Escape
Kapitel 3 :: Das ganze Ausmaß
POV :: Lily Potter
„Scheiße!"
Schnellen Schrittes lief Lily mit erhobenem Zauberstab zurück, den lichtspendenden Zauber längst deaktiviert, obwohl sie sich sicher war, bereits von jemandem beobachtet zu werden. Das Zittern in ihrer Hand nicht verbergen könnend, biss sie sich auf ihre Unterlippe um einen verzweifelten Aufschrei zu unterdrücken.
Lilys Schritte wurden langsamer, vorsichtiger, um keine unnötigen Geräusche zu erzeugen, als sie sich mit geschärftem Blick auf den Waldrand zu bewegte und den aufgeweichten Pfand schließlich verließ. Der Wind war endgültig verstummt, ebenso das Rauschen der Blätter, trotzdem war kein Laut zu vernehmen, was die junge Potter sichtlich beunruhigte. Ob sie doch hätte weiterlaufen sollen? Bis zu dem Ferienhaus, von dem Scorpius ihr erzählt hatte? Sicherlich, aber nicht in hundert Jahren hätte sie ihren Freund, der sie kurz zuvor noch gerettet hatte, alleine mit einem noch unbekannten Feind zurückgelassen.
„Scorpius?"
Obwohl sie es besser wusste konnte Lily nicht umhin, voller Sorge nach ihm zu rufen. Ihr Versuch blieb jedoch erfolglos, immer noch keine Antwort, immer noch keine Regung. Langsam ließen die Anspannung und das Adrenalin nach und machten der schleichenden Panik Platz.
„Verdammt, wo bist du?", wisperte sie verzweifelt, fuhr sich mit ihrer linken Hand durch die Haare und versuchte die Angst zu verdrängen.
„Kleine, dumme Potter. Genauso störrisch und unbedacht wie dein dämlicher Vater. Kaum ist einer deiner vermeintlichen Freunde in Gefahr, hörst du auf zu denken."
Ein emotionsloses Lachen.
Das Knacken eines Zweiges, wenige Meter hinter ihr.
Mit einem Ruck fuhr Lily herum, den Zauberstab erhoben und auf ihren Gegner gerichtet.
„Du schon wieder", stellte sie wütend fest, ihre linke Hand zur Faust ballend. Vor ihr stand abermals Pratt Lockwood, ehemaliger Schüler Hogwarts' aus dem Hause Griffindor. Bis er schließlich seinen Abschluss gemacht und vor einem Jahr eine Stelle im Ministerium angetreten hatte, war er immer aufgeschlossen und hilfsbereit gewesen, hatte sogar einmal die Potters besucht, bis er den Kontakt wenige Monate zuvor einfach hatte abbrechen lassen, ohne auf Anrufe oder Eulen zu antworten.
„Was hatte das vorhin zu bedeuten? Und wo zum Schnatz bist du die ganze Zeit gewesen? Wir haben uns tierische Sorgen gemacht, weißt du das eigentlich?!" Ihren Frust endlich raus lassend, fuhr sie ihn giftig an, hielt den Zauberstab jedoch weiterhin auf ihn gerichtet. Die kurze Begegnung im Schloss hatte ihr deutlich genug vor Augen gehalten, dass ihr Freund sich verändert hatte und nun andere Ansichten zu vertreten schien.
„Ach Lily", begann er amüsiert seufzend, „Deine Naivität ist fast schon wieder niedlich. Wenn du nur dein kleines, hübsches Köpfchen anstrengen würdest…" Mit langsamen Schritten kam er auf sie zu, ignorierte den erhobenen Zauberstab und ihr vorsichtiges Zurückweichen, bis er sie erreicht hatte und nun mit gesenkter Stimme weitersprach: „Der Krieg ist noch lange nicht vorbei. Wärst du keine Potter, hätten wir sicher einen Platz für dich in unserer Reihe."
Ein feines Grinsen zierte seine schmalen Lippen, als er mit kalten Fingern eine Strähne aus ihrem Gesicht strich.
Ein kurzes Zucken seines Augenlieds, dann langte er mit geschicktem Griff nach ihrem Zauberstab.
Sie gewaltsam an einen Baum pressend, wisperte er in ihr Ohr: „Aber so bleibt dir leider nur der Tod."
