Kapitel 3: Meka Tower

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Ich-Perspektive (unbekannte, junge Frau)

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„Der kann froh sein, wenn er mich in einer drei-mal-drei Meter Zelle für mehr als drei Minuten festhalten kann."

Die Stimme kam mir irgendwie bekannt vor. Doch das war nicht der Grund warum ich aufschaute. Es war dieses aggressive Selbstvertrauen das mit den Worten einherging und wie sehr diese Zuversicht das genaue Gegenteil von meinen eigenen Gefühlen und Empfindungen darstellte.

In der Zelle gegenüber von mir war Sonic the Hedgehog.

Mein Herz machte einen Sprung. Es war eine Mischung aus schlagartiger Überraschung und düsterer Furcht. Ich war von seiner bloßen Anwesenheit überrascht, jedoch voller Furcht was dies bedeutete. Wenn er - ein gefeierter Held mit seiner Geschwindigkeit und seinen Fähigkeiten, der berühmt dafür war mit seinen besonderen Talenten die Welt zu retten - gefangen werden konnte … gab es dann überhaupt noch Hoffnung für den Rest von uns?

Ungeachtet meiner unausgesprochenen Ängste schien er davon überzeugt zu sein. Es gab keinen Ausdruck von Zweifel in seinem Gesicht, als er sich zur Kugel rollte und sich mit voller Wucht gegen die Tür warf. Sie gab nicht nach, so dass er von ihr abprallte und gegen die gegenüberliegende Wand schlug. Er wiederholte diesen Vorgang immer und immer wieder und versuchte die Zelle in sich zusammenfallen zu lassen. Nach dem Aufschlagen mit solch einer Wucht, das ich dachte er würde davon garantiert eine große Beule davontragen, rollte er sich wieder auf und landete elegant auf seinen Füßen.

Weder die Wände noch die Tür zeigten irgendwelche Beschädigungen.

„Hm", murmelte er und legte seine Hände auf die Hüften. Für einen Augenblick studierte er die Struktur des Raumes, schien festzustellen dass es ihm keinen Vorteil verschaffte, verdoppelte dann seine Anstrengungen und versuchte es erneut.

Nach einigen Minuten, in denen er weitere gewagte Versuche unternahm auszubrechen, wirkte er langsam erschöpft. Der Übermut der zuvor in seinem Gesicht zu sehen war, wich einem Blick aus Ratlosigkeit.

Er schien nicht zu den Personen zu gehören die es gewohnt waren irgendwo eingesperrt zu sein. Das war weder ich, noch waren das die meisten Menschen hier … doch er ganz besonders nicht. Was der Verwirrung nun wich, war ein Ausdruck der Ablehnung und des Trotzes.

Ich war kurz davor ihm etwas sagen. Ihm zu sagen, dass ich weiß wie schlimm es ist hier drin festsitzen zu müssen. Er war erst heute an diesen elenden Ort gebracht worden. Ich war auch nicht wirklich erfahren, wo doch erst Gestern mein Glückstag war … doch zumindest hatte ich inzwischen diesen einen, ganzen Tag um die Umstände vollständig zu erfassen.

Ein Tag war eine ausreichend lange Zeit, wenn du kaum etwas anderes tun konntest als nachzudenken. Der Gedanke daran, noch für viele weitere Tage bleiben zu müssen, war unerträglich.

Die ersten paar Stunden waren die schlimmsten meines Lebens. Vielleicht nicht aus Gründen der Dinge die dort passiert waren, aber aus Gründen meiner geistigen Vorahnungen was passieren könnte … diese 'Angst vor dem Unbekannten' von der die Leute sprechen, jedoch erst dann wirklich begreifen, wenn sie es selbst einmal erlebt haben. Ich erinnerte mich plötzlich an das Gefühl wie kaltes Metall meine Unterarme umschloss als ich gewaltsam aus meinen Leben gezerrt wurde ... von meiner Freiheit und meinen Plänen für den nächsten Tage abgerissen, welche nun vergleichsweise unbedeutend erschienen.

