Kapitel 3 - Unterdrückung

Madeleine, sind schon alle nötigen Vorkehrungen für unsere Reise getroffen?", frage ich sie nervös.

Nicht mehr lange und ich kann ihn bald wieder sehen. Allerdings sorge ich mich, dass die Möglichkeit besteht, dass er bereits von meiner Hochzeit erfahren hat. Die Ungewissheit wie er reagieren wird, wenn er dies erfährt oder wenn er mich nach dieser Neuigkeit wieder sieht, grenzt beinahe ans Unerträgliche. Gewiss werde ich es überleben, wenn er mich niemals wieder sehen will, aber nur äußerlich, denn mein Inneres würde dann zerreißen und mit dem kindischen Traum, dass wir doch eines Tages glücklich vereint leben können, für immer ausgelöscht werden.

Eure Hoheit, die letzten Vorkehrungen werden in diesem Moment getroffen", teilt sie mir mit einem Lächeln mit.

Zaghaft erwidere ich dieses und spiele aufgeregt mit meinen Händen.

Mir ist es ungewiss wie viele Male die Sonne bereits untergegangen ist, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben. Bestimmt haben wir uns seitdem verändert…

Ein furchtbarer Gedanke beschleicht mich und will von mir Besitz nehmen.

Er könnte aber stimmen...

Warum sollte Edward mich noch immer lieben, nach all der Zeit, die bereits vergangen ist?

Es gibt unendlich viele Bauerntöchter, die sein Herz erobert haben könnten, warum sollte er dann noch seine Zeit verschwenden und darauf warten, dass ich zurückkehren werde, obwohl ich es versprochen habe?

Kann man sich wirklich auf die Worte und Versprechungen des Adels verlassen?

Wurde nicht schon so Vieles mit Worten beschönigt, um die Münder der Bauern geschmiert, ohne dass das Versprochene eingehalten wurde?

Unsichtbare Schleier trüben meinen Blick, doch es hat momentan keine Bedeutung für mich.

Das Einzige, was nun zählt, ist Gewissheit.

Seit dem letzten Brief sind noch nicht so viele Tage vergangen. Er teilte mir mit, dass sie dieses Jahr eine herrliche Ernte hatten und es ihnen gut geht und er mich immer noch lieben würde.

Wäre Edward wirklich in der Lage mir seine Liebe zu beteuern, wenn es nicht der Wahrheit entspräche?
Ich glaube nicht…

Bereitet Euch irgendetwas Kummer, eure Hoheit?"

Überrascht schaue ich in Madeleines Gesicht, welche sich niederkniet, um mir ins Gesicht blicken zu können.

Nein, Madeleine. Gewiss nicht. Mich überkam kurz ein Gefühl, als würde ich krank werden. Doch es ist schon wieder vorbei. Danke, Madeleine." Freundlich lächle ich diese an, welche mich ein wenig skeptisch mustert.

Gewissensbisse breiten sich in mir aus. Es ist falsch sie zu belügen, doch ich will sie nicht mit meinem Geheimnis belasten, denn wenn es mein Vater jemals herausbekommen würde, droht ihr großes Unheil…

Geht es Euch wirklich wieder gut, ansonsten müssten wir die Reise vertagen. Es…" Geschockt blicke ich sie an.
"Nicht nötig, Madeleine." Zuversichtlich sehe ich sie an.

Ich werde mich dann noch ein wenig ausruhen, wenn alles soweit vorbereitet ist."
Kurz nickt Madeleine mir zu und eilt auch schon aus meinem Gemach.

* * *

Wenn es nur eine Möglichkeit geben würde, mit der ich meinem Schicksal entrinnen könnte, dann würde ich sie ergreifen. Mit beiden Händen würde ich sie festhalten und an mein Herz drücken, denn dann könnte ich wahres Glück spüren.

Mit Edward jeden Tag hoffen und beten, dass Regen über unser Land kommt und uns somit auch eine gute Ernte bringt.

Glücklich und frei könnte ich sein, doch in diesem Moment drücke ich nicht das Glück und die Möglichkeit, ein anderes Leben führen zu können, an meine Brust, nein, vielmehr lehnt der Auslöser für das alles an meiner Brust – Mein Vater, der Herrscher über dieses tolle Land.

Vielleicht bin ich undankbar, aber ich will nicht mehr diese Bürde tragen müssen, niemals wurde ich gefragt, ob ich die Thronnachfolgerin werden will, nein, vielmehr geht jeder davon aus!
Es ist eine Ehre und zugleich eine Pflicht! Jeder wird meinen Namen kennen und ehren
(,) bis in alle Ewigkeit!

Eine kleine Träne stiehlt sich aus meinem Auge, welche ich sofort mit meinen Fingern unterdrücke und somit halte ich auch die falsche Hoffnung auf ein neues Leben, welche in meinem Herzen lautstark rebelliert, zurück.

Isabella, sei bitte vorsichtig! Versprichst du mir dies?" Eine gedämpfte Stimme vernehme ich und horche sofort auf.

Selbstverständlich, Vater."

Grob packt mich mein Vater an meinen Schultern und löst sich somit aus meinen Armen und blickt mir direkt in meine Augen.

Ich könnte mir nie verzeihen, wenn dir etwas auf dieser Reise zustoßen würde", eindringlich, fast als wollte er mich mit seinem Blick erdolchen, starrt er in meine Augen.

Du bist doch meine einzige Tochter." Aus Traurigkeit schimmern seine Augen. Verzweiflung und vielleicht auch ein kleiner Schimmer von Vorwurf unterstreichen seine Wortlaute.

Ich…", meine Stimme verstummt, alles was ich sagen könnte erscheint mir nichtig und klein, da mir die richtigen Worte fehlen.

Er hat dich nicht verdient." Verwirrt schaue ich ihn an.

Wovon redet Ihr?", frage ich zaghaft nach. Zuvor habe ich ihn noch nie so reden hören.

Von Jacob. Ich musste diese Hochzeit akzeptieren; dem Land zu liebe. Du verstehst das doch, nicht wahr, Isabella?"
Alles in mir schreit nach der Wahrheit. Wahrheit, die nur Verletzte zurücklassen und für nichts anderes mehr Platz lässt.

Wahrheit, die zugleich auch befreiend ist und sich danach sehnt, sich selbst befreien zu können und somit auch mein Schicksal für ein und alle mal besiegeln würde.

Vorerst muss ich sie allerdings verdrängen, denn die Zeit für die Wahrheit ist noch nicht gekommen.

Zuerst muss ich Edward wieder sehen…

Zärtlich blicke ich meinen Vater noch einmal an und nicke ihm unsicher zu.

Aus Dankbarkeit und Erleichterung strahlen seine Augen und dieser Anblick soll fürs Erste das letzte Bild meines Vaters in meinen Erinnerungen bleiben…