Die Nachricht, der Arzt sei bis auf weiteres aus dem Haus, nahmen die Zwillinge mit großer Freude und Erleichterung auf. Sie fielen ihrem Onkel freudestrahlend um den Hals und konnten damit Maedhros sogar ein ehrliches Lächeln entlocken. Und da es ein schöner Tag war, erlaubte Maglor ihnen, nach dem Frühstück im Wald herumzustromern. Er ließ sie tatsächlich nahezu bedenkenlos in den Wald, denn er wusste, dass zum einen die Laiquendi Ossiriand gut bewachten und zum anderen Maedhros' und seine eigenen Wachen ebenfalls ein scharfes Auge auf die Grenzen ihres Gebietes hatten. Eigentlich konnte den Jungen nichts geschehen.
Sommer hielt Einzug in Beleriand. Die Tage waren lang und mild. In angenehmer Abfolge fiel sanft-frischer Regen und ließ das Land erblühen. Wenn der Regen schließlich von dannen zog, hinterließ er einen würzigen Duft nach jungem langen Gras. Tau glitzere auf bunten Blütenblättern wie tausend Edelsteine, Insekten schwirrten geschäftig umher. Sanfter Wind wiegte die Wiesen.
Als Maglor ihnen also erlaubte, frei draußen zu spielen, stürmten die Jungen keinen Augenblick später vor Freude johlend aus dem Haus und in den Wald – Elros freilich ohne Schuhe und Elrond hatte seine im Eifer des Gefechts ebenfalls vergessen. Barfuß war es eh am schönsten. Maglor sah ihnen nur seufzend aber lächelnd nach, während er die Kinderschuhe in Händen hielt.
Elrond und Elros tobten eine ganze Weile ausgelassen zwischen den Bäumen umher, während sie sich gegenseitig einen kleinen Ball zuwarfen und sich fingen. Fröhliches Kinderlachen hallte durch den Wald Sorglosigkeit beflügelte sie und keine Sorgen und Ängste der Welt bedrückten sie, denn Maglors schützende Hand hielt alles Ungute von ihnen fern. So unbeschwert war ihr Spiel, dass Elrond glatt die Zahnschmerzen vergaß, die noch immer dumpf in der Wange pochten.
Nachdem sie eine Weile umhergetobt waren, ließen sie sich unter ihren Lieblingsbaum fallen. Ein Wind fuhr in das Geäst des Baumes und ließ einige Blätter herabtanzen. Ungestüm, wie Kinder nun einmal waren, sprangen die Zwillinge wieder auf und flitzen umher im Versuch, die Blätter zu fangen. Doch sonderbarer Weise fielen immer noch Blätter, als der Wind schon längst verschwunden war. Verwundert sahen sie auf.
Und stießen einen erschrockenen Laut aus, als sie einen Elb im Geäst hocken sahen. Schnell wie ein Wiesel waren sie hinter dem Stamm des nächstbesten Baumes verschwunden und lugten ängstlich dahinter hervor, einer rechts und einer links, und hinauf zu dem fremden Elb. Dieser trug grün-braune Kleidung und hockte wie ein Vogel auf einem Ast, der für sein Gewicht viel zu dünn schien. Sogar den Kopf legte er ruckartig schief wie ein Vogel und lächelte freundlich.
„Hallo", sagte er und hob die Hand.
Elros, der seit jeher der etwas mutigere der Zwillinge gewesen war (solange es nicht um Pferde ging), schob sich ein wenig vor, während Elrond den Kopf einzog. Zu allen Ungunsten fing auch noch seine noch immer geschwollene Wange an, leicht aber unangenehm zu pochen.
„Wer bist du denn?", fragte Elros, trotz allem Mut doch etwas zaghaft, den fremden Elb. „Bestimmt keiner von Onkel Maglors und Onkel Maedhros' Leuten."
„Ganz recht." Elegant und ohne ein einziges Geräusch schwang der Elb sich vom Baum herab und landete federnd im Gras. Dort hockte er sich hin, lies die Hände über den Knien hängen und lächelte sie weiterhin freundlich an. „Ich bin ein Sinda, ein Grünelb von Ossiriand."