Nachdem ich in der Zelle deponiert war, wurde alles surreal. So als würde sich mein Verstand weigern das Geschehene zu verarbeiten und Alles nur ein Tagtraum sein, aus dem ich mich jederzeit wieder zurückholen könnte.

In Wirklichkeit jedoch, war es so real wie es nur sein konnte.

Zum ersten Mal warf Sonic einen genaueren Blick auf seine Umgebung, so als hätte er es vorher nicht für notwendig erachtet. Als er in meine Richtung schaute, duckte ich mich unter das Fenster meiner Zelle, so dass er mich nicht sehen würde. Ich wusste nicht warum ich ihm plötzlich ausweichen wollte. Die meisten Menschen würden nur zu gerne mit Jemand so berühmten und heldenhaften wie Sonic das Gespräch suchen. Obwohl ich Nichts gegen ihn hatte, so hatte ich aus irgendeinem Grund aber auch keine Lust mich mit ihm zu unterhalten. Ich wollte mich mit Niemand unterhalten. Ich wollte einfach nur raus und vergessen dass diese eineinhalb Tage jemals passiert waren.

Die Barriere in die er sich selber gerammt hatte war, genau wie meine, aus massivem Stahl gefertigt worden. Das Tor reichte bis auf einen Meter oder so; was in etwa einem drittel der Länge entsprach. Damit jedoch Niemand durch den Spalt zwischen dem Tor und der Decke flüchten konnte, wurde dieser mit vertikal verlaufenden Gitterstäben abgesperrt. Da Sonic alles andere als groß war, konnte er das alles nicht sehen solange er nicht ein paar Schritte zurück ging. Aber er würde mich sehen wenn ich nicht vorsichtig wäre.

An der Wand zu seiner Rechten war ein weiteres vergittertes Fenster, das er sich mit der benachbarten Zelle teilte. Natürlich schaute er auch zu seiner Linken hinüber um zu sehen, ob sich dort auch ein Fenster befand. Doch da war keines. Bei mir war der Aufbau genau der gleiche: mit einem großen, vergitterten Fenster in der Vorderseite und einem weiteren an der Seitenwand, als ob jeder eine Art Zimmergenosse haben sollte.

Niemand besetzte die Zelle neben mir, was mich jedoch nicht störte. Je einfacher ich Jedem aus dem Weg gehen konnte umso besser.

Im Zentrum jeder Zelle war ein kleines, flaches Licht an der Decke angebracht. Diese strahlten ein rotes Leuchten aus, das sich in den zahlreichen Metalloberflächen, die die Zellen bildeten, widerspiegelte, was die Räume ausleuchtete und zugleich bedrohlich wirken ließ. Vom Flur kam eine dunkelviolette Färbung. Ich neigte meinen Kopf nach Oben um die Decke des Flures zu betrachten, als das Glühen verriet, das diese mit tief-violetten Lichtern gesäumt war. Obwohl es diesem Ort eine unheimliche Ausstrahlung gab, so war es besser als das typische weiße oder cremefarbene Beleuchtungssystem. Es gab diesem Ort eine gewisse Persönlichkeit … auch wenn diese Persönlichkeit einen dunklen Charakter hatte.

Auf dem Betonboden der Zellen lag ein gepolsterter, beigefarbener Schlafsack mit zwei Kissen... und an der Wand war ein kleines Waschbecken befestigt das etwa 30 Zentimeter über einem kreisrunden Abfluss hing. Das Nötigste, um sich Waschen zu können, gab es auch: Schlicht-weiße Seifenstücke, billig wirkende Rasierapparate und Stofffetzen die aussahen, als hätte man sie als nachträgliche Ausstattungsidee noch schnell hineingeworfen. Was Gefängnisse anbelangte, so hätte es wahrscheinlich auch schlimmer kommen können. Aber ich wäre dennoch überall sonst lieber gewesen.

„Hey! Bleib bloß da draußen! Ernsthaft, diesmal war ich es nicht! Himmel noch mal!"

