Okay, wie immer: Diese Fanfiction gehört leider nicht mir, sondern DQRC, ich bin nur die Übersetzerin. Link zu Original = in meinem Profil.

Kapitelsong: 'Don't Speak' von No Doubt. Der perfekte Song für die Situation zwischen Edward und Bella in diesem Kapitel.


Don't speak
I know what you're thinking
I don't need your reasons
Don't tell me cause it hurts


Sibirien

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, brauchte ich erst einmal eine Minute, bis mir wieder einfiel, warum ich mich so furchtbar fühlte. Mein ganzer Körper tat weh als hätte ich in einer Schlacht gekämpft; meine Augen brannten von dem Salz getrockneter Tränen und meine Kehle war schrecklich trocken. Zuerst versuchte ich mich zu erinnern, welcher Albtraum eine derartige Müdigkeit hervorgerufen hatte, doch dann strömten die Ereignisse des letzten Tages mit übelkeitserregender Klarheit auf mich ein.

Die Cullens in Rochester; Edward als er sich in meinem Klassenzimmer setzte, einer meiner Schüler.

"Arrgh", stöhnte ich, als ich mich auf die Seite rollte und die Augen in der vergeblichen Hoffnung fest zukniff, dass ich dadurch wieder einschlafen und den Tag am Geschehen hindern könnte. Leider schien der Mangel an Licht meinen Gedanken mehr Platz zum Umherschweifen zu geben, denn die Erinnerungen kehrten mit erhöhter Intensität zurück.

Edward in meinem Klassenzimmer, sein bronzenes Haar glänzte im Licht und seine Honigaugen strahlten, als er meinen Namen flüsterte …

Ich riss die Augen auf und setzte mich gerade hin. „Hör auf", ermahnte ich mich mit heiserer Stimme. „Hör auf, an ihn zu denken." Die Bilder erloschen und einen kurzen Moment lang triumphierte ich … bis mir auffiel, dass ich mich mit meinem eigenen Unterbewusstsein stritt. Resigniert fand ich mich damit ab, dass ich auf dem besten Weg war, vollkommen verrückt zu werden, zwang mich, das Bett zu verlassen, und machte mich für die Arbeit fertig.

Dennoch konnte ich meine Gedanken nicht endgültig zum Schweigen bringen und es dauerte nicht lange, bis sie erneut zu Edward wanderten. Wo war er jetzt gerade? Wie hatte er der Schule sein Verschwinden erklärt? Was hatte er seiner Familie erzählt? Und, diese Frage beschäftigte mich am meisten, dachte er gerade an mich? Es war eine albere Hoffnung und größtenteils unbegründet, aber ich konnte sie dennoch nicht ignorieren. Vielleicht war es Wunschdenken, aber ich hatte mir eingebildet, gestern irgendeine Emotion in Edwards Augen schimmern gesehen zu haben, die über bloße Überraschung hinausging. Es war bei Weitem nicht genug, um meine Wünsche zu erfüllen, aber ich war mir sicher, dass unsere Begegnung Edward nähergegangen war, als er es sich hatte anmerken lassen. War es möglich, dass er mich vermisst hatte, wenigstens ein winziges bisschen? Oder - ich wagte es kaum zu denken - bereute er es, mich verlassen zu haben? Ich betrachtete mich im Spiegel, während ich mir die Zähne putzte, und fühlte mich ein wenig hoffnungsvoller.

Aber als ich mein Spiegelbild noch einmal ansah, verebbte meine Überzeugung genauso schnell, wie sie gekommen war. Meine Haare waren abgestumpft und widerspenstig; meine Haut war fleckig und ich hatte dunkle Ringe unter den Augen, die selbst eine dicke Schicht Make-up nicht hätte vertuschen können. Ich sah schrecklich aus. Natürlich liebte Edward mich nicht oder empfand mir gegenüber auch nur irgendetwas; wenn es so wäre, hätte er gestern etwas zu mir gesagt; er wäre mir gefolgt, als ich das Klassenzimmer verlassen hatte; er hätte mich gar nicht erst verlassen. Er wollte mich nicht; das hatte er damals im Wald gesagt, und keine meiner Fantasien konnte diese Worte jemals ungeschehen machen.


Als ich schließlich bei der Schule ankam, war ich komplett von Edwards Gleichgültigkeit mir gegenüber überzeugt, und während ich aus dem Bus stieg und über den verschneiten Parkplatz ging, fragte ich mich müßig, wohin er und seine Familie als Nächstes gehen würden. Gerade als ich mich auf Kanada festgelegt hatte, sah ich sie.

