Kapitel 3 -Zimmernachbarinnen

Violettas Sicht

Als eine der Letzten stand ich von meinem Stuhl auf, da ich lieber wartete, anstatt mich ins ganze Gedrängel zu stürzen.

Caroline – oder wie ich sie eher nennen sollte – Caro war wohl genauso wenig erpicht darauf, denn auch sie stand erst jetzt auf.
Der Direktor und die ganzen Lehrer waren inzwischen schon gegangen.
Mrs. Cullen hatte uns noch kurz erklärt, wo sich das Abteil für die Mädchen und die Jungen befanden, aber finden würden wir es selber müssen.
Anscheinend wollten die uns hier testen oder sie machten sich einfach einen Spaß daraus.
Das Erste erschien mir dann aber irgendwie logischer.

„Ich bin schon gespannt wer und wie meine Zimmernachbarin sein wird", sagte Caro und in normalen Tempo gingen wir auf das schwarze Pinbrett zu, vor dem nun kaum noch welche standen.

„Ich auch. Ich hoffe ich verstehe mich mit meiner. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, nur wenig Lust mit einer Person zusammenzuleben, mit der ich nicht zurechtkomme", meinte ich und blieb dann stehen.

„Geht mir genauso", stimmte sie mir zu und warf einen Blick auf das Brett.

Neben den zwei Listen mit den Zimmeraufteilungen, war noch eine mit wichtigen Zeiten für Frühstück, Bettruhe und so weiter zu erkennen und ein Gebäudeplan.
Ob es den auch zum Mitnehmen gab?, überlegte ich und sah mir die Liste an, die ich jetzt brauchte.

Sallivan … Sauter … Scharf … ah … da stand mein Name.

Neben diesem ein anderer und die Zimmernummer.
Eine gewisse Maya Prakash und Zimmernummer 03.
Vom Namen her, nahm ich an, dass sie indischer Abstammung war.
Aber sicher konnte ich mir nicht sein.
Bei meinem Namen würde jeder auch gleich auf eine andere Herkunft schließen.
Nur nicht auf die Richtige.

„Oh … schade", kam es von der Seite und automatisch sah ich zu Caro.
„Ich hätte mich gefreut, wenn wir in ein Zimmer gekommen wären", erklärte sie, bevor ich fragen konnte.

Auch ich hätte mich gefreut, denn Caro schien ein nettes Mädchen zu sein.

„Wir haben bestimmt ein paar Kurse zusammen. Außerdem leben wir gemeinsam unter einem Dach. Wir können uns ja auch so sehen", versuchte ich sie aufzumuntern und ihre Mundwinkel zogen sich augenblicklich hoch.

„Stimmt!"

Einen Nachteil hatte es jetzt doch gehabt, zu warten, um nicht ins Gedrängel zu kommen.
Von den sechs Mädchen, die noch da gewesen waren, eingeschlossen mich, hatte keiner so wirklich die Ahnung wo wir hin mussten.
Und alle anderen waren schon weg und hatten ihre Zimmer schon bestimmt gefunden.
So kam es schließlich dazu, dass wir irgendwo zwischen zig Türen und mehreren Richtungsmöglichkeiten, unsere Koffer im Schlepptau, stehen blieben und uns ratlos ansahen.
Nun ja, jetzt wusste ich wenigstens, dass ich nicht die Einzige war, die in unbekannten, großen Gebäuden nicht zurecht kam.
Sehr tröstend war der Gedanke dann aber doch nicht, wenn ich ehrlich war.

„Keine Sorge, nach einiger Zeit finden Sie sich hier zurecht", erklang plötzlich eine melodisch klingende Stimme hinter uns.

Als ich mich halb umdrehte, erkannte ich Mrs. Whitlook, falls ich mich mit dem Namen nicht irrte.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie die Zimmer finden."