„Ohh!" Elros machte wieder große Augen. „Wirklich?! Wie heißt du denn?" Er trat nun vollends hinter dem Baum hervor. Nun war es an Elrond, große Augen zu machen. Um nicht allein hinter dem Baum versteckt zu sein, huschte er hinter seinen Bruder und lugte über dessen Schulter.
„Gwailin", antwortete der Sinda. „Und ihr?"
„Der Feigling da ist Elrond und ich bin Elros. Wir sind Zwillinge!", verkündete Elros stolz.
Das Lächeln wurde ein wenig gütiger. „Ich bin erfreut, eure Bekanntschaft machen zu dürfen", sagte Gwailin. „Eure Namen sind im Land gut bekannt."
„Eeecht?" Das war ausnahmsweise Elrond. Seine Scheu vollkommen vergessend, trat er hinter seinem Bruder hervor.
„Ja, echt", schmunzelte Gwailin. „Euer Vater ist Earendil Gil-Estel, und er ist weit über die Grenzen dieses Landes hinaus hoch gerühmt."
Die Zwillinge wurden skeptisch. „Aber adar war nie da und Onkel Maglor schon", gab Elros zu bedenken.
Die Direktheit des Kindes nahm Gwailin die Worte. Er schwieg und sah sie nachdenklich an. „Kommt mal her, ich zeig euch was Nettes", sagte er. Die Freundlichkeit war nicht aus seiner Stimme gewichen, obgleich er erkannt haben musste, dass Elrond und Elros nicht zu ihrem leiblichen Vater standen.
Zögerlich traten die Zwillinge dicht aneinander gedrängt auf ihn zu. Um seine guten Absichten und sein Ansinnen zu demonstrieren, pflückte er ein paar Gänseblümchen, die hier überall wuchsen, und begann, sie zu verflechten. Die Zwillinge sahen seinen scheinbar fliegenden Händen zu, wie er eine kleine Kette entstehen ließ. Gwailin lächelte und hielt ihnen die Blumen hin.
„Kommt her, dann zeige ich euch, wie es geht", bot er an.
Nun war die Neugier der Kleinen vollends entflammt. Sie hockten sich Gwailin gegenüber in das Gras und sahen ihn gespannt an. Er pflückte ihnen einige weitere Blumen und reichte sie ihnen.
„Seht her", begann er. „Ihr müsst kurz unter dem Blütenkopf ein kleines Loch in den Stängel machen, aber seid vorsichtig, dass ihr kein zu großes Loch reißt. So, seht ihr?"
Die Zwillinge eiferten ihm eilig nach und nickten. „Ja", antworteten sie im Chor.
„Fein. Und jetzt steckt ihr einfach den Stiel der nächsten Blume durch das Loch", fuhr Gwailin fort. „Wenn ihr das oft genug macht, dann habt ihr kleine Kronen und Ketten." Inzwischen hatte er seine Blumenkette fertig gestellt und setzte Elrond den Kranz auf das Haar. „Hübsch", meinte er lächelnd und mit erneut schief gelegtem Kopf.
„Machen das nicht nur Mädchen?", fragte Elrond.
„Nein, nicht unbedingt", sagte Gwailin. „Sogar manche unserer Fürsten haben Kronen aus Blumen und Blättern."
„Wer denn?", wollte Elros wissen.
„Fürst Oropher zum Beispiel", sagte Gwailin.
„Kenn' ich nicht", warf Elrond ein.
„Musst du auch nicht", beruhigte Gwailin ihn schmunzelnd.
Eifrig bastelten sie weiter und schmückten sich gegenseitig mit Blumen. Dabei lachten und alberten sie zusammen als seien sie schon lange Freunde. Nachdem der erste Schreck über das Auftauchen des erwachsenen Elb verflogen war, meldete sich jedoch Elronds schmerzende Wange wieder. Hin und wieder kratze er sich, jedoch nur vorsichtig.