Emmett, Rosalie, Alice und Jasper standen am anderen Ende des Parkplatzes und waren scheinbar in eine ernste Diskussion verwickelt. Ich stand da und glotzte sie an, unfähig, wegzuschauen. Ich war fast so überrascht, sie zu sehen, wie gestern, als ich Edward begegnet war. Was machten sie noch hier? Ich war mir so sicher gewesen, dass sie Rochester sofort verlassen hatten, nachdem sie erfahren hatten, dass ich da war; aber da standen sie, ihre vertrauten Gesichter genauso übernatürlich schön und auffällig wie immer. Edward jedoch, fiel mir plötzlich auf, war nicht anwesend.

Schnell tastete ich mit meinem Blick die Umgebung ab, aber keine Spur von ihm. Was hat das zu bedeuten?, fragte ich mich, fand aber keine Antwort. Natürlich war es möglich, dass Edward ohne seine Familie abgereist war, doch ich bezweifelte, dass das der Fall war. Die Cullens waren eine Einheit; wo einer hinging, folgten die Anderen. Das hatte ich in Forks auf schreckliche Weise lernen müssen. Ich sah die anderen an, die immer noch redeten. Ich überlegte hin und her, ob ich zu ihnen gehen oder einfach weiterlaufen sollte, aber plötzlich wurde mir diese Entscheidung abgenommen. Ihre Unterhaltung endete abrupt, als Emmett über Alices Kopf schaute und mich entdeckte. Er flüsterte den anderen dreien etwas zu, und auch sie starrten mich schweigend an. Auf einmal wurde mein Gesicht ganz heiß und ich wandte mich verlegen ab. Ich fühlte mich nicht bereit zu erörtern, warum ihr Bruder sie verlassen hatte, falls er das tatsächlich getan hatte. Sicher, dass sie mir nicht folgen würden, hastete ich zu meiner ersten Stunde davon, die glücklicherweise auf der anderen Seite des Campus stattfand.

Der Rest des Tages verging ohne weitere Sichtungen der Cullens. Während ich von Stunde zu Stunde ging, merkte ich, wie ich ruhiger wurde und mich wieder in den Schulrhythmus einfand. So hätte der erste Tag des neuen Semesters laufen sollen, dachte ich, als ich Aufgaben verteilte und Fragen mit überraschender Leichtigkeit beantwortete. Jetzt, da Edward weg war, konnte ich mich wieder konzentrieren und schaffte es sogar, mich zu entspannen. Nicht einmal die Erkenntnis, dass ich nach dem Mittagessen wieder die Elftklässler – Edwards Klasse – hatte, konnte mich abschrecken und ich verließ das Lehrerzimmer relativ gutgelaunt.

Als ich den Gang, der in den Block 12 führte, betrat, blieb ich jedoch abrupt stehen. Ich hatte mir eingebildet, ich hätte etwas Bronzenes bei der Klassenzimmertür aufblitzen gesehen … aber nein, das war unmöglich. Ich bildete mir schon wieder Dinge ein. Ich schüttelte mir die Haare aus den Augen, atmete tief durch und ging durch die Tür … wo ich wie angewurzelt stehenblieb. Edward saß auf demselben Stuhl wie gestern, lässig gegen die Wand gelehnt, die unverhohlenen Blicke, die ihm der weibliche Anteil der Klasse zuwarf, bemerkte er offenbar nicht. Während ich vollkommen geschockt dastand, sah er sich um und unsere Blicke begegneten sich. Einen Sekundenbruchteil lang fühlte es sich so an, als wollte er mir mit seinen Augen etwas mitteilen, aber bevor ich sicher sein konnte, schaute er wieder weg.

Auf wackligen Beinen ging ich zu meinem Stuhl. Ich war vollkommen sprachlos. Ich war mir so sicher gewesen, er würde abreisen; nicht einmal war mir in den Sinn gekommen, dass er bleiben könnte. Was tat er hier noch? Warum war er nicht gegangen, wie beim letzten Mal? Mein Gehirn lief auf Hochtouren, während ich jeden plausiblen Grund beleuchtete, der erklären könnte, warum Edward immer noch da war, aber keiner schien zutreffend zu sein. Der einzige Schluss, den ich ziehen konnte, war, dass Edward aus irgendeinem unverständlichen Grund dachte, er hätte was mich anging noch 'unerledigte Angelegenheiten' zu klären. Das ließ nichts Gutes ahnen und in mir stieg absolutes Grauen auf.

