DISCLAIMER: Kapitel 3!

Ambers POV

Ich hatte mir noch nie groß Gedanken über den Verlauf meines Lebens gemacht. Eigentlich.
Schon neunzehn Jahre lebte ich mit dieser Einstellung, doch langsam spürte ich wie ich mir immer öfter eine entscheidende Frage stellte, die ich mir selbst nicht beantworten konnte.
Wer war ich?

Mein eigentlicher Name ist Christin-Amber Elizabeth Alice McKellan und mein Gott, wie ich ihn hasste, er war eindeutig zu lang. Ich werde aber nur Amy genannt, weil ich es vorzog mich bei Vorstellungen auf das zu beschränken. Kein Mensch konnte sich diesen Namen merken.

Momentan lebte ich mit meiner Mum, Danielle, in San Diego in einem kleinen Stadtteil namens Shelltown, wir zogen vor ungefähr 2 Jahren von England hierher.
Ich wurde in San Diego geboren und wuchs auch hier auf, doch irgendwann schien meine Mum genug von diesem Ort zu haben und wir lebten 3 Jahre in England, bis meine Mum dann doch wieder Heimweh bekam.

Einen Dad hatte ich nicht mehr, er war gestorben als ich ungefähr 2 war. Ich vermisste ihn nicht sehr, da ich außer Fotos und Videos kaum eine Erinnerung an ihn hatte.
Ich hasste San Diego und doch sagte ich nie etwas damit ich meiner Mum nicht noch mehr Sorgen machte. Sie hatte es schon schwer genug auch ohne meine Hilfe.

Durch einen Autounfall vor 5 Jahren konnte sie ihren rechten Arm kaum noch bewegen, da die Sehne fast komplett durchtrennt wurde. Sie war froh über jeden Job den sie bekam, wenn sie einen bekam.
Wir hielten uns also mit den Teilzeitjobs meiner Mum über Wasser.
Natürlich war ich schon öfters drauf und dran mir auch einen Job zu besorgen, doch meine Mum meinte ich solle erst die Schule fertig machen, sonst würde der Stress zu groß werden.
Also tat ich ihr den Gefallen.

Es war 7:33Uhr an irgendeinem Mittwochmorgen im Herbst, es war ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit und ich war an manchen Tagen der festen Überzeugung, dass es jeden Moment schneien würde.
Ich stand vor dem viel zu großen Spiegel in unserem viel zu kleinen Bad und machte mir meine langen, braunen, strubbeligen Haare zurecht. Was soviel hieß wie, Hände nass machen und einmal kräftig durchwuscheln.

Anders war meinen Haaren sowieso nicht beizukommen also entschied ich mich nach jahrelangen, verzweifelten Experimenten für die einfachste Variante. Ich sah bleich und ausgelaugt aus, da diese Nacht mich zu sehr gefordert hatte. Sämtliche Träume schienen etwas gegen mich zu haben.
Meine bernsteinbraunen Augen, die mir den Namen 'Amber' verpassten, sahen müde und farblos aus und die Augenringe darunter waren tief und lila. Ich schnitt diesem bedauernswerten Anblick in dem Spiegel eine Grimasse und ging schleppend aus dem Bad in mein Zimmer.

Natürlich hatte mich meine Mum gehört, da die Bodendielen ächzten und knarrten unter meinem Gewicht und dabei wog ich nicht wirklich viel..
Ich dachte ich wäre schnell genug in meinem Zimmer um mich umzuziehen doch bevor ich die Tür schließen konnte hörte ich meine Mutter schon ein Stockwerk tiefer rufen.

Christine-Amber?? Es ist 20 Minuten vor Schulbeginn! Wann gedenkst du denn mal loszufahren Fräulein? Ich rollte die Augen und verzerrte das Gesicht als sie mich so nannte. Mal ehrlich so hieß doch heutzutage niemand!
Bin gleich weg Mum. rief ich ihr zu, während ich die Tür mit einem Schlag zumachte.
Ich verstand es nicht, wieso die ganze Welt es akzeptierte, dass ich meinen ewig langen Namen nun mal nicht mochte. Jeder nannte mich so nur meine Mutter war unter keinen Umständen bereit das zu akzeptieren.

Eigentlich wusste ich ja den Grund oder glaubte zumindest ihn zu wissen. Meine Mutter wollte mich Amber nennen und mein Vater hatte diese Idee mit dem ewig langen Namen, er war halt ein Engländer, da war so was glaub ich normal.
Also verbanden sie das irgendwie. Wahrscheinlich wollte sie so die Erinnerung an Dad aufrechterhalten, weil sie fürchtete sie könnte ihn eines Tages vergessen.
Auch wenn sie mir immer bestätigte, dass alles bestens sei wusste ich, dass sie nie über seinen Tod hinweggekommen war.

Ich seufzte und wand mich meinem Kleiderschrank zu, der vor Klamotten schier zu platzen schien.
Ich wusste, dass ich heute recht spät dran war wie gewöhnlich und zog mir irgendwelche Klamotten raus in der Hoffnung, dass sie zusammenpassten. Eine dunkelblaue Jeans, ein weißes Hemd und eine rote Bluse würden meine heutigen Begleiter sein.

