Der Feind meines Feindes ist mein Freund
.-°*°-.
by CarpeDiem
.-°*°-.
Mein Weg ist nichts weiter als ein schmaler Pfad,
den ich nicht verlassen kann.
.-°4°-.
Als die Wachen vor dem Zelt auseinander traten und Nasuada hereinkam, lag Murtagh auf dem Feldbett an das er noch immer gefesselt war. Er hob den Kopf, als er hörte wie jemand das kleine Zelt betrat und ein höhnisches Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er sah wer sein Besucher war.
„Hallo Murtagh", sagte Nasuada mit einem Lächeln ihrerseits und trat dann näher zu ihm, um sich auf die kleine Bank zu setzen, die immer noch neben Murtaghs Liege stand.
Murtagh ließ den Kopf wieder nach hinten auf das Feldbett sinken und richtete seinen Blick an die Decke des Zeltes.
„Die Anführerin der Varden übernimmt höchst persönlich die Aufgabe mir mein Todesurteil zu überbringen. Ich fühle mich geehrt", versetzte Murtagh voller Sarkasmus und lachte leise, bevor er den Kopf drehte um Nasuada anzusehen. Ihr Lächeln war nicht verschwunden und sie ließ sich von seinen Worten scheinbar nicht angreifen.
„Es freut mich auch dich wieder zu sehen."
Murtagh schnaubte leise und wandte seinen Blick wieder von Nasuada ab. Ihre stoische Ruhe angesichts der Mitteilung mit der sie zu ihm gekommen war, versetzte Murtagh in widerwillige Bewunderung. Er hatte die Tochter Adjihads als lebensfrohe und offene junge Frau kennen gelernt, doch die Aufgabe, die seit dem Tod ihres Vaters auf ihren Schultern lastete, hatte ihr eine Maske aus Gelassenheit und Unnahbarkeit aufgezwungen um die Murtagh sie nicht beneidete.
„Die Höflichkeiten kannst du dir sparen. Sie werden dir deine grausame Pflicht auch nicht erleichtern, Nasuada."
„Du gehst hier von falschen Voraussetzungen aus."
Murtagh drehte den Kopf und seine Augen verengten sich argwöhnisch. „Was meinst du damit?"
„Du wirst nicht hingerichtet, Murtagh", antwortete Nasuada und Murtagh hätte ihr wahrscheinlich nicht geglaubt, doch die Anführerin der Varden sah ihm direkt in die Augen und der Ausdruck, den Murtagh darin sehen konnte, ließ keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit ihrer Worte zu. Murtagh starrte sie an, als Nasuada sich über ihn beugte und dann zuerst die Fesseln an seinen Handgelenken und anschließend die Lederbänder um seine Fußgelenke herum löste. Murtagh setzte sich auf und rieb sich die Handgelenke. Obwohl die Fesseln keine Verletzungen hinterlassen hatten - er hatte es schließlich auch nicht auf einen Versuch sich zu befreien angelegt - waren sie doch sehr fest gewesen und es war angenehm nicht länger an die Liege gefesselt zu sein.
„Und du bist auch nicht länger ein Gefangener", erklärte Nasuada. „Vielmehr hoffe ich, dass du dich dazu entschließen wirst unser Verbündeter zu werden und mit uns zusammen gegen Galbatorix zu kämpfen."
„Es fällt mir schwer zu glauben, dass die Elfen und die Zwerge dem zugestimmt haben", meinte Murtagh skeptisch und sah Nasuada abwartend an.
„Die Elfen wissen, dass du den Mord an Oromis unter Galbatorix' Einfluss begangen hast, und obwohl sie klar gemacht haben, dass sie dich niemals als Freund betrachten werden, sehen sie dich auch nicht als ihren Feind an."
Dass die Elfen in einem seltenen Moment der Güte ihre Vergeltung vergessen konnten, wenn weise Berechnung ihnen als das klügere Handeln erschien, war für Murtagh durchaus nachvollziehbar. Es war genau das Verhalten, dass er von diesem Volk erwartete. Dann musste das Problem an einer anderen Stelle zu suchen sein.
„Und was ist mit den Zwergen?", fragte Murtagh spöttisch, denn er konnte sich bereits denken, dass sie ihm den Mord an ihrem König nicht vergeben würden.