Ich war inzwischen sehr geübt darin mich bei Lärm besonders unauffällig zu verhalten. Das tat ich auch jetzt wieder, wobei ich meine Augen knapp über der Metallwand schweifen ließ und durch die Gitterstäbe spähte. Die Stimme kam aus der Zelle neben Sonic.

Seine Fluchtpläne für einen Augenblick beiseite legend, sprang er an das Fenster zwischen den beiden Zellen und hielt sich an den Gitterstäben fest, um durch sie hindurch nachschauen zu können, was im benachbarten Bereich vor sich ging. Aus der Sicht meiner eigenen Zelle heraus konnte ich auch in diese Zelle hineinschauen, wobei ich meinen Blick ein wenig verlagern musste damit mir die Stangen nicht die Sicht versperrten. Ich duckte mich für einen Moment um mir meine schmutzig-blonden Haare aus dem Gesicht zu streifen.

Ein Androide war hineingekommen und näherte sich dem Mann, der sich plötzlich gegen die Wand drückte. Der Mann war groß und hatte dunkles, schokobraunes Haar, mäßig hohe Wangenknochen und schwere, dichte Augenbraue: Ein Erscheinungsbild das, trotz seiner offensichtlichen Angst, Wagemut ausstrahlte.

„Hör mal," versuchte er es erneut und klang dabei ein wenig nervös, "Du kannst nicht einfach davon ausgehen-„

„Wenn der Lärm nicht von dir kam, von wem denn dann?" Unterbrach ihn der Androide. Ich sah wie die dunkelgrünen Augen des Mannes nahezu unmerklich für einen kurzen Augenblick zu Sonic rüber huschten; Doch er sagte Nichts. Der Androide verschränkte seine Arme. „Ich wüsste nicht warum ich dir deine Unschuld glauben sollte, wenn man bedenkt wie aufmüpfig du in der Regel bist."

Sonic blinzelte. Und ich war mir ziemlich sicher dass ich das auch tat. Der Androide argumentierte wie ein Mensch. Zudem sah er auch noch aus wie ein Mensch. Er besaß die gleichen Merkmale und Rundungen wie ein Mensch sie haben würde. Außer, dass er anstelle von Haut von einem schwarzen Metall überzogen war. Glatte, runde Gelenke bewegten sich Reibungslos in den Fassungen als der Droide sich bewegte und dabei ein flüsterleises, metallisches Geräusch entstand. Er besaß zwei glühende Linsen als Augen, die so tief in den Augenhöhlen eingefasst waren, dass das blaue Glühen als Trichterförmiges Licht nach Außen projiziert wurde.

„Mag sein," sagte der Mensch, „Aber ich habe diesbezüglich auch noch nie gelogen, oder?" Ich bin kein Feigling! Ich habe Nichts getan und ich würde es nicht leugnen wenn ich was getan hätte!"

Die Pseudo-Augen des Androiden verengten sich. Dann schnellte er mit überraschender Schnelligkeit nach Vorne und fixierte den Mann an der Wand. Dieser biss die Zähne zusammen und drehte seinen Kopf zur Seite da er eine Bestrafung befürchtete.

Genau in diesem Moment realisierte Sonic, was mir schon die ganze Zeit bewusst war: Es war sein Lärm gewesen, der die Aufmerksamkeit des Androiden auf sich gezogen hatte. Sein Kampf mit der Zellentür hatte mehr Aufmerksamkeit verursacht als er beabsichtigt hatte… „Hey!" Rief er. Dazu bereit Verantwortung zu übernehmen, zeigten seine smaragdgrünen Augen keine Spur von Zurückhaltung. Sowohl der Mensch als auch der Androide drehten ihre Köpfe. „Er sagt die Wahrheit. Lass ihn also in Ruhe."

„Wieso? Möchtest du seinen Platz einnehmen?" fragte der Droide höhnisch. Er war in vielerlei Hinsicht recht intelligent für ein Stück Metall. Ich fragte mich ob er eine Schöpfung von Doktor Eggman war. Bei dem Gedanken drehte sich mir der Magen um und ich wollte mich plötzlich genauso kräftig gegen die Stäbe werfen wie Sonic wenige Minuten zuvor.

