Am folgenden Tag trafen sich Maria, Luther und Miriam erneut auf dem Palastplatz. Die ganze Stadt war sichtlich angeschlagen von den Geschehnissen der letzten Nacht. Ein Großteil der Läden war geschlossen und von der festlichen Stimmung des Vortages war fast nirgends mehr etwas übrig geblieben.
„Ich bin mir so verdammt sicher", meinte Maria.
Luther sah sie verwundert an. „Sicher worüber?"
„Die beiden Gestalten...", erklärte sie, „In dem Licht habe ich kurz ihre Gesichter gesehen, und ich war mir sicher, Anne gesehen zu haben!"
„Bitte was?!", warf Miriam schockiert ein, „Du spinnst doch!"
„Aber diese Ähnlichkeit war verblüffend", erwiderte Maria, „Ich kann mir das ganze selbst nicht erklären, aber es wäre in jedem Fall ein Hinweis darauf, was mit Anne passiert ist. Ich frage mich nur was Sorrow mit der ganzen Sache zu tun hat."
„Ich würde sagen, wir gehen einfach zu Sorrow und finden es heraus!", schlug Miriam vor.
„Gute Idee!", stimmte Maria zu.
„Aber ich muss erst einmal noch was erledigen", fiel Miriam ein, „Wir können uns ja später dort treffen."
„Dann gegen wir halt schon mal vor!", meinte Maria und sah zuversichtlich zu Luther.
„Warum denn so eilig?", widersprach dieser, „Es ist nicht so, als ob die Welt in den nächsten Stunden untergehen würde. Warum nutzen wir nicht einfach mal die Zeit und gehen ein Eis essen?"
Er deutete auf eine Eisdiele, die zu den wenigen Geschäften gehörte, die an diesem Tag geöffnet hatten.
„Uff.. Na gut", seufzte Maria.
„Also sehen wir uns danach bei Sorrow?", hakte Miriam ungeduldig nach.
„Ja, das geht in Ordnung", antwortete Luther, „Wir sehen uns dann später!"
Mit diesen Worten nahm er Marias Hand und ging in Richtung Eisdiele. Maria folgte ihm, Miriam machte einen Satz und flog um die nächste Ecke.
In der Eisdiele setzten sich Maria und Luther an einen Tisch in der äußersten Ecke und unterhielten sich weiter.
„Und du bist dir ganz sicher, dass es Anne war, die du da gesehen hast?", fragte Luther verwundert.
„Ja, so ziemlich!", erwiderte Maria und sah sich um, „Diese Gesichtszüge... einfach alles, was ich in diesem Licht soweit erkennen konnte."
„Hmm... das ist echt eine seltsame Geschichte", meinte Luther.
„Nyo, wenn es nur eine Geschichte wäre!", entgegnete Maria, „Aber was ich noch wesentlich seltsamer finde...", sie hielt kurz inne und wartete, bis die Kellnerin, die das Eis gebracht hatte, wieder verschwunden war, „... ist was Sorrow hier abzieht. Er zeigt totales Desinteresse an der Sache mit Veronique und ist nicht anwesend, als wir ihn zum Festival abholen wollen. Aber dann bei der Entführung steht er ganz zufällig mit Lynn und Curse auf der anderen Seite des Springbrunnens!"
Sie nahm einen Löffel von ihrem Kiwieis und genoss diese Erfrischung. Luther nahm etwas von seinem bunten Fruchtbecher und dachte nach.
„Das Ganze ist mir echt zu hoch. Wieso kann man nicht einfach offen miteinander reden?", fügte er entnervt hinzu.
„Tja!", erwiderte Maria, „Frag mich nicht."
Nachdem sie ihr Eis gegessen hatten, verließen sie die Eisdiele und machten sich erneut auf in Richtung Stadtrand.
Am Haus angekommen, trafen sie auch schon auf Miriam, die anscheinend schon etwas länger dort wartete.