„Sie fordern in der Tat gemäß ihren Gesetzen deinen Tod, aber König Orik ist deshalb bereits vor einer Stunde nach Tronjheim aufgebrochen, um die Clans zum Einlenken zu bewegen", entgegnete Nasuada ruhig und Murtagh sah sie an.
„Und was passiert, wenn er es nicht schafft?"
„Dann werden wir das Bündnis mit den Zwergen beenden. Wir können ihre Krieger entbehren, aber wir brauchen einen zweiten Drachenreiter, wenn wir Galbatorix besiegen wollen", sagte sie nachdrücklich und sah Murtagh durchdringend an.
Murtagh jedoch schüttelte mit einem grimmigen Lächeln den Kopf. „Selbst mit zehn Drachenreitern würde es nicht gelingen Galbatorix zu besiegen. Ich habe seine Macht erlebt, Nasuada und sie liegt jenseits aller Vorstellungskraft. Wir können nicht gewinnen."
„Das ist für mich keine Option, Murtagh", widersprach Nasuada energisch und ihre Augen leuchteten bei ihren nächsten Worten mit unerschütterlicher Entschlossenheit. „Wir werden kämpfen und wir werden Galbatorix besiegen oder bei dem Versuche unser Leben lassen!"
„Nun, dann wünsche ich euch viel Erfolg", gab Murtagh spöttisch zurück. „Ich für meinen Teil, bin lieber ein Feigling als tot."
Nasuada presste die Lippen aufeinander und sah Murtagh kalt an, bevor sie antwortete. „Wenn du vor einem Kampf davon läufst, dann bist du in der Tat ein Feigling. Nach allem was Galbatorix dir und Dorn angetan hat, willst du nicht Rache an ihm nehmen?"
Wut wallte in Murtagh auf, als er das hörte, doch er kämpfte dieses zerstörerische Gefühl nieder so gut er konnte.
„Doch das will ich!", entgegnete er mit zusammengebissenen Zähnen. „Aber ich weiß, dass ich es nicht kann und ich werde nicht bei dem Versuch einen sinnlosen Tod sterben."
„Wenn du das glaubst, dann bist du nicht nur feige sondern auch schwach."
Murtagh sah Nasuada ungerührt an. Er wusste was sie versuchte und er hatte nicht die Absicht sich von ihr provozieren zu lassen. Außerdem war es für ihn keine Option an der Seite der Varden zu kämpfen und damit auch zuzulassen, dass sie das Imperium zerstörten. Galbatorix musste vernichtet werden, aber das gab den Varden nicht das Recht das Land ins Chaos zu stürzen und mit Krieg zu überziehen. Außerdem hatte er nicht vor einem Herrn gegen einen anderen zu tauschen.
„Mit dieser Art Beleidigungen wirst du mich auch nicht umstimmen, Nasuada. Und ganz abgesehen davon, dass es unmöglich ist Galbatorix zu besiegen, habe ich kein Verlangen danach mich mit Schwüren in der alten Sprache an die Varden zu binden, denn dann wäre ich nach wie vor ein Sklave, nur diesmal der, eines anderen Herren."
Nasuadas nächste Worte überraschten Murtagh deshalb umso mehr, denn er hatte nicht erwartet, dass die Varden so weit gehen würden.
„Wir fordern keine Schwüre in der alten Sprache von dir. Alles was König Orrin verlangt ist, dass du dein Versprechen gibst die Varden und ihre Verbündeten im Kampf gegen Galbatorix zu unterstützen. Und dieses Versprechen soll auf Vertrauen und nicht auf Zwang basieren."
Murtagh antwortete nicht, denn damit hatte Nasuada ihm einen entscheidenden Grund genommen, der ihn bis jetzt davon abgehalten hatte in Erwägung zu ziehen sich den Varden anzuschließen. Er wusste, dass Nasuada nicht den Wunsch hatte das Imperium zu zerstören oder gar sich selbst zu Königin zu krönen, aber er misstraute den Varden und vor allem ihren Verbündeten.