„Wenn du glaubst dass mich das beeindruckt, dann komm doch her!" provozierte der Igel, indem er einen Arm in die Beuge seines anderen Ellenbogens legte und vor der Brust zu dehnen begann. Ich runzelt die Stirn. Noch vor wenigen Augenblicken war er über seine Situation verärgert gewesen. Doch nun machte er den Eindruck, als wäre das Alles hier nichts Außergewöhnliches. Ich wäre von so viel Widerstandskraft fasziniert gewesen, wenn da nicht der Glaube gewesen wäre, dass das Alles nur geschauspielert war. Er war Sonic the Hedgehog! Natürlich musste er ein tapferes Gesicht auflegen.

Der Humadoide verließ die andere Zelle und machte sich daran nun seine zu betreten. Ein klickendes Geräusch war zu vernehmen als er anfing am Schloss herumzuhantieren. Mit einen Male verstand ich was Sonic vorhatte.

„Ha ha ha, dummer Igel," sagte der Androide als er sein Vorhaben einstellte und Sonic durch die Gitterstäbe hindurch anschaute. Ich musste das Gesicht des Roboters gar nicht sehen, um zu wissen was für einen arroganten Gesichtsausdruck er dabei hatte. „Du wolltest deine schnellen Füße nutzen um zu entkommen, nicht war?"

Der Igel ballte eine Faust „Oh man, ich hatte gehofft dass du nicht so schlau sein würdest."

„Dann hast du mich ganz klar unterschätzt"

„Nun ja.. könntest du zumindest den Mann jetzt in Ruhe lassen?"

„Fürs erste werde ich das wohl tun. Aber beim nächsten Verstoß wird Keiner von euch so leicht davon kommen. Tu mir einen Gefallen und versuche den da davon zu überzeugen, dass er nicht die ganze Zeit über einen solchen Krawall veranstalten soll. Das würde meine Arbeit wesentlich erleichtern"

„… ähm," murmelte Sonic vor sich hin und war offensichtlich verunsichert wie er auf den Umgangston des Roboters reagieren sollte. Glücklicherweise entschied er sich seine Bemerkungen vorerst für sich zu behalten, was eine kluge Entscheidung war, wenn man bedenkt wie Gefährlich der Androide wahrscheinlich hätte werden können wenn er nur gewollt hätte. Er wartete erst bis der Roboter den Blickkontakt abbrach und wieder fort ging, ehe er sich zur benachbarten Zelle hin umdrehte.

„Sonic … du steckst auch hier drin" Der junge Mann stand am gemeinsamen Fenster. „Ich bin ein großer Fan. Natürlich wären andere Umstände weitaus besser gewesen, aber immerhin. Ähm… danke das du das Ding aufgehalten hast" Er schaute angewidert in die Richtung in der das Ding verschwunden war. „Ich wollte ihm nicht sagen dass du für den Lärm verantwortlich warst, aber das hast du ja dann selber getan. Du bist tatsächlich so mutig wie du in den Medien dargestellt wirst."

Sonic errötete daraufhin ein wenig. Ich beobachtete das Geschehen und schüttelte mit dem Kopf. Er war nicht mutig… er war lediglich impulsiv und eingebildet. „Pff, ja, ja." Murmelte er und machte eine fortwinkende Bewegung mit der Hand. „Man musst tun, was man tun muss."

„Ich bin übrigens Lucas". Sagte der Mann, dessen waldgrüne Augen ein wenig aufhellten als er sich vorstellte. Das Lächeln in seinem Gesicht wirkte ein wenig deplaziert, fast so als hätte er es schon eine ganze Weile nicht mehr aufgelegt. Er schien nur knapp über 20 Jahre alt zu sein und somit ein paar Jahre älter als ich.