„Da seid ihr ja!", rief sie, „Mein Gott, ich hab hier schon wie wild geklopft und geklingelt, aber da tut sich nix."
„Na toll, also nichts Neues", murrte Maria, als sie plötzlich ein Geräusch wahrnahm.
„Hey, Moment mal! Was ist das?", bemerkte sie.
„Was denn?", fragte Luther und lauschte. Auch Miriam konzentrierte sich auf mögliche Geräusche.
„Das... sind doch Stimmen!", fiel ihr auf. Das kommt doch von hinten aus dem Garten!"
Leise schlichen alle drei die Hauswand entlang, und tatsächlich! Dort saßen Curse und Lynn und unterhielten sich. Neugierig verfolgten die drei das Gespräch.
„Es ist jetzt schon gut eine Woche vergangen und... und immer noch gibt es keine Nachricht von Anne oder Crusade.", meinte Lynn besorgt, „Selbst Sorrow scheint sich Sorgen zu machen... auch wenn er immer sagt, Anne sei ihm egal..."
„Hmm...", gab Curse auf seine typisch teilnahmslose Art und Weise von sich.
„Ich frage mich, ob es etwas mit den Ereignissen von gestern zu tun hat", überlegte sie. Curse jedoch reagierte nicht sonderlich.
„Hmm... vielleicht...", erwiderte er in einem nach Halbschlaf klingenden Ton.
„Mann! Deine Antworten sind ja mal wieder sehr hilfreich!", beschwerte sich Lynn.
In diesem Moment schlug Maria plötzlich völlig unvorhergesehen vor Wut ein Loch in die Wand.
„Maria!", bemerkte Luther geschockt.
„Was zum-?! He, Sorrow! Komm mal her!", rief Lynn, die genau wie Curse Maria natürlich bemerkt hatte.
„Was zum Teufel soll der ganze Scheiß hier eigentlich?!"
Einige Minuten später saßen sie nun alle zusammen und Maria war rasend vor Wut und im Begriff Sorrow zu erwürgen, falls er nicht endlich sprechen würde. Dieser jedoch zeigte sich relativ desinteressiert.
„Verdammt nochmal! Sag' uns endlich, was hier los ist! Wann checkst du endlich, dass du, beziehungsweise ihr nicht Annes einzigen Freunde seid?!", motzte Maria stinksauer und fassungslos, über das, was sich gerade abspielte, zugleich. Sorrow jedoch sah bloß weg und schwieg weiterhin.
„Wenn du nicht langsam mal erklärst, was hier eigentlich vor sich geht, verspreche ich dir, dass du Anne so schnell nicht mehr wiedersehen wirst!", drohte ihm Maria nun, um endlich etwas aus ihm heraus zu bekommen.
„Du meinst auch, das wär' alles so super einfach, oder?", begann dieser nun endlich.
„Mit seinen Freunden über derartige Dinge zu reden, gerade weil sie ganz vielleicht auch etwas mit der Sache zu tun haben?", erwiderte Maria forsch, „Ja, das ist durchaus einfach! Wie wäre es, wenn du jetzt endlich mal anfangen würdest, zu reden?"
Seufzend lehnte sich Sorrow zurück gegen die Lehne der Bank, auf der er saß, und schwieg für einen kurzen Moment, während er die passenden Worte suchte.
„Na gut...", begann er, „ich denke mal, es ist mehr als auffällig, dass Anne und Crusade jetzt schon eine Woche lang verschwunden sind. Ich weiß selbst nicht genau, wohin. Ich weiß nur, dass sie weg sind. Dann diese Gestalten auf dem Fest gestern... Ich könnte schwören, Annes Anwesenheit dort verspürt zu haben. Diese eine Gestalt sah ihr nicht nur ähnlich, sie glichen sich fast aufs Haar. Ich frage mich nur, wo Crusade gewesen ist. Schließlich hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Anne zu beschützen und ihr zur Seite zu stehen, was auch kommen mag."