Als ich die Treppe hinuntergestolpert kam stand meine Mum schon mit verschränkten Armen vor der Anrichte in der Küche.
Ich weiß, ja dass du es irgendwie immer schaffst doch noch pünktlich zu kommen aber könntest du dir, und mir nicht diese morgendliche Rennerei ersparen und früher ins Bett gehen und früher aufstehen? funkelte sie mich an als ich mir den rechten Ballerina Schuh über den Fuß zog.
Mein Wecker klingelt doch schon um halb 7, Mum.
Ja, wenn du dann auch noch aufstehen würdest.. sagte sie mit einem leichten seufzen in der Stimme.
Ich sagte nichts mehr darauf, denn diese Diskussion war überflüssig da wir sie schon mehr als einmal geführt hatten.

Ich hüpfte mit dem Schlüssel in dem Mund und der Jacke über dem Arm zu meinem Auto, da der linke Schuh heute nicht so ganz wollte und fiel beinahe gegen die Tür. Die Jacke schmiss ich rücksichtslos auf den Beifahrersitz.

Der Motor stöhnte als ich den Wagen anließ und ich stimmte mit ein. Ich war froh, wenn er sich überhaupt beim ersten Versuch starten ließ. Das Auto, ein 67er Chevy Camaro, bekam ich von meiner Mum geschenkt, als wir hierherzogen. Mir war klar, dass wir nicht viel Geld zur Verfügung hatten und, dass das Auto schon die Grenze war was meine Mum ausgeben konnte.

Aber ich wünschte mir wahrscheinlich nichts mehr auf der Welt als endlich mal ein Auto, dass auch nach Auto aussah. Wir lebten nun mal nicht mehr im Jahr 1967.
Ich legte den Rückwärtsgang ein und fuhr, oder kroch aus der Einfahrt.
Noch blieben mir 13 Minuten um zur Schule zu kommen. Normalerweise brauchte ich für den Weg 15-20 Minuten je nach Verkehr aber irgendwie lag das Glück tagtäglich auf meiner Seite und ich kam dieses Jahr noch nicht einmal zu Spät in den Unterricht.

Auf dem Weg wurde der Himmel schnell dunkler und tiefschwarze Wolken wölbten sich über mir zusammen, die nichts gutes verkünden konnten.
Langsam hatte ich wirklich genug von diesem furchtbaren Wetter. Normalerweise ist San Diego bekannt für seine wunderschönen Sonnentage, doch in letzter Zeit war das Wetter einfach grauenhaft.
Jeden Morgen zog ich mich für warmes Wetter an in der Hoffnung es würde sich an meinen Kleidungsstil anpassen, doch natürlich wurde ich jedes Mal aufs Neue enttäuscht. Je weiter ich fuhr, desto dunkler wurde der Himmel über mir bis es schließlich kurz vor der Schule anfing zu regnen.

Was ein Glück hab ich an meine Jacke gedacht. Ich ließ meinen Blick kurz hinüber auf den Beifahrersitz schweifen auf dem die uralte, löchrige Jacke meiner Mum lag. Mann könnte meinen wir hätten nichts anderes. Leider war dem auch so.
Auf dem Parkplatz der Schule schaute ich noch einmal auf die Uhr. Na bitte, noch 2 Minuten blieben mir, bis der Unterricht anfing. Wenn ich rannte reichte mir das vorne und hinten.

Ich brachte das blecherne Ungetüm zum Schweigen, stieg aus und zog mir noch in der selben Bewegung die Jacke über.
Der Regen hatte sich innerhalb Sekunden verschlimmert und noch während ich über den Parkplatz rannte schüttete es heftig und ich wurde, trotz der Jacke, klitschnass.
Mittlerweile kannte ich die Schule und ihre Gänge in und auswendig und so brauchte ich nur ein paar Sekunden um meinen Spint zu öffnen und meine Bücher rauszuholen. Kaum war das erledigt, fand ich mich auch schon im Unterrichtsraum für Chemie wieder.

Natürlich war unser Chemielehrer Mr. Browns schon anwesend und mahnte mich mit einem Kopfschütteln, doch noch hatte die Schulglocke nicht geläutet also ging ich seelenruhig zu meinem Platz.
Die anderen schien es zu amüsieren, dass ich dank meiner Verspätung klitschnass geworden war, doch ich hatte meine eigene Methode, ihnen ihr Gelächter heimzuzahlen.
Ich zog meine Jacke aus und hing sie mit einem kräftigen Schlenker über die Lehne meines Stuhles. Als ich saß schüttelte ich meine Haare wie ein nasser Hund.

Hinter mir hörte ich nur aufschreie und ´iiihs und wääh's´, was mich zum Grinsen brachte.
Nachdem ich, den kichernden Schülern eine Dusche verpasst hatte, erntete ich noch einen zurechtweisenden Blick von Mr. Browns doch den Rest der Stunde wurde ich ignoriert.
Chemie war wirklich kein Fach das mir besonders lag also war ich froh über die Ignoranz meines Lehrers. Am Ende der Stunde wurden wir noch für 5 Minuten länger dabehalten, da Mr. Browns unser stellvertretender Schuldirektor war der eine Ankündigung zu machen hatte.

Gelangweilt schon von den ersten 50 Minuten Unterricht an diesem Tag, versuchte ich mit wenigstens einem Ohr noch zuzuhören.
So, liebe Schüler. Wie ihr sicher wisst, werden morgen einige Referendar Anwärter hier in die Schule kommen. Einer davon wird auch euer neuer Chemielehrer bzw. Lehrerin für die nächsten 4 Monate sein. Ich möchte, dass ihr euch morgen benehmt, höflich seid und die Leute auch grüßt, wenn ihr ihnen begegnet! Nur weil sie ein klein wenig älter sind als ihr, könnt ihr sie noch lange nicht mit "Hey, Alter wie gehts?" ansprechen.

Als Mr. Browns bei "Hey, Alter.." eine Geste machte, ging ein leises Lachen durch die Klasse. Dieser Mann war eindeutig zu alt um cool zu sein.
Dann antworteten alle in dem selben, monotonen und gelangweilten Ton.
Jaaa Mister Browns. Ein Glück war es damit auch endlich getan und wir durften zu unserer nächsten langweiligen Stunde gehen.

Am Abend gegen 18 Uhr war dann endgültig schluss mit lesen, Kopfnicken, so tun als würde man etwas aufschreiben und interessiert gucken.
Nachmittagsunterricht war wirklich, grob gesagt, zum kotzen.
Und es nieselte immer noch.
Ich machte mich so schnell es ging auf den Heimweg und siehe da, kaum 11 Minuten später parkte ich meine alte Klapperkiste in unserer Einfahrt.

Ich konnte gar nicht beschreiben wie froh ich war als ich den Schlüssel in dem Schloss unserer Haustür herumdrehte und mein gemütliches Sofa schon in reichweite war.
Doch soweit sollte ich gar nicht kommen. Kaum hatte ich die Tür geöffnet sprang mir meine Mutter schon förmlich entgegen.

Christin?! Du musst unbedingt nochmal los! Ich hab gerade bemerkt, dass die Milch schlecht geworden ist, du musst neue holen Schatz.
Nicht, dass sie hätte fragen können nein, meine Mum befahl grundsätzlich immer. Ein "könntest du bitte?" Oder "würdest du so lieb sein?" nein sowas gabs nicht.
Ich seufzte, legte meine Tasche in die Ecke des Flures und drehte mich auf dem Absatz um.
Ich bin dann gegen 10 Uhr wieder da. Wenn ich sowieso nochmal in die Stadt muss, werd ich nochmal in der Bücherei rumwühlen. Mr. Cole verlangt bis Montag ein Referat über die Verhaltensweisen von Schnabeltieren., entgegnete ich ihr tonlos.
Irgendetwas antwortete sie mir noch, doch ich war einfach zu erschöpft für heute um das zu registrieren.
Also machte ich mich auf den Weg in die Stadt.

Während die Stunden in der Bibliothek verflogen und mein Kopf sich anfühlte als würden die Wörter aus den Büchern sich in meinem Gehirn anstauen, bemerkte ich beinahe nicht, dass es Zeit zum Aufbruch war.
Es war schon fast 21 Uhr und ich musste los um noch alles zu besorgen, was mir in der Bücherei noch eingefallen war, denn momentan sah unser Kühlschrank ein wenig ausgehungert aus.

Ich war die Ausgaben sogar mehrmals durchgegangen, damit ich ja nicht zuviel Geld ausgab, denn besonders viel hatten wir nicht, denn das meiste ging für die Miete drauf.
Ich packte die Bücher ein, die ich noch verwenden wollte, ging zur Verleihtheke und machte mich zu Fuß auf den Weg zum Supermarkt 1 Block weiter.

Als ich die Straße entlangschlenderte kramte ich den Zettel nochmal heraus und überging nocheinmal was ich einzukaufen hatte. In der Ferne hörte ich schon, dass der Irish Pub, der sich 2 Häuser vor dem Supermarkt befand, näher kam. Bis auf die Straße hörte man das Klirren von Gläsern, lachen, rufen und ganz normales Gebrabbel der Schnapsleichen.

Ich ignorierte es, wie immer wenn ich Abends hier entlangkam.
Ich rechnete zur Sicherheit noch mal alles genau nach und nocheinmal.
Aus heiterem Himmel stieß ich gegen einen steinharten Gegenstand, obwohl ich mir sicher war, dass ich mich mitten auf dem Gehweg befand.
Im nächsten Moment fand ich mich auf dem Boden wieder und schaute erst einmal verwirrt um mich. Vor meinen Füßen stand ein junger Mann der unberührt auf mich herabsah. Gegen was konnte ich denn gelaufen sein?
Es war wie eine Mauer gewesen, doch hier stand weit und breit nichts außer diesem Kerl.