„Und ich bin – naja. Das scheint ja bereits offensichtlich zu sein." Zwinkerte Sonic. Ich dagegen rollte mit den Augen. „Also, was ist das eigentlich für ein Ort? Was geht hier vor?"

„Richtig, ich wollte dich einweihen," sagte Lucas. „Also, falls du es noch nicht bemerkst hast, die Person die hinter all dem steckt-„

„Ist Eggman. Ich weiß schon," unterbrach ihn Sonic, womit er aussprach was ich zuvor schon dachte. „Als ich vorhin aufgewacht bin konnte ich mich an Nichts mehr erinnern. Doch nun weiß ich wieder was passiert ist. Wir kommen hier schon wieder raus."

Warum tat er so, als ob das so einfach werden würde? Er weckte in Lucas lediglich falsche Hoffnungen für Nichts und wieder Nichts. Bemerkte er denn gar nicht wie egoistisch das war?

Lucas für seinen Teil ignorierte die Worte des Igels und wechselte das Thema. „Nun, wie konnte es Eggman überhaupt gelingen Jemanden wie dich zu schnappen?"

„Das weiß ich auch noch nicht so recht," Gab Sonic zu. „Normalerweise verhindere ich derartige Sachen bevor sie sich soweit entwickeln können. Aber ich wusste nicht mal dass er überhaupt an irgendetwas arbeitet. Ich vermutete es zwar, aber ich wusste es nicht, verstehst du?" Lucas nickte. „Ich war gerade unterwegs als ich in einen Hinterhalt geriet… wenn man es so nennen kann. Es waren lediglich zwei von ihnen und dennoch konnten sie mich schlagen. Ich glaube das waren die gleichen Androiden die hier auch zur Patrouille eingesetzt werden. Sie sind wirklich sehr stark."

„Ich weiß, die gleichen haben auch mich entführt. Ich glaube sie werden die H-Serie oder Humanoiden-Serie genannt, weil sie so menschlich aussehen. Kein Wunder das sie schon so viele Menschen gefangen nehmen konnten. Es ist nicht einfach ihnen zu entkommen."

Sonic schüttelte mit dem Kopf. „Als ich erstmal realisierte dass sie mich irgendwo hin verschleppen wollten, da versuchte ich wirklich alles um mich zu befreien, doch ihr Griff war sogar noch stärker als der von Knuckles. Ein Freund von mir." fügte er noch hinzu als Lucas ihn ratlos ansah. „Und Eggman war auch da und gab den Androiden Anweisungen wo sie mich hinbringen sollten. Ich bin ziemlich sicher, dass die das auch so schon wussten. Aber er brauchte einfach einen Vorwand um dabei zu sein zu können."

„Um dir persönlich eins auszuwischen?"

„Wahrscheinlich. Würde ich ihm jedenfalls zutrauen." Er pausierte kurz. „Aber egal. Was passiert ist, ist passiert. Ich sollte es einfach hinnehmen denke ich."

Lucas wendete seinen Blick von Sonic ab und starrte stattdessen auf den Boden. Er sah aus, als wollte er etwas sagen… jedoch nicht in der Lage die richtigen Worte zu finden um es auszudrücken.

„Hey, bist Du in Ordnung?" fragte Sonic mit erhobener Augenbraue. „Du weißt doch dass wir hier rauskommen, oder nicht?"

„Die gleiche Zuversicht hatte ich zu Beginn auch," murmelte der Mann und wendende sich ab. „Ich bin nun schon seit einem Monat hier drin. Ich gehörte mit zu den ersten. Selbst als dieser Ort noch in der Aufbauphase war und dadurch Fehler und Schlupflöcher aufwies.. war es mir nicht gelungen zu fliehen."

Sonic schwieg für einen Augenblick. Wow. „Seit Einem Monat?" Der Klang seiner Stimme hatte sich nur geringfügig geändert.