„Der Typ mit der Augenbinde, der immer auf der Couch lag und geschlafen oder gelesen hat? Ich fand eher, dass der merkwürdig war... immerhin hat er nie mit mir gesprochen.", warf Miriam ein.
„Glaub mir, Dämonen sind nicht gerade die, die den ganzen Tag nur reden.", erwiderte Sorrow.
„Moment mal, Dämon? Sag mal, für wie dumm hältst du uns eigentlich? Jedes Kind weiß, dass es so etwas wie Dämonen und Engel nicht gibt!" Maria schüttelte fassungslos den Kopf und schaute in die Gesichter der drei. Ihre Gesichtszüge waren Ernst.
„Was ist das hier für ein krankes Spiel, was ihr mit uns spielt, huh?!"
„Glaubst du an Untote?", fragte Sorrow, neigte den Kopf und starrte Maria an. Sie schüttelte sprachlos den Kopf.
„Gut, dann beweis' ich dir das Gegenteil! Oder besser gesagt Luther tut es, damit ihr merkt, dass wir hier kein Spiel spielen", meinte dieser prompt.
„Moment, was habe ich jetzt damit zu tun?!", fragte Luther, der sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten hatte, und sprang auf.
„Jag' Curse eine Kugel durch den Kopf!", forderte Sorrow ihn auf.
„Bitte was?! Geht's dir noch ganz gut? Das würde ihn umbringen! Tu es nicht!", rief Maria und stand sofort neben Luther.
Curse schaute beide gelangweilt an.
„Wenn er meint, soll er doch...", meinte er, stand auf und stellte sich vor Luther. Sein kalter Blick lies diesen zusammenzucken. „Du... du meinst das ernst?", fragte Luther unsicher, griff in seine Jackentasche und zog seine Pistole heraus. Curse nickte nur.
Mit einem Nicken antwortete auch Luther und richtete zögernd die Pistole auf Curse' Stirn. Zitternd fasste sein Zeigefinger den Auslöser. Er schluckte.
Curse machte währenddessen keine Anstalten, sich zu bewegen oder irgendeine andere Reaktion zu zeigen. Auch Lynn und Sorrow gaben sich gelassen. Maria stand fassungslos daneben.
Eine erdrückende Stille, die erst nach einem Moment, der einer Ewigkeit zu gleichen schien, vom Schuss durchschnitten wurde.
Miriam zuckte schluchzend zusammen und schloss die Augen als Curse nach hinten über kippte und leblos liegen blieb. Niemand bewegte sich. Niemand sagte etwas.
Sorrow schloss die Augen. „Drei... Zwei... Eins... ..."
In diesem Moment bewegte Curse seine Hand, stützte sich ab und stand wieder auf. Die Kugel, die nur wenige Sekunden zuvor seinen Kopf durchdrungen hatte, lag auf dem Boden, die Wunde an sich war verschwunden. Klirrend prallte Luthers Pistole auf den Boden. Alle starrten von Curse zu Sorrow, der aufstand und zur Tür, die ins Wohnzimmer führte ging.
„Vielleicht ist es euch jetzt klar geworden, dass das hier auf keinen Fall ein Spiel ist!", fügte er hinzu und war im nächsten Moment im Haus verschwunden.
Die anderen schwiegen weiterhin. Maria durchbrach als Erste die Stille.
„Das... hat uns jetzt unglaublich weitergebracht", stellte sie fest und sah zu Curse und Lynn, „Ist er nun bereit, dem Ganzen endlich gemeinsam auf den Grund zu gehen oder nicht?"
"Was die Sache angeht, ist er nicht schlauer als ihr...", antwortete Curse ihr kühl und kratzte sich hinterm Ohr während Lynn auf den Boden schaute und nichts sagte.
„Nyo, aber gemeinsam haben wir eine wesentlich größere Chance, herauszufinden, was hier vor sich geht, und etwas auszurichten! Und wenn die Sache mit Veronique schon etwas mit Anne zu tun hat, können wir uns erst recht zusammenschließen!", erwiderte Maria.