„Denk darüber nach", bot Nasuada an und erhob sich. „Vielleicht hast du Recht und wir können Galbatorix nicht besiegen, aber es besteht die Chance, dass du dich irrst und das Schicksal uns beistehen wird. Und ich denke, dass es sich lohnt für diese Chance zu kämpfen. Lass es mich wissen, wenn du zu einer Entscheidung gelangt bist."
Nasuada drehte sich mit einem letzten Blick auf ihn um, um das Zelt wieder zu verlassen, während Murtagh über ihre Worte nachdachte. Er glaubte nicht, dass die Varden oder Eragon es schaffen könnten Galbatorix zu vernichten, doch das war das, was auch Galbatorix glaubte. Womöglich hatte Nasuada tatsächlich einen Grund die Hoffnung auf einen Sieg zu hegen und obwohl sie nicht bereit zu sein schien ihm diesen Grund zu offenbaren, glaubte Murtagh dennoch, dass es ihn gab. Außerdem hatte er um der Wahrheit die Ehre zu geben, kaum eine andere Wahl als sich den Varden anzuschließen, denn er war sich sicher, dass sie nicht das Risiko eingehen würden, dass Galbatorix ihn erneut zu seinem Sklaven machte. Das bedeutete, dass er doch ein Gefangener bleiben würde und es ihm verboten wurde sich wieder mit Dorn zu vereinigen. Die Leere und die qualvolle Stille, die in seinem Inneren herrschte, war kaum zu ertragen und er hatte sich noch nie so einsam gefühlt. Dorn war sein bester Freund, mehr noch, er war ein Teil von ihm und Murtagh konnte nicht ohne diesen Teil leben.
Außerdem waren die Elfen nur so gnädig mit ihm, weil sie ihn brauchten und das würde sich sehr schnell ändern, wenn er nicht an ihrer Seite kämpfte, denn dann würden sie alles daran setzen ihn zu töten. Von der Zwergen einmal ganz abgesehen. Er war sein ganzes Leben davongelaufen und er wollte nicht auch den Rest seines Lebens auf der Flucht sein.
Nasuada war beinahe am Ausgang des Zeltes angekommen, als ein Wort von ihm sie Inne halten ließen.
„Warte."
Die Anführerin der Varden drehte sich um und Murtagh hatte das Gefühl, dass sie gewusst hatte, welche Entscheidung er treffen würde. Nur aus dem Grund war sie nicht weiter in ihn gedrungen und hatte ihn seinen Gedanken überlassen, wissend, dass sie ihn nicht zwingen konnte die Wahrheit zu sehen, wohl aber, dass er von selbst einen Blick darauf werfen würde. Als er damals Gefangener in Tronjheim gewesen war, hatten Nasuada und er beinahe jeden Tag miteinander verbracht und sie war der erste Mensch außer Eragon gewesen, von dem er zugelassen hatte, dass er sah wer er wirklich war. Er hatte ihr vertraut und er hatte das unbestimmte Gefühl, dass er ihr auch jetzt noch vertrauen konnte.
„Auch wenn ich glaube, dass du es bist, die sich irrt Nasuada, so werde ich mich dennoch den Varden und ihren Verbündeten anschließen und gegen Galbatorix kämpfen, so aussichtslos dieser Kampf auch sein mag."
„Warum?"
„Weil ich nicht länger davonlaufen will", antwortete Murtagh aufrichtig. Es war schwer die Wahrheit auszusprechen, aber Nasuada würde sich mit weniger nicht zufrieden geben. „Und weil Dorn auch ohne einen Reiter kämpfen wird, und es sehr wahrscheinlich ist, dass er eine Dummheit begeht und sich dabei umbringt. Und das werde ich nicht zulassen."
Dorn war der andere Grund warum er diese Entscheidung traf. Er hasste Galbatorix abgrundtief, noch mehr, als Murtagh oder irgendein anderes Wesen in Alagaësia in der Lage war ihn zu hassen, denn Galbatorix hatte ihm von Geburt an das Wichtigsten genommen, was ein Drache hatte: seine Freiheit. Dorn würde alles tun, um Galbatorix zu töten und er würde es dabei begrüßen, wenn er das mit seinen eigenen Klauen tun konnte. Murtagh hatte ihm oft genug versprochen, dass er ihm bei diesem Vorhaben helfen würde und er hatte nicht vor dieses Versprechen zu brechen, besonders nicht, da er selbst nichts mehr wollte, als Galbatorix für alles was er ihm, aber vor allem was er Dorn angetan hatte, bezahlen zu lassen. Dorn und er gehörten zusammen und Murtagh würde sich nicht auf unbestimmte Zeit - denn so lange würde es sein, nämlich bis die Varden Galbatorix besiegt hatten - von ihm trennen lassen. Und Murtagh war sich sicher, dass Dorn unter diesen Umständen ebenfalls Seite an Seite mit den Varden kämpfen würde.
