2.2

Severus schloss seine Haustür mit einem langen erleichterten Seufzen und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Endlich Ruhe. Bis zum nächsten Samstag, wenn sie wiederkämen, um, in Sprouts Worten, „diese lahme Ausrede für ein Gewächshaus weniger wie eine Schande für die Pflanzenkunde aussehen zu lassen". Trotzdem, die Störung war es wert gewesen. Die Snargaluffschoten waren wichtig für seine Forschung und der Garten war teilweise winterfertig gemacht worden.

Sprouts Gesellschaft war immer unterhaltsam, zumindest in kleinen Dosen. Und Hermione schien dem Beispiel der älteren Hexe zu folgen. Ihr Verhalten ihm gegenüber wurde im Verlauf des Nachmittags selbstbewusster und spielerischer. Sein verschwommenes geistiges Bild von ihr aus ihren Schultagen bestand aus buschigen Haaren, einem nervigen Verlangen immer Recht zu haben, und eine noch nervigere Tendenz, dieses Ziel auch zu erreichen. Jedes dieser drei Elemente war noch da, obwohl ihre Haare an diesem Tag fast vollständig in einem Zopf untergebracht waren, und er mittlerweile ihre Intelligenz und ihren Antrieb als Vorzüge, nicht als Fehler, anerkennen konnte. Ihre eifrigen Fragen, die sie gestellt hatte, während sie im Garten schuftete, zeugten von einem unverminderten Verlangen nach Wissen, und sie hatte sicherlich keine Angst vor harter Arbeit. Er hatte die Blasen an ihren Händen bemerkt und dafür gesorgt, dass sie etwas von seiner Beinwellsalbe mitnahm.

Eines blieb ein Rätsel. Sie war zu einer nicht unattraktiven jungen Frau herangewachsen. Obwohl sie keine große Schönheit war, war ihre Figur wohlgeformt, ihre Züge schön anzusehen und ihre Augen leuchteten mit intelligenter Neugier. Warum um alles was der Welt verbrachte sie dann Zeit mit ihm? Sprout musste sogar noch überzeugender sein, als er ihr zugetraut hatte.

Seine Samstage wurden den ganzen nächsten Monat gestört. Es wurde zur Routine, die Nachmittage im Gewächshaus mit Umtopfen und Trimmen zu verbringen und damit, die anderen Instandhaltungsmaßnahmen durchzuführen, die Pomona als notwendig für seine angeblich vernachlässigten Pflanzen erachtete, worauf ein Abendessen am Küchentisch folgte.

Hermione zeigte noch immer alle Anzeichen, tatsächlich Spaß zu haben, und er bemerkte billigend, dass sie ihre von der Schreibtischarbeit hervorgerufene Blässe verloren hatte. Sie hatte ihm gestanden, dass sie die Freuden, Zeit draußen zu verbringen, wiederentdeckte, und dass sie versuchte sicherzustellen, dass sie jeden Tag Zeit für wenigstens einen kurzen Spaziergang einplante. Er begann zu vermuten, dass er nicht der Einzige war, für den Pomona einen Rehabilitationsplan hatte.


Am dritten Samstag im November kam Hermione zur gewohnten Zeit an der Einfahrt an. Nach der ersten Woche hatte sie selbst apparieren und sich mit Pomona hier treffen können. Heute jedoch gab es kein Zeichen von der anderen Hexe. Sie wand ihren Schal enger um den Hals, dann vergrub sie ihre Hände wieder in ihren Taschen, während sie wartete. Der Wind kam heute aus dem Norden und brachte eine beißende Kälte mit.

„Hermione!"

Sie drehte sich nach Severus' Stimme um und sah, dass er ihr auf dem Pfad entgegenlief. Sein langer schwarzer Mantel bauschte sich im Wind auf. Pomona hatte Recht, dass er ein Gespür für das Dramatische hatte, wenn auch unbewusst, dachte sie wohlwollend.

„Hallo", antwortete sie lächelnd, als er näherkam. „Noch kein Zeichen von der anstrengenden Frau?"

Er erreichte sie. „Deshalb bin ich hergekommen, um dich zu treffen. Ich habe vorhin eine Nachricht aus Hogwarts bekommen, dass sie heute nicht kommen kann, weil sie krank ist."