Die Stunde verging wie im Nebel. In dem Moment, in dem ich Edward entdeckt hatte, war sämtliche Zuversicht, die ich im Laufe des Morgens aufgebaut hatte, verpufft, um von einem grausigen Gefühl der Verwirrung und Unsicherheit ersetzt zu werden. Während ich der Klasse einen Vortrag über die Liebe von Elizabeth Bennett und Mister Darcy hielt, waren alle meine Gedanken auf meine Gefühle für Edward gerichtet. Immer wieder schaute ich aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber und sah weg, sobald er es bemerkte. Die ganze Situation war so kindisch, dass es schon fast ins Komische hineinging. Während die letzten fünf Minuten der Stunde verstrichen und ich der Klasse die nächsten Aufgaben zuteilte, traf ich eine Entscheidung. Ich würde nicht darauf warten, herauszufinden, warum Edward in Rochester geblieben war; ich bezweifelte, dass ich auch nur mit ihm reden konnte, ohne zu weinen. Ohne den Überraschungseffekt würde es schwieriger werden, erfolgreich aus dem Klassenzimmer zu fliehen, aber ich musste es nichtsdestotrotz versuchen.

Es klingelte und plötzlich sprang die ganze Klasse auf. Redend und laut lachend strömte der ungebändigten Haufen Richtung Tür. Ohne nachzusehen wusste ich, dass Edward, durch das menschliche Tempo eingeschränkt, in dem Gedrängel feststeckte. Ich musste verschwinden, ehe er eine Chance hatte, mich anzusprechen. Ich rang mit meiner Tasche und versuchte meine Habseligkeiten so schnell wie möglich hineinzustopfen, schaffte es aber, meinen Mantel dabei im Reißverschluss einzuklemmen. Schneller, schneller, schneller!, kreischte mein Hirn. Wenn ich hier in den nächsten paar Sekunden nicht rauskam, war es zu spät. Edward würde mich zweifellos in die Enge treiben, und was sollte ich dann tun? Ich zuckte zusammen – schon über ein Gespräch mit Edward nachzudenken schmerzte; Zeit für einen flotten Abgang. Mit einem triumphierenden „Ha!" gelang es mir schließlich, meine Tasche zu schließen, und ich schaute auf.

Es war zu spät.

In meinen Kampf mit der Tasche vertieft hatte ich gar nicht bemerkt, dass alle Schüler das Klassenzimmer verlassen hatten … alle bis auf einem. Edward stand bei der Tür, reglos und starr, als wäre er aus Stein gehauen. Ich fühlte, wie mein Herz schneller schlug, und verfluchte mich; er konnte jeden einzelnen Schlag hören. Ich schaute zur Tür und dann wieder zu seiner bewegungslosen Gestalt, während ich einschätzte, wie groß meine Chance auf Entkommen war. Wenn ich einfach an ihm vorbeiginge ohne ihm in die Augen zu sehen, würde er mich vielleicht kommentarlos gehen lassen. Ich beschloss, dass es meine einzige Hoffnung war, wappnete mich und ging auf die Türe zu, die Augen fest auf den vor mir liegenden Korridor gerichtet. Ein paar Augenblicke lang schien es überraschenderweise tatsächlich zu funktionieren. Ich war nur noch ungefähr einen Meter von der Tür entfernt und er hatte noch nichts gesagt. Bebend vor Erleichterung erhöhte ich mein Tempo. Noch drei Schritte, zwei, ein-

„Bella", murmelte er.

Ich fühlte, wie meine Hoffnung in Stücke fiel. Widerwillig hob ich die Augen und unsere Blicke verschränkten sich. Wieder einmal erschlug mich die Vollkommenheit seiner Erscheinung. Es war so ungerecht, dass jemand so wahnsinnig gut aussehen konnte, dachte ich im Stillen, während meine Augen gierig jedes noch so kleine Detail von ihm aufsaugten.

"Hallo Edward", hauchte ich, als ich meine Augen von ihm losriss. Ein Gespräch mit ihm konnte ich jetzt nicht mehr vermeiden; meine einzige Hoffnung war, es so kurz wie möglich zu machen. Wir schwiegen unbehaglich, bis er die Stille brach.

