Faith and Mary, Kapitel 4
Ingleside hatte in den letzten Jahren kein bisschen von seiner Schönheit eingebüsst. Wie eh und je stand es mächtig auf dem kleinen Hügel und überblickte ganz Glen St. Mary. Ein kalter Novemberwind wehte über das Dörfchen und raubte den Bäumen die letzten Blätter von ihrer Krone, doch das störte in Ingleside niemand. Man saß an solchen Tagen vor dem Kamin, las etwas, erzählte sich die neuesten Neuigkeiten oder verbrachte einfach Zeit mit seinen Liebsten, genau wie heute.
'Meint ihr, dass es Persis und Michael gefällt?', fragte Faith Blythe und hob etwas langes, undefinierbares aus blauer Wolle in die Luft. Di und Emily lächelten sich amüsiert zu und nickten ihrer Schwägerin zu. 'Das wird wirklich ein schöner Schal', grinste Emily und musste sich auf die Zunge beißen um nicht laut aufzulachen. Es sah einfach zu komisch aus, wie Faith ihr gestricktes etwas in Luft hob und sie und Di um Rat fragte.
'Das ist kein Schal, das soll ein Babystrampler sein, naja beziehungsweise werden', meinte Faith und begutachtete misstrauisch ihren missglückten Babystrampler.
Di und Emily konnten sich nicht länger im Zaum halten und begannen zu lachen und Sekunden später stimmte Faith mit ein. 'Naja, dann schenk ich dem Baby eben etwas anders', lächelte sie und warf ihr Strickzeug in ihren Korb.
'Du hast ja bis Juni Zeit, dir wird bestimmt noch etwas passendes einfallen', grinste Di und wand sich wieder ihrer kleinen Tochter zu, die mit dem Rücken auf ihrem Schoß lag, sie mit großen Augen ansah und fröhlich vor sich hergluckste. Di beugte sich vor und gab ihrer Tochter einen Eskimokuss.
Bertha, die inzwischen sieben Monate zählte, hatte wie ihre Mutter rotes Haar mit einem Wirbel und Sommersprossen. Die Kleine war etwas pummlig und hatte, irgendwoher aus der Gardnerischen Seite, schwarze Augen. Di hatte nicht anders können und ihrer Tochter den Spitznamen "Ladybug" verpasst. Tja, wenn man glaubte die kleine Ladybug wäre vom Charakter her nach ihrer Mutter geschlagen, so täuschte man sich gewaltig. Schon jetzt ließ sich erahnen, dass sie vollkommen nach ihrem Vater schlug.
'Sie ist wirklich ein kleiner Sonnenschein', meinte Emily. 'Ja, das ist sie wirklich', lächelte Di und dankte Gott heute noch für ihr lang ersehntes Baby.
'Oh nein', jabste Faith und sah mit aufgerissen Augen zu, wie ihr ältester Sohn fröhlich und lachend mit dem Porzellanhund Gog durch das Wohnzimmer rannte. 'Gil, mein Schätzchen, gib Mummy bitte den Porzellanhund', bettelte Faith und näherte sich ihrem Sohn mit langsamen Schritten. Faith kam Emily wie eine Löwin vor, die sich langsam an ihre Beute heranpirschte und jeden Moment angreifen würde.
Mit seinen drei Jahren wusste Gil genau was er zu tun hatte. Er grinste seiner Mutter frech ins Gesicht, schüttelte dann den Kopf und rannte lachend aus dem Zimmer.
Faith schlug entsetzt die Hände vors Gesicht und rannte ihm hinterher. Matthew, Faith und Jems anderer Sohn, hatte sich neben seiner Tante Emily zusammen gerollt und schlief ruhig vor sich hin. Es war kaum zu glauben, dass der immer fröhliche, gut gelaunte Gil und der zurückhaltende, stille Matthew, Brüder waren.
'Ich werd noch eine Kanne Tee aufsetzten', meinte
Emily und erhob sich. Auf dem Weg in die Küche schaute Emily
kurz nach ihren eigenen Kindern.
Tommy ihr ältester, saß
brav am großen Esstisch und versuchte sich im Moment an seiner
"Kreativphase" um ein zweiter Leonardo da Vinci zu werden.
Hanna saß mit dem kleinen Jamie auf dem Boden und spielte mit ihm und ihrem Teddy irgendein Spiel, das Emily nicht kannte. Dan, der seit neuestem das Laufen entdeckt hatte, versuchte krampfhaft seiner Tante Faith und seinem Cousin hinterher zu laufen. Emily schmunzelte und ging durch die Küchentür.
Wie mechanisch setzte sie Teewasser auf und füllte einen Teller mit ein paar Vollkornplätzchen. Sie nahm kurz auf einem Küchenstuhl Platz und blickte verträumt aus dem Fenster. Nie hätte sie sich einmal träumen lassen, dass sie einmal vier Kinder haben würde. Ihr Schmunzeln wurde mit jeder Sekunden größer, ja vier Kinder waren wirklich kein Pappenstiel.
Sie liebte jedes ihrer Kinder mehr alles andere auf der Welt und würde keines von ihnen wieder hergeben. Jedoch machte sie sich Sorgen um ihre Hanna. Das Mädchen war so schüchtern und fremdelte mit ihren drei Jahren Fremden gegenüber immer noch schrecklich.
Emily machte sich wirklich große Sorgen um Hanna. Wenn sie an ihre drei Söhne dachte, waren diese überhaupt nicht schüchtern, im Gegenteil, die drei waren mit einer ordentlichen Portion Lebenslust und "Redenspower" gesegnet worden. Vielleicht lag darin ja das Problem. Womöglich fühlte sich Hanna als einziges Mädchen unter drei Brüdern alleine und untergeordnet, sie wusste es nicht.
Das Pfeifen des Teewasser riss Emily aus ihren Gedanken. Sie füllte das Wasser um, gab die Teezutaten hinzu und ging mit dem Tee und den Keksen ins Wohnzimmer zurück. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass Faith Gil den Porzellanhund wegnehmen konnte und ihrem Sohn zu erklären versuchte, was es für Folgen gehabt hätte, wenn der Porzellanhund kaputt gegangen wäre.
Sie stellte den Tee und die Kekse auf dem Tisch ab und wollte sich setzten, jedoch hinderte sie das Klingeln an der Haustür. 'Ich mach schon auf', meinte sie und ging zur Haustür.
'Oh Mary, hallo, was für eine angenehme Überraschung', log Emily und bat ihren Gast einzutreten. 'Ich weis, ich weis Emily, seit meinem letzten Besuch sind schon ein paar Tage vergangen', schnatterte Mary munter los und trat mit einem Kinderwagen und einem ihrer Söhne ein. Mary entkleidete sich und ihren Sohn und folgte Emily ins Wohnzimmer.
'Hallo Mary', grüßte Di ihre alte Schulkameradin höflich. 'Wie ich sehe sind alle versammelt', meinte Mary nahm ihr schlafendes Baby aus dem Kinderwagen und nahm auf dem Sofa Platz. 'Harry Schatz, geh und spiel etwas mit Hanna oder Tommy', wies Mary ihren Sohn an. Harry, der ebenso schüchtern wie Hanna zu sein schien, nahm nur widerwillig neben dem Mädchen Platz. Jedoch war er nur nach kurzer Zeit in das Spiel von Hanna eingestiegen und spielte mit ihr und Jamie.
'Oh Mary, was für ein unangemeldeter
Besuch', begrüßte Faith den neuen Gast, 'seit deinem
letzten Besuch sind doch erst zwei Tage vergangen. Was führt
dich heute schon wieder zu uns?'.
Faith lächelte ihr
zuckersüß entgegen und goss Mary frischen Tee ein.
'Ach wisst ihr, Kathy brauchte etwas frische Luft, und da hab ich mir gedacht, schauen wir doch mal auf Ingleside vorbei, da ist bestimmt was los', plauderte die munter weiter ohne Faiths Anmerkungen mitbekommen zu haben.
'Wie geht es Junior und Xander?',
fragte Di.
'Den beiden geht es gut. Ich wollte sie ja
mitbringen, aber sie wollten lieber zuhause bei Miller bleiben'.
'Wie
geht es Elizabeth?', erkundigte Faith sich und das gewünschte
Ergebnis schlug ein wie eine Bombe. Marys fieses Lächeln gefror
zu Eis.
'Ihr geht es gut', gab sie kurz zur Antwort. Faith wusste genau das Mary mit Millers Cousine ,Elizabeth MacAllister, nicht klar kam. Emily schenkte Faith einen "Musste-das-den-wirklich-sein" Blick, worauf diese nur schelmisch zurück zwinkerte.
'Der Tee ist wirklich sehr gut', lenkte Mary ab, doch Faith gab nicht so schnell auf. 'Mary, seit wann bist du so kurz angebunden? Ich hab gehört Elizabeth unterstützt Miller im Laden, war das nicht eigentlich immer dein Job?'
'Ja das tut sie, sie entlastet mich wirklich',
lächelte sie nun wieder falsch.
'Jedoch werde ich dafür
sorgen, dass sie so schnell wie nur möglich im nächsten Zug
nach Summerside sitzt', dachte sich Mary.
'Also, so wie ich das mitbekommen habe, sind die meisten hier sehr angetan von ihr. Manche, so wie die alte Mrs Smith, haben sie schon gefragt ob sie nicht Lust hätte, für immer in Glen zu bleiben', triezte Faith nun weiter.
Mary lief puterrot im Gesicht an. 'WAS', schrie Mary, senkte ihren Ton jedoch, um ihre Tochter nicht aufzuwecken. 'Dieses alte Krötengesicht, hier in Glen, Nein, das wagt sie nicht!'
Di und Emily sahen sich besorgt
an. Sie wussten, Mary hatte Faiths Köder geschluckt. Am besten
war es, sich da raus zuhalten und zu versuchen, Faith etwas zu
bremsen.
'Ich weis gar nicht was du gegen sie hast. Sie ist
sehr nett und macht ihre Arbeit gut', lächelte Faith.
'Ich
weis gar nicht was du gegen sie hast', äffte Mary sie nach,
'soll ich dir mal sagen, was ich gegen sie habe? Sie ist
unverschämt, unhöfflich, mischt sich in alles ein, obwohl
es sie überhaupt nichts angeht. Noch dazu zieht sie über
jeden im Dorf her und ist gehässig. Ihr könnte euch gar
nicht vorstellen wie es ist, mit so einem schrecklichen Menschen
zusammen leben zu müssen'.
Di, Faith und Emily warfen sich Blicke zu. 'Aber Mary', tadelte Faith sie, 'ich kann nicht glauben, dass sie so ist. Nein, wir können uns wirklich nicht vorstellen wie es ist mit solch einer schrecklichen Person leben zu müssen. Eine Person, die sich überall einmischt und den Leuten den letzten Nerv raubt, nein so etwas ist uns völlig unbekannt??? Faith.
Mary nahm einen großen Atemzug und tadelte sich innerlich, wie dumm sie nur gewesen war und in Faith Blythes Falle hineingefallen war. Sie lachte kurz auf und machte es sich auf dem Sofa noch gemütlicher. Die alte Mary war nun wieder da! Ihre Augen bekamen wieder dieses gefährliche Funkeln, wie sie es immer taten, wenn sie sich auf einen "Kampf" einstellte.
'Nun, wie ich gehört habe, zieht Carl mit seiner Familie nach Avonlea. Hat er den schon ein Haus für sich und seine Familie?', lenkte Mary das Gespräch nun in eine andere Bahn.
'Ja im April wollen sie nach Avonlea ziehen. Sie haben das Elternhaus meiner Tante Diana gekauft. Es war wirklich wie ein Wunder, dass dieses Haus zum verkauft stand', erzählte Di.
'Naja, ich hoffe sie werden in Avonlea glücklich. Ich versteh zwar immer noch nicht genau warum er unbedingt nach Avonlea wollte, aber naja ist ja egal', winkte Faith ab.
Mary hob tadelnd ihren Finger in die Luft. 'Aber, aber Faith. Es ist doch kein großes Geheimnis, dass dein Bruder Carl in unsere gute Rilla verliebt war oder immer noch ist. Ebenso wie es kein Geheimnis ist, dass du nicht kochen, nähen und stricken kannst. Warum sollte dieser verrückte Narr sonst nach Avonlea ziehen, wenn nicht aus Liebe zu seiner angebeteten Rilla'. Mary schenke Faith ihr gehässigstes und zuckersüßestes Lächeln, dass sie zu bieten hatte.
'Mary Douglas, wie kannst du nur so etwas schreckliches sagen! Carl liebt Tess und nur alleine sie. Ich kann nicht glauben was du gerade eben gesagt hast. Er zieht mit seiner Frau, die er über alles liebt und seinem Sohn aufs Land, weil es ihm in Charlottetown zu dreckig und zu hektisch ist. Außerdem fand er, dass es an der Zeit war einen neuen Ort zu besiedeln, da es von uns hier schon zu viele gäbe. So hat er es uns jedenfalls erzählt und ich glaube ihm das', beteuerte Faith.
'Hmmm, komisch. Wenn es ihm in Charlottetown zu dreckig und zu hektisch ist, hätte er doch auch nach Glen ziehen können. Nein, Faith du brauchst ihn überhaupt nicht in Schutz nehmen. Das ist doch alles nur eine Ausrede. Weil es zu viele von euch geben würde, pahh, was für ein Unsinn. Du bist doch nicht wirklich darauf reingefallen'.
Faith saß mit blassem Gesicht und geöffnetem Mund da, diese schreckliche Mary Douglas schaffte es doch immer wieder, sie zur Weißglut zu treiben. Aber so schnell, beschloss Faith, würde sie nicht aufgeben.
Triumphierend hob Mary ihre Teetasse und leerte diese in kurzen Zügen. Diese arrogante und eingebildete Faith Blythe hatte doch wirklich geglaubt, dass sie sich mit einer Mary Vance Douglas anlegen könnte, was für eine törichte Vorstellung. Mit einem triumphierenden und zufriedenen Lächeln wappnete sie sich für Faiths Rückschlag, wusste innerlich jedoch, dass sie als Siegerin aus diesem Kampf gehen würde.