Gwailin bemerkte sein Unbehagen alsbald und ebenso die leicht angeschwollene Wange. „Nanu, was ist dir den passiert?", wollte er wissen.
Elrond senkte betreten den Blick. „Hab zu viel genascht, sagt der Arzt", nuschelte er.
„Aber Onkel Maedhros gibt uns immer so leckere Sachen!", rechtfertigte Elros ihn. „Und seine Törtchen sind immer so hübsch mit Zuckerguss bemalt."
Gwailin schmunzelte. Dann wandte er sich an Elrond. „Willst du, dass ich mal gucke? Oder soll das lieber der Arzt tun?"
Erschrocken schüttelte Elrond den Kopf. „Nein, der Arzt ist böse!", rief er aus. „Der sagt, wir sind schlecht, weil unser adar Earendil ist." Er sah schüchtern zu Gwailin auf. „Kannst du mal gucken?"
Gwailin schüttelte über die Ansichten des Arztes missbilligend den Kopf. „Natürlich kann ich", versicherte er. Vorsichtig betastete er die Schwellung, darauf bedacht, dem kleinen Halbelb nicht weh zu tun. Dann hieß er ihn, den Mund aufzumachen, und besah sich das Ganze von innen. Schnell war ein Befund gefasst.
„Na, das ist kein Problem", sagte er, sprang flink auf und kehrte kurz darauf mit ein paar Waldkräutern wieder. Er rieb sie leicht, dass sich ein angenehmer Duft verbreitete. „Hier, kau die, dann geht es dir gleich besser."
Elrond schnupperte an den Kräutern, dann tat er, wie ihm geheißen. Skeptisch kaute er, doch bald hellte sich sein Gesicht auf. „Das hilft echt gut!", rief er aus.
„Ui toll!", pflichtete Elros seinem Bruder bei.
„Jetzt musst du es wieder ausspucken, auf die Dauer schmeckt es nicht mehr", sagte Gwailin.
Nachdem Elrond auch dies getan hatte, betastete er seine Wange. „Tut nicht mehr weh und ist nicht dick", stellte er begeistert fest. „Kannst du nicht für den bösen Arzt bei uns bleiben?"
Das Lächeln verschwand von Gwailins Gesicht, und er sah nachdenklich in die Richtung, in der Maedhros' und Maglors Haus lag.
„Hab ich was Falsches gesagt?", fragte Elrond vorsichtig nach.
„Nein, nein, überhaupt nicht", beeilte sich Gwailin zu sagen. „Ich glaube nur, die Feanorer würden mich nicht mögen."
Die Kinder sahen ihn erstaunt an. „Wieso das denn?", wollte Elros wissen.
„Wir hatten in der Vergangenheit einige… Differenzen", gestand Gwailin, schwieg aber ansonsten zum Sippenmord von Doriath.
Ausgerechnet Maglor war es, der den Grünelb vor den Fragen der Kinder rettete. „Elrond, Elros! Essen!", rief er sie vom Haus aus zum Mittag.
Gwailin schreckte auf. Dann sprang er auf und war verschwunden. Verwundert sahen die Zwillinge sich an. Was der Elb wohl hatte?
„Na komm", sagte Elros. „Lass uns zu Onkel Maglor gehen. Dann können wir ihm unsere Blumenketten zeigen und ihm von Gwailin erzählen!"
„Ja", stimmte Elrond ihm zu. „Vielleicht kommt er dann ja wieder. Er war nett."
Die Kinder rannten zurück zum Haus. „Onkel Maglor, guck mal!", riefen sie und reckte ihm ihren neuen Schmuck entgegen.
Doch Maglor hatte freilich eher Augen für ihre Füße. „Wie oft habe ich euch schon gesagt, ihr sollt Schuhe anziehen, wenn ihr draußen seid?", schimpfte er tadelnd.
Die Zwillinge sahen ihn wehleidig und betreten an.
Und schon seufzte Maglor nachgiebig. Er klemmte sich die Kinderschuhe unter den Arm und nahm die Besitzer bei den Händen. „Na kommt", sagte er. „Gehen wir erst einmal eure Füße waschen."