„Sonic…" Lucas suchte vorsichtig den Blickkontakt mit dem Igel, „Ich weiß, dass du und Eggman euch jetzt schon seit Ewigkeiten gegenseitig an die Gurgel geht. Jeder weiß das. Ihr beiden seid fast schon Wöchentlich in den Nachrichten zu sehen. Von daher kann ich mir vorstellen dass du glaubst mit seinen Taktiken vertraut zu sein. Du glaubst bestimmt ich wüsste nicht wovon ich rede solange ich noch keine persönlichen Erfahrungen mit ihm machen musste. Aber.. würdest du mir glauben wenn ich dir sage, dass er vermutlich gefährlicher geworden ist?"

Sonic antwortete nicht und stellte stattdessen eine Frage seinerseits, „Wie lange geht das alles hier schon?"

„Wie ich schon sagte vermute ich dass ich zu den ersten gehörte. Es gab nur wenige duzend Menschen hier drin als hier hergebracht wurde und dabei gibt es hunderte von Zellen auf jeder Etage."

„Welche Etage ist das hier?"

„Die oberste," sagte Lucas. „Aber es gibt keine wirklichen Etagen. Der ganze Ort ist eine Art spiralenförmige Rampe, aber jedes Mal wenn die Spirale einmal herum geht, wird das als neue Ebene betrachtet."

„Und wir sind in der obersten untergebracht," sagte Sonic ausdruckslos. „Heißt, von hier oben aus gibt es keinen Weg nach Draußen."

Mit einem grimmigen Unterton von Stolz sagte Lucas, „Gerade aus diesem Grund sind die Besten von uns ja auch hier oben." Ich hätte beinahe geschnaubt. 'Die Besten von uns?' Wenn dem so wäre, dann müsste ich doch irgendwo im ersten oder zweiten Stock sitzen. Es sei denn alle Ebenen unter uns waren bereits überfüllt. Darüber wollte ich gar nicht erst nachdenken. „Diejenigen die nicht wollen, dass er damit durchkommt. Diejenigen die Kämpfen und zurückschlagen." Er machte eine Pause. „Oder …. Zurückschlugen."

„Leute so wie ich", sagte Sonic mit einem erneuten Augenzwinkern. Ich war mir nicht sicher ob er gehört hatte was Lucas in einem Atemzug noch hinzugefügt hatte. Und wenn, dann schien er es ignorieren zu wollen. „Aber… wozu das ganze? Was hat er davon all diese Menschen hier festzuhalten?"

„Das weiß Niemand so genau. Es gibt da ein paar Spekulationen, dass er nur nach besonders athletische und koordinierte Menschen Ausschau hält und dass er eine Armee aus lebenden Menschen anstelle aus Robotern erschaffen will. Das macht in meinen Augen jedoch keinen Sinn, wo Roboter doch in der Regel sehr viel stärker sind als es ein durchschnittlicher Mensch je sein könnte."

Sonic trat gegen den beigefarbenen Schlafsack, so dass dieser sich abrollte und Sonic sich auf in niederlegen konnte. Er hatte einen beunruhigten Ausdruck in seinem Gesicht. „In meinen Augen macht das schon Sinn," sagte er leise. „Die Menschen haben den Robotern gegenüber einen Vorteil … einen Vorteil von dem Eggman glaubt, dass er ihm alle nötigen Druckmittel verschafft."

„Und der wäre?"

„Nun," begann er, „Roboter sind leicht zu töten, nicht war? Sie haben keine Gefühle oder so was in der Art. Sie sind nur ein Stück aus Metallschrott. Aber echte Menschen …" Er schüttelte mit dem Kopf während seine Gesichtszüge von Trauer und ansteigender Wut gezeichnet waren. „Menschen haben ein Leben und Erinnerungen, Menschen haben Träume." Er schaute Lucas wieder in die Augen und ihre Blicke verharrten ineinander „Menschen fühlen Schmerz."

„Du meinst also .. er denkt es würde Gegner wie die G.U.N davon abhalten ihn aufhalten zu wollen, solange echte Menschenleben auf dem Spiel stehen würden."

„Genau," sagte Sonic und schloss die Augen, "und Gegner wie mich."