„Sie ist nie krank!", rief Hermione überrascht.

„Genau was ich dachte. Wenn ich ein misstrauischer Mensch wäre, was ich natürlich nicht bin, würde ich sagen, dass sei ein kaum subtiler Plan, um uns dazu zu bekommen, Zeit allein miteinander zu verbringen. Unsere Freundschaft entwickelt sich anscheinend nicht schnell genug für ihren intriganten Kopf."

Hermione lachte leise. „Ich fürchte, du könntest Recht haben. Pass auf, wäre es dir lieber, wenn ich nach Hause ging? Ohne Pomona, die uns gegenseitige Gesellschaft verordnet, könntest du den Nachmittag verbringen, wie du möchtest.

Bei einem anderen Mann hätte Hermione Severus' folgenden Gesichtsausdruck als Nervosität bezeichnet.

„Ich habe Pläne für den Nachmittag, die nichts mit Gartenarbeit zu tun haben, aber sie haben etwas mit dir zu tun. Wenn es dir nichts ausmacht, zu bleiben, natürlich."

„Jetzt bin ich neugierig. Natürlich bleibe ich."

Auf Severus' Gesicht zeigte sich ein überraschend jungenhaftes Grinsen. „Exzellent. Dann komm – ich habe Arbeit für dich. Keine Blasen heute, ich verspreche es."

„Das wäre eine angenehme Abwechslung!"

Seite an Seite liefen sie den Pfad zurück. Anstatt in Richtung Haus oder Gewächshaus zu gehen, wie Hermione erwartet hatte, führte Severus sie zu dem kleinen weißgestrichenen Nebengebäude. Sie hatte wegen seines Aussehens erwartet, dass es eine Garage oder ein Gerätehaus war, aber als er eine der großen Eingangstüren aufriss, erkannte sie, dass es ein Labor war. Sie lachte.

„Weißt du, das war die eine Sache, die ich mich bei diesem Haus immer gefragt habe. Ich wusste, dass du irgendwo ein Labor haben musstest, aber ich konnte mir nicht denken, wo es war."

„Du hättest immer fragen können, weißt du? Ich bin nicht so schrecklich."

Als sie eintraten, wurde es auf der ganzen Länge des Inneren hell, und Severus schloss die Tür hinter ihnen.

„Willkommen in meinem Bau"

Eine lange Arbeitsfläche verlief an jeder Seite des Raumes. Die an der linken Seite hatte Schränke darunter und sauber geordnete Reihen von Glasbehältern auf der Oberfläche. An der auf der rechten Seite gab es ein paar herangezogene Stühle und die Oberfläche wurde von einer anscheinen chaotischen Ausbreitung von Papier und Pergament verdeckt.
Als Hermione näher heranging, konnte sie sehen, dass diese voller Geschriebenem, Diagrammen und Gleichungen waren. Sie drehte sich um und sah Severus an.

„Deine Forschungen?"

Er nickte. „Exakt. Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, hast du gesagt, dass du bei einigen der Berechnungen helfen könntest. Ich baue darauf, dass ich nicht zu viel verlange –"

„Ganz und gar nicht!", unterbrach Hermione ihn. „Ich würde wirklich gerne helfen. Ich hatte gehofft, dass du fragen würdest, aber ich dachte, dass du nur höflich warst, als wir darüber gesprochen hatten."

„Höflich?", wiederholte Severus.

„Naja, okay, es erscheint ein wenig unwahrscheinlich, nicht wahr?", sagte Hermione mit ironischem Lachen. „Jedenfalls, leg los. Was erforschst du, und was kann ich tun, um zu helfen?"

Severus deutete auf die Stühle und sie setzten sich beide.

„Das Hauptziel meiner Arbeit ist, einen Weg zu finden, Fluchnarben zu heilen."

„Ich wusste nicht, dass das möglich ist."

„Es gibt einen Unterschied, ob etwas unmöglich ist oder ob wir einfach noch nicht wissen, wie es geht."

„Das ist wahr. Warum Fluchnarben, wenn ich fragen darf? Ich vermute, es geht dir dabei nicht um Harry."