Er führte sie hinter das Haus. Dort floss ein kleiner Bach hell plätschernd und glitzernd. Maglor setzte sie an das Ufer und hieß sie, ordentlich ihre Füße zu schrubben. Damit es schneller ging, half er bei Elros lieber nach (bei ihm war der Schmutz immerhin festsitzender). „Elrond, nicht so halbherzig", mahnte er.
Schließlich war aller Schmutz ab. Maglor drückte den Kindern ihre Schuhe in die Hände und führte sie zurück zum Haus. Dort gab es eine große Küche, wo die Herren des Hauses sich tagtäglich mit ihrem Hausvolk einfanden und gemeinsam speisten. An manchen Abenden gingen sie danach in eine Halle mit einem Kamin, wo Maglor sich mit seiner kostbaren Harfe ans Feuer setzte und dort spielte und sang.
Maedhros war bereits da und hatte vier Teller auf den Tisch gestellt. Maglor setzte die Kinder auf erhöhte Stühle und ließ sich selbst nieder.
„Ihr seid spät dran", sagte Maedhros. „Dabei hat sich unser Koch heute so viel Mühe gegeben."
„Gewisse kleine Herren hatten ein wenig mehr Zuwendung erfordert als gedacht", erwiderte Maglor.
Elros zappelte ungeduldig. „Stimmt nicht!", rief er aus. „Wir waren ganz artig. Und Schuhe sind doof. Aber guck mal!" Damit hielt er erneut seinen Blumenschmuck Maedhros unter die Nase. Ein Ende hing beinahe im Essen.
Maedhros wusste natürlich sogleich, dass Maglor den Kleinen erst einmal die Füße hatte waschen müssen. „Kleine Dreckspatzen", neckte er sie und hob dann die Blumenkette ein wenig an, damit Elros sie nicht doch noch in das Essen tunkte. „Hübsch habt ihr das gemacht", sagte er. „Wer hat euch das gezeigt?"
„Da war so ein Elb, der hieß Gwailin", sagte Elrond. „Er war ein Sinda, hat er gesagt. Von denen ihr uns schon mal was erzählt habt. Aber er war ganz nett zu uns, er hat sogar mein Zahnaua weggemacht. Jetzt ist nichts mehr da!"
Maglor horchte alarmiert auf. Freilich waren sich sein Hausgefolge und die Laiquendi ganz und gar nicht Freund. Er hoffte inbrünstig, dass der fremde Elb den Kindern nichts über die Feanorer erzählt hatte, was diese nicht hören sollten.
„Ja, und dann haben wir ihn gefragt, ob er denn nicht für den bösen Arzt bei uns bleiben will", fügte Elros an. „Aber er hat gesagt, dass ihr das bestimmt nicht wollt, und als du nach uns gerufen hast, war er auf einmal weg. Stimmt das, dass ihr das nicht wollt?"
Für Maglor stimmte dies auf alle Fälle, stellte er fest. Nur weil der Elb mit ein paar Waldkräutern Elronds Zahnschmerzen im Nu auskuriert hatte, hieß das noch nicht, dass er ein guter Heiler war. Er wusste vielleicht nicht viel mehr über das Heilen und es wäre unter Umständen sogar nur ein kleiner Kniff gewesen, den der bis zu diesem Morgen ansässige Arzt nicht gekannt hatte. Nein, dieses Argument reichte in seinen Augen noch nicht aus, um einen Grünelb ins Haus zu lassen, der vielleicht genauso hinterhältig wie ihr alter Arzt war und den Kleinen allerhand über die Feanorer berichtete.
Maedhros schien dies allerdings anders zu sehen. Nachdenklich runzelte er die Stirn und sagte dann bedächtig: „Er hat nicht ganz Unrecht aber auch nicht ganz Recht. Es soll nach ihm geschickt werden, dann soll er mir zeigen, ob er ein besserer Heiler ist."
„Au ja!", riefen die kleinen Halbelben aus.
Maglors Begeisterung fiel sehr gedämpft aus. Als er nun sprach, verwendete er seine Muttersprache, damit die Kleinen ihn nicht verstanden. „Hältst du es für eine so gute Idee, Bruder?", gab er zu bedenken. „Wir tun dem Elb keine Freude damit, ihn dazu zu verpflichten, hier ein und aus zu gehen, und wir tun unter Umständen den Kleinen erst recht keine Freude. Du weißt, was die Laiquendi von uns denken. Liebend gern würden sie ihnen wahrscheinlich alles über uns sagen, um uns zu entzweien."
Maedhros seufzte. „Ich weiß…", gestand er ein, ebenfalls das Quenya verwendend. „Deswegen soll er, wenn er ausfindig gemacht werden kann, erst bei mir vorsprechen. So weit weg kann er nicht wohnen, wenn er sich schon so nah an unser Haus wagt."
Etwas irritiert sahen die Zwillinge von einem großen Noldo zum noch größeren Noldo. „Ihr habt gesagt, das darf man nicht sprechen", warf Elros ein, und Elrond fügte an: „Was habt ihr denn? Ist was passiert?"
Maglor lächelte sie beruhigend an. „Es ist nichts, macht euch keine Sorgen", sagte er sanft. „Wir überlegen nur, wie wir euren Elb ausfindig machen können."
Breites Kinderstrahlen bestätigte ihm, dass man mehr als nur sehr zufrieden mit seiner Entscheidung war. Um auf ein anderes und angenehmeres Thema zu kommen, schlug er vor: „Was haltet ihr also davon, wenn wir heute alle gemeinsam zu dem kleinen See in den Wald gehen?"
„Ja!", jubelten die Kinder, und hier machte sich wohl ein Erbe Earendils bemerkbar. Sie waren zwar nicht am Meer aufgewachsen, doch schon Tuor und Earendil hatten das Meer geliebt. In Anbetracht dieses Erbes war es wohl nicht verwunderlich, dass auch die kleinen Zwillinge es liebten, baden zu gehen.
„Hob, hob, dann esst schnell auf und packt eure Sachen", sagte Maglor.
Die Kinder nahmen es sehr wörtlich, ließen sich nur schwer davon überzeugen, ihr Essen nicht hinunter zu schlingen und wären gleich darauf aufgesprungen, hätte Maglor sie nicht aufgehalten. Es gehörte sich ja schließlich nicht, vom Tisch aufzustehen, wenn noch andere aßen. Die Kinder schmollten, blieben aber brav sitzen und warteten, bis ihre Onkel fertig waren. Danach aber hielt sie nichts mehr und sie stürmte davon in ihre Zimmer.
„Geh du ihnen nur nach und guck, dass sie auch alles ordentlich einpacken", sagte Maedhros. „Ich sattle derweil mein Pferd, damit wir nicht alles tragen müssen."
„Nein, lass mich nur machen", warf Maglor ein, der wusste, dass das Satteln mit nur einer Hand ein schwieriges Kunststück war.
Maedhros sah ihn vorwurfsvoll an. Er mochte es nicht, wenn man ihm wegen seiner Behinderung bei allem möglichen helfen wollte. „Mittlerweile sollte ich ja Übung darin haben…", meinte er nur.
Maglor seufzte, gab sich dann aber geschlagen. Er erhob sich und ging, um nach den Kleinen zu sehen. Doch die kamen ihm schon auf dem Flur entgegen gestürmt, jeder eine schluderig gepackte Tasche in der Hand. Elrond hatte sich seinen neuen Plüschbären unter den Arm geklemmt. Elros hatte dasselbe bei einer braun getigerten Katze getan, die geduldig schnurrte und mit dem Schwanz schlug. Maglor lächelte mild, als er die Taschen erblickte.
„Na, kommt noch mal mit, das muss ich mir noch mal ansehen", meinte er.
„Aber Kätzchen kommt mit!", protestierte Elros. Die Katze miaute.
