Kapitel 2: Der Hogwartsexpress

Nach langen Planungen, was sie alles in ihrem letzten Schuljahr machen wollten, fragte Lea schließlich: „Wer, glaubst du, wird uns dieses Jahr in Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten? Der letzte Professor liegt immer noch im Sankt Mungo." Lily erinnerte sich an den Unfall, nach dem ihr damaliger Lehrer in diesem Fach auf die Intensivstation des Sankt Mungo musste. „Ich weiß es nicht" antwortete sie ihrer Freundin. Lea grübelte vor sich hin und meinte schließlich: „Es könnte ein Auror sein, das wäre doch sinnvoll, denn wenn uns jemand auf die Gefahren, die durch die Todesser bevorstehen, gut vorbereiten kann, dann könnte das ein Auror!" Lily nickte. „Das könnte gut sein," sagte sie schließlich.

Einige Minuten vergingen und ein jedes Mädchen hing seinen eigenen Gedanken nach. Der Zug fuhr gerade durch einen Tunnel, als Lily das Wort an Lea richtete: „Ist dir eigentlich klar, dass dies unser letztes Jahr in Hogwarts sein wird? Wir werden Hogwarts danach nie wieder sehen." Während Lea einen Moment lang schwieg und über Lilys Worte nachdachte, verließ der Zug den Tunnel, und plötzlich wurde alles wieder hell. Geblendet von dem starken Licht musste Lily die Augen zukneifen. „Ja, ich werde Hogwarts auch vermissen," hörte sie die Worte ihrer Freundin. „Aber," fuhr Lea fort, „wenn wie die UTZs bestehen, stehen uns sehr viele Wege offen." Das wusste auch Lily, aber sie dachte nicht gerne an die Zeit nach Hogwarts, denn die Schule war zu ihrem Zuhause geworden; ein Großteil ihrer glücklichen Erinnerungen waren mit diesem Schloss verbunden. Sie sagte zu Lea: „Wir müssen dieses Jahr definitiv nochmal so richtig ausnutzen und all die Dinge tun, die man an einem so wundervollen Ort machen kann." Diese nickte und meinte schließlich: „Lass uns eine Liste von allem machen, was uns wichtig ist." Lily war begeistert von diesem Vorschlag, holte ein Pergeament und eine Feder heraus, und den Rest der Zugfahrt verbrachten die Mädchen damit, alles was ihnen einfiel aufzuschreiben.

Endlich fuhr der Zug in King's Cross ein, was hieß, dass sie nun den Bahnsteig wechseln mussten. Sie stiegen aus und eilten zum Gleis neundreiviertel. Dort würden sie ihre gemeinsame Freundin Kitty wiedersehen. Außerdem Alice, die zwar nicht so eng mit ihnen befreundet war, aber ein freundliches Mädchen, mit dem sie sich gut verstanden. Nun standen sie schließlich vor der Sperre, lehnten sich lässig dagegen und einen Augenblick später waren sie am Bahnsteig.

Was ihnen sofort ins Auge sprang, war der alte rote Zug, der in schon Dampfwolken gehüllt war. Überall schallten Rufe durch die Gegend, und überall standen Eltern, die sich von ihren Kindern verabschiedeten. Die Mädchen gingen am Zug entlang und sahen aus den Augenwinkeln, wie einige Erstklässler Schwierigkeiten mit ihren Koffern hatten. Gerade wollte sie sich zu ihnen wenden, um ihnen zu helfen, als auch schon jemand da war, der sie freundlich fragte „Soll ich mit anfassen?". Nach dem scheuen Nicken der Erstklässler packte der Neuankömmling zwei der vier Koffer und rief über die Schulter nach seinem besten Freund, der gleich angelaufen kam und die beiden anderen Koffer nahm. Lily starrte den Gestalten hinter her. Hatten ihre Augen ihr einen Streich gespielt, oder hatte sie gerade wirklich James Potter und Sirius Black gesehen, wie sie Erstklässlern die Koffer in den Zug getragen hatten? „Lea, kneif mich mal. Ich glaub, ich träume!" Lea musste lachen: „Ach, ich verstehe, davon träumst du also!" Lily zog ein Gesicht, musste aber grinsen, als sie sich vorstellte, dass sie von James Potter träumen sollte. Lea sagte ernsthaft: „Hoffentlich war das keine Ausnahme. Ich gehe dann mal und suche Kitty, und du solltest ins Schulsprecherabteil gehen." Schon war sie weg und hinterließ eine etwas verwirrte Lily Evans.

Was sollte das, spielte die Welt verrückt? Warum hatte James das getan, wollte er sich bei ihr einschmeicheln? Aber er hatte sie doch gar nicht gesehen. Nun ja, dies würde sie sich merken, und nun war sie noch gespannter auf das Jahr, das vor ihr lag, als noch wenige Stunden zuvor.