„Haha, verdammt witzig. Nein, seltsam genug, tut es nicht. Ich begann darüber nachzudenken, als Pomona anfing, an meinem Aussehen herumzukritteln."

Er zog den Ausschnitt seines schwarzen Hemds herunter und legte ein Gebiet wulstiger Haut am Übergang zwischen Hals und Schulter frei. Die unebenen Furchen waren ein bleibendes Zeichen von Naginis Attacke. Hermione ohrfeigte sich innerlich, weil sie so schwer von Begriff gewesen war.

„Das wäre nie eine meiner besseren Seiten gewesen", fuhr Severus fort, als er den Ausschnitt wieder in seine normale Position gleiten ließ. „Ich hatte mich damit abgefunden, und auch mit der Vielzahl anderer Erinnerungen aus diesen erhebenden Jahren. Aber ich begann mich zu fragen, an was genau es lag, dass Narben, die durch Dunkle Magie verursacht werden, resistent gegenüber normaler Heilung sind. Schließlich kann es keine intrinsische Eigenschaft des jeweils benutzten Zaubers sein, oder doch?"

Er sah Hermione forschend an und sie erkannte, dass es ein Test war. Sie versuchte, nicht wie ihr dreizehn Jahre altes Selbst, das gerade ein Lehrbuch verschluckt hatte, zu klingen, als sie antwortete.

„Nein, denn Dunkle Magie wird sowohl durch die Absicht des Ausführenden als auch die Natur des benutzten Zaubers gewirkt."

Severus neigte anerkennend den Kopf. „Ganz genau. Weißt du, welcher Spruch benutzt wurde, um George Weasleys Ohr abzutrennen?"

„Nein. Ich weiß aber, dass du den Zauber geworfen hast. Ich glaube, dass du nicht vorhattest, ihn tatsächlich zu treffen.

Severus lachte humorlos. „Du hast Recht. Ich habe auf Yaxley gezielt, aber er hat sich im letzten Moment bewegt und ich habe stattdessen George getroffen. Weil meine Absicht, als ich den Zauber gesprochen habe, vollkommen Dunkel war, war das Ohr unwiederbringlich verloren. Der Zauber, den ich benutzt habe, war Sectumsempra."

„Aber als Harry ihn bei Malfoy benutzt hat, hast du die Wunden geheilt."

„Was mein Argument bestätigt. Als Potter den Zauber geworfen hat, hatte er keine Ahnung, was er benutzte, und keine Absicht, wirklichen Schaden anzurichten. Irgendwie ironisch, dass seine gewöhnliche Ahnungslosigkeit zu Malfoys Vorteil war. Der Mangel an Dunkler Absicht ermöglichte es mir bei dieser Begebenheit, die Wunden zu heilen. Wenn man also nach einem Heilmittel für Fluchnarben sucht, sucht man effektiv ein Gegenmittel für einen physischen Schaden, der durch böse Absicht entstanden ist, und nicht einen spezifischen Gegenfluch. Ich vermute, dass, unabhängig von dem benutzten Fluch, es eine Schadensart gibt, die allen von Dunkler Magie verursachten Wunden gemein ist."

Hermione runzelte die Stirn, als sie sich konzentrierte. „Also ist vermutlich das Erste, was du tun musst, die genaue Natur des physischen Schadens zu bestimmen."

„Durchaus. Also, die meisten magischen Aktivitäten funktionieren durch die generelle Veränderlichkeit der Dinge. Verwandlung, Zauberkunst, Heilkunde, Tränke, und natürlich Flüche – sie alle sind, auf der fundamentalen Ebene, nur unterschiedliche Weisen, eine Sache in etwas anderes zu verwandeln, oder die Eigenschaften eines Objektes zu ändern. Meine Hypothese ist, dass Dunkle Magie einen Verlust dieser Veränderlichkeit bewirkt und Narben zurücklässt, die nicht verwandelt oder geheilt werden können. Eine Fluchnarbe ist resistent gegenüber jeglichem physischen Wandel."

„Das ergibt Sinn. Also muss ein Gegenmittel diese Veränderbarkeit wiederherstellen, dann kann die Narbe auf konventionelle Art geheilt werden."

