Kapitel 4: Der Meister der Tränke
Nach dem opulenten Festessen, Dumbledores üblichen Willkommensrede, dem Einsortieren und der Bekanntgabe der personellen Wechsel, gingen Harry und seine Freunde zum Gryffindor-Turm. Sie waren die letzten, denn Ron hatte einfach nicht genug essen können. Er war wieder ein gutes Stück gewachsen, aber sein Appetit hatte eine inflationäre Entwicklung durch gemacht.
Nachdem sie der fetten Dame das Passwort, "Löwenherz", gesagt hatten, kamen sie in den vertrauten Gemeinschaftsraum und nahmen ihre Stammplätze am Kamin ein. Rundum zufrieden und gesättigt, saßen sie einige Zeit zusammen und hörten dem Prasseln des Feuers und dem Geschwätz der anderen Gryffindors zu. Schließlich drängte es Ginny die Stille zu beenden. "Sagt mal, was haltet ihr von Firenze als Tränke-Lehrer?" "Er muss besser sein als Snape", mutmaßte Ron und schnitt eine Grimasse, als er an die Stunden mit Snape dachte. Nein, es gibt keinen Besseren, auch wenn Snape ein Arsch ist. Jedenfalls keinen lebenden.
"Ich weiß nicht. Ein Zentaur? Ich glaube, dass wird ein ziemliches Rätselraten. Wahrscheinlich müssen wir erst die Sterne nach den Zutaten absuchen und da wir ja dumme Menschen sind, brauchen wir leider mehrere Jahre dafür. Das bedeutet, wir werden nicht einen einzigen Trank brauen", merkte Neville halb im Scherz an. Hermine verzog das Gesicht. "Also, ich habe gelesen, dass Zentauren sehr gut darin sind magische Tränke zu brauen. Besonders ihre Heiltränke sind sehr gefragt, doch leider weigern sie sich ihr Wissen mit uns zu teilen." Hermine seufzte enttäuscht.
Ron, vom Thema schon gelangweilt, brachte ein anderes zur Sprache. "Hey, Harry. Was ist mit der DA?", fragte er etwas zu laut. "Psst! Ron, bitte sei etwas leiser", mahnte Harry und sah sich verstohlen um. Niemand schien Ron gehört zu haben. Er beugte sich näher zu den anderen und sie taten es ihm gleich. "Wir werden die DA weiter machen", flüsterte Harry und zuckte zusammen als ein kollektives "Ja!" erscholl. "Psst! Zügelt euch ein wenig. Wenn ihr es schon vergessen haben solltet, dies ist eine geheime Organisation und das soll auch so bleiben." Harry sah in die Runde und seine Freunde nickten zustimmend.
"Wir treffen uns morgen. Habt ihr noch eure Galleonen?" Die restlichen Verschwörer nickten. "Gut. Ihr werdet sehen wann. Und kein Wort zu einem anderen, egal ob Mitglied oder nicht." Etwas konfus ob dieser Äußerung, nickten sie abermals. Danach wurde das Thema fallen gelassen und Ron, Ginny und Harry vertieften sich in eine Diskussion über Quidditch. Es wurde schnell spät und nach und nach begaben sich alle zu Bett.
Nach Mitternacht schlich ein Schatten durch Hogwarts. Niemand sah ihn, niemand hörte ihn und er kam vor dem Eingang zum Ravenclaw-Turm zum stehen. Der Schatten streifte seine Kapuze ab und blickte auf das alte Pergament, das er mit sich führte. Tintenlinien bildeten eine Figur und eine Sprechblase. "Morgan Le Fay", sagte Harry leise und die Tür glitt auf und er verschwand darin.
Obwohl der Gemeinschaftsraum nur vom fahlen Schein des Mondes beleuchtet wurde, sah Harry wie am helllichten Tag. Mühelos fand er den Schlafsaal der Siebtklässlerinnen, die Schutzzauber ignorierend, und nach einem weiteren Hinweis der Karte der Rumtreibers, die Person, die er suchte. Mit einem Zauber stellte er sicher, sein Anliegen ungestört vorbringen zu können, dann schob er die Vorhänge des Bettes beiseite und sagte nicht gerade sanft, "Hey, Chang. Wach auf."
Cho murmelte etwas Unverständliches und kuschelte sich tiefer ins warme Bett. Mit einem Mal schnappten ihre Augen auf und sie starrte ihn an. Bevor sie schreien konnte, hatte Harry ihren Mund mit seiner Hand verschlossen und nur ein dumpfes Murmeln entkam ihrer Kehle. Nicht das sie jemand gehörte hätte, aber es war einfach unangenehm. "Sei leise. Es gibt keinen Grund zu schreien", zischte er sein überrumpeltes Opfer an. Langsam nahm er seine Hand zurück und Cho, die Bettdecke an sich gepresst, richtete sich auf. "Was willst du hier, Potter?", zischte sie verärgert zurück, als sie ihn erkannte. Sie zog die Augenbrauen skeptisch zusammen. "Und wie kommst du hier rein?", wollte sie wissen. Harry überhörte ihre zweite Frage und antwortete, "Du besitzt einen bestimmten Gegenstand, der bei dir in den falschen Händen ist." Er beugte sich näher an sie heran und seine Augen funkelten im Dunkeln. „Gib ihn mir", verlangte er.
"Ich weiß nicht, wovon du redest, Gryffindor!", erwiderte sie trotzig und starrte zurück. Harry beugte sich noch weiter vor, sodass ihre Gesichter sich ganz nah waren. "Gib mir die Galleone – oder soll ich sie erst suchen?" Der drohende Ton in seiner Stimme war nicht zu verkennen. "Das würdest du nicht wagen!", sagte sie leise, bemüht selbstsicher zu klingen. "Fordere mich nicht heraus, Ravenclaw. Ich bin nicht mehr der kleine Junge, an dessen Schultern du dir die Augen ausgeheult hast. Und jetzt gib mir die Münze!", seine Stimme wurde härter. Sie funkelte ihn zornig an, doch konnte seinen Blick nicht mehr länger ertragen.
Geschlagen holte sie die kleine goldene Scheibe aus ihrem Nachttisch hervor. Mit einem letzten Blick darauf, warf sie ihm die Galleone zu. Harry hatte sich wieder aufgerichtet und fing das Kleinod. "Du hast mir noch nicht gesagt, wie es dir möglich ist dieses Zimmer zu betreten, Harry", bemühte sie sich wieder auf eine freundlichere Ebene zu kommen. "Und dabei wird es bleiben, Cho", erwiderte Harry, ebenfalls etwas freundlicher. Er ließ die Galleone verschwinden und machte sich daran die nächsten Vorhänge beiseite zu ziehen. "Hallo, Marietta!" Silencio. Als das Mädchen ihn sah, öffnete sich ihr Mund zu einem Entsetzensschrei, aber kein Ton verließ ihren Mund.
Nachdem Harry sicher war ihre Aufmerksamkeit zu haben, verlangte er nach der Galleone. Sie sah ihn fragend an und Harry spürte, dass ihre Verwunderung echt war. Finite Incatatem. "Warum willst du eine Galleone von mir?", sagte sie eingeschüchtert durch Harrys bloße Präsenz. Ach ja, Kingsley hat ihr Gedächnis manipuliert. Er drang in ihren Geist ein und entfernte den Block den Shacklebolt auf ihre Erinnerung an die DA gelegt hatte. "Oh", entfuhr es ihr und sie wurde rot, "ich erinnere mich wieder." Sie sah ihn schuldvoll an.
Wortlos stand sie auf und durchsuchte ihre Sachen, bis sie fand, was er forderte. Dann kam sie zu Harry zurück und drückte ihm das Geldstück in die Hand. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und barg ihr Gesicht in den Händen. Harry vernahm leises Schlurzen und Cho tauchte neben ihrer Freundin auf und legte die Arme tröstend um sie. Minuten verstrichen bis Marietta ihren Kopf wieder hob und mit den Tränen in den Augen, begann zu reden. "Harry, es tut mir so Leid. Aber meine Mutter…" Harry stoppte sie mit einer Geste. "Schon gut." Seine Stimme war jetzt milder. "Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Ich verstehe deine Handlung sogar. Nichtsdestotrotz bin ich enttäuscht, aber jeder Mensch macht Fehler. Du, ich, Dumbledore und Voldemort."