„Ja, freilich. Aber guck mal hier, hier hängt doch noch alles raus." Maglor zupfte an einem Tuch, das bald hinaus rutschte.
Er dirigierte sie zurück zu ihren Zimmern. Dort stellten sie ihre Sachen noch einmal ab und Maglor zeigte ihnen mit Engelsgeduld, wie man richtig packte. Einmal davon abgesehen, dass die Hälfte der Dinge fehlte. Als schließlich alles fertig war, betrachteten die drei zufrieden ihr Werk.
„Duhu, Onkel Maglor? Kannst du deine Harfe mitnehmen?", bat Elrond. „Dann kannst du uns wieder was beibringen!"
„Natürlich kann ich das", bekräftigte Maglor, der über den Lerneifer der Kinder freilich sehr erfreut war. „Und jetzt husch zu Maedhros in den Stall."
Elros sah ihn wehleidig an und befürchtete schon das Schlimmste. „Aber wir reiten doch nicht?", fragte er kleinlaut.
„O nein, nein", beeilte sich Maglor zu versichern. „Aber ihr wollt doch nicht etwa den ganzen Kram zum See schleppen?"
„… Nein", stellte Elrond fest. „Aber du könntest es doch tragen." Er sah unschuldig zu ihm auf.
Maglor zerwühlte ihm lachend die Haare. „Ich bin doch kein Packesel! Und jetzt ab."
Die Kinder schnappten sich die Taschen sowie Bär und Katze und rannten davon. Im Stall erwartete sie schon Maedhros mit seinem gesattelten und gezäumten Pferd, denn freilich besaß er darin sehr viel Übung und mochte das Pferd auch so mächtig sein wie sein großes Streitross. Elros starrte das schwarze Ungetüm groß an, doch dieses Mal war es Elrond, der furchtlos auf das Tier zuging und es zu kraulen begann. Eigentlich besaß das Pferd einen sanften Charakter, wenn es nicht gerade eine Schlacht witterte. Wahrscheinlich entsprach es dahingehend sehr seinem Herrn. Also neigte es nun den Kopf und stupste den Jungen sachte an, der daraufhin zu lachen anfing.
Maedhros half ihnen, das Gepäck auf das Pferd zu laden und setzte auf Bitten zum Schluss den Bären auf das Pferd und dahinter die Katze, die alles geduldig über sich ergehen ließ und würdevoll auf dem Pferderücken thronte. Indes war auch Maglor eingetroffen, der selbst noch eine kleine Tasche dabei hatte sowie seine wertvolle Harfe und zwei kleinere Ebenbilder dieser, die er für die Kinder geschnitzt hatte. Als auch das alles verstaut war, brachen sie auf.
Die Kleinen sprühten förmlich vor Energie und sprangen vor Maedhros, der sein Pferd neben sich führte, und Maglor auf dem Weg umher. Ihnen ging es auf Biegen und Brechen nicht schnell genug. Schließlich schlug Maedhros vor, dass sie mit Maglor doch ein wenig Hasche spielen könnten, dann wären sie auch schneller am See. Er käme langsamer nach.
Selbst wenn Maglor sie nicht gewinnen lassen hätte, wäre er sang- und klanglos neben den Kindern untergegangen. Vielleicht mochten sie nicht so schnell sein wie er, doch sie waren kleiner und eindeutig wendiger. Und außerdem in der Überzahl. Lachend flitzen sie um Maglor herum und machten sich einen Spaß daraus, immer wieder nur knapp unter dem Griff hindurch zu schlüpfen, wenn er sie beinahe gefangen hätte.
Auf diese Weise waren sie ein gutes Stück vor Maedhros am See. Während Maglor tatsächlich ein wenig außer Atem war, schienen die Kinder niemals müde werden zu können. Sie waren kaum zu bändigen und wollten sofort ins Wasser springen, doch Maglor hielt sie noch einmal auf.
„Halt!", sagte er ihnen. „Immer gesittet und mit der Ruhe. Legt eure Sachen ordentlich ins Gras, dann könnt ihr im Wasser spielen gehen."