„Genau mein Gedankengang. Meine Forschung konzentriert sich auf Tränke, die solch einen Effekt haben könnten. Ich habe damit begonnen, mir die anzusehen, die einen extrem verändernden Einfluss auf den Körper haben. Vielsafttrank, Alterungstrank und ähnliche haben die duale Wirkung, die normalen physischen Eigenschaften des Körpers zu durchbrechen und sie durch neue zu ersetzen. Was ich nun tun muss, ist die Elemente der Tränke zu isolieren, die das erste Durchbrechen verursachen, und versuchen, eine Methode zu finden, sie neu zu kombinieren, um einen noch vollständigeren auflösenden Effekt zu erzielen."

Hermione nickte. „Du musst die Narbe vollständig aufbrechen, bevor das Fleisch geheilt werden kann. Also, wie weit bist du gekommen?"

Severus zog den nächstgelegenen Papierstapel zu sich. „Es ist eine bedeutende Aufgabe. Das Hauptproblem ist, dass die Tränke, die ich mir ansehe, alle vor hunderten von Jahren entwickelt wurden, und die meisten Nachforschungen, aus denen sie entstanden sind, sind längst verschwunden. Also muss ich bei Null anfangen, um herauszufinden, welche Komponenten auf welche Weise wirken, wie sie in Verbindung mit anderen wirken und so weiter. Und es sind keine einfachen Tränke. Ich habe eine Liste mit rund hundert Komponenten, die ich analysieren muss, und dann wird es eine große Zahl möglicher neuer Rezepte geben. Ich habe einen Anfang gemacht, aber es wird ein langer Prozess werden."

„Und an dieser Stelle komme ich ins Spiel."

„Das hatte ich gehofft. Was denkst du?"

„Kein Problem."

Hermione fühlte die bekannte Aufregung, wenn sie mit einer neuen Herausforderung konfrontiert wurde, aber sie versuchte, nicht zu viel davon in ihrem Gesicht zu verraten. Sie zog ihren Stuhl näher an die Werkfläche und sah Severus mit geschäftsmäßiger Miene an.

„Gut, gib mir eine Schreibfeder, etwas Pergament und deine Liste der Inhaltsstoffe. Hast du eine Ausgabe des Arithmantischen Lexikons der Elemente?"

„Ja, habe ich. Ich werde es für dich holen. Möchtest du auch etwas Tee?"

„Das wäre perfekt."


Zweieinhalb Stunden später legte Hermione ihre Feder mit einem Seufzen auf der Arbeitsfläche ab. Severus sah besorgt von seinem Geschriebenen auf.

„Problem?"

Sie lächelte ihn an. „Nein, alles okay. Das war mehr ein Ausdruck der Zufriedenheit, nicht des Ärgers. Ich habe die vorbereitende Arbeit geschafft, aber für den Rest brauche ich meinen Computer. Ich muss alle Daten eingeben, ein paar Analysealgorithmen schreiben und dann die Zahlenverarbeitung dem Programm überlassen. Nächstes Wochenende sollte ich dann ein paar wahrscheinliche Lösungen für dich haben."

Er war leicht schockiert. „Und das war es?"

Hermione sah ihn direkt an, die Augenbraue erhoben. „Kaum ‚es'. Das ist die Anhäufung mehrerer Jahre verdammt harter Arbeit von meiner Seite. Ich kann es jetzt einfach aussehen lassen – "

Severus hob eine Hand um ihre Beschwerden aufzuhalten. Nicht schlecht, Silberzunge.

„Ich habe es nicht so gemeint", begann er in versöhnlichem Ton. „Ich bin nur erstaunt, wie schnell du in der Lage sein wirst, eine Arbeit abzuschließen, die mich Monate gekostet hätte. Ich bin beeindruckt – sehr beeindruckt."

Hermione lächelte einigermaßen entschuldigend.

