürlich hatte Valjean sofort der Frau seinen Platz angeboten; mit dem Ergebnis, daß er jetzt rückwärts zur Fahrtrichtung in der Mitte eingequetscht zwischen den beiden Ehemännern auf dem schlechtesten Platz im ganzen Wagen saß.

Märtyrer, dachte Javert, doch es klang nicht so verächtlich, wie er es geglaubt hatte. Irgend etwas war mit ihm passiert, da draußen auf dieser Straße zwischen den Büchern. Dieser Blick von Valjean, diesem Mann, der noch nie um etwas für sich selbst gebeten hatte, und auch jetzt nicht wagte, mit Worten etwas zu erbitten, hatte ihn, ja, gerührt. Und diese Freunde über ein paar simple Bücher… Was für ein unglaublicher, merkwürdiger Mann!

Javert hatte niemals die Gelegenheit gehabt, Valjeans Gesicht in den Einzelheiten studieren zu können, dieses unwirklich weiße Haar, die Fältchen, die in den letzten Monaten deutlich zu Tage getreten waren, auch wenn er noch immer jünger als seine fünfundsechzig Jahre wirkte…

Genau diesen Moment wählte Valjean, um die Augen zu öffnen und den Blick zu erwidern. Als wäre es Javert nicht schon peinlich genug gewesen, dabei erwischt worden zu sein, Valjean anzustarren, errötete er zu allem Überfluß auch noch.

Manchmal, nicht oft, aber doch manchmal fragte Javert sich, ob Gott Jean Valjean eigentlich absichtlich geschaffen hatte, nur um ihn selbst immer wieder in unangenehme Situationen zu bringen.

Zur Vermeidung einer weiteren unangenehmen Situation schloß Javert nunmehr seinerseits die Augen und gab vor zu schlafen.

XXX

Die Kutsche erreichte Fontainebleau am frühen Abend. In der Poststation war um diese Jahreszeit nicht allzuviel Betrieb, weswegen den Reisenden schnell zwei angenehme Zimmer zur Verfügung standen. Nachdem sie den Reisestaub abgeschüttelt hatten, trafen Javert und Valjean in der Gaststube zum Abendessen wieder zusammen.

Schnell hatte der Wirt Wasser und Wein auf den Tisch gestellt und machte sich daran, das Essen zu servieren. Valjean wollte Javert ein Glas Wein eingießen, doch dieser lehnte ab mit einem kurzen Kopfschütteln.

„Ich hätte mir denken können, daß Sie nicht trinken", sagte Valjean und goß ein wenig Wein in sein eigenes Glas. „Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn ich mir ein Glas gönne."

„Solange Sie nicht vorhaben, sich zu betrinken", erwiderte Javert und füllte sein Glas mit Wasser.

Valjean warf ihm einen kurzen Blick zu. „Nein, für gewöhnlich belasse ich es bei einem Glas zum Essen. Sie haben mir noch keine Gelegenheit gegeben, mich für heute morgen zu bedanken."

„Ich hatte nicht das Recht, Ihnen vorschreiben zu wollen, was Sie mitnehmen." Javert trank einen Schluck Wasser. „Es gibt somit keinen Grund, sich zu bedanken."

„Aber Sie hätten die Bücher nicht einpacken müssen, das war sehr großzügig", wandte Valjean ein.

Javert machte eine abwehrende Handbewegung und stellte erleichtert fest, daß die Unterhaltung dadurch unterbrochen wurde, daß der Wirt die Suppe auftrug.

Als Valjean den ersten Löffel der Suppe zum Mund führte, umspielten seine Lippen ein Lächeln. Er hatte nicht erwartet, daß Javert und er selbst etwas gemeinsam haben würden, doch unzweifelhaft teilten sie die Unfähigkeit, Dank angemessen entgegen zu nehmen. „Sie haben mir noch nicht gesagt, wohin wir eigentlich genau reisen."

„Ich werde es Ihnen mitteilen, sobald ich es selbst weiß."

„Sie kennen das Ziel unserer Reise nicht?" Valjean runzelte die Stirn.

„Das habe ich nicht gesagt", entgegnete Javert. „Ich kenne das Ziel, ich weiß nur nicht, wo es sich derzeit befindet."

„Wenn Sie vorhaben, geheimnisvoll zu erscheinen, ist Ihnen das gerade gelungen." Valjean wartete einen Moment ab, ob Javert sein Rätsel aufzulösen gedachte, doch als dieser schwieg, fuhr er fort: „Dann werde ich mich wohl überraschen lassen müssen."

Unverzüglich nach dem Hauptgang zogen sich die beiden Männer auf ihre Zimmer zurück, ohne daß beim Essen noch etwas von Belang besprochen worden war.

Javert wünschte mit einem Nicken auf dem Flur vor ihren Zimmern eine „Gute Nacht" und war schon fast in seinem Zimmer verschwunden, als Valjeans Stimme ihn zurückrief.

„Ach, Javert, falls Sie etwas zum Lesen haben möchten, müssen Sie es nur sagen."

„Danke", erwiderte Javert trocken und fügte hinzu, bevor er die Tür schloß: „Ich habe fünf Bücher in meiner Tasche."

XXX

Am nächsten Morgen wartete Javert halb kopfschüttelnd, halb amüsiert neben der Kutsche und sah zu, wie Valjean eine Ewigkeit benötigte, um von der Tür der Poststation zur Kutsche zu gelangen, obgleich die Distanz nur ein paar Dutzend Meter betrug. Valjean kam jedoch deswegen kaum voran, weil sich zahlreiche bettelnde Frauen, Kinder und Alte um ihn versammelt hatten und ihn um Geld anflehten.

Absolut instinktsicher hatten sie Javert ohne ein einziges Wort passieren lassen und sich geradezu auf Valjean gestürzt, der aus den offenbar nicht versiegenden Quellen in seinen Taschen immer wieder neue Münzen zum Vorschein brachte. Das faszinierendste war allerdings dabei, Valjeans Gesichtsausdruck zu beobachten, der sich in keiner Weise durch die Bettler belästigt fühlte, sondern mit jeder Münze, die seine Hände verließ, mehr zu strahlen schien.

„Ihr Freund ist ja ein echter Heiliger", sagte der einzige andere Passagier, ein junger Offizier, der ebenfalls auf die Abfahrt wartete.

Javert warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Valjean, ein Heiliger? Vielleicht ja. Valjean, schlimmer noch, ein Freund? Das fehlte gerade noch.

Der Kutscher beugte sich von seinem Bock herab. „Ich muß los; also steigen Sie ein, Messieurs."

Javert öffnete den Mund, um Valjean heranzurufen – und schloß ihn wieder. Wie sollte er nach ihm rufen? Er konnte unmöglich „Valjean" quer über den Platz brüllen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering war, daß es jemand aufmerksam werden ließ, gab es dumme Zufälle; sonst wäre er selbst ja auch nie nach Montreuil versetzt worden. Hatte Valjean sich unter dem Namen Fauchelevent in der Poststation eingetragen, oder einen anderen Namen benutzt?

Javert rief das nächstliegende und unauffälligste: „Jean."

Valjean wandte sich irritiert um und starrte dann Javert erstaunt an. Seit Toulon hatte ihn niemand mehr beim Vornamen genannt.

Ein wenig fühlte Javert sich unter diesem Blick unbehaglich, doch immerhin hatte er jetzt Valjeans Aufmerksamkeit. „Soweit Sie nicht gerade die gesamte Reisekasse verteilt haben, sollten wir einsteigen, bevor die Kutsche ohne uns abfährt."