"Wie ist es dir ergangen?", fragte er zögerlich. Ich starrte ihn ungläubig an. Was glaubte er, wie es mir ergangen war? Entweder wollte er nur höflich sein, oder er hatte keine Ahnung, wie sehr er mich zerstört hatte. Oder vielleicht war es auch einfach bequemer für ihn, so zu tun, als wäre ich nie so besessen von ihm gewesen. Er räusperte sich leise und mir fiel plötzlich auf, dass ich seine Frage immer noch nicht beantwortet hatte. FURCHTBAR!, wollte ich schreien, Ich will dich, ich liebe dich, warum musstest du mich verlassen?

"Gut", antwortete ich. Meine Manieren zwangen mich, ihn dasselbe zu fragen, und er gab eine ähnliche Antwort. Unsere gestelzte Unterhaltung dauerte noch ein paar Minuten an, als wir uns nach der Familie des jeweils anderen erkundigten. Meine Verlegenheit und die chaotischen Gefühle, die ich empfand, wenn ich Edward ansah, erschwerten es mir, mich in das Gespräch einzubringen. Immer wieder brachte er mich mit intensiven, suchenden Blicken aus der Fassung, was es mir noch schwerer machte, und ich schaffte es kaum, ihm länger als ein paar Sekunden in die Augen zu sehen. Erst als wir das Thema wechselten und ich ihn fragte, wo er vor seinem Umzug nach Rochester gelebt hatte, vergaß ich, mich unbehaglich zu fühlen.

"Sibirien?!", rief ich erstaunt. Diese Antwort hatte ich definitiv nicht erwartet. Sofort fragte ich mich, warum er einen so weit entfernten Ort gewählt hatte … bis ich mit einem Gefühl der Demütigung bemerkte, dass genau das der springende Punkt war. Sibirien ist der Ort, der am weitesten von mir entfernt ist. Der Gedanke, dass Edward so verzweifelt Abstand zwischen uns bringen wollte, dass er ans andere Ende der Welt zog, reichte beinahe, um mir einen Nervenzusammenbruch zu bescheren. Ich traute mir nicht zu, etwas zu sagen, ohne in Tränen auszubrechen, also unterließ ich es tunlichst, ihn anzusehen. und spielte stattdessen missmutig mit meinem Ärmel herum, während ich mich im Stillen fragte, wann Edward mich gehen lassen und die Folter beenden würde.

Leider schien die Botschaft nicht bei ihm anzukommen.

"Äh, Bella", sagte er mit unsicherer Samtstimme, "ich … also, was ich sagen wollte …" Wider besseren Wissens sah ich neugierig zu ihm auf. Noch nie hatte Edward Schwierigkeiten gehabt, sich auszudrücken; selbst in den angespanntesten Momenten waren ihm die Worte mühelos über die Lippen gekommen. Ich wunderte mich, was sich geändert hatte. Ich sah, wie er tief durchatmete und es nochmal versuchte.

"Gut, also, wir müssen reden, Bella." Als ich diese Worte hörte, verweigerte mein Körper auf der Stelle den Dienst; sie erinnerten mich gewaltsam an das, was er in jener Nacht in Forks gesagt hatte, bevor er mich für immer weggeworfen hatte. Und plötzlich, mit einem Gefühl schrecklicher Gewissheit, begriff ich; er würde es wieder tun. Aus irgendeinem Grund war es für ihn keine brauchbare Option, Rochester zu verlassen, und nun er würde gleich auf die einzige andere Möglichkeit zurückgreifen, sich vor mir in Sicherheit zu bringen: nämlich die Gefühle auffrischen, mit denen er mich vor sechs Jahren zurückgelassen hatte.

Ich wusste, es war nur eine Frage von Sekunden, ehe er mich daran erinnern würde, dass er nichts für mich empfand … und plötzlich wurde mir klar, dass ich es nicht hören wollte. Nicht jetzt, nicht nach all den Jahren. Ich wusste, dass er mich nicht liebte; ich brauchte seine Bestätigung nicht. Die Worte ein weiteres Mal zu hören wäre unendlich viel schmerzhafter als sie einfach nur zu akzeptieren, und sicherlich konnte ein Herz nur soundso oft gequält werden, bevor es in Stücke brach, oder?

"Bitte Edward", sagte ich, wobei ich es nicht ganz schaffte, den flehenden Ton in meiner Stimme zu verbergen. „Tu das nicht."

Er zog die Augenbrauen zusammen und sah mich perplex an. „Aber Bella, ich muss-"

„Nein, musst du nicht." Warum war er so darauf aus, mein Herz nochmal zu brechen? Glaubte er wirklich, ich hätte seine letzten Worte, seine Zurückweisung vergessen? Schon der Gedanke war lachhaft.