„Aber… aber du kannst im Moment doch eh nicht wirklich viel tun. Er-„

„Er weiß dass ich hier rauskommen werde. Er denkt vielleicht dass er einen Vorteil hat, jedoch kann der Einsatz von Menschen auch seine Nachteile haben, da Menschen einen freien Willen besitzen. Du könntest Recht haben wenn du sagst, dass eine Flucht längst nicht so einfach wird wie ich mir das vorstelle... aber die Welt zu erobern ist auch nicht so einfach wie er sich das vorstellt."

Nun, ich musste zugeben dass diese Denkanstöße wirklich gut waren, Vielleicht war an dem berühmten Helden doch mehr dran als nur lockeres Kontern und Prahlerei. Irgendwie wollte ich es ja schon herausfinden. Jedoch war dieser Wunsch nicht annähernd so groß wie das Verlangen aus diesem Gefängnis zu kommen und in mein normales Leben zurück zu kehren.

„Da ist was dran," sagte Lucas. „Ich kenne Menschen die verletzt wurden durch Eggmans Angriffe in der Vergangenheit. Oder als dieses Wassermonster beinahe Station Square zerstört hatte. Deswegen würde ich Niemals etwas tun, das ihm dabei helfen würde noch weiteren Menschen weh zu tun."

Sonic grinste, „Womit Du die Lage jetzt verstanden hast"

Als Reaktion kicherte Lucas, wenn auch etwas gediegen und unterdrückt. „Nicht wirklich. Ich sage nur wie es ist. Ich gebe nicht auf, aber ich habe auch nicht das Gefühl dass wir hier so bald wieder rauskommen werden. Und dass es hin und wieder sehr schwer werden wird. Vor allem für Jemanden wie dich."

Das anhaltende Lächeln im Gesicht des Igels verschwand plötzlich. „Wie jetzt? Was soll das denn bedeuten?", fragte er trotzig. "Vor allem für Jemanden wie mich?"

„Na ja, soweit ich das weiß, ziehst du es vor nicht allzu lange an einem Ort zu verweilen."

„Mag sein. Aber wie ich schon sagte, werde ich auch nicht allzu lange hier bleiben."

Lucas seufzte entnervt. „Ich hab's versucht"

„Du wirst schon sehen," sagte Sonic vorsichtig, dessen Entschlossenheit auch durch Lucas Mangel an Glauben nicht erschüttert werden konnte. „Jetzt wo ich über Alles bescheid weiß .. je schneller ich hier rauskomme, umso schneller werden alle wieder frei sein. So gesehen kann man es schon fast als erledigt betrachten."

„Sei nur vorsichtig Sonic. Wenn du hier zu viel Ärger machst, dann wirst du am Ende in irgendeiner Form dafür bezahlen müssen. Ich wurde zuletzt von den Androiden hier geschlagen. Manchmal nehmen sie dir die Mahlzeiten weg, oder dieser nervige Chao taucht auf …"

Sonic verdrehte die Augen und drückte sich dramatisch die Hand gegen die Stirn. „Oh welch ein Terror. Wie sollen wir da nur jemals durchkommen?"

„Ich weiß, dass es sich für dich längst nicht so schlimm anhört Sonic, aber dieser Ort fordert seine Tribute."

„Schon klar," sagte der Igel, wobei ich mir nicht so ganz sicher war, ob er nun sarkastisch, ernst oder irgendwas dazwischen war. „Ich denke ich kann damit umgehen."

„Meinetwegen," gab sich Lucas geschlagen. Er ging vom Fenster weg und ließ sich müßig in den Schlafsack fallen „Du hast den Sturheits-Kampf gewonnen."

„Moment… kein Grund gleich den Miesepeter zu spielen. Ich versuche doch nur-„

„Ich bin kein Miesepeter," sagte Lucas miesepetrig. „Ich … ich wünschte nur ich hätte jetzt die gleichen Willenstärke wie du sie hast. Auch wenn ich so was sagte, so habe ich doch noch lange nicht aufgegeben. Aber ein Monat in Gefangenschaft fordert wie gesagt seine Tribute. Ich hoffe für dich, dass du diese Erfahrung niemals machen musst."