Langsam ging sie in Richtung Tür und stieg gerade die Stufen hinauf, als sie von jemandem festgehalten wurde, der sie nun langsam zu sich umdrehte. Nun konnte sie sehen, dass es Lucius Malfoy war, und sie wollte ihn gerade anfahren, dass er sie loslassen solle, als eine ihr wohlbekannte Stimme von hinten sagte: „Ich würde Lily in deiner Stelle sehr schnell loslassen." Lucius Malfoy lachte und antwortete: "Warum sollte ich das tun? Du könntest mich angreifen, dann müsste ich sie loslassen, um mich zu verteidigen. Willst du das nicht tun?"

James, denn um den handelte es sich, kochte innerlich und hätte das nur zu gern getan, doch er wusste, dass das hier nicht in Frage kam. Er musste Ruhe bewahren und Malfoy auf andere Weise dazu bringen, Lily loszulassen. Erstens würde eine körperliche Auseinandersetzung mit Sicherheit Ärger nach sich ziehen, und außerdem wäre sein guter Plan, Lily durch tadelloses Benehmen zu gewinnen, gleich zu Anfang ruiniert.

Deshalb sagte er ganz ruhig und gelassen: "Ich werde dich nicht angreifen; aber wenn Du Dich mal umsiehst, wirst Du bemerken, dass dort an der Säule ein Lehrer steht, der drauf und dran ist, sich umzudrehen. Was Du hier tust, wird er nicht gern sehen." James grinste, während er dies sagte, auch wenn er eigentlich nicht der Typ war, der Hilfe beim nächsten Lehrer suchte, weil er Probleme nicht selbst lösen konnte. Doch wollte er sich ja ändern und nicht mehr blindlings in jeden Kampf rennen, sondern ruhig und gelassen reagieren. Seine Schulsprecherautorität wollte er auch nicht gegen Malfoy ausspielen, wenigstens jetzt noch nicht. Nicht vor der Eröffnungsfeier. Nicht vor dem offiziellen Schulbeginn, das wäre unsportlich. Gryffindor würde gewinnen, auch ohne, dass er Slytherin jetzt schon Punkte abzog.

Malfoy schaute verdutzt und irritiert; mit einer solchen Antwort hatte er nicht gerechnet. Er sagte hämisch: "Oh, Du willst also zum Lehrer rennen wie ein Feigling, der einen Kampf scheut?" Er wollte James provozieren, doch der nickte nur seelenruhig und machte Anstalten, auf den Lehrer zuzugehen. Malfoy kam ihm zuvor und sagte "Nicht nötig, du Memme, ich lasse sie los." Mit diesen Worten stieß er Lily beiseite und stieg in den Zug.

Lily war erstaunt, dass James die ganze Zeit so ruhig geblieben war und dass er doch tatsächlich damit gedroht hatte einen Lehrer zu holen. Das hätte er letztes Jahr nicht getan, damals hätte er Malfoy sofort angegriffen. Gut, er hatte sich bisher nicht schlecht benommen, was nicht hieß, dass es so bleiben würde.

James hatte nach Lilys Hand gegriffen, damit sie nicht hinfiel, als Malfoy sie losließ. Sie dankte ihm und wollte gerde in den Zug steigen, als James sie nochmal ansprach: „Hast du meinen Brief gelesen?" Seine Stimme war schüchtern, und er fuhr schnell fort, noch ehe Lily ihm antworten konnte: „Wenn nicht, muss ich dir mitteilen, dass ich Schulsprecher bin und wollte dich fragen, ob wir gemeinsam zum Schulsprecherabteil gehen können, weil ..." Lily unterbrach ihn und sagte relativ freundlich: „Ich wusste schon, dass du Schulsprecher bist, ich habe deinen Brief gelesen, und natürlich sollten wir zusammen zum Schulsprecherabteil gehen, wir sind schließlich beide Schulsprecher." James starrte sie an, und konnte es kaum fassen. Anscheinend klappte es mit den Plan von Remus besser, als er erwartet hatte. Die ganze letzte Woche war offensichtlich nicht sinnlos gewesen. In dieser Woche hatte er mehr für die Schule getan, als er und Sirius zusammen in den letzten sechs Jahren, und es war langweilig gewesen. Er würde Sirius jedoch nicht verschonen, nur weil sie jetzt in der Schule waren. Er würde überhaupt nicht in Versuchung kommen, Streiche zu machen, weil er das Lernpensum halten wollte, was er in den Sommerferien angefangen hatte.

Sie hatte seine Hand genommen, und sie hatte sich einverstanden erklärt, mit ihm zum Schulsprecherabteil zu gehen. Es war einfach unbeschreiblich gewesen. Ihre Hand hatte sich so weich angefühlt, und so warm, dass ihm ganz schwindlig geworden wäre, hätte sie ihre Hand noch länger in der seinen gelassen. Er hatte sie trotzdem schmerzlichst vermisst, als sie ihn losgelassen hatte. Nun folgte er ihr langsam in den Zug, immer ein paar Schritte hinter ihr, und immer bereit, sich zu entfernen, sollte sie es wollen. Nach einigen Minuten erreichten sie das Abteil und er hielt ihr die Tür auf.

Langsam ging sie an ihm vorbei, setzte sich auf einen Lehnsessel, der am Fenster stand und betrachtete James, der sich ihr gegenüber auf den anderen Lehnsessel fallen ließ. Er begann: „Wie ich dir im Brief mitgeteilt habe, bin ich selbstverständlich bereit, auf das Schulsprecheramt zu verzichten. Wenn du das möchtest, müssen wir nur eine einzige Sache besprechen, und zwar, wie wir es machen, dass ich des Amtes entweder enthoben werde oder zurücktreten kann. Ich will nur nicht, dass man dir die Schuld gibt, sondern mir. Und nun musst du sagen, ob du mit mir zusammen arbeiten willst oder nicht". Lily sah ihn verblüfft an.

Lily wusste, dass sie, hätte er sie noch vor drei Tagen gefragt, sie auf jeden Fall „Nein" gesagt hätte. Da sie nun aber beschlossen hatte ihn besser kennen zu lernen, und noch dazu gesehen hatte, dass er sich vollkommen tadellos benehmen konnte, war sie sich nicht mehr so sicher.

Lily sah auf, blickte James kurz an und sagte dann mit fester Stimme: „Ich denke wir sollten es miteinander versuchen, Dumbledore wird sich schon etwas dabei gedacht haben, als er dich zum Schulsprecher ernannte, und ich will sehen, ob das, was auf dem Bahnsteig passiert ist, nur Theater war, oder ob es ernst gemeint sein sollte."

James jubelte innerlich, und schwor sich, dass er, sollte Lily ihn doch noch erhören, so lange nach einen Heilmittel für Werwölfe suchen würde, bis er entweder starb oder Erfolg hatte. Remus war der Grund, warum Lily das jetzt sagte, denn ohne dessen Rat hätte er sich nicht dermaßen ändern können. Doch jetzt sah er die Früchte seiner Arbeit, sie sah ihn nun nicht mehr nur im schlechtesten Licht, sondern gab ihm eine Chance zu zeigen, was er wert war. Und er würde diese Chance nutzen! Er würde ihr keinen Grund mehr geben, ihn hassen zu können. Er würde sich ihr jedoch auch nicht bedingungslos an den Hals werfen; er würde sein Verhalten ändern, aber nicht seinen Charakter. Er würde auch sie prüfen. War sie ganz sicher das Mädchen, für das er sie hielt? So oft hatte sie ihn beleidigt und vor der ganzen Schule zum Narren gehalten. Warum war sie bereit, mit ihm zusammenzuarbeiten? Die Lily aus dem sechsten Schuljahr hätte dies nie gemacht; diese Lily hätte ihn mindestens schon viermal angeschrien, hätte gesagt, sie könne sich selbst verteidigen, und niemals zugelassen, dass er ihr half. Nicht, dass es ihn nicht freute, denn das tat es sehr; es verwirrte ihn nur. Er dachte an Remus Worte denken, dass Zurückhaltung die beste Methode sei; er hatte ihm dies am letzten Ferientag gesagt und dann noch hinzugefügt: „Du darfst sie niemals drängen, sei freundlich und zurückhaltend, schenk ihr nicht zu viel Aufmerksamkeit, und wenn sie doch mal was von dir will, wird sie es dir schon sagen". Er dachte über diese Worte nach und kam schließlich zu der Erkenntnis, dass Remus wahrscheinlich Recht hatte. Trotzdem war es doch sicher kein Fehler, auf ihre freundlichen Worte mindestens ebenso freundlich zu antworten?

Offen sagte er ihr, dass er eine andere Antwort befürchtet habe, sich jedoch sehr freue, dass sie ihm die Chance geben wolle, sich als Schulsprecher zu beweisen. Lily nickte und erwiderte: „Gut, dann sollten wir jetzt anfangen unsere Pflichten zu erledigen." James sah sich um und deutete schließlich auf einen Stapel Papiere, die ihnen wohl ihre ersten Pflichten erklären sollten. Er nahm sich den obersten Zettel und sagte: „Wir müssen uns Passwörter für die Gemeinschaftsräume der Häuser überlegen, außerdem sollen wir die Vertrauensschüler zu ihren ersten Patrouillen durch den Zug einteilen." Lily hatte ihm schweigend zugehört und begann, sich Notizen zu machen. Nach einer kurzen Weile antwortete sie: „Gut, das andere machen wir später; zuerst sollten wir ins Vertrauensschülerabteil gehen und sie in Paare aufteilen, die dann jede jede halbe Stunde im Zug nach dem Rechten sehen." Und so machten sich James und Lily auf den Weg, um ihre erste Schulsprecherpflicht zu erledigen.