"Aber Bella", fuhr Edward mit einem verwirrten und doch entschlossenen Gesichtsausdruck fort. Seine resolute Miene zeigte mir, dass ich mich nicht ewig gegen ihn zur Wehr setzen konnte, und ich zermarterte mir das Hirn nach Worten, die ihn überzeugen würden, dass ich nicht versuchen würde, unsere Beziehung wiederaufleben zu lassen.

"Bitte, Edward", flehte ich, und meine Brust schmerzte in Erwartung der scheinbar unvermeidlichen Qual, erneut zurückgewiesen zu werden. „Ich weiß, was du sagen willst, und ich will es nicht hören. Ich kann nicht behaupten, dass ich dasselbe empfinde, und das tut mir auch wirklich leid, aber ich sehe ein, dass du nun einmal so empfindest, und ich werde mein Bestes geben, damit es nicht unangenehm für dich wird." Ich hielt kurz inne, bevor ich unehrlich hinzufügte: „Es ist jetzt sechs Jahre her und ich bin darüber hinweg, also können wir es bitte hinter uns lassen?" Die Lüge kam mir mit überraschender Leichtigkeit über die Lippen. Ganz egal, ob ich sechs Jahre Zeit hatte oder sechshundert; ich würde nie über Edward hinwegkommen.

"Bella, ich glaube, du verstehst nicht, was ich sagen will", beharrte er mit gequälter Stimme.

Schön langsam fühlte ich mich leicht irritiert. Natürlich verstand ich, musste er mir seine Abscheu wirklich Silbe für Silbe vorbuchstabieren?

„Im Gegenteil", erwiderte ich, „Ich verstehe es nur zu gut."

Er antwortete nicht sofort und ich seufzte innerlich vor Erleichterung. Als ich jedoch in sein Gesicht schaute, überraschte mich, was ich dort sah. Ich hatte erwartetet, er wäre erleichtert über meine Worte, doch seine Reaktion ergab keinen Sinn für mich. Er starrte mich mit einer Mischung aus Frustration und – wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich geschworen, es sei Verletztheit – an. Aber das war vollkommen absurd; wie konnte irgendetwas, das ich sagte, eine solche Auswirkung auf Edward haben?

Unnachgiebig starrte er mich an, und ich begann mich leicht unbehaglich zu fühlen. Plötzlich fiel mir ein, dass ich keine Ahnung hatte, ob meine mentale „Barriere" gegen seine Fähigkeiten immer noch funktionierte; es war gut möglich, dass er in genau diesem Moment meine Gedanken las. Ich musste es herausfinden – ich hatte nichts zu verlieren; wenn er meine Gedanken wirklich hören konnte, dann wusste er sowieso schon von meiner ununterbrochenen Sehnsucht nach ihm. Edward, dachte ich zögernd; auf diese Weise hatte ich noch nie mit ihm kommuniziert; ich liebe dich immer noch. Ich habe dich immer geliebt und ich werde dich immer lieben und ich wünschte von ganzem Herzen, dass du dasselbe für mich empfindest. Ich hielt den Atem an, suchte in seinem Gesicht nach einem Zeichen, dass er es gehört hatte.

Keine Reaktion.

Meine Erleichterung vermischte sich mit einem leichten Gefühl der Enttäuschung, als ich zu dem Schluss kam, dass meine Gedanken für ihn immer noch genauso verschlüsselt waren wie damals. Edward sagte wieder etwas, zwang mich, seinem Blick erneut zu begegnen.

"Bist du sicher, dass du wirklich so empfindest?", fragte er. Seine Samtstimme war beherrscht, aber seine Augen durchbohrten mich weiterhin mit einer seltsamen Dringlichkeit. Die Frage überraschte mich. Was kümmerte es ihn, ob es wahr war oder nicht; seine einzige Sorge war doch bestimmt, dass ich versuchen könnte, ihn zu verfolgen, jetzt, da sich unsere Wege ein weiteres Mal gekreuzt hatten? Obwohl ich den Grund hinter dieser Frage nicht verstand, wusste ich doch eines hinsichtlich meiner Antwort: Ich musste ihn freigeben. Ich musste ihm ein für alle Mal versichern, dass ich überhaupt keine Erwartungen an ihn hatte. Ich zwang mich, nicht zu weinen, als ich ihm hartnäckig ins Gesicht sah und mit langsamer und gemäßigter Stimme sagte:

"Ja, das bin ich." Sobald diese Worte meine Lippen verlassen hatten, fühlte ich den vertrauten Schmerz, als das Loch in meiner Brust aufklaffte. Ich krümmte mich leicht zusammen und schlang die Arme fest um meinen Oberkörper, doch trotz des Resultats würde ich diese Äußerung auf keinen Fall zurücknehmen. Es war vorbei; es gab kein Zurück mehr. Der Schmerz in meiner Brust wurde leicht durch das Wissen abgemildert, dass ich Edward eine Chance gegeben hatte, glücklich zu sein. Noch immer war mir sein Wohlbefinden mehr wert als alles andere, und obwohl es mich umbrachte, war ich dennoch froh, dass er nicht durch dieselbe Hölle gegangen zu sein schien wie ich in den letzten sechs Jahren.

Auch wenn meine Gefühle noch so wohlwollend waren, benahm sich mein Körper nicht entsprechend, und ich fühlte, wie meine Augen sich mit den heißen Tränen füllten, die ich bis jetzt unterdrückt hatte. Verdammt, Bella!, schimpfte ich mich. Du kannst jetzt nicht vor ihm zu weinen anfangen; du ruinierst alles!

Ich hielt es nicht länger aus; ich musste weg von hier. Weil ich es nicht wagte, ihn nochmal anzusehen, wich ich Edward aus und lief fluchtartig an ihm vorbei Richtung Tür. In der Eile blieb ich mit dem Absatz meines Stiefels am Tischbein hängen; ich machte mich auf den unvermeidlichen Aufprall gefasst … aber er blieb aus. Zwei wunderbar vertraute Arme stoppten meinen Fall und legten sich um meine Taille, zogen mich in eine beschützende Umarmung.

Ich wirbelte herum und sah, dass Edward leicht überrascht dreinschaute, als hätte er ohne nachzudenken gehandelt. Ich dachte, er würde mich sofort loslassen, angewidert oder zumindest peinlich berührt über unsere plötzliche Nähe. Darum erschreckte mich der Ausdruck in seinem Gesicht. Eine Sekunde lang wirkte es fast so, als würde er innerlich eine Entscheidung treffen. Dann glättete sich seine Stirn, seine Mundwinkel verzogen sich zu seinem vertrauten schiefen Lächeln und seine Augen begannen zu glühen. Ich spürte, wie mein Körper erstarrte, als er einen weiteren Schritt auf mich zu machte und den Abstand zwischen uns schloss, bis unsere Körper sich aneinanderpressten.

Oh mein Gott.

Ich konnte nicht denken; ich konnte kaum atmen; alles, was ich sehen konnte, war Edward. Seine Brust und seine Schultern, so perfekt definiert; seine funkelnde Haut, die eigensinnigen bronzenen Haarsträhnen, die ihm lässig in die Augen fielen … Gott, seine Augen. Selbst wenn mein Gehirn in der Lage gewesen wäre, vollständige Sätze zu formen, gäbe es keine Worte, mit denen man beschreiben könnte, wie er mich gerade ansah. Wenn er mich nicht in seinen Armen gehalten hätte, wäre ich bestimmt zusammengebrochen und zu einer Pfütze auf dem Fußboden geschmolzen. Tief in meinem Inneren fühlte ich jedoch, wie mir der einzige rationale Teil meines Gehirns, der noch funktionierte, befahl, mich loszumachen. Das ist falsch, Bella, er ist dein Schüler, du verlierst deinen Job, du kommst ins Gefängnis! Der letzte Gedanke schreckte mich auf. Es war schwer vorstellbar, aber in menschlichen Augen war Edward minderjährig und damit vollkommen „tabu". Es wäre unklug von mir, außerhalb des Unterrichts Zeit mit ihm zu verbringen, schon gar nicht in einer derartig kompromittierenden Position. Der vernünftige Teil von mir schrie mir zu, wegzulaufen … aber es war unglaublich schwer, irgendetwas zu tun, wenn er mich auf solch erotische Weise anschaute. Ich erschauderte; hoffentlich würde ich nie wieder die Wörter 'erotisch' und 'Schüler' in ein und demselben Satz denken.

Gerade als mir die Gefahr der Situation zu dämmern begann und meine Erregung der Panik Platz machte, wurden mir die Dinge plötzlich aus der Hand genommen.

"Bella", flüsterte Edward, sein süßer Atem liebkoste mein Gesicