Kapitel 3: Nacht in Hogwarts
Schaut man mitten in der dunkelsten Nacht von außen auf das Gelände der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei sieht man kaum ein Fenster, hinter dem noch Licht brennt. Vor allem die Schlafsäle sind um diese Zeit stockfinster. Das ändert sich erst gegen frühestens sechs Uhr, wenn in der frühen Herbstluft längst die Sonne aufgegangen ist. In der Nacht von Freitag auf Samstag ist das anders: Wenn man ganz genau hinschaut sieht man, dass um vier Uhr morgens eine schattenhafte Lichtquelle unter einer Bettdecke in einem Mädchenschlafsaal der Ravenclaws flackert. Es ist Cho Chang, die um diese Zeit eine leere Tagebuchseite mit Worten und Leben anreichert. Sie schreibt:
Liebes Tagebuch,
ich weiß gerade nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
Den Abend habe ich allein in einer Ecke nahe dem Kamin verbracht und meine Hausaufgaben gemacht. Marietta redete nur noch mit mir, wenn es sein musste; ich denke, sie ist gekränkt. Und neidisch. Worauf, frage ich mich? Ich verstehe nicht, wie sie als meine Freundin nicht spüren kann, wie es mir geht. Dass in meinem Herzen, so kitschig es klingt, eine Wunde klafft, die sich wieder und wieder entzündet und ihren Eiter in meine Blutbahnen spritzt, so dass ich mich manchmal einfach bloß wie ein nasser Sack fühle: Unförmig und schlaff.
Ich bin früh schlafen gegangen. Zumindest mein Körper war hundemüde und ausgelaugt. Mein Kopf dagegen hat auf Hochtouren gearbeitet. Mein Hirn hat sich selbstständig gemacht und gedacht, gedacht, gedacht. Während ich mich im Spiegel beim Zähneputzen beobachtet habe, schlichen meine Gedanken zu Mr Binns und meinen restlichen Lehren, die mich in letzter Zeit immer öfter sorgenvoll von der Seite mustern. Ich kann förmlich die Fragen auf ihren Gesichtern lesen: Was ist es nur? Was? Wenn es wegen Diggory... aber nein, er ist seit mehr als einem Jahr tot, ihre Leistungen hätten früher sinken müssen, wenn er der Grund... na ja, vielleicht sollten wir Changs Eltern fragen? Mit Miss Chang selbst reden? Meistens halten sie den Mund. Beim Anziehen meines Schlafanzuges sinnierte ich über Michaels und meine Situation nach. Im Bett fielen mir auf einmal Lieder ein und die Tatsache, dass in den nächsten Wochen eigentlich ein Ausflug nach Hogsmeade anstehen müsste.
Ich fühlte mich, als würde irgendjemand hinter meiner Stirn sitzen und eingeben, was mir durch den Kopf schießt.
Irgendwann verdichteten die Gedanken sich, sponnen ein weiches Netz, das mich immer mehr umschloss, bis ich einschlief. Bis dahin war alles in Ordnung. Und dann... Gott, es ist albern, deshalb zu heulen... aber ich hatte Angst. Der letzte Traum war kurz nach Ende der Sommerferien passiert, ist also bereits länger als zwölf Monate her, doch... Ich habe ihn wieder geträumt: Cedric, der auf einem weißen, unschuldigen Laken liegt und langsam und ohne sich zu rühren verblutet. Und das Blut quillt aus ihm hervor wie ein Gift und färbt das Weiß in mohnfarbenes Rot, als hätte jemand ein Tier darauf geschlachtet. Aber dieses Mal habe ich den Traum mehrmals hintereinander gehabt. Wie ein Film, der zurückspult und von vorne beginnt.
Irgendwann wachte ich schweißgebadet auf mit dem Drang, mich auf der Stelle in die Besenkammer zu schleichen, und ich bekam fast einen Herzinfarkt, als sich über mir ein dunkler Schatten bewegte. Ich öffnete den Mund, um zu schreien, doch plötzlich hörte ich seine warme Stimme: „Pst. Still. Ich will nicht erwischt werden." Die Matratze wurde schwer und bog sich durch, als sich jemand neben mich setzte. Zwischen den Vorhängen meines Himmelbettes war es pechschwarz und Michael murmelte „Lumos!". Die Spitze seines Zauberstabs leuchtete genau auf mich.
„Alles in Ordnung?" Er strich mit seinem Zeigefinger über meine Wange. „Du bist klatschnass. Hast du schlecht geträumt?"
Ich fragte nicht, was er wollte. Fragte nicht, wieso er hier war. Als er den Mund aufmachte, um zu sprechen, habe ich den Alkohol in seinem Atem schon gerochen. Seltsamerweise interessierte es mich kaum. Monatelang liege ich ihm in den Ohren und dann kümmert mich nur, dass er überhaupt da ist, neben mir sitzt und mich besorgt anschaut, weil das heißt: Ich bedeute ihm etwas. Aber habe ich tatsächlich etwas anderes geglaubt?
„Ja", hauchte ich.
„Was denn?"
Ich antwortete nicht.
„Cho – es... es tut mir Leid." Er nuschelte nur ein kleines bisschen. „Eigentlich weiß ich, dass du recht hast. Mit dem vielen Butterbier und... Nur.. Ich weiß nich'..."
„Entschuldigung angenommen", sagte ich und anstatt etwas zu entgegnen, ließ er sich leicht nach vorne fallen, um mit seinen Lippen meine zu berühren.
Ich hätte etwas sagen sollen. Wir hätten über die Probleme sprechen sollen. Doch das taten wir nicht und obwohl das nicht gerade ein gutes Zeichen ist, macht es mich irgendwie auf eine hilflose Art und Weise glücklich, wenn er den Zauber, den alle, solange sie kein Lehrer danach fragt, kennen, um in den Schlafsaal des anderen Geschlechts zu kommen, benutzt und wenn er schließlich (schlaf-)trunken und friedlich wie ein Baby in meinen Armen liegt.
Oh, er bewegt sich, ich muss Schluss machen!
Deine Cho.
Inzwischen lugt die Sonne hinter dem Horizont hervor. Cho stopft eilig ihr Tagebuch zurück unter ihr Bett. Es ist kein besonders gutes Versteck, aber die anderen Schüler benützen dasselbe oder sehr ähnliche Verstecke und wissen daher, wo sie lieber nicht nachschauen sollten.
Es ist ungefähr halb Sechs, als Michael Corner sich neben seiner Freundin zu regen beginnt. Seine ersten Worte, nur wenige Minuten später, sind: „Cho, ich habe ein Problem. Und ich werde in Zukunft darauf achten. Dir zuliebe. Und außerdem habe ich diesen Traum gehabt..." Und dann erklärt er Cho, was er in jenem gesehen hat.
Es ist schwer, in das Herz eines Menschen zu schauen, wenn man nur von außen gucken darf, doch Cho sieht glücklich aus an diesem Morgen. Und einmal denkt sie nicht an den schwer wiegenden Tag, der vor ihr liegt oder diese Sache, die sie selbst vor ihrem eigenen Freund verborgen hält. Wie auch immer sie das schafft. Sie wahrt dieses Geheimnis genauso gut wie das Geheimnis, dass sie noch immer fast jeden Tag an Cedric denkt.
Für ein Review wäre ich sehr dankbar! Gefällt es oder eher nicht? Was könnte ich besser machen? etc.