Die Zwillinge murrten, fügten sich aber. Als aber alles zu Maglors Zufriedenheit gerichtet war, hielt sie tatsächlich nichts mehr auf. Johlend hüpften sie in das flache Wasser und bespritzten sich gegenseitig und tollten herum.
Maglor hatte sich in den Schatten eines Baumes gesetzt und sah ihnen lächelnd beim Spielen zu. Indes war auch Maedhros eingetroffen. Als erstes setzte er die Katze auf den Boden, die ein wenig herumlief, sich dann setzte und sich zu putzen begann. Dann nahm er das Plüschtier herab und setzte es einer Intuition folgend mit dem Gesicht zum See auf den Kleiderstapel der Kleinen. Schließlich nahm er das übrige Gepäck von seinem Pferd, brachte es zu Maglor, nahm dann weiterhin dem Tier Sattel und Zaumzeug ab und ließ es frei herum streunen. Das Pferd stupste ihn ebenfalls sanft an, dann begann es, am Gras zu knabbern, gelegentlich ein paar Fliegen mit dem Schwanz oder einem Muskelzucken verscheuchend. Maedhros ließ sich neben seinem Bruder nieder.
„Es ist wahrlich ein schöner Tag", sagte er.
„Sag doch gleich malerisch." Maglor zwinkerte ihm zu. „Ich wette, du hast heute schon wieder zum Pinsel gegriffen."
„Woher du das nur wieder weißt?", wunderte sich Maedhros spielerisch.
Maglor lachte. „Wie schwer zu erraten!"
„Wir sollten diesen Grünelb wirklich suchen lassen", kam Maedhros noch einmal auf dieses Thema zurück. „Ich habe bereits ein paar meiner Leute ausgesandt."
„Mir ist dennoch nicht wohl bei der Sache", entgegnete Maglor erneut.
„Ich weiß", warf Maedhros ein. „Und deswegen werde ich mir diesen Elb auch genau ansehen, bevor er auch nur noch einmal in die Nähe der Zwillinge kommt. Wenn er wirklich nicht weit von hier haust, dann muss er ja noch nicht einmal hier einziehen, was wahrscheinlich zum beiderseitigen Vorteil wäre. Ich will ebenso wenig einen Grünelb hier Quartier beziehen lassen, aber wenn er nun einmal ein guter Heiler ist… Wir haben nun einmal kaum welche, da bin ich froh, wenn sich so schnell ein guter finden lässt. Nur das Beste für die Kleinen." Mittlerweile hatte er aus seinem Gewandt ein kleines Schnitzmesser und ein Holzstückchen gezogen. Das Holz ließ die Gestalt eines kleinen Hundes erkennen.
„Huan", stellte Maglor fest.
Maedhros klemmte sich das Holzstückchen zwischen die Knie und begann zu schnitzen. Gelegentlich drehte er es mit seinem Armstumpf hierhin und dorthin. „Ich werde ihn Elros schenken, wenn er fertig ist. Eine Katze hat er ja schon."
Besagte Katze war indes zu den Feanorern gestiefelt und auf Maglors Schoß gesprungen. Dort hatte sie sich zusammengerollt und verlangte schnurrend nach Liebkosungen. „Hunde haben Herren, Katzen Diener", stellte er seufzend fest und begann, das Tier zu kraulen. „Huan war ein außergewöhnlicher Hund. Allein schon seine Treue… So einen wie ihn kann es nie wieder geben."
„Aber schlussendlich hat er Tyelkormo dann doch die Treue aufgekündigt und war mit Beren und Lúthien gegangen", sagte Maedhros, während er den Kopf der Holzfigur ausformte. „Ob es gut war so? Aber immerhin wussten Tyelkormo und Curufinwe, was sie da angerichtet hatten…"
Maglor sah seinem Bruder immer wieder aufs Neue zutiefst erstaunt zu, mit was für einer Beharrlichkeit sich Maedhros durch das Leben kämpfte und jede Hürde zu meistern versuchte. Immerhin hatte er sich damals nach seiner Genesung alles neu beibringen müssen. Und nun beherrschte er vieles mit links wesentlich besser als vormals mit rechts.