„Tut mir Leid. Ich bin ein wenig zu sehr daran gewöhnt, dass die Leute meine Arbeit herabwürdigen, weil sie sie nicht verstehen. Sogar meine Kollegen im Ministerium sind über die anfängliche Überraschung, was ich tun kann, hinaus, und nehmen es jetzt einfach als selbstverständlich hin. Sie sind daran gewöhnt, wie schnell ich die Dinge erledigen kann, und denken nur daran, darüber zu reden, wenn ich etwas nicht schnell genug für sie getan habe." Sie rollte mit den Augen und schüttelte kurz den Kopf aus Frustration.

„Ich dachte, du magst deine Arbeit?"

„Oh, die Arbeit ist toll – Ich liebe die Herausforderung und die Zahlen und die reine Schönheit, Lösungen aus einer Masse von Daten zu erschaffen. Es sind die Strohköpfe, mit denen ich arbeite, die das Problem sind."

„Das kann ich nachfühlen."

Auf Hermiones Gesicht zeigte sich ein breites Grinsen.

„Das habe ich mir gedacht. Du bist seit Jahren meine Inspiration, weißt du?"

„Wage ich, zu fragen, in welcher Hinsicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es etwas Gutes ist."

„Wenn jemand mich wirklich genervt hat, denke ich ‚was hätte Professor Snape gesagt?'. Dank dir habe ich mir allerhand beeindruckende Beleidigungen einfallen lassen. Ich benutze sie nicht immer, aber sogar, sie zu denken, kann sehr heilsam sein."

Severus fühlte sich unvernünftigerweise geschmeichelt.

„Gut zu wissen, dass ich wenigstens einen Schüler inspiriert habe, wenn auch in einer eher unbeabsichtigten Weise. Kannst du dich an ein paar Beispiele der Juwelen der Verachtung erinnern, die ich inspiriert habe?

„Lass mich nachdenken…'Halte dich nicht damit auf, darauf zu warten, dass dich die Inspiration trifft – dein Hirn bietet ein viel zu kleines Ziel.' Das war für Meadows in der Neue Tränke Einheit."

„Autsch. Hast du das tatsächlich zu ihm gesagt?"

„Das habe ich tatsächlich. Er weinte beinahe. Ich denke, es war mehr der Schock als irgendetwas anderes. Die meisten Leute denken, ich sei so ein nettes Mädchen." Sie betonte das Adjektiv hart, mit einem falschen süßen Lächeln.

„Ich nicht", antwortete Severus ohne nachzudenken.

Hermione sah ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an.

„Wenn man bedenkt, dass du sehr anfällig dafür bist, ins Fettnäpfchen zu treten, würde ich vorschlagen, dass du deine nächsten Worte sehr sorgfältig wählst." Sie zeigte mit warnendem Finger auf ihn.

Severus nahm Hermiones abgelegten Schreibkiel und streichelte die weiche Länge der Feder, während er im Geiste formulierte, was er sagen wollte.

„'Nett' ist ein ausgesprochen langweiliges Wort", begann er zögernd. „Und du bist alles andere als das. Du bist höchst intelligent, ein fleißiger Arbeiter, lustig, freundlich und ich kann mich seltsamerweise gut mit dir unterhalten. So sehr es mich schmerzt, zuzugeben, Pomona hatte Recht, als sie uns unsere gegenseitige Gesellschaft aufzwang. Ich habe mit der Zeit deine Freundschaft wirklich sehr zu schätzen gelernt.

Seine Augen waren auf die Schreibfeder fixiert gewesen, als er sprach, aber jetzt wagte er es, aufzusehen. Hermione betrachtete ihn mit einem weichen Ausdruck in ihren braunen Augen. Sie streckte ihre Hand über den Tisch und nahm seine sanft.

„Du bist für mich auch wichtig geworden."

Er bewegte seine andere Hand, um sie auf ihre zu legen, und sie sahen sich für ein paar Momente einfach an. Er fühlte einen absurden Drang, sie näher zu ziehen, um – Was? Sie zu küssen? Sei nicht lächerlich.

„Ich erzähl's keinem, wenn du es nicht tust", sagte sie leise.

„Was erzählen?", antwortete er, etwas alarmiert über die Möglichkeit, dass sie eine bisher unerkannte Gabe für Legillimentik besaß.

„Pomona erzählen, dass sie Recht hatte", erklärte sie. „Wir würden es immer wieder zu hören bekommen."