„Ich danke dir Murtagh. Mit dieser Entscheidung gibst du den Varden wieder neue Hoffnung."
Murtagh nickte, obwohl ihm diese Tatsache ziemlich gleichgültig war. Sein Ziel war es Galbatorix zu töten und wenn er sich um dieses Ziel zu erreichen mit den Varden verbünden musste, dann sollte es eben so ein. Aber er würde die Worte seines Schwures sehr genau überdenken, denn auch wenn er ihn nicht in der alten Sprache leisten musste, band er sich damit an die Varden und ihre Verbündeten und das würde er nur solange tun, bis Galbatorix vernichtet war.
„Wir werden die Verbindung zwischen Dorn und dir morgen gegen Mittag erneuern. Danach werden du und Dorn eure Treueschwüre vor mir, Arya, König Orrin und allen Varden leisten", entschied Nasuada, nachdem sie einen Moment nachgedacht hatte.
„Wir werden unser Versprechen geben die Varden und ihr Verbündete im Kampf gegen Galbatorix zu unterstützen", antwortete Murtagh und Nasuada nickte. Sie wusste, dass dieses Versprechen nur solange galt, bis Galbatorix tot war. Danach bestand auch kein Grund mehr Murtagh und Dorn an die Varden zu binden, denn wenn dieses Ziel erreicht war, würde es die Varden nicht mehr länger geben.
„Wenn du König Orrin beweisen willst, dass du das Vertrauen, dass er in dich setzt, indem er dich und Dorn an unserer Seite kämpfen lässt, verdient hast, dann schwörst du anschließend in der alten Sprache, dass du nach Galbatorix Tod nicht versuchen wirst den Thron zu besteigen."
Murtagh sah sie einen Moment lang sprachlos an.
„Warum sollte ich versuchen wollen den Thron zu besteigen?!", fragte er fassungslos, als er seine Stimme wiedergefunden hatte.
„Ich weiß, dass du das nicht willst", stellte Nasuada mit ruhiger Stimme klar. „Aber König Orrin fürchtete sich davor, dass erneut ein Drachenreiter die Macht an sich reißen könnte, mehr als vor allem anderen. Und da ist er bei Leibe nicht der einzige."
Murtagh nickte. Das war ein Schwur, den er leisten konnte, denn er würde mit Sicherheit niemals auch nur in Erwägung ziehen ihn zu brechen.
„Dann werde ich diesen Schwur in der alten Sprache leisten."
„Danke", entgegnete Nasuada bedeutungsvoll und lächelte. „Dann bis Morgen."
Sie wollte sich gerade umdrehen, als ihr noch etwas einfiel und sich dann wieder Murtagh zuwandte.
„Eines noch. Obwohl du kein Gefangener mehr bist, solltest du vorerst besser in deinem Zelt bleiben. Viele der Varden und besonders die Zwerge hegen tiefen Hass gegen dich und ich möchte nicht, dass dir etwas geschieht. Außerdem sind nachweislich Mitglieder der schwarzen Hand unter den Varden, die in Galbatorix' Auftrag versuchen könnten dich zu töten. Mittlerweile wird es sich herumgesprochen haben, dass du im Lager bist. Ich werde ein paar der Elfenmagier ebenfalls um dein Zelt herum postieren, nur für alle Fälle. Und ich schicken dir jemanden, der dir etwas zu Essen bringt. Gute Nacht."
Mit einem weiteren Lächeln verließ Nasuada das Zelt und Murtagh legte sich einen Moment darauf wieder auf das Feldbette, auf dem er bisher gesessen hatte. Nun war er also doch, nachdem er verzweifelt versucht hatte sich dagegen zu wehren, in den Reihen der Varden gelandet.
# # #
Murtagh lag ausgestreckt auf dem Feldbett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und blickte nach oben an die Decke des kleinen Zeltes, das er nicht verlassen durfte. Obwohl dürfen wohl nicht das passende Wort war, vielmehr war es ratsam es nicht zu verlassen. Eine junge Frau hatte ihm heute Morgen etwas zu Essen gebracht, doch sie hatte Murtagh nicht angesprochen und ihn mit feindseligen Blicken bedacht, während sie sein Frühstück auf die kleine Bank gestellt und dann das Zelt wieder verlassen hatte. Vermutlich war sie noch eine derjenigen, die ihm nicht allzu ablehnend gegenüberstanden, sonst hätte Nasuada sie wohl nicht geschickt, doch wenn diese Frau eine von denen gewesen war, die ihn nicht hängen sehen wollten, dann hatte er kein Verlangen danach Bekanntschaft mit dem Rest der Varden zu machen.
Wie spät es mittlerweile genau war, wusste Murtagh nicht, aber er vermutete, dass es beinahe Mittag sein musste, denn es war bereits sehr warm draußen geworden und die Sonne schien durch den offenen Einfang des Zelts ins Innere. Es war keine von Murtaghs Stärken geduldig auf etwas zu warten, aber ihm blieb im Augenblick nichts anderes übrig und nach einiger Zeit hatte er es aufgegeben im Zelt auf und abzugehen, denn genauso wie seine Füße kamen auch seine Gedanken dabei nirgends an.
Seitdem lag er auf der Liege und versuchte das Beste aus seiner Situation zu machen, doch diese Stille in seinem Kopf ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er war immer gereizt und unausgeglichen, wenn er von Dorn getrennt war und die Tatsache, dass er dieses Mal wirklich von ihm getrennt worden war, machte es nur noch schlimmer. Zumindest konnte er sich mit der Tatsache trösten, dass diese unerträgliche und kalte Leere in wenigen Stunden wieder von einem lebendigen, warmen Bewusstsein gefüllt werden würde, doch das Warten bis es soweit sein würde, war kaum zu ertragen.
Er hatte während der vergangenen Nacht und an diesem Morgen viel Zeit gehabt, über seine Entscheidung sich den Varden anzuschließen nachzudenken, und je länger er das tat, desto übereinstimmender kam er zu der Ansicht, dass er eine gute Wahl getroffen hatte. Sein Ziel war es Galbatorix zu vernichten und die einzigen, die ihm dabei helfen konnten, waren die Varden und ihre Verbündete, und Hilfe brauchte er. Zwar waren die Krieger der Elfen, Varden, Zwerge und der Menschen aus Surda zusammen Galbatorix' Streitkräften immer noch zahlenmäßig weit unterlegen, aber die Zwerge waren zähe Kämpfer, die Elfen waren schneller und stärker als fünf Menschen zusammen und jeder Urgal konnte fünfzig oder noch mehr Soldaten ausschalten, bevor er zu Boden ging. So sehr Murtagh diese Kreaturen auch verabscheute, so musste er doch zugeben, dass sie großartige Krieger waren. Alle Völker, die mit den Varden gegen das Imperium zogen, waren geborene Krieger und schon allein das brachte ihnen gegen Galbatorix' zwangsverpflichtete und schlecht ausgebildete Soldaten einen Vorteil. Womöglich konnten sie es tatsächlich schaffen über Belatona und Dras Leona bis nach Urû'baen vorzudringen. Ab da würde es dann an ihm, Eragon und den Elfenmagiern liegen.
Murtagh schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Doch selbst falls sie das schaffen sollten, Galbatorix' verfügte über eine unglaubliche Anzahl an Eldunarí und er, Eragon, Glaedr's Eldunarí und die zwölf Elfen zusammen waren ihm nicht gewachsen. Es musste ein Wunder geschehen, sonst war bald alles verloren.