Der junge Mann schlängelte sich in den Schlafsack hinein. Und wie auf ein Stichwort gingen die leuchtend roten Lichter in den Zellen aus, so dass nur noch das tief Violette Licht aus dem Flur hinein schien. Es war recht unaufdringlich; eine angenehm gedämmerte Aura die gerade noch so viel Licht bot, dass ich meine eigene Hand vor Augen sehen konnte. Für einige Augenblicke saß Sonic einfach nur da und sah aus, als wusste er nicht was er tun oder sagen sollte. Er warf einen Blick auf das Fenster an der Vorderseite seiner Zelle von wo das gedämpfte Licht hereinkam. Ich schaute ebenfalls dort hin. An der Decke gab es Lichtmuster in Form von Eggmans Gesicht. Erneut rollte er die Augen, jedoch diesmal aus einem völlig anderen Grund.

Er Tagträume noch eine Weile an der Wand. Ich fragte mich, was er hinter der Fassade aus Selbstvertrauen wirklich von all dem dachte. Ich fragte mich, ob er sich darüber Sorgen machte wie er hier rauskommen sollte, oder was Eggman im Schilde führte. Vielleicht fragte er sich was mit uns allen los war, während wir dort saßen und uns wiederum fragten, was mit ihm los war.

In einem Punkt hatte er jedoch wieder recht. Nichts an diesem Ort erschien unfassbar schrecklich, abgesehen von der Tatsache dass wir alle darin gefangen waren. Doch ich hatte dieses ungute Gefühl, das etwas Schlimmeres im Schatten lauerte. Etwas das wir bisher nur noch nicht sehen konnten. Eggman würde Menschen wohl kaum verschleppen nur damit sie dann hier rum sitzen konnten. Derartige Dinge passieren nicht ohne einen bedeutenden Grund.

„Lucas," sagte Sonic nach einigen Minuten leise und mit weitaus weniger Hartnäckigkeit in der Stimme. „Was kann ich tun um zu helfen?"

Es war ein Geräusch zu hören als Lucas sich in seinem Schlafsack herumdrehte, was darauf hinwies, dass er es sich von Sonics Zelle abgewandt gemütlich gemacht hatte und sich nun rumdrehen musste um ihn wieder anschauen zu können. „Halte einfach durch. Das ist im Augenblick alles was wir hier drin tun können um uns gegenseitig zu helfen"

„Nichts für ungut, aber dann solltest du anfangen deinem eigenen Ratschlag zu folgen"

Lucas drehte sich wieder um. „Entschuldige Sonic, aber ich bin erschöpft. Ich schwör' dir … ich bin weitaus freundlicher wenn ich meinen Schlaf gehabt hab!"

Sonic nickte aus Gewohnheit, selbst wenn sie sich bereits nicht mehr gegenseitig sehen konnten „Schon gut." Dann begab auch er sich endlich auf seinen Schlafsack und legte sich mit dem Gesicht zu Wand. Das Betäubungsmittel, mit dem Eggman ihn während des Transportes ruhig gestellt hatte, war noch nicht ganz abgeklungen. Ich wusste das, weil ich selber noch immer die Auswirkungen des gestern verabreichten Mittels spürte. Und das obwohl ich letzte Nacht geschlafen hatte.

Als sich meine Augen weiter an die Dunkelheit gewöhnten, konnte ich sehen wie er mit einem Finger über etwas an der Wand entlang strich. Es war der Rand einer großen Metallplatte die dort scheinbar zusätzlich angebracht worden war. Soweit ich das sehen konnte, war solch eine Platte weder an meiner Wand noch an Lucas zu finden, was doch recht seltsam war. Als ich erneut zum ihm rüber schaute, war seine Hand zusammen mit dem Rest seines Körpers unter der Decke versteckt, die sich mit den langsamen Atemzügen seines Schlafes hob und senkte.. .

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"It's cute how much you hate me." –Eggman, Sonic Chronicles