Er lachte kurz vor Erleichterung. „Nein, das ist wirklich wahr. Wir behalten es für uns. Aber wenn du zustimmst – soll ich ihr für nächsten Samstag auch absagen? Wir können deine Ergebnisse dann in Ruhe durchsprechen."

„Klingt wie eine exzellente Idee."

Sie tauschten ein weiteres Lächeln aus, dann bemerkte Severus, dass er immer noch ihre Hand hielt und ließ sie leicht unwillig los. Er seufzte übertrieben.

„Also, weil du so hilfreich bist, schätze ich, dass das Geringste, was ich tun kann, ist, dich zu verpflegen. Bist du hungrig?"

„Ich verhungere. Es ist erstaunlich, wie viele Kalorien das Denken verbrennt. Guter Job, wirklich, oder mein Hintern hätte die Größe eines von Hagrids Kürbissen."

„Dein Hintern ist gut", sagte er, ohne nachzudenken. Schon wieder.

Sie sah ihn mit etwas an, das Zuneigung zu sein schien.

„Siehst du? Du kannst spontan charmant sein. Irgendwie."


Severus servierte Wildpastete zum Abendessen. Hermione war sehr beeindruckt, aber aus Ehre fühlte er sich verpflichtet, zuzugeben, dass dieses Mal seine Kochkünste nicht dafür verantwortlich waren.

„Es ist eine Gefälligkeit von Mary Trembath von der Farm die Straße hinunter. Im Austausch gegen ein paar Flaschen Hustensirup für ihre Zwillingsjungs."

Hermione sah ihn irgendwie fragend über den Rand ihres Weinglases an.

„Du bist hier nicht so isoliert, wie Pomona denkt, oder?"

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist unmöglich, an einem Ort wie diesem zu leben und nicht zumindest teilweise in die Gemeinschaft gezogen zu werden. Ich mag der Zauberergesellschaft den Rücken gekehrt haben, aber selbst ich kann nicht die ganze Welt ausschließen."

„Und was denken deine Nachbarn, wovon du lebst? Oder fragen sie nicht?"

„Du warst noch nie in Cornwall in einem Pub, oder?", antwortete er mit einem geschnaubten Lachen. „Sie fragen, glaub mir. Ich habe ihnen erzählt, dass ich ein Schriftsteller bin, der sich auch mit Pflanzenmedizin auskennt. Sie sind hier in der Gegend an Künstlertypen gewöhnt, also lassen sie mich meiner Wege gehen, jetzt da die anfängliche Neugier nachgelassen hat. Gesellschaft ist da, wenn ich sie möchte, aber es gibt keinen Zwang."

„Wie bist du dazu gekommen, hier zu leben?"

Severus dachte kurz nach, unentschlossen, wie viel er offenlegen sollte. Hermione, die sein Zögern als Reserviertheit zu deuten schien, fügte schnell hinzu: „Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst. Tut mir leid, ich war nur neugierig."

Severus schüttelte den Kopf, eine Entscheidung getroffen.

„Nein, es ist ok. Es ist nur nicht etwas, über das ich schon geredet habe, nicht einmal mit Pomona. Ich habe überlegt, wie ich meinen Gedankengang ausdrücken soll."

Er holte tief Luft, bevor er weitersprach.

„Als die anfängliche Freude, am Leben zu sein, nachließ, waren meine Wochen im Sankt Mungos keine schöne Erfahrung. Die Behandlung war unangenehm, aber das war wirklich erträglich und ich war sehr dankbar, sie zu erhalten. Probleme gab es, wie es so oft passiert, mit allen um mich herum. Ich wurde dem ganzen Umfang menschlicher Emotionen ausgesetzt, dank meiner nie enden wollenden Parade von Besuchern. Es reichte von kaum verhohlenem Unmut derer, die dachten, ich sei ein kaltherziger Mörder, bis zu den unverdienten Lobgesängen der genauso verrückten Individuen, die dachten, ich sei eine Art romantischer Held. Potter, der mich darüber informierte, dass er der ganzen Welt jeden Aspekt meiner oft bedauernswerten Vergangenheit bekannt gemacht hatte, war der letzte Tropfen. Ich verweigerte jedem außer dem Krankenhauspersonal für den Rest meines Aufenthalts den Eintritt."

Er hielt inne und trank seinen letzten Schluck Wein, sich sehr über Hermiones andächtiger Aufmerksamkeit bewusst.

„In diesen Tagen der herrlichen Ruhe erkannte ich etwas. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich tatsächlich tun, was ich wollte. Ich brauchte mir kein infernalisches Gemecker über Pflicht oder Ehre oder sogar Tränkestunden mehr anhören. Ich war beinahe gestorben, um sicherzustellen, dass Potter seinen glorreichen Augenblick bekam, und ich dachte, ich hatte mir verdammt noch mal einen friedlichen Ruhestand verdient. Also habe ich ihn mir genommen. Ich entließ mich selbst und fand ein stilles kleines Cottage so weit entfernt von Hogwarts, wie es ging, das ich mieten konnte. Wie es kam, lag es nur ein paar Meilen von hier entfernt. Ich fand diesen Ort als ich eines Tages spazieren ging, und das war es. Zauberergesellschaft erfolgreich umgangen. Bis die unverbesserliche Pomona Sprout entschied, mich zu ihrem neuen Projekt zu machen."

Hermione füllte ihre beiden Weingläser erneut.

„Pomona hat aber keine wirkliche Macht über dich, oder doch? Du könntest sie sehr leicht vollkommen von deinem Anwesen verbannen."

„Ich nahm den Weg des geringsten Widerstands. Ich versuche immer noch, herauszufinden, warum. Vielleicht werde ich weich auf meine alten Tage."

„Besser gesagt, du näherst dich der Senilität", antwortete Hermione mit schelmischem Lächeln. „Nein, ich denke, diese ganze Zeit für dich allein hat dich herausfinden lassen, wer du wirklich bist, im Gegensatz zu dem, was andere denken, dass du sein solltest. Und jetzt, da du es weißt, bist du selbstsicher genug, um es den Rest von uns auch herausfinden zu lassen."

„Interessante Theorie. Ich habe nicht gewusst, dass du dich an Psychologie versuchst. Hast du es an dir selbst schon ausprobiert? Weißt du, wer du bist?", forderte er sie heraus.

„Ich habe immer gewusst, wer ich war." Hermione lächelte wehmütig. „Der schwierige Teil für mich war, es akzeptieren zu lernen, anstelle zu versuchen, das zu sein, was erwartet wurde."

„Weasley?", fragte Severus mit einem ungewöhnlichen Gedankenblitz. Er wurde mit einem strahlenden Lächeln und einem harschen Lachen belohnt.

„Um fair zu sein, glaube ich nicht, dass Ron irgendeine Ahnung hatte, was er von mir erwartete. Ich wusste auf jeden Fall nicht, was ich von ihm erwartete. Wir sind immer noch gute Freunde, aber das ist auch genug. Ich wusste, dass es vorbei war, als er wegen der Arbeit drei Wochen weg war und alles, was ich fühlte, Erleichterung war, das Haus für mich zu haben."

„Vermutlich nicht gerade der Stoff für einen Liebesroman."

„Genau. Als er zurückkam, fragte er, ob ich ihn vermisst hatte, und ich sagte ‚Um brutal ehrlich zu sein, nein.'. Daraufhin lachte er und sagte, er hätte mich auch nicht vermisst. Also umarmten wir uns und das war es. Definitiv ein Blindgänger."

„Und jetzt wartest du auf jemanden, der ein Feuerwerk entfacht?", fragte Severus und bezog sich auf ihr Gespräch im Pub.

Hermione sah ihn gutgelaunt an. „So etwas in der Art, ja."

Severus hob ihr mit ironischem Lächeln sein Weinglas entgegen. „Ich wünsche dir allen Erfolg bei deiner Suche."

Hermione ließ ihr Glas an seines stoßen. „Und du gibst auch nicht auf, Glück zu finden."

Sie tranken und hielten dabei immer Augenkontakt.

Severus bestand darauf, am Ende des Abends Hermione die Straße zurück zu begleiten.

„Gute Nacht, dann", sagte sie mit einem warmen Lächeln. „Ich hatte eine wundervolle Zeit – danke."

„Es war mir ein Vergnügen. Und danke nochmals, dass du bereit bist, zu helfen."

Seit dem ersten betrunkenen Lebewohl nach der Vorlesung hatten sie sich auf verbale Abschiede beschränkt. Aber an diesem Abend trat sie aus einem Impuls heraus auf ihn zu und er öffnete seine Arme und schloss sie in eine warme Umarmung. Sie erwiderte sie und genoss das Gefühl seines festen, schlanken Körpers an ihrem. Dann holte ihr Gehirn ihre Sinne wieder ein. Sie trat von ihm weg, ein wenig unwillig, und sie lächelten sich noch einmal an.

„Ich sehe dich dann nächsten Samstag", sagte Hermione.

„Ich freue mich darauf. Pass auf dich auf. Arbeite nicht zu hart."

Mit einem leisen „krack" war sie verschwunden. Er hielt auf das Haus zu, zurück über den Pfad. Er kannte ihn gut genug, dass das wenige Licht des Mondes genug war, um ihn seinen Weg finden zu lassen.

Er ging durch die Vordertür hinein und schloss sie sanft hinter sich. Er erwartete, das gewohnte Gefühl der Erleichterung zu spüren, dass sein Frieden und seine Ruhe wiederhergestellt waren. Doch es kam nicht. Stattdessen fühlte er sich, zum ersten Mal seit vielen Jahren, allein.


Hermione ließ sich seufzend auf ihr Bett fallen. Ihr Kopf schmerzte von zu viel Denken. Nicht von den intellektuellen Anstrengungen des Nachmittags, nein, das hatte Spaß gemacht. Aber von dem Versuch, herauszufinden, was mit Severus los war. Also, nicht mit Severus, genaugenommen. Mit ihr und Severus. Sie wusste, was er von ihr wollte. Freundschaft. Er hatte sich überraschend eloquent zu diesem Thema ausgedrückt und sie war berührt von seiner schüchternen Erklärung, was sie ihm bedeutete. Allerdings hatte er im Pub auch klargemacht, dass er den Fakt nicht vergessen konnte, dass sie seine ehemalige Schülerin war.

Unglücklicherweise begann sie zu ahnen, dass sie nur zu leicht den Fakt außer Acht lassen konnte, dass er ihr ehemaliger Lehrer war. Er war einfach so anders als der Mann, den sie in der Schule gekannt hatte. Denn, natürlich, sie hatte ihn damals kaum gekannt. Die groben Züge waren immer sichtbar gewesen – die Intelligenz, die Intoleranz, die Intensität. Aber so viel war versteckt gewesen oder hatte sich nicht entwickeln dürfen. Seine liebende Loyalität, sein Sinn für Humor, seine Vermögen für kleine Handlungen aus Aufmerksamkeit. Und, egal wie sehr er es ablehnte, er brauchte Gesellschaft. Es tat ihr weh, daran zu denken, wie viel von sich selbst er so lange verneint hatte.

Jeden Tag, den sie mit ihm verbrachte, schien er ein wenig mehr zu enthüllen. Und je mehr er enthüllte, um so mehr mochte sie. Sie lachte innerlich über das andeutungsvolle Bild. Sie war ziemlich sicher, dass sie es auch mögen würde, wenn er sich auf diese Weise enthüllte. Er war überraschend, wie sehr ihre Meinung über die Persönlichkeit eines Menschen auf ihre Meinung über seine körperliche Attraktivität abfärbte.

Ihre Grübeleien wurden von einem leichten Schlagen am Fenster unterbrochen. Sie lief hinüber, um die Schleiereule, die ans Glas klopfte, hineinzulassen. Das schneeweiße kleine Geschöpf flog anmutig hinein und landete auf dem Kopfende ihres Bettes, den Fuß ausgestreckt, damit sie die Nachricht abnehmen konnte. Sie entrollte das kleine Stück Pergament und, mit gemischter Überraschung und Aufregung, erkannte Severus sichere, kantige Handschrift. Ihre Stimmung sank allerdings, als sie die Nachricht las.

Sprout schwer erkrankt. Flohe sofort zu Minervas Büro. Severus.

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