Murtagh hob den Kopf, als er Schritte draußen vor dem Zelt hörte, was bis jetzt nur dann der Fall gewesen war, wenn jemand zu ihm wollte, denn anscheinend lag sein Zelt am äußeren Rand des Lagers. Die vier Kull vor dem Eingang traten mit schweren Schritten bei Seite, und Eragon erschien in der Öffnung des Zeltes. Er trug ein fein gewobenes Wams in prächtigen Farben und Murtagh fiel sofort auf, dass es denselben spitzen Schnitt hatte, wie die Gewänder von Arya. Vermutlich war es ein Geschenk der Elfen gewesen. Eragons lange Haare waren ordentlich nach hinten gekämmt und mit den kantigen Gesichtszügen und den spitzen Ohren sah er beinahe selbst aus wie ein Elf. An seinem Gürtel hing eine blaue Schwertscheide, die in den Strahlen der Sonne, die von draußen in das Zelt schienen, seltsam glitzerte, und am Knauf des schwarzen Holzgriffes befand sich ein großer Saphir. Dann hatte Eragon also ein neues Schwert. In seinen Händen hielt Eragon ein weiteres Wams, das jedoch ganz aus schwarzem Stoff war, und außerdem Murtaghs Gürtel mit Zar'roc daran.
„Es ist soweit", teilte Eragon ihm mit und hielt ihm das Wams und sein Schwert entgegen.
Murtagh setzte sich mit einer fließenden Bewegung auf und sprang auf die Füße. Nachdem er Eragon das Wams und Zar'roc abgenommen und auf die Liege gelegt hatte, begann er die Schnallen an seinem eigenen ledernen Wams zu öffnen.
„Du hast ein neues Schwert", stellte er mit einem Blick auf die blaue Schwertscheide fest und Eragon nickte gleichgültig.
„Ja. Die Elfen haben es für mich geschmiedet."
Murtagh nickte, während er sein Wams von den Schultern streifte und ebenfalls auf das Feldbett fallen ließ. Er ließ sich nichts anmerken, doch er beneidete Eragon darum, dass die Elfen ihm ein neues Schwert geschenkt hatten. Er hatte Eragon praktisch dazu gezwungen die Elfen darum zu bitten, als er ihm Zar'roc weggenommen hatte, doch heute wünschte er sich, dass er es nicht getan hätte. Galbatorix hätte ihm eines der Schwerte, die er in Urû'baen hortete, geben können, doch Murtagh hatte sich unbedingt das Schwert seines Vaters zurückholen wollen. Diese Laune bereute er nun jedes Mal, wenn sich seine Finger um den Griff der roten Klinge schlossen, doch gleichzeitig würde dieses Schwert ihn für immer daran erinnern, dass er niemals so werden wollte, wie der Mann für den es einst geschmiedet worden war.
Als Murtagh das schwarze Wams, das Eragon ihm gebracht hatte vom Feldbett nahm und anlegte, konnte er nicht umhin zu bemerken, dass es genauso geschnitten war wie das von Eragon, und das der Stoff dieselbe beeindruckende Qualität hatte. Zwar hatte er schon solche edlen Gewänder getragen, als er an Galbatorix' Hof gewesen war, doch dieses Wams von den Elfen war leichter und dennoch bestand der Stoff aus ungewöhnlich vielen Maschen. Ein Näher aus dem Imperium hätte so etwas niemals anfertigen können. Ein wenig überrascht schloss Murtagh die großen, silbernen Schnallen an der Vorderseite. Eragon schien seinen erstaunten Blick zu bemerken.
„Ein Geschenk von den Elfen um das Bündnis zwischen ihnen und dir zum Ausdruck zu bringen. Ich soll dir außerdem ausrichten, dass es das erste und letzte Geschenk sein wird, was du von je ihnen erhalten wirst."
Murtagh nickte mit einem grimmigen Lächeln. Dieses Wams war kein Geschenk, sondern eine Fahne, die sie ihm umhängen wollten um im Sinne ihres Bündnisses Freundschaft zu heucheln und obwohl Murtagh es tragen musste um die Elfen nicht zu verärgern, würde er es wieder ausziehen, sobald er seinen Schwur abgelegt hatte. Nachdem er alle Schnallen geschlossen hatten, griff er nach seinem Gürtel und schnallte sich Zar'roc um die Hüften, bevor er sich mit einer Hand durch seine Haare fuhr.
„Gehen wir", entschied er dann und Eragon nickte, bevor er sich umdrehte und das Zelt verließ.
tbc.