„Ihr vergesst immer noch, dass wir auch Annes Freunde sind!", fügte Miriam energisch hinzu.
„Wir haben nie gesagt, dass wir euch vergessen, nur... wir wollten zuerst sicher gehen, dass es nicht eskalieren und zu gefährlich werden könnte.", rechtfertigte sich Lynn seufzend und schaute in den Himmel, „Das Ganze ist leider nicht gerade schnell erklärt..."
„Aber es wäre schnell geklärt wenn Sorrow endlich bereit wäre, dem Ganzen gemeinsam auf den Grund zu gehen, anstatt ständig einen auf Einzelkämpfer zu machen!", erwiderte Maria.
„Also gut", seufzte Lynn, „kommt mit rein und wir versuchen, Sorrow zu überreden."
Sie ging mit Curse ins Haus, Maria, Luther und Miriam folgten ihnen.
„Sorrow!" Lynn sah sich nach ihm um.
Kurz darauf kam dieser genervt um die Ecke.
„Was wollt ihr denn noch?", fragte er, als er die anderen drei erblickte.
„Sorrow, wollen wir nicht mit ihnen zusammen arbeiten? Ich finde, sie haben Recht. Was wollen wir alleine schon ausrichten? Und wenn die beiden Vorfälle schon miteinander zu tun haben, könnten wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe fangen!", erklärte Lynn und sah ihn fragend an.
Sorrow seufzte.
„Na gut!", meinte er, „Wenn's euch glücklich macht."
„Natürlich tut es das", entgegnete Luther.
„Fühl' dich willkommen als viertes Mitglied von Team Beta Insanity! Als Ersatz für Anne!", fügte Miriam lachend hinzu.
„Nyo, ich würde sagen, es ist in aller unserer Interesse, wenn wir direkt morgen loslegen", schlug Maria vor, „Dann treffen wir uns hier. Und es soll bloß keiner wagen, morgen nicht aufzukreuzen!"
Lynn lachte. „Ich glaube, damit warst du gemeint, Sorrow!"
In der Zwischenzeit wachte Prinzessin Veronique zum ersten Mal seit der Entführung wieder auf und fand sich in einem seltsamen, weißen Raum wieder. Es war ziemlich kalt und der Raum war durch eigenartige kristallähnliche Lichtquellen, die an allen Ecken zu sehen waren, hell beleuchtet.
„Wo zum Teufel bin ich hier?", dachte sie und sah sich um.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und zwei Gestalten kamen herein. Die Erste trug recht vornehm aussehende, schneeweiße Kleidung mit blauen Streifen hier und dort. Sie sah zwar vergleichsweise normal aus, ließ Veronique jedoch trotzdem einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter laufen. Und die andere Gestalt...?
„Anne?" Veronique sah sie verwundert an. Sie hatte extrem viel Ähnlichkeit mit Anne, doch ihr gesamtes Fell schien aus Kristall zu bestehen. Auch die gewohnten roten Strähnen waren blau und genauso kristallartig wie der Rest.
„Anne, bist du das?", fragte Veronique erneut.
Von der Gestalt kam jedoch keine sonderliche Reaktion. Veronique fühlte sich noch verlorener als zuvor.
Die Anne-ähnliche Gestalt verließ bald darauf den Raum wieder. Nun wandte sich die andere Gestalt an Veronique.
„Entschuldigt bitte unser forsches Verhalten, eure Hoheit", begann diese in einem gespielt ehrfürchtigen Ton, „Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Mariah the Sartorius. Auch und das andere war Anne the Mephiles. Ihr scheint sie ja bereits zu kennen. Wie dem auch sei, willkommen in unserem kleinen trauten Heim."
„W...Was wollt ihr von mir?", stotterte Veronique unsicher.
„Ach... eigentlich nichts Bestimmtes", entgegnete Mariah the Sartorius, „Wir sehen uns."
Mit diesem Worten verließ sie den Raum.