Beide Mädchen zuckten beim letzten Namen zusammen. Eine Weile schwiegen sie, dann fragte Cho vorsichtig, "Du willst die DA fortführen?" "Ja, dass werde ich", gestand der ungebetene Gast. "Und du willst uns nicht länger dabei haben?", hakte die Sucherin nach. Harry meinte ein wenig Hoffnung in der Stimme zu hören. Er sah sie abschätzend an, prüfte ihren Geist ein wenig. "Der Verrat hat uns mächtig Probleme beschert und in große Gefahr gebracht. Das kann und will ich nicht durchgehen lassen. Doch die Zeit wird zeigen was die Zukunft bringt", orakelte der Anführer der DA. Beide Mädchen sahen zu Boden im Versuch ihre Gesichter vor Harry zu verbergen. Aber Harry musste ihre Gesichter nicht sehen, um zu wissen, was sie dachten. "Ich werde es euch wissen lassen, wenn ihr wieder erwünscht seid. Bis dahin solltet ihr eure Zungen hüten", warnte er eindringlich. Dann warf er sich seine Kapuze über und war verschwunden.
Unbekannter verhindert Massaker unter Schülern
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titelte der Tagesprophet am nächsten Tag. Hermine tauchte sofort ab, um die Zeitung durchzulesen. Währenddessen wandte sich Ron an Harry. "Sag mal, Harry. Warum wolltest du eigentlich diesen Sommer nicht zum Fuchsbau kommen?", fragte Ron während er sich sein Frühstück weiter reinschaufelte. Harry erinnerte sich dunkel daran, dass bei seinen Geburtstagsgeschenken auch eine Einladung der Weasleys gewesen war. Es hatte ihn gereizt ihrer Bitte folge zu leisten, aber er hatte dem Training Vorrang gegeben.
"Weißt du, Ron. Ich wäre gern gekommen, aber, nun ja, ich hatte … dringenderes zu tun." Ron sah ihn zweifelnd an, bohrte jedoch nicht weiter nach. Nachdem Ron seinen nimmervollen Magen besänftigt hatte, gingen sie mit Hermine zu Verwandlungen. Wie gewohnt setzten sie sich nach hinten und warteten bis zum Gong. Pünktlich zum Beginn der Stunde flog die Tür auf und Snape kam hinein gestürmt. Im gehen verwandelte sich Snape in Professor McGonagall.
Nachdem sich die Schüler vom Schock erholt hatten, applaudierten sie höflich. "Danke, Kinder. Wie ihr seht, werden wir uns dieses Jahr überwiegend mit Selbstverwandlung beschäftigen…" Sie wurde von der aufgehenden Tür unterbrochen. Mit einem typischen Malfoy-Grinsen kam Draco in die Klasse stolziert, gefolgt von seinen wandelnden Fleischkloppsen Crabbe und Goyle. "Verzeihung, Professor. Wir wurden aufgehalten", sagte er hochnäsig. "Fünf Punkte von Slytherin, Mr. Malfoy. Setzten sie sich!"
Malfoys Grinsen verschwand. So, So. Wollen Mal, was dich aufgehalten hat. Geschult glitt Harrys Geist in Malfoys. Auf Anhieb fand er das Gesuchte. Malfoy hatte einen Brief von seinem Vater erhalten. Der Gryffindor war in seinem Körper zurück, bevor Crabbe es geschafft hatte seinen Hintern in eine Bank zu zwängen. Jeder, der sich Hoffnungen darauf gemacht hatte, ein entspanntes Schuljahr nach den ZAGs zu vollbringen, wurde von McGonagall eines Besseren belehrt. Sie endete ihre einstündige Predigt mit den Worten, "Alles was wir ab jetzt behandeln ist Prüfungsrelevant und jede Note zählt für eure UTZs."
Die Klasse, mit Ausnahme von Harry und Hermine, stöhnte auf. "Ja, glaubt ihr, ihr seid zum Faulenzen hier? Schlagt eure Bücher auf und lest das erste Kapitel. Bis Freitag will ich drei Fuß über die Gefahren von Selbstverwandlungen." Die Klasse begann sofort eifrig zu arbeiten, nur Harry blieb gelassen und tat so als würde er das Buch lesen. Über die Gefahren von Selbstverwandlungen wusste er aus eigener Erfahrung mehr als genug.
In Wirklichkeit waren seine Gedanken bei der DA. Er wusste nicht, warum er Cho und Marietta Hoffnung gemacht hatte und begann selbst über seine Worte nachzudenken. Was hatte er gemeint, als er gesagt hatte, die Zeit würde die Zukunft zeigen? Er wurde das Gefühl nicht los, bei diesen Worten auf eine Ahnung Bezug genommen zu haben, auf die er jetzt nicht mehr den Finger legen konnte. Immerhin hatten Zeit und Zukunft für ihn nicht dieselbe Bedeutung wie für seine Mitmenschen. Während er so vor sich hingrübelte, fiel ihm eine andere Beobachtung ein, die er zuerst beiseite geschoben hatte.
Beim Begrüßungsessen war ihm aufgefallen, dass seine Stufe wesentlich kleiner war im Vergleich zu den neueren Jahrgängen. Nur die Siebtklässler waren noch weniger als sie. Nicht mal halb so viele wie die Erstklässler, überschlug er. Er konzentrierte sich wieder auf das Buch. Mein Jahrgang ist der letzte Kriegsjahrgang. Anscheinend war danach die Welt wieder sicherer für Kinder geworden. Er schmunzelte bei diesem Gedanken. Mal sehen was passiert wenn Voldemort endgültig weg ist. "Mister Potter, ist ihnen der Text zu anspruchsvoll?", hörte er McGonagalls schneidende Stimme. Anscheinend hatte er zu lange auf einen Punkt gesehen.
"Nein, nein. Ich war nur in Gedanken wegen den irreversiblen Konsequenzen einer inkorrekten Metamorphose von humanoiden Subjekten in spezielle Subgattungen aquaner Wesen", wiegelte Harry mit todernster Miene ab. McGonagall zog eine Augenbraue nach oben und der Rest der Klasse gab ihm einen verblüfften Blick. Harry widmete sich wieder dem Buch, jedenfalls solange bis es alle anderen auch taten. Dann nutzte er seine Legilimens-Talente um die Gedanken seiner Mitschüler zu lesen. Ohne Mühe und ohne die leiseste Spur zu hinterlassen wandelte sein Geist durch die Hirne.
Er fand nichts Interessantes und gab auf als er bei Crabbe und Goyle angelangt war. Er hatte es nicht für möglich gehalten, aber die beiden waren die einzigen, die ihm Probleme bereiteten. Sie mussten die einzigen Menschen auf dem ganzen Erdball sein, die Pausen zwischen den Gedanken einlegten und selbst die Gedanken waren träge. Er schlief fast ein während er in ihren Hemisphären verweilte. Der Gong rüttelte ihn am Ende der Stunde wieder wach. Noch etwas benommen folgte er Ron und Hermine zu Firenzes Klassenraum. Sie waren die letzten, die kamen und es war offensichtlich, dass die Anforderungen des Zentaurs nicht so hoch waren wie die von Snape.
Der Raum, immer noch einem Wald ähnlich, war vergrößert worden und fasste fast die gesamte Stufe. Kaum saßen sie, fing Firenze mit dem Unterricht an. "Guten Morgen, alle zusammen. Da ihr sehr weit fortgeschritten seid für euer Alter werden wir mit einem sehr wirkungsvollen, aber auch sehr schwierigem Elixier beginnen. Wird es richtig gebraut, macht es denn Anwender für eine kurze Zeit immun gegen viele Zauber." Er senkte seine Stimme ein wenig. "Wird etwas falsch gemacht, verursacht der Trank Schmerzen, die dem Cruciatus-Fluch gleichkommen."
Mit dem Wink seiner Hand erschienen die Zutaten und Anweisungen auf der Tafel. Ohne hinzusehen begann Harry die erforderlichen Ingredienzien hervorzuholen und entsprechend vorzubereiten. Er war mit dem Flamel-Trank wohl vertraut und erledigte die erforderlichen Arbeitsschritte schneller als alle anderen. Bald war er an dem Punkt angekommen, der den Trank so schwierig machten. Der Trank musste 20 Minuten umgerührt werden und zwar in exakt bestimmten Abständen, in festgelegten Mustern. Harrys Unterbewusstsein übernahm seinen Arm und Harry hob den Kopf.
Der Rest war gerade dabei, die Zutaten zu schneiden und Firenze tadelte gerade ein paar Slytherins wegen ihrer Unachtsamkeit. Gelangweilt streifte Harry durch die Gehirne, dass von Crabbe und Goyle sorgsam meidend, aber neue Erkenntnisse förderte es nicht zu Tage. "Mister Potter. Ich bin beeindruckt." Harry schreckte hoch. Der Zentaur stand genau vor ihm und sah wohlwollend auf Harry herab. "Der Trank sieht perfekt aus. Wirklich sehr beeindruckend", lobte der Halbmensch. "Danke, Sir. Ich hatte einen guten Lehrer", erwiderte Harry nach kurzem zögern. Hermines Kopf zuckte nach oben und fast vergaß sie das rühren, doch Harry störte sich nicht daran. Nachdem Firenze weiter gegangen war, drifteten Harrys Gedanken in vergangene Zeiten.
