Sie gingen gemeinsam die Treppe nach oben und fanden sich vor einer großen Flügeltür wieder, die nicht verschlossen war. Sie gelangten in eine Bibliothek. An den Wänden ringsum standen meterhohe Regale mit Büchern, in der Mitte des Raumes gemütliche Sofas und Sessel. Auf den Tischen lagen dutzende aufgeschlagene Bücher.
„Eine Bibliothek", bemerkte Sherry beinahe ehrfürchtig, als sie sich umsah. „Beeindruckend."
Manche der Bücher waren dicke Folianten, uralt, das Pergamentpapier vergilbt. Wesker schritt an den Regalen entlang und besah sich die Titel. Die meisten Bücher handelten von Philosophie und Geschichte. Wesker erkannte etliche Klassiker. Daneben gab es aber auch eine Abteilung mit Bücher ausschließlich über die Naturwissenschaften. Biologie, Chemie, Physik, Medizin, Virologie. Wesker nahm ein Buch über Viren aus dem Schrank und blätterte es durch.
„Wem auch immer dieses Haus gehört, er interessiert sich für alles mögliche", sagte Sherry.
„Hier scheint es nichts zu geben", meinte Wesker und legte das Buch, das er eben aus dem Regal genommen hatte, auf einen der Tisch. „Suchen wir weiter."
„Warte mal, Wesker, ich glaube ich habe da was", meinte Sherry und zog ein Buch aus einem Fach, das mit Religion überschrieben war. Es passte nicht zu den anderen, weil sein Einband sauber und unbeschädigt war und keine Gebrauchsspuren aufwies. Es sah neu aus und erstrahlte in Blau. Auf dem Umschlag war ein Bild des heiligen Georgs in einer Rüstung und zu Pferd abgebildet, wie er einen Drachen tötete. Das Buch war innen hohl. Als Sherry es öffnete, fand sie einen schweren eisernen Schlüssel, der das Bild eines Drachen trug.
„Ein Drachenschlüssel. Was für ein Tier war auf der Tür unten in der Halle abgebildet?", fragte sie Wesker.
„Eine Chimäre", antwortete Wesker.
„Mist", meinte Sherry enttäuscht.
„Eine Chimäre, ein Drache, das sind mythologische Wesen. Auf dem Gemälde unten neben der großen Tür war der Gott Dionysos abgebildet."
„Das heißt, die Rätsel im Haus haben mit der griechischen Mythologie zu tun?", mutmaßte Sherry.
„Das könnte möglich sein."
„Wesker, weißt du was? Wir müssen uns erst mal alle Bereiche, zu denen wir Zugang haben, anschauen, damit wir wissen, wo wir welche Schlüssel brauchen. Das Haus ist riesig. Und wir müssen das Ding für die Haustür finden, sonst kommen wir hier nicht raus."
Auch Wesker hielt das für den besten Vorschlag. Von er Bibliothek aus gesehen, gingen sie zuerst nach links. Hinter einem runden Durchgang lag ein U-förmiger Flur, in dem es insgesamt vier Zimmertüren gab. Eine davon hatte kein Schloss, sondern drei kleine Einbuchtungen, in die man etwas hineinsetzen musste. An der Wand daneben hing eine Tafel mit drei Sprüchen, von denen sie jedoch nur einen entziffern konnten.
„In vino veritas", sagte Sherry.
„Im Wein liegt die Wahrheit", sagte Wesker, der das lateinische Sprichwort ebenfalls erkannt hatte.
„Was sind das für Alphabete?", fragte Sherry und deutete auf die anderen beiden kurzen Texte. „Das kommt mir irgendwie bekannt vor, aber …"
Wesker besah sich die Symbole. „Das eine dürfte Altgriechisch sein", vermutete er. „Bei dem anderen bin ich mir nicht ganz sicher. Ich vermute Hebräisch."
„Die Sätze haben mit Sicherheit etwas mit dem Türrätsel zu tun", meinte Sherry. „Dann müssen wir noch mehr Gegenstände suchen. Ob wir sie einfach aufbrechen können?"
Daran hatte Wesker spontan auch gedacht, doch er wusste, dass das keine gute Idee war. „Was auch immer so gut geschützt ist, muss sehr wertvoll sein. Wenn man die Tür aufbricht, wird vielleicht ein Mechanismus aktiviert, der das kostbare Gut im Inneren zerstört. Und wir können nicht wissen, ob es nicht dieses Wappen oder Emblem für die Haustür ist."
„Stimmt."
„Suchen wir weiter. Wir wollten uns erst alles anschauen."
Zwei weitere Türen ließen sich ohne Probleme öffnen, bei der vierten und letzten Tür verweigerte ihnen das Schloss mit einem Basilisken den Zutritt.
„Ein Drachenschlüssel, ein Chimärenschlüssel und jetzt ein Basiliskenschlüssel. Einen haben wir schon."
„Durchsuchen wir mal die zwei Schlafzimmer, Sherry."
Das eine Schlafzimmer war klein und spärlich eingerichtet. Ein Bett stand in der Ecke, daneben ein Nachtkästchen mit einer kleinen Lampe. In einem Kleiderschrank hingen saubere Anzüge und Laborkittel. Gegenüber vom Bett stand ein Schreibtisch, der mit Büchern und handschriftlichen Aufzeichnungen übersät war. Über eine Tür gelangte man in ein angrenzendes Badezimmer. Auf dem Parkettboden lag ein roter Teppich. Die Tapete war grau und schwarz gemustert.
Sherry durchsuchte den Schrank und alle Schubladen und sah unters Bett. Wesker jedoch wurde von den Notizen, die auf dem Schreibtisch lagen, angezogen.
„25. Mai 2011. Das C-Virus ist fertig und voll ausgereift. Wir können bald in die nächste Testphase gehen. Amandas Zustand ist durch die Medikamente stabil, aber wir müssen ihre Dosis ein weiteres Mal erhöhen, weil sich ihr Körper zu schnell daran gewöhnt. Ich habe Angst, dass sie nicht mehr so lange durchhält, bis wir mit der Behandlung mit dem C-Virus beginnen können."
Neben dieser kurzen, handschriftlichen Notiz fand Wesker noch detaillierte Aufzeichnungen über ein Forschungsprojekt mit einem Virus, das C-Virus genannt wurde. Als er sich etwas näher einlesen wollte, stellte er fest, dass viele Unterlagen fehlten. Die Seiten waren nummeriert, sodass er sofort sah, dass die meisten nicht da waren. Jemand musste sie, teils in Eile, mitgenommen haben. Aus den Notizbüchern hatte jemand grob Seiten herausgerissen. Er hätte sich nur zu gern in das Projekt eingelesen.
„Sherry, weißt du irgendetwas über ein C-Virus?", fragte Wesker. Die Geräusche hinter ihm verstummten.
„Ähm, was?", fragte Sherry unschuldig. Er wusste sofort, dass sie etwas wusste.
„Was ist das C-Virus, Sherry?"
„Lange Geschichte, Wesker."
„Ich würde sie gerne hören", sagte er und packte Sherry am Arm, sodass sie nicht weglaufen konnte und gezwungen war, ihn anzusehen.
Sherry sah ihn zuerst verschreckt an, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass er sie festhalten würde. Doch nachdem sie ihn ein paar Augenblicke gemustert hatte, verwandelte sich ihr Gesichtsausdruck von Schreck in Verwunderung. „Wesker, deine Augen. Sie sind normal."
Er verstand nicht, was sie meinte. „Geh ins Badezimmer und schau in den Spiegel."
Wesker ließ Sherrys Arm los, schritt ins angrenzende Badezimmer und sah in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Er erkannte sich kaum selbst wieder. Sein eigenes Gesicht war ihm fremd, wahrscheinlich weil er seit einer Ewigkeit sein Spiegelbild nicht gesehen hatte. Seine Haut war seltsam fleckig und immer noch stellenweise graustichig. Seine Haare waren nicht mehr blond, sondern fast weiß. Allerdings nicht, weil er gealtert war. Sein Gesicht war immer noch jugendlich, fast ohne Falten. Seine Haare hatten sich verfärbt, weil er sehr lange in Kryostase geschlafen hatte. Seine Augen waren blau und seine Pupillen waren rund, genau wie bei einem normalen Menschen. Er betrachtete sich bestimmt fünf Minuten lang intensiv, dann kam langsam die Erinnerung zurück und er verstand, wovon Sherry gesprochen hatte.
Er erinnerte sich, dass er sich 1998 den Prototyp-Virus injiziert hatte, den William Birkin für ihn kreiert hatte. Der Virus hatte ihm übermenschliche Kräfte verlieren und seine Augen verändert. Seine Augen waren normalerweise orange-rot, seine Pupillen schlitzförmig wie die einer Katze. Doch im Spiegel sah er nur gewöhnliche, menschliche Augen. Was hatte das zu bedeuten?
„Nein", murmelte Wesker. Ein schrecklicher Verdacht traf ihn wie ein harter Schlag in den Magen. Sein Herzschlag beschleunigte sich und er atmete schwer. „Nein …"
Plötzlich durchschnitt lautes Klirren das Badezimmer. Wesker hatte mit der bloßen Faust in den Spiegel geschlagen. Augenblicklich schoss der Schmerz durch seine Hand und Blut tropfte ins Waschbecken. Sherry erschien hinter ihm.
„Was hast du gemacht?!", fragte sie entsetzt.
Wesker nahm sie kaum wahr. Er starrte auf seine Hand und wartete. Er wartete ein paar quälende Minuten. Nichts passierte. Die Wunde verschloss sich nicht von selbst.
„Nein …" Er hatte seine Heilkräfte verloren.
Taubheit ergriff ihn. Sherry bugsierte ihn zum Rand der Badewanne, wo er sich setzen sollte und wickelte ein weißes Handtuch um seine Verletzung.
„Was machst du denn?", fragte sie voller Unverständnis, dann durchsuchte sie den Spiegelschrank über dem Waschbecken nach Desinfektionsmittel und einem Verband.
Wesker ließ sie gewähren. Die ganze Zeit, während sie seine Wunde säuberte, die Glassplitter vorsichtig herauszog, das Blut abtupfte und schließlich einen Verband um seine Hand wickelte, starrte Wesker auf die Verletzung, immer in der Hoffnung, sein Körper würde endlich anfangen, richtig zu arbeiten. Er konnte nicht glauben, was mit ihm passierte. Warum konnte er sich nicht mehr heilen? Warum konnte Sherry sich heilen und nicht er?
„Wesker?" Sherrys Stimme war sanft. „Alles in Ordnung?"
„Ich verstehe das nicht", sagte Wesker. „Was ist mit meinen Kräften passiert? Warum kann ich mich nicht heilen? Und warum kannst du …"
„OK, also gut", meinte Sherry. „Wir sehen uns noch das andere Schlafzimmer an und dann reden wir. Dann setzen wir uns in die Bibliothek und ich erzähle dir alles, was ich weiß."
Wesker war plötzlich unfähig etwas zu tun, sodass hauptsächlich Sherry das anliegende Schlafzimmer durchsuchte. Sie fanden weitere Aufzeichnungen über ein Projekt mit dem C-Virus. Die Frau, die das Zimmer bewohnt hatte, sie hatten aus der Kleidung im Schrank und dem Make-up im Bad auf eine weibliche Forscherin geschlossen, hatte von einer Person namens Amanda geschrieben. Doch schlau wurden sie nicht aus ihrem Fund, denn auch hier hatte jemand die meisten Unterlagen mitgenommen, sodass sie nur zusammenhanglose Informationen erhielten. In einer verschlossenen Schreibtischschublade, die sich jedoch leicht aufbrechen ließ, entdecken sie insgesamt fünf dicke Notizbücher. Wesker hätte ihnen kaum Beachtung geschenkt, wenn nicht Sherry überfordert aufgestöhnt hätte.
„Wesker, schau dir das mal an", sagte sie und reichte ihm eines der Bücher.
Die Bücher waren mit handschriftlichen Notizen vollgeschrieben, die Wesker jedoch nicht entziffern konnte. „Du lieber Himmel …", meinte er nur. Er hatte noch nie solche Aufzeichnungen gesehen. Sie waren allesamt in Latein, Altgriechisch und Hebräisch abgefasst. Zumindest aus dem Lateinischen konnte er noch ein paar Stichworte herauslesen, doch die Bedeutung der anderen Texte erschloss sich ihm nicht.
„Verstehst du da irgendwas?", fragte Sherry.
„Nur bei dem Lateinischen und auch nichts Konkretes", sagte Wesker, während er die Seiten überflog. „Das hat ein Forscher geschrieben, der an einem Heilmittel für eine Krankheit gesucht hat."
„Was für eine Krankheit und für wen?"
„Muskelschwund", erklärte Wesker. „Offenbar für eine Person namens Amanda."
„Das hat was mit einem Experiment mit dem C-Virus zu tun", sagte Sherry. „Das stand in den Aufzeichnungen im anderen Zimmer."
Wesker nickte. „Muskelschwund ist eine genetisch bedingte Erkrankung, die zum Tod führt. Wahrscheinlich hat jemand versucht, mit diesem ominösen C-Virus eine Gentherapie durchzuführen, um die Krankheit zu heilen. Damit ich das aber mit Sicherheit sagen kann, brauche ich eine Übersetzung davon."
Sherry überlegte kurz, dann öffnete sie den Schrank. „Wusste ich doch, dass ich da was gesehen habe …" Sie packte alle Aufzeichnungen, die sie gefunden hatten, in einen Rucksack. „Gehen wir in die Bibliothek."
Wesker hatte sich aus einem der Schlafzimmer ein Glas mitgenommen, damit er etwas Leitungswasser trinken konnte. Er fühlte sich wie ausgetrocknet und musste sich dringend etwas Flüssigkeit zufuhren. Auch Hunger plagte ihn mittlerweile. Wenn sie es in die Küche schafften, dann musste er nach etwas Essbarem suchen.
Er und Sherry gingen in die Bibliothek zurück und suchten sich einen Platz an den Tischen. Wesker war ziemlich gespannt, welche Erklärungen ihm Sherry präsentieren würde, und zugegeben war er auch neugierig geworden. Es gab so viel, dass er im Moment nicht verstand und er brauchte Informationen, damit er die Lage besser einschätzen konnte.
„Ich höre", sagte er streng, als spreche er zu einem kleinen Kind, das etwas angestellt hatte und beichten musste. Er musste sich immer wieder daran erinnern, dass Sherry nicht mehr klein, sondern eine erwachsene Frau war. Sie lächelte. Wahrscheinlich hatte sie dasselbe gedacht.
„Vor ungefähr zehn Jahren wurde der C-Virus in Osteuropa und China und in einer amerikanischen Stadt namens Tall Oaks losgelassen. Die Virusausbrüche kosteten weit über 100.000 Menschen das Leben. Auch der damalige Präsident der Vereinigten Staaten wurde getötet", begann Sherry. „Eine Organisation namens Neo-Umbrella bekannte sich zu den Angriffen."
„Neo-Umbrella?", fragte Wesker sofort.
Sherry nickte. „Ach, ich habe eigentlich an der falschen Stelle angefangen. Du weißt ja so vieles nicht. Ich bin Agentin für die amerikanische Regierung, schon seit sehr vielen Jahren."
Er hatte schon etwas Ähnliches vermutet.
„Ich war damals in Osteuropa auf einer Mission. Ich wurde gefangengenommen und nach China verschleppt, wo ich 6 Monate festgehalten wurde. Diese Organisation hat Experimente mit mir durchgeführt. Nicht, dass das was Neues für mich war", meinte sie sarkastisch.
„Inwiefern?", fragte Wesker, der hoffte, dass sie langsam mit Erklärungen über ihre Heilkräfte herausrückte.
„Erinnerst du dich an Raccoon City?", frage sie ihn.
„Raccoon City …" Wesker dachte nach. Der Name der Stadt berührte etwas in ihm. Bilder blitzten schnell hintereinander vor seinem inneren Auge auf. Ein Labor, ein Polizeirevier, ein altes Anwesen im Wald.
„Wir haben dort alle gelebt. Ich, meine Eltern und du auch. Du und mein Dad, ihr habt zusammengearbeitet. William Birkin."
Wesker nickte. „Ich erinnere mich an William."
„Umbrella auch?"
Ein Film aus einzelnen Bildern wurde in Weskers Kopf abgespielt, doch er konnte die verschiedenen Ereignisse noch nicht zeitlich einordnen. „Ich habe für Umbrella gearbeitet", sagte er. Zumindest dessen war er sich sicher.
„Ja. Mit meinem Dad. Mein Dad hat mal einen Virus für dich gemacht. Der hat dir besondere Kräfte verlieren. Warum du die allerdings verloren hast, kann ich dir nicht sagen."
„Darum muss ich mich später kümmern", sagte Wesker. „Weiter mit der Geschichte."
„Mein Dad hat den G-Virus entwickelt. Er und Mum haben in einem unterirdischen Labor unter Raccoon City daran gearbeitet. Umbrella wollte ihm seine Erfindung wegnehmen, also hat Dad gedroht, den G-Virus an das US-Militär zu verkaufen. Umbrella hat eine Spezialeinheit in die Stadt geschickt, um den Virus zu holen. Sie haben Dad getötet."
Ein Zusammenhang hatte sich Wesker bereits erschlossen. Er hatte den G-Virus damals auch haben wollen.
„William ist tot?"
„Ihn hat etwas Schlimmeres ereilt als der Tod. Er infizierte sich selbst mit dem G-Virus und mutierte in ein Monster. Der T-Virus, der Virus, an dem ihr davor gearbeitet hattet, breitete sich in der ganzen Stadt aus. Es war eine Katastrophe."
„Die Stadt wurde zerstört", sagte Wesker.
„Ja. Die Regierung ordnete die komplette Sterilisierung der gesamten Umgebung an. Es war eine Rakete. Es ist nichts übrig geblieben." Sie wartete einen Moment, bis sie weitersprach. Sie war tief in Gedanken versunken und Wesker sah an ihrem Gesicht, dass die Erinnerung schmerzhaft war.
„Dad hat mich mit dem G-Virus infiziert", sagte sie. „Aber ich bekam ein Gegenmittel, bevor ich ebenfalls mutieren konnte. Der Virus ist seitdem in meinem Körper. Er hat sich im Laufe der Zeit verändert, hat sich an mich angepasst und irgendwann merkte ich, dass ich diese Heilkräfte hatte. Er lässt mich auch viel langsamer altern als einen normalen Menschen. Auf dem Papier bin ich 36, Wesker. Aber mein biologisches Alter ist ungefähr 26."
„Wie hast du es geschafft, aus der Stadt zu entkommen?", wollte Wesker wissen.
„Zwei Menschen, die ich damals kennengelernt habe, haben mir geholfen. Leon und Claire. Sie sind meine besten Freunde, bis heute. Ich verdanke ihnen verdammt viel. Ohne die beiden wäre ich heute tot."
Leon und Claire … Die Namen kamen Weskers seltsam bekannt vor.
„Was ist danach passiert?"
„Da ich meine Eltern verloren hatte, kam ich in die Obhut der Regierung. Ein Mann namens Derek C. Simmons übernahm die Vormundschaft über mich. Ich verbrachte gut sechs Jahre …" Sie brach ab.
„Was?"
„Ich war praktisch eine Gefangene", sagte sie. Sie druckste herum. „Deinetwegen. Du warst hinter mir her, weil du eine Blutprobe von mir wolltest. Der G-Virus."
„Ich erinnere mich", sagte Wesker langsam.
„Als ich 18 wurde, zwang mich Simmons dazu, eine Agentin für die Regierung zu werden."
„Warum?"
„Sonst hätte ich niemals in Freiheit leben dürfen. Ich hätte den Rest meines Lebens in Gefangenschaft verbracht. Ich ließ mich darauf ein und seitdem arbeite ich für den DSO. Leon ist auch Regierungsagent. Wir haben uns 2013 in China wiedergetroffen, wo wir herausfanden, dass Simmons hinter der Entwicklung des C-Virus steckte. Er benutzte dafür unter anderem den G-Virus aus meinem Blut. Hast du jemals etwas von einer Organisation namens „Die Familie" gehört?"
Wesker überlegte. „Ich kann es nicht sagen. Vielleicht, aber ich kann mich nicht erinnern."
„Das ist eine Geheimorganisation, die seit Jahrhunderten die Geschicke der westlichen Welt im Hintergrund steuert. Simmons war der Anführer der Familie. Er steckte hinter der Zerstörung von Raccoon City und hinter der Ermordung des Präsidenten. Leon und seine Partnerin haben es zum Glück in Lanshiang geschafft, ihn vernichten. Er war am Schluss auch nur noch ein Monster. Der C-Virus-Ausbruch konnte zum Glück eingedämmt werden. Es konnte noch rechtzeitig ein Impfstoff dagegen entwickelt werden."
Sie seufzte und musterte ihn auf eine seltsame Art und Weise, die Wesker nicht richtig deuten konnte. Wusste sie noch mehr? Sie wirkte fast verzweifelt, so als ob sie ihm etwas erzählen wollte, aber nicht wusste, wie und ob sie es durfte.
„Ich fasse zusammen: Der C-Virus ist eine biologische Waffe", sagte Wesker.
„Ja. Mir ist kein anderer Zweck bekannt", fügte Sherry hinzu. „Der C-Virus schafft abscheuliche Monster. Die, die wir unten im Labor gesehen haben, waren noch die harmlosen."
„Dann sollten wir in Erfahrung bringen, was hier vor sich geht", meinte Wesker und deutete auf den Rucksack, in dem sich die Tagebücher befanden.
„Ja."
„Gibt es noch etwas, was ich wissen muss?", fragte Wesker bewusst und beobachtete Sherrys Reaktion genau.
Sie druckste etwas herum. „Wesker, es gibt da eine Menge Dinge, die du wissen musst, jetzt da du …"
„Jetzt, da ich was?", hakte er nach.
„Nichts. Bitte habe noch etwas Geduld. Wenn wir hier raus sind, dann vieles klarer werden."
Mit dieser Antwort gab sich Wesker nicht zufrieden, doch er hatte wohl keine andere Wahl, als zu akzeptieren, dass er warten musste. Er hasste es, nicht im Besitz aller relevanten Informationen zu sein. Er hasste es, keine Kontrolle zu haben.
„Tut mir leid, ich würde dir so gerne so viel sagen, aber … Ich kann das nicht alleine entscheiden. Komm, gehen wir. Ich habe eine Treppe gesehen. Sehen wir mal, wo die hinführt", sagte Sherry und überspielte ihr Unwohlsein mit einem Lächeln. Wesker nickte und folgte ihr.
Die schmale Treppe führte sie in einen gemütlichen Salon. Die Tür, die in den angrenzenden Raum führte, konnte nur mit dem Chimärenschlüssel geöffnet werden.
„Da sind wahrscheinlich die Küche und der Speisesaal", mutmaßte Sherry. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich über was zu essen freuen würde. Ich fühle mich, als hätte ich ein schwarzes Loch im Bauch."
Wesker schmunzelte. Er hatte selbst großen Hunger und fühlte sich, als hätte er vergessen, was Essen ist. Ihm kam ein Gedanke. „Sherry, ist dir etwas an diesem Haus aufgefallen?"
„Abgesehen von der Tatsache, dass es ein seltsames Haus ist? Nein."
„Das Haus ist nicht verlassen. Es ist in gutem Zustand, was bedeutet, dass hier regelmäßig jemand wohnt. Mit Sicherheit die Forscher, die unten im Labor arbeiten", sagte Wesker. „Nur die beiden Schlafzimmer oben sahen verlassen aus."
„Du hast Recht", meinte Sherry. „Die beiden Zimmer oben waren schmutzig, als hätte lange niemand geputzt. Die Forscher, die dort gewohnt haben, arbeiten vielleicht nicht mehr hier."
„Das sollten wir uns merken", meinte Wesker und sah sich im Salon um. „Die werden wir mitnehmen", sagte er und deutete auf eine Schrotflinte, die an der Wand hing. Die unzähligen Geweihe, die daneben hingen, verrieten, dass der Herr des Hauses ein passionierter Jäger war.
„Lass mich das nehmen!", sagte Sherry sofort und kam ihm zuvor. Sie nahm das Gewehr an sich.
„Sherry", mahnte Wesker.
„Du bist noch zu geschwächt. Ich trage die Waffen. Wir …"
Sie konnte nicht zu Ende sprechen, da Wesker bereits an ihrer Seite war und sie geschickt entwaffnete. Sherry rechnete damit, dass er ihr das Gewehr abnehmen wollte. Sie drückte die Schrotflinte an sich, doch Wesker hatte anderes im Sinn. Er nahm die Pistole an sich.
„Hey!", protestierte Sherry.
Wesker fühlte sich mit der Waffe in der Hand deutlich wohler. Als er die Pistole berührte, tauchten erneut Bilder vor seinem geistigen Auge auf: Er machte Schießübungen im Raccoon City Police Department. Er schoss auf einen Mann und eine Frau, die ihn angriffen. Er stieß seine Hand durch die Brust eines alten Mannes.
„Wesker?! Alles OK?", fragte Sherry besorgt, weil er einen Moment ins Wanken geraten war und auf einem der Sofas niedersank.
„Ja." Sein Kopf dröhnte plötzlich und er fühlte ein Hämmern gegen seine Schläfen. Reflexartig griff er sich mit beiden Händen an den Kopf. Seine Finger krallten in seine Haare. Eine Flut weiterer Bilder ergoss sich wie ein Wasserfall in seinen Kopf. Afrika, Umbrella, Tricell, Spencer, S.T.A.R.S., ein Vulkan, zwei Raketenwerfer, die auf ihn zurasten, ein Hubschrauber über ihm. Wesker riss die Augen auf.
„Wesker?!"
Wesker wurde schlecht. Sein Mund war auf einmal wie ausgetrocknet. Er brauchte dringend Wasser.
„Was ist passiert?"
Er hatte sich gerade an etwas erinnert. Er hatte gerade ein paar Zusammenhänge begriffen. Da war dieser Mann. Sein Bild hatte sich regelrecht in sein geistiges Auge eingebrannt. Er konnte sich nicht an seinen Namen erinnern, doch er war sich sicher, dass er es gewesen war, der den Raketenwerfer auf ihn abgefeuert hatte.
„Alles gut", sagte Wesker sofort und erhob sich. Er war zu schnell aufgestanden, weshalb sich der Salon vor seinen Augen drehte. „Ich brauche ein Glas Wasser."
„Wir holen uns gleich oben etwas Wasser. Durchsuchen wir aber zuerst den Salon", sagte Sherry und sie machten sich gemeinsam auf die Suche nach etwas Nützlichem.
Es gab einen Kamin, in dem erst kürzlich ein Feuer gebrannt hatte. Reste vom geschwärztem Holz und frische Asche lagen in der Feuerstelle. Neben dem Kamin waren Holzscheite gestapelt. Auf dem Kaminsims standen eine Reihe von Fotos. Sherry sah sich die Bilder genau an.
Wesker ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. An den Wänden hingen unzählige teure und berühmte Gemälde aus der Geschichte der Kunst. Wesker wusste zu wenig über Kunst, um einschätzen zu können, ob es Originalbilder waren, doch es hätte ihn nicht gewundert, wenn es so gewesen wäre. Die Besitzer des Anwesens hatten einen sehr exquisiten, doch sehr traditionellen und konservativen Geschmack, was Kunst anbelangte. Die Motive waren durchgängig aus der Mythologie oder der christlich-jüdischen Religion. Beim Anblick der Bilder fiel ihm plötzlich ein, dass Ozwell E. Spencer ein Anwesen in den Arklay Mountains besessen hatte und Wesker oft dort gewesen war. Auch Spencer hatte Kunst sehr geschätzt. Er erinnerte sich an die Nachbildung von Caravaggios Opferung des Isaaks, die im ersten Stock im Raum mit den beweglichen Mauern gehangen hatte. Warum er sich jetzt ausgerechnet daran erinnerte, wusste er nicht, aber er war um jede Erinnerung froh, die zurückkam und die er in einen größeren Zusammenhang einordnen konnte.
In der Mitte des Raumes standen ein niedriger Tisch und mehrere Sofas und Sessel. Auf dem Tisch lagen Bücher und Zeitschriften, die alle von Philosophie und den Naturwissenschaften handelten. Weiße Lilien, frisch, so als wären sie erst vor Kurzem gekauft worden, standen in einer Vase. Vorhänge und Teppiche waren aus den edelsten Materialien. Auf einem Schrank, in dem sich Whiskey- und Cognacflaschen und Gläser befanden, standen antike Vasen und Teller zur Dekoration. Wesker wurde stutzig. Auf einer der Vasen war ein Mischwesen aus Hahn und Schlange abgebildet.
„Das darf nicht wahr sein", murmelte Sherry und starrte entsetzt auf die Fotos.
„Was ist?", fragte Wesker und nahm die Vase mit dem Basilisken von der Ablage.
„Du erinnerst dich doch an Simmons, von dem ich dir vorhin erzählt habe, oder?"
„Ja."
„Da ist er."
Mit der Vase in der Hand trat Wesker neben Sherry und musterte das Foto, auf das sie mit dem Finger zeigte. Darauf waren neben einem Mann noch eine Frau und ein kleiner Junge abgebildet.
„Ich wusste nicht, dass Simmons eine Familie hatte", sagte Sherry. Sie klang besorgt. „Er hat nie erzählt, dass er eine Frau und einen Sohn hatte."
„Dann gehört dieses Haus wohl dieser Organisation, der Familie", meinte Wesker.
„Ja, es scheint so. Wir müssen unbedingt herausfinden, was hier vorgeht, und dann von hier verschwinden." Sherry steckte die Fotos in ihren Rucksack. „Ich hoffe, Ada kann Piers und Helena helfen. Hast du was gefunden?"
„Vielleicht", meinte Wesker, drehte die Vase in seiner Hand um und schüttelte ihren Inhalt auf den Tisch. Neben Staub fiel ein bronzener Schlüssel heraus.
„Der Basiliskenschlüssel!"
Der Raum im ersten Stock ließ sich problemlos mit dem Basiliskenschlüssel öffnen. Als die Tür aufschwang, gab sie den Blick auf ein gemütliches Schlafzimmer frei. Es sah nicht viel anders aus als die anderen, die sie schon durchsucht hatten. Der einzige Unterschied war, dass ein großes, quadratisches Gemälde an der Wand hing und hier ein Klavier stand.
Sherry trat ans Klavier und tippte auf ein paar Tasten. „Ich kann leider nicht spielen", sagte sie etwas wehmütig. „Musik war tatsächlich nie mein Ding. Kannst du spielen, Wesker?"
Wesker nickte. Er hatte in seiner Kindheit Klavierspielen gelernt. „Dieses Haus hat etwas mit diesem Simmons zu tun. Hatte er ein Lieblingsstück?", fragte Wesker.
„Ich glaube schon", meinte Sherry nachdenklich. „Beethovens Für Elise."
Wesker nickte und trat ans Klavier. „Dann versuchen wir es doch einfach mal."
„Kannst du das auswendig spielen? Es sind keine Noten da", sagte Sherry und wies auf den leeren Notenständer.
„Ich kann es auswendig", sagte Wesker und legte die Finger auf die Tasten. Er hatte seit sehr langer Zeit nicht gespielt und musste erst ein paar Übungen machen, um seine Finger zu lockern. Dann spielte er locker und flüssig Für Elise. Sherry warf ihm ehrfürchtige Blicke zu.
„Wunderschön", sagte sie. „Du spielst wirklich ausgezeichnet."
Wesker spielte den letzten Takt und beendete das Stück. Als er geendet hatte, ertönte plötzlich ein Rumoren aus der Wand. Das Gemälde schob sich langsam nach oben und gab einen geheimen Hohlraum dahinter frei. Sherry nahm etwas heraus.
„Sieh mal, was ist das?"
Es war eine Art Metallwappen, auf dem eine mathematische Funktion abgebildet war. „Das ist das seltsamste Wappen, das ich je gesehen habe", meinte Sherry kopfschüttelnd. „Soll das eine Funktion sein?"
Wesker grinste. Er erkannte die Funktion sofort. „Die Pareto-Verteilung."
„Was ist das?", fragte Sherry verwirrt.
Wesker ging plötzlich ein Licht auf. „Sherry, gehen wir mal zu diesem anderen Zimmer mit den Sprüchen in den anderen Sprachen zurück. Ich denke, dass wir da jetzt weiterkommen."
„Setz das Wappen in die Einbuchtung", wies Wesker Sherry an und deutete auf die mittlere Einkerbung.
Sherry tat wie geheißen. „Was …?"
„Warte kurz."
Nachdem Sherry das Wappen eingesetzt hatte, ertönte ein Klicken aus dem Inneren der Tür. Ein Schloss wurde entriegelt.
„Woher wusstest du das?", fragte Sherry.
„Ich hatte da so eine Vermutung", erklärte Wesker. „Die Sprüche sind in den drei Sprachen der Bibel abgefasst. Als ich die Abbildung der Pareto-Funktion gesehen habe, ist mir etwas eingefallen."
„Und was?"
„Das Pareto-Prinzip wird im Matthäus-Evangelium im Neuen Testament erwähnt. 'Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.' Pareto."
„Du bist echt der Wahnsinn. Darauf wäre ich nie gekommen. Dann ist der hebräische Text bestimmt aus dem Alten Testament", sagte Sherry. „Das schränkt die Möglichkeiten ganz schön ein."
„Aber das Alte Testament ist dick, Sherry. Ohne Übersetzung sehe ich da wenig Hoffnung", sagte Wesker.
„Vielleicht gibt es in der Bibliothek eine Bibel, dann können wir die Texte vergleichen."
„Das dauert zu lange, Sherry. Durchsuchen wir lieber das Haus weiter nach Spuren."
„Wenn im Wein die Wahrheit liegen soll, dann gibt es hier vielleicht einen Weinkeller", meinte Sherry.
„Aber ohne den Chimärenschlüssel kommen wir da nicht rein. Wo ist der verdammte Chimärenschlüssel?"
Ada Wong erledigte den letzten J'avo von hinten mit einem Kopfschuss und nahm seine Waffe an sich. Sie hatte die meisten Labore durchsucht, aber bislang weder Helena Harper noch Piers Nivans gefunden. Die Zeit lief ihr davon, aber zumindest waren die verbliebenen Möglichkeiten mittlerweile begrenzt.
Sie bog gerade um die nächste Ecke, um sich das nächste Labor vorzunehmen, als sie von weitem Stimmen hörte. Eine Frau sprach.
„Halten Sie durch, Mr. Nivans. Wir kommen hier raus."
„Agent Harper?"
„Ada Wong! Was machen Sie hier?!" Helena Harper sah mitgenommen aus. An ihrem Oberarm klaffte eine Wunde, die notdürftig mit einem Tuch verbunden war. Sie stützte den geschwächten Piers Nivans, der durch Mutationen völlig entstellt war und sich kaum aufrecht halten konnte.
„Sie retten. Leon schickt mich."
„Gott sei Dank! Ist Verstärkung auf dem Weg?"
„Ja. Leon und ein Team und die B.S.A.A. sind auf dem Weg hierher", erklärte Ada sachlich.
„Ich muss mit Chris sprechen", presste Piers Nivans mühsam mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Ada, die B.S.A.A. muss erfahren, dass Albert Wesker am Leben ist."
„Ich weiß es schon", sagte Ada. „Ich habe ihn und Sherry Birkin gesehen."
„Sherry ist wohlauf?"
„Ja. Die beiden nehmen den Weg oben durchs Haus."
„Wie sind Sie reingekommen?"
Ada zeigte ihren Enterhaken. „Durch die Luftschächte. Mr. Nivans, glauben Sie, Sie schaffen das?"
„Ich tue alles, um hier rauszukommen", krächzte der Soldat.
„Gut, wir sollten uns sofort auf den Weg machen."
„Moment mal, was geht hier vor?", wollte Helena Harper wissen. „Was ist passiert? Und wir können doch Sherry nicht zurücklassen!"
„Sie ist oben im Haus sicher. Ich habe die ganze Anlage sorgfältig geprüft. Es ist niemand mehr hier, sie haben die ganzen Forscher abgezogen. Die J'avos habe ich erledigt. Wir können fliehen. Leon und die anderen müssten bald eintreffen. Wir finden sie unterwegs."
„Ada, tun Sie mir einen Gefallen", sagte Helena Harper. „Sie stehen doch mit Leon in Kontakt? Schreiben Sie ihm, dass es uns gutgeht. Und erzählen Sie ihm, dass Albert Wesker hier ist. Sie müssen es erfahren!"
„Also gut", sagte Ada schließlich. „Ich werde ihm eine Nachricht schicken, aber dann suchen wir den Ausgang."
Chris hatte sich in seinem Sitz zurückgelehnt und sah nachdenklich an die Decke des Flugzeuges. Leon, der ihm gegenübersaß, holte sein Handy aus der Tasche.
„Irgendeine Nachricht von Sherry und Helena?", fragte Chris.
„Das darf doch nicht wahr sein!" Leons Stimme war so laut, dass alle Gespräche im Flugzeug verstummten und sich alle Gesichter in seine Richtung wandten.
„Tut mir leid", sagte er schnell. „Hunnigan hat mir nur gerade geschrieben, dass es in meiner Wohnung einen Wasserschaden gegeben hat. So was kommt immer dann, wenn man nicht zu Hause ist und es am wenigsten brauchen kann."
Chris merkte sofort, dass etwas anderes im Busch war. „Chris, können wir mal reden", raunte Leon.
„Was ist los?" Sie steckten die Köpfe zusammen und sprachen mit gesenkter Stimme, damit die anderen nichts mitbekamen.
„Das war nicht Hunnigan, die geschrieben hat, oder?", schlussfolgerte Chris.
„Nein, es war Ada."
„Und? Geht es Sherry und Helena gut?"
„Die beiden sind OK. Und sie hat mir auch geschrieben, dass man den Betrieb in der Anlage vorübergehend stillgelegt und die Forscher von dort abgezogen hat. Wir dürften also keine großen Schwierigkeiten haben."
„Das ist doch eine gute Nachricht", sagte Chris,
„Ja. Piers scheint es auch gutzugehen. Helena konnte ihn wohl befreien."
„Gott sei Dank." Tiefe Erleichterung erfasste Chris.
„Aber Chris, da ist noch was anderes." Leons Miene war todernst und Chris ahnte schon, dass es nichts Gutes sein würde.
„Chris, das bleibt unter uns, kein Wort zu den anderen, erst recht nicht zu Jake, verstanden?"
„OK, aber was ist los? Sag schon!"
„Chris, Albert Wesker lebt."