Das freudige Funkeln in seinen Augen und der erheiterte Klang seiner Stimme waren ausschlaggebend für Lilys nächste Reaktion – sie geriet in Panik.
Ihn schreiend von sich stoßend, ergriff sie unbewaffnet die Flucht und rannte stolpernd aus dem Waldstück auf den durchweichten Pfad, der sie zum Ferienhaus der Malfoys führen sollte. Schwere Schritte und lautes Fluchen hinter ihr trieben sie weiter an, ließen das Adrenalin durch ihren Körper rasen und nur mit Glück verfehlten sie die Flüche und Zauber Pratts.
„Bleib endlich stehen und gib mir den Ring, Lily!", rief er keuchend, vom ihrem Tempo sichtlich angestrengt.
Den Tränen nahe beschleunigte sie ihre Schritte, schlitterte mehrmals über den matschigen Boden, fing sich jedoch immer wieder rechtzeitig, um ihrem Widersacher zu entgehen, der wütend hinter ihr her lief.
„Was für einen Ring meinst du die ganze Zeit?!", schrie sie zurück, wagte es allerdings nicht dabei ihren Kopf umzuwenden, aus Furcht, dass er sie doch noch erwischen könnte. „Warum ist er dir so wichtig?"
Keine Antwort, wie sie erwartet hatte.
Stattdessen hörte sie zu ihrer Überraschung ein lautes Platschen und Pratts wutentbrannte Stimme. Der Klang seiner Schritte war verschwunden.
Die Neugierde und Anstrengung siegten und sich zu ihm umwendend kam Lily zum Stehen. Einige Meter hinter ihr lag Pratt mitten auf dem Boden. Von oben bis unten mit Matsch besudelt versuchte er sich gerade wieder aufzurichten, um an die beiden Zauberstäbe zu kommen, die ihm bei seinem Sturz abhanden gekommen waren. Einer lag direkt zwischen Pratt und der erstarrten Lily, die ihre Aufmerksamkeit auf das entsprechende Objekt gerichtet hatte. Langsam hob sie den Blick, begegnete dabei Pratts und innerhalb weniger Sekunden beschloss sie nach vorne zu stürzen und nach ihrem Zauberstab zu greifen.
„Verdammt! Bleib stehen, Potter!"
Seine, in der Stille ohrenbetäubende Stimme ignorierend, schnappte sie sich das dünne, jedoch überlebenswichtige Stück Holz, drehte sich währenddessen schon wieder um und sprintete dann den Pfand entlang in die Dunkelheit. Gefühlte Minuten vergingen, bis sie außer Atem zum Stehen kam, sich auf ihre Knie stützte und schließlich, zum Waldrand taumelnd, an einem Baum niederließ.
Von Pratt war weder etwas zu sehen, noch zu hören. Nicht, dass sie sich dadurch unmittelbar sicherer gefühlt hätte.
„Shit!", wisperte sie kaum hörbar, fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und zog ihre Beine dicht an ihren Körper heran, den Zauberstab dabei weiterhin fest in ihrer Rechten haltend. Zitternd holte Lily Luft, versuchte ein Schluchzen zu unterdrücken und die Tränen erfolglos zurückzuhalten. Wo war sie hier bloß rein geraten? Und – was viel wichtiger war – wo befand sich Scorpius?! Ging es ihm gut oder…
„Ganz ruhig, Lily", versuchte sie sich Mut zu zusprechen, indem sie den aufkommenden Gedanken abrupt unterbrach. In Panik zu geraten brachte sie in dieser Situation auch nicht weiter, würde ihre Mutter jetzt zu ihr sagen. Ein feines Lächeln stahl sich auf Lilys Lippen.
Durchatmend ließ sie die Hände wieder sinken, lehnte ihren Kopf an den Baumstamm und wischte sich die Tränen von den nassen Wangen. „Okay, das alles ist definitiv aus dem Ruder gelaufen…", flüsterte sie zögerlich, das Gesicht dabei nachdenklich. Zuerst finde ich am Besten das Haus und verstecke mich vor Pratt, für den Fall, dass er mir doch noch folgen sollte. Danach versuche ich Dad und die anderen zu kontaktieren.
Endlich einen halbwegs vernünftigen Plan gefasst, richtete sie sich mit gedämpfter Angst wieder auf, ihre Umgebung musternd, bevor sie vorsichtigen Schrittes ihren Weg fortzusetzen begann.