Es folgte ein fast einstimmiges „Danke", dann folgten wir ihr brav.
Wie sich herausstellte, hatten wir uns gar nicht so weit von dem Abteil für die Mädchen befunden.
Fast daneben, ist halt auch daneben.
Schließlich verabschiedete sich Mrs. Whitlook von uns und verschwand hinter der nächsten Ecke.

Mit den Worten „Wir sehen uns später" verabschiede sich auch Caro fürs erste von mir, da sie so gut wie am anderen Ende des Flurs ihr Zimmer hatte.
Mit einem mulmigen und gleichzeitig gespannten Gefühl drückte ich die Klinke der Tür mit der Nummer 03 runter und trat ein.
Und dank meinem Koffer nicht gerade geräuschlos.
Hinter mir schloss ich die Tür wieder und musterte das Zimmer kurz.
Auf der einen Seite stand ein gemütlichaussehendes Bett, ein dunkler Schrank, ein Schreibtisch in der selben Farbe, auf dem ein Laptop lag, und ein kleines Regal.
Die helle Wand war der perfekte Kontrast zu den dunklen Möbeln.
Auf der anderen Zimmerhälfte die gleiche Ausstattung.

„Hey."

Die kleine Person, die auf einem der Betten gesessen hatte, erhob sich und kam mit einem breiten Lächeln auf mich zu.

„Mein Name ist Maya. Ich freue mich schon auf unsere gemeinsame Zeit hier."

Sie wirkte so freundlich und offen, dass ich nicht anders konnte, als auch breit zurück zu lächeln.

Einen kurzen Moment musterte ich sie, was sie anscheinend auch tat.
Ihre Haut war von einem hellen braun, während ihre Haare von einem sehr dunklen Braun, fast Schwarz, waren. Deswegen stachen auch die hellen, grünen Augen aus dem zierlichen Gesicht besonders heraus.

„Hey, ich bin Violetta. Wem sagst du das?", stellte ich mich schließlich auch vor.

Mein Lächeln wurde zu einem Grinsen.
Ich freute mich wirklich riesig auf meine Zeit hier und mit Maya als meine Zimmernachbarin würde das sicher eine gute Zeit werden.
Immerhin schien sie nicht wirklich den Eindruck zu machen, als würde sie zu den Personen gehören, mit denen ich überhaupt nicht zurechtkam.
Denn ich konnte weder etwas mit Zicken, noch mit selbstgefälligen Menschen etwas anfangen.
Das war einfach nicht meine Welt, obwohl es auch Momente gab, in denen ich mal zickig werden konnte.
Die gab es aber zum Glück nicht so oft.

Während ich nur ein paar Minuten später dabei war, meinen Klamotten auszupacken – wenn ich es nicht gleich tat, würden meine Sachen noch in den nächsten Monaten in meinem Koffer liegen bleiben – unterhielten Maya und ich uns. Sie selbst hatte ihren Koffer schon längst ausgepackt, was doch etwas verwunderlich war, denn so lange hatte sie gar nicht in dem Zimmer sein können, als ich gekommen war.
Einen Koffer hatte ich ebenfalls nirgends entdeckt.
Egal.

Die Zeit verflog nur so, während wir über alles Mögliche redeten.
Mal ging es darum, woher wir kamen (mit ihrer Herkunft hatte ich doch Recht gehabt), mal was der andere für Lieblingsmusik oder Lieblingsbücher hatte.
Ich sags mal so: Wir hatten ausreichend Gesprächsstoff, ohne, dass uns dabei langweilig wurde.

Kurz vor drei Uhr, verließen wir wieder das Zimmer.
Zu meinem Glück hatte Maya einen viel besseren Orientierungssinn als ich, denn wir fanden ohne große Probleme den Weg zum Saal, in dem wir vorhin schon gewesen waren.
Bestimmt war es keine schlechte Idee die Schüler im Internat herumzuführen, aber spätestens morgen früh, hätte ich sowieso vergessen wo was war.