4 – Zeichen der Angst
„MAMA! Warum liegen zwei Ohren in meinem Koffer?", tönte es aus dem ersten Stock. Mrs. Weasley verließ hektisch den Flur um die Situation zu klären, sichtlich gereizt von den Ereignissen der letzten Woche.
Remus war wieder allein. Allein. So wie immer. Ein Jahr war im vergönnt gewesen, ein wunderschönes Jahr in dem er James´ Sohn und einen seiner besten Freunde wiedergesehen hatte. Aber selbst das Paradies konnte nicht ewig währen.
Er hörte Schritte, dann sah er Sirius die Treppen hinabsteigen. „Diese Weasleys machen mich noch fertig. Einer rothaariger als der andere. Vor allem diese Zwillinge... die werden uns die Sommerferien sichtlich aufregender gestalten", schimpfte er mit einer munteren Note in seiner Stimme. Auch wenn Sirius verärgert schien – er war sehr glücklich über so viele Menschen und Abwechslung in seiner Umgebung. Moony fand den Gedanken grotesk belustigend, dass sein Freund am liebsten wild und frei sein wollte, während er hingegen das Monster in ihm für immer in einenen engen Käfig zu sperren wünschte. Das Abenteuer hatte ihn noch nie so sehr gereizt wie Sirius. Für ihn war Normalität, ein Leben ohne die Verachtung, die seiner Art anhing, ein Traum.
Aber eins teilten sie dennoch: Sie waren eine Familie, immer füreinander da. Keiner von beiden hatte je richtige Liebe aus dem Verwandtenkreis empfangen, beide waren Verstoßene, einfach, weil sie verflucht waren, anders zu sein. Das schliss sie zusammen.
„Sie sind genial", bemerkte er lächelnd, „intelligent und erfindungsreich."
„Sie sind die neuen Maurauder", sagte Sirius fast stolz.
Zum ersten Mal betrachtete seinen alten Kumpel näher und bemerkte erschreckend viele Veränderungen, die dieser bei ihrem letzten Treffen noch nicht gehabt hatte. Da waren zum einen die frischen Narben, entweder noch rot gerändert oder unwirklich rosig, zum anderen hatte er schon wieder mehrere Kilogramm verloren. Seine schokoladenbraunen Haare waren von mehr grauen Strähnen durchzogen als vorher. Nicht, dass er schlecht aussah: Sie gaben ihm etwas weises, hochgradig kluges, und machten ihn dennoch nicht alt. Auch hatte Remus keine Falten und sah noch immer jung aus – aber die zerschlissene Kleidung schienen sehr besorgniserregend.
„Moony, wenn ich könnte würde ich alles tun damit es dir besser geht. Du siehst echt beschissen aus."
Lupin lächelte typisch zurückhaltend und höflich, wie es von ihm schon seit Jahren bekannt war. „Ich werde wohl für eine Weile hier schlafen müssen", sagte er.
„Kein Problem. Es ist ja nicht so wie in der heulenden Hütte, wo wir fast Platzangst bekamen." Er erinnerte sich an den Tag, an dem sie bei hellem Sonnenschein hineingeschlichen und Peter steckengeblieben war. Gemischte Gefühle machten sich in ihm breit, Erinnerungen das vergangene Glück und der Schmerz von Pettigrews Verrat. „Du kriegst ein Zimmer direkt neben mir. Und für dein kleines haariges Problem finden wir auch noch was."
oOOOo
Wenige Stunden später...
„DU KLEINE GHOULRATTE! Gib mir mein Abzeichen wieder!" Percy, der am Nachmittag zum Orden gestoßen war, lief George hinterher.
„Fred? Meinst du nicht auch, dass wir was draus zaubern können? Ein Ich-bin-ein-hochschnäutziger-krätziger-Angeber-Abzeichen wäre doch gar nicht schlecht..." George apparrierte einfach als sein älterer Bruder ihn zu fassen versuchte.
„Diese Jungen. Die regen mich noch so auf...", fluchte Molly im Flur und machte sich dazu bereit, die Treppe hinaufzustapfen und ihren Söhnen mit der Bratpfanne die sie in ihren Händen hielt ordentlich etwas auszuwischen.
„Genial", meinte Padfoot, der zusammen mit Lupin aus dem Salon geeilt kam, in dem sie gerade einen Irrwicht entfernen sollten.
„Was ist daran Genial? Sie bauen nur Mist! Aber so etwas wie Anstandsgefühl kennst du offenbar nicht, Black", rief Mrs. Weasley empört.
„Ich meinte: Genial, dass Fred, George oder wer immer das auch war gerade in einem Haus mit Appariersperre appariert ist!"
Wie konnte das möglich sein? Remus betrachtete das Schauspiel höchst interessiert.
Tonks und Kingsley betraten das Haus. „Haaaalllo. Es gibt gute Nachrichten!", platzte Nymphadora fröhlich in die gereizte Situation. Sofort schlug die Stimmung positiv um.
„Hallo Dora. Ich bin eigentlich gerade dabei, die Küche zu säubern. Wie wäre es, wenn du und alle, die die Neuigkeit hören wollen, mitkommt? Da ist es eh viel gemütlicher als im diesem Drecksloch von Eingangsbereich." Mit diesen Worten lies sie die Pfanne wieder sinken und lächelte die Neuankömmlinge fürsorglich an.
Auch Lupins Herz erwärmte sich um einige Grad, ohne dass er es wollt. Diese muntere Aura war einfach anziehend...
Tonks wollte Molly in die Küche folgen, übersah jedoch den Trollbeinständer. Klappernd fiel er zu Boden. „Tschuldigung! Ich vergess´ das dumme Ding einfach immer wieder!", entschuldigte sie sich verlegen, doch sie wurde von Mrs. Blacks unverschämten Rufen übertönt. Ihre Haare wurden erdbeerrot, wie immer, wenn sie sich schämte.
Remus und Sirius eilten schnell herbei um Kingsley dabei zu helfen, die furchtbare Frau zum schweigen zu bringen. „Danke", sagte Tonks und bedankte sich mit ihrem schönen Lächeln.
„Kein Problem." Moony versuchte, beherrscht zu wirken.
oOOOo
„Also: Was ist jetzt?", fragte Sirius, neugierig darauf, was in der Außenwelt geschah.
Arthur und Moody waren kurze Zeit später angekommen, sodass nun auch sie an dem länglichen Küchentisch saßen. Remus´ Platz war zu seiner Überraschung direkt neben Doras.
„Wir haben wohl bald ein neues Mitglied. Die Person heißt Catus Acer, ein überaus begabter junger Mann in der Aurorenausbildung. Vielleicht kennt Lupin ihn noch aus dem siebten Schuljahr."
Oh ja, er erinnerte sich an ihn. Catus war ein überaus spitzbübischer Junge gewesen, sehr gut in Verteidigung und Verwandlung und laut den Gerüchten auch überaus zufriedenstellend in der Kunst der Zaubertrankbrauerei. Einzig allein der Hintergedanke, dass er in Slytherin gewesen war, hielt ihn davon ab, sich wirklich zu freuen.
Aber ganz besonders er wusste, wie schlimm Vorurteile waren.
„Ja, und es kommt noch besser. Wir haben auch gute Nachrichten: Charlie will uns jetzt im Ausland unterstützen", sagte Arthur glücklich. „Alle meine Söhne sind aktiv am Widerstand beteiligt. Ich bin sehr stolz auf sie."
„Phhhh. Als ob sie auf sich selbst aufpassen könnten. Ich halte es nicht für eine sehr gute Idee, all meine Kinder gleich einzubeziehen. Du weißt doch selbst, wie viele fast zu Tode gefoltert wurden, Schatz", meinte Molly. Sie war die einzige, die nicht saß sondern eifrig versuchte, die verrosteten Pfannen und Töpfe aus der Zeit der Blacks zu säubern. Dabei entdeckte die Hausfrau etwas glibrigg Schleimiges, dass einem der Gefäße klebte.
„Ich glaube, Kreacher hat uns wohl ein bisschen Nasenschleim hinterlassen", scherzte Sirius.
„Wenn der sich nach meiner Putztour noch in die Küche wagt bekommst du ausnahmsweise das Recht, ihn mit einem Bombada in die Luft zu jagen." Sie schwang ihren Zauberstab. „Lauterio!"
Mit einem blinken säuberte sich die Schale augenblicklich.
„Hat einer Lust, Sirius und mir beim Beseitigen eines Irrwichts zu helfen? Außerdem könnten wir noch ein paar Geheimnis- und Schutzzauber aufstellen", fragte Lupin ernst.
„Ich habe Zeit", melde sich Tonks, „ich wollte schon immer einmal einen natürlich vorkommenden Irrwicht besiegen." Sie schielte zu den Mauraudern hinüber, ihre Mundansätze zuckten leicht.
„Wenn ihr wollt komme ich dazu nachdem ich die Spielkonsole ausprobiert habe, die mir auf dem Krammarkt angeboten wurde", schlug Arthur vor.
„Du hast nicht allen Ernstes unser Geld für so ein Muggelzeug ausgegeben, oder?" Mrs. Weasley schien zum ersten Mal von Arthurs Einkauf zu hören und stemmte empört die Hände in die Hüften, „als ob wir nicht arm genug dran wären."
„Ruhig, Molly. Es war Muggelgeld, dass ich von so ´nem alten Autohändler für ein paar übrig gebliebene Teile gekriegt hab." Doch seine Frau schien nicht wirklich besänftigt zu sein.
Remus wollte keinen Streit. „Alastor, wir könnten dich beim Überprüfen der Appariersperre gebrauchen. Die scheint noch nicht ganz sicher zu sein", versuchter er von der zwiespaltigen Situation abzulenken.
Mad-Eye ging darauf ein und brummelte: „Aber zuerst muss ich meinen zweiten Tarnumhang suchen. Ich glaub, den hab ich heute Vormittag hier vergessen."
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„Also, wo ist der Wicht?" Tonks sah sich interessiert im Salon um.
Remus konnte ihre Neugierde verstehen, immerhin war dieser Raum mit so vielen Kisten und Truhen bestückt, dass die Aufgabe, ein magisches Wesen zu finden, fast schon irreal wirkte.
„Es geht hier nicht nur darum. Sicherlich finden wir noch allerlei anderen Kram – mein Dad hat grässlichen Zauberschmuck geliebt. Zum Beispiel gab es da mal eine Uhr, die jeden anderen außer meinen Vater", er spuckte das Wort fast aus, „selbst gebissen hat. Eine meiner Großtanten hat sie einmal anprobiert, daraufhin wuchsen ihr an den verwundeten Stellen wirklich hässliche Warzen."
Remus kannte die Geschichte bereits, aber Dora wirkte überrascht. „Echt? Ist ja cool."
Na ja, wie man es sieht, dachte er.
„Du, Cousinchen, dürftest eigentlich schon von deiner Mutter gehört haben", sagte Sirius, während er auf einen morsch wirkenden Schrank zuging. Einmal hatten ihn viele Schnitzereien geziert – doch sie waren im Laufe der Zeit so verblasst, dass selbst Moony mit seinen scharfen Augen nicht viel mehr als feine Kratzer erkennen konnte.
„Sie ist deine Cousine?", fragte der Werwolf verblüfft. Verflucht, die Situation wird ja immer schwieriger... Bin ich etwa eifersüchtig auf Sirius? Was ist nur mit mir und meinen Gefühlen los? Ist es der Wolf, der in mir zetert?
„Jap. Von der guten Seite des Stammbaums." Padfoot versuchte, den Schrank mit einem einfachen Alohomora zu öffnen. Als das nicht funktionieren wollte, zerrte er an den eisernen Türgriffen, doch vergebens. „Moony, kannst du mir helfen? Die Türen klemmen."
„Moony? Das ist aber ein passender Spitzname!" Verhörte er sich, oder kicherte Tonks etwa?
So jung, so unerfahren. Findest du sie nur deshalb so anziehend, weil sie die perfekte Beute ist?
Ohne sich weitere Gedanken zu machen eilte er herbei, um seinem Freund zu helfen. Mit einem lauten Quitschen lies sich der Schrank endlich öffnen. Lupin zuckte den Zauberstab, um sich auf einen möglichen Angriff vorzubereiten, die beiden anderen taten es ihm gleich.
Plötzlich roch er etwas, was eigentlich nicht sein sollte. Gefahr.
„WEG DA!", schrie der hagere Werwolf und hielt schützend die Hände vor seine Freunde.
Eine riesige, mörderische Bestie trat aus dem Rahmen. Ihre Klauen waren scharf wie Scheren und die Zähne spitz. Der Körper war sehnig, grotesk verformt und von grauem Fell bedeckt. Glühende Augen starrten auf sie herab. Dann fing das Biest an zu heulen.
Es klang furchtbar, grausam, mörderisch, unkontrolliert.
Und das Schlimmste: Remus erkannte sich selbst.
Knurrend näherte sich das Monster, bereit, jederzeit zuzuschlagen. Er spürte den unheimlichen Hunger von den Lefzen auf ihn hinabtropfen. Plopp. Plopp. Plopp.
„RENNT!", schrie er, jederzeit bereit, für die anderen zu sterben.
Noch ein Tropfen Spucke fiel auf seinen zerschlissenen Umhang herab. Fauliger Atem schlug ihm in sein Gesicht. Die Bestie veränderte ihre Position, bereit, zum Angriff überzugehen.
Aber warte... Heute war noch kein Vollmond! Vollmond?
Mit einem ekelhaften Zischen verwandelte sich das Untier in eine starre, weiße Kugel. Aber nicht irgendeine Kugel – in den schlimmsten aller Monde.
Er würde morgen selbst zu einem reißenden Tier werden. Wen würde er verletzen? Wen töten, verwandeln, unendliche Qualen aufbinden? Brachte er jemanden um sein Leben, den er wenige Stunden zuvor noch zu beschützen versucht hatte?
„Ridikkulus", flüsterte Remus angstvoll. Nichts Geschah. „RIDIKKULUS!", schrie er. Endlich verwandelte sich sein größter Schrecken in einen unschädlichen Luftballon.
Er drehte sich zu Sirius und Dora an, die ihn entgeistert anstarrten.
„Was bei Merlins Unterhose war denn das?", wollte Tonks fassungslos wissen.
Ein schrecklicher Ernst umfasste Lupins Glieder.
„Das hier war ein Werwolf", sagte er mit tonloser, unerbitterlichen Stimme.
Ich hoffe, es hat euch gefallen. Im nächsten Kapitel werdet ihr höchstwahrscheinlich über einen betrunkenen Sirius und Remus in Wolfsgestalt lesen können. Und was denkt Tonks wohl jetzt?
Bitte reviewt!