Aus einem Wirbel von Farben und Formen landete Harry auf hartgestampften Lehm, der mit Binsen überstreut war. Etwas durcheinander sah er sich um. Die Ausstattung des Raumes konnte noch nicht einmal als dürftig bezeichnet werden. Ein einfach gezimmerter Tisch, ein Stuhl und eine Matte war alles, nur durch zwei schlecht zusammengefügt Bretter, was wohl eine Tür sein sollte, von der Umwelt getrennt. Ungesehen verließ Harry das Zimmer und stand im belebten London. Harry hatte keine Ahnung, woher er wusste, dass es London war, aber er wusste es einfach.
Vor ihm breitete sich ein großer Marktplatz aus und überall wimmelte es von Leuten in altmodischen Kleidern. Zeitgemäßen Kleidern, stellte er fest. Das könnte glatt das 17. Jahrhundert sein. Erschrocken blickte er an sich runter. Definitiv nicht passend. Binnen einer Sekunde war er wieder im Haus und passte seine Kleidung an. Vorsichtshalber ließ er seine Narbe verschwinden und seine Augen wurden Blau. Er hatte keine Lust der Junge-der-vor-seiner-Geburt-lebte zu werden. Mit neuem Aussehen begab er sich erneut in die Menschenmenge.
Er stromerte ein wenig durch die Stadt, auch wenn er denn Geruch abstoßend fand und nur mit Mühe den Brechreiz unterdrücken konnte. Unbewusst hatte er den Weg zum Tropfenden Kessel eingeschlagen. Obwohl einiges anders war, waren die Grundzüge der Stadt doch erhalten geblieben. Mit den Gedanken in der Zukunft ging er um eine Ecke und prallte prompt mit einem Mann zusammen. "Gib doch Acht, Bürchen!", fuhr der Mann ihn an. "Verzeihen sie, Sir. Es tut mir wirklich sehr leid", beeilte sich Harry zu versichern. Er sah dem Mann ins Gesicht und erkannte ihn sofort. "Mister Flamel!", entfuhr es ihm. Überrascht prallte der Mann zurück.
Ohne Vorwarnung packte er Harry am Schlafittchen und zog ihn in eine Seitengasse. Dort drückte er Harry an die Wand. "Sag mir, Jungchen, woher kennst du diesen Namen?", presste der Mann alarmiert hervor. Harry zögerte. Er hatte geplant sein Wissen zurückzuhalten, um mögliche Veränderungen der Vergangenheit zu vermeiden. "Nun ja, … sie sind doch berühmt, oder? Ich mein, sie sind der einzige, der einen Stein der Weisen besitzt", sagte Harry bedrängt. Flamel lockerte seinen Griff etwas. "Du bist also ein Zauberer. So, so." Flamel hielt inne und Harry ergriff die Chance zu fragen, "Welches Jahr haben wir, Sir?" Flamel sah ihm in die Augen. "1767. Wieso?", hakte der Zauberer argwöhnisch nach. "Dann sind sie fast 450 Jahre alt", hauchte Harry und ließ seinen Blick über die beeindruckende Gestalt des berühmten Alchemistens gleiten. "Ja, dass bin ich. Doch warum weißt du mein Alter, aber nicht welches Jahr wir haben?", wunderte sich der Mann und seine Hand glitt in die Rocktasche, wo sich wahrscheinlich sein Zauberstab befand.
Harry blickte unruhig nach rechts und links. "Könnten wir dieses Thema in einer etwas … privateren Umgebung erörtern?", fragte er vorsichtig. Flamel sah ihn abschätzend von oben bis unten an, dann zog er Harry ohne ein weiteres Wort hinter sich her. Da der Alchemist ein kräftiger Mann war, gab Harry es schnell auf sich zu wehren. Aus heiterem Himmel standen sie vor dem Tropfenden Kessel und ohne Zeit zu vergeuden trat Flamel ein, Ging wortlos an allen vorbei, erreichte den Kamin, nahm etwas Flohpuder, warf es in die Flammen, sagte "Oxford Street Nummer drei" und zog Harry mit sich in die grünen Flammen.
Aus dem vertrauten Wirbel, tauchte Harry, Asche spuckend, in einem gemütlichen Wohnzimmer wieder auf. Neben ihm klopfte sich Flamel die Asche vom Umhang und Harry betrachtete seinen Gastgeber erstmals genauer. Der berühmte Mann war ein wenig Größer als er selbst, was etwas hieß, doch er war auch wesentlich breiter als Harry, hatte langes rotes Haar und graue Augen. Insgesamt eine angenehme Erscheinung mit starker Ausstrahlung. Flamel bemerkte Harrys Blick und bedeutete ihm, sich zu setzten.
Nachdem Harry in einem bequemen Sessel Platz genommen hatte und sein Gastgeber den gegenüberliegenden, fragte Flamel, "Nun, was willst du mir sagen?" Harry überlegte eine Weile. Das Problem an Zeitreisen war, dass Zeit und Ort in denen man landete recht wenig beeinflussbar waren. Er hatte sich darauf konzentriert, in einer Zeit zwischen den ersten Zauberern und Voldemort zu landen. Beim ersten Mal war er ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, aber es doch ganz gut angetroffen. Na und jetzt saß er dem größten Alchemisten gegenüber und wurde gefragt was er wollte.
"Ihre Hilfe, Mister. Nur ihre Hilfe", sagte der Junge "Und warum sollte ich dir helfen?" Sein Ton machte deutlich was Flamel von dieser Idee hielt. Harry seufzte. Mit Lügen würde er nicht weiterkommen, also erzählte er dem Alchemisten alles. Vom Tod seiner Eltern, seine Abenteuer in Hogwarts, die Wiederauferstehung Voldemorts, der Tod von Sirius, sein Training im Sommer und in der Vergangenheit. Einfach alles. Flamel hörte zu ohne ein Wort zu sagen oder einen Muskel zu bewegen. Sein Gesicht war eine Maske und Harry konnte nicht erkennen, ob der Mann ihm glaubte oder nicht.
Erst als Harry seine Erzählung mit den Worten schloss, "Aber ich muss wahrscheinlich alles, was ich ihnen gerade gesagt habe, aus ihrem Gedächtnis löschen", kam Bewegung ihn Flamel. "Warum?", fragte er misstrauisch und lehnte sich vorwärts. "Ihr späterer Freund Albus Dumbledore ist ein hervorragender Legilimens und wenn er herausfindet was in der Zukunft geschieht könnte er versuchen sie zu verändern", erklärte Harry eindringlich. "Was wäre so schlimm daran? Das könnte alles verhindern, von dem du mir erzählt hast", meinte der Alchemist. "Eben nicht. Sehen Sie, der Konsens unter den führenden Theoretikern auf diesem Gebiet ist, dass prophezeite Dinge nicht geändert werden können. Wenn Tom getötet wird, tritt ein anderer an seine Stelle. Wenn meine Eltern gerettet werden, nimmt jemand anderes meinen Platz ein. Verstehen Sie?"
Flamel nickte und schien nachzudenken. Lange Zeit blieb es still zwischen den beiden. Schließlich sah Flamel wieder in Harrys Augen. "Also gut, mein Junge. Ich trainiere dich. Zwei Jahre lang. Ich stimme zu, dass du mein Gedächtnis veränderst, aber ich verlange Gegenleistungen. Und zwar will ich, dass du die Veränderung in der Zukunft rückgängig machst und dass du Dumbledore hiervon erzählst." Harry musste nicht lange überlegen. "Einverstanden, Sir."
Die darauf folgenden zwei Jahre waren mit die schönsten die Harry je gehabt hatte. Flamel widmete sich ganz dem Training mit Harry und seine Frau Perenelle war fleißiger als eine Hauselfe, um für alles zu sorgen. Harry hatte mehr gelernt, als er sich hätte erträumen können. Nicolas war nicht nur ein hervorragender Tränke-Brauer, sondern auch ein formidabler Verzauberer und Verwandler. In zwei Jahren vermittelte sein Lehrer sein ganzes Wissen, dass er in über 400 Jahren gesammelt hatte.
"Mister Potter, ich glaube ihr Trank ist fertig", Weckte ihn der tiefe Bariton von Firenze aus seinem Tagtraum. Ja, es war eine herrliche Zeit bei den Flamels. Harry füllte eine Phiole der farblosen Flüssigkeit ab und stellte sie auf das Lehrerpult. Das sah zwar verdächtig nach einem moosbewachsenen Baumstumpf aus, aber nun ja, was wollte man tun?