„Ich denke, es war gut, dass Huan es tat", sagte er. „Zum einen war die Tat unserer Brüder eine, für die sich die Söhne Feanáros wirklich schämen sollten (und mir schaudert es noch heute bei dem Gedanken daran), und zum anderen hätten Lúthien und Beren ihr Abenteuer vielleicht nie überleben können ohne ihn. Und wir hätten heute nicht zwei kleine Kinder, denen wir beim Spielen zusehen könnten."
Maedhros ballte seine Hand zur Faust, und eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. „Wäre ihren Vorfahren nicht gelungen, was sie getan hatten, so hätten die Zwillinge heute noch ihre Heimat. Ich habe sie ihnen genommen…"
„Nein, das hast du nicht!", hielt Maglor heftig dagegen und wusste nicht, zum wie vielen Male er es tat. „Du hast ihnen vielmehr eine gegeben."
Maedhros seufzte, schwieg und schnitze weiter. Helles Kinderlachen hallte durch den Wald, begleitet von ausgelassenen Planschgeräuschen. Der Wind strich leise raschelnd durch die Baumkronen. Wenige flauschige Wolken zogen träge über den Himmel. Ein paar Vögel zwitscherten, gelegentlich schnaubte das Pferd und die Katze schnurrte.
„Wir sollten ihnen das Schwimmen beibringen", sagte Maedhros unvermittelt.
Maglor, der ein wenig gedöst hatte, schreckte auf. „Hm?"
„Würdest du es auf Dauer amüsierend finden, immerzu nur in hüfttiefem Wasser spielen zu können?", gab Maedhros zu bedenken. Der kleine Hund war mittlerweile fertig. Er legte ihn mit dem Messer zur Seite und betrachtete dann die Kleinen nachdenklich. Plötzlich stahl sich ein spitzbübisches Lächeln auf sein Gesicht. Er erhob sich, legte seine Kleidung ab und stürzte sich dann zu den Kleinen mitten ins Getümmel.
Mit unverhohlenem Erstaunen und noch größere Freude registrierte Maglor diese plötzliche Wende, wie Maedhros auf einmal bald selbst wie ein zu groß geratener Junge mit den Zwillingen im Wasser herumtollte und alberte und dabei sichtlichen Spaß an der Sache fand. Beinahe hätte er es seinem Bruder nicht mehr zugetraut, dass er dazu noch fähig war. In den letzten Jahrhunderten hatte er sich schmerzlich verändert…
Wie ein Echo der Vergangenheit kamen Erinnerungen in ihm hoch aus einer längst vergangenen Zeit im fernen, unerreichbaren Westen. Es war eine Zeit, da er selbst noch ein Kind war – wie lang war dies nun schon her! Auch er hatte damals so ausgelassen mit seinem Bruder spielen können. Und Maedhros war wirklich gut darin gewesen, Unsinn anzustiften! Nicht selten waren sie einfach mal so im Wald verschwunden, ohne ihren Eltern Bescheid zu geben, und waren genau wie die Zwillinge jetzt in einem See spielen gegangen. In seiner Vorstellung bekamen die Zwillinge rote Haare und noch andere Elben waren dabei, all seine Brüder.
Was für Zeiten es doch waren! Die Erinnerungen an die prächtige Elbenstadt Tirion und an die Länder Amans, seiner alten Heimat, waren immer noch so frisch, als sei er eben erst gegangen. Wie herrlich die Stadt im Licht der zwei Bäume geglänzt hatte! All die Gemmen, die die Noldor geschnitten hatten, waren in ihrer vollen Pracht aufgeflammt und hatten den Valar zu ihrer Erhabenheit gereicht.
So in sehnsuchtsvolle Erinnerungen eintauchend, wünschte sich Maglor, es wäre doch alles nur anders gekommen. Doch es war nun einmal, wie es war, und nichts konnte er mehr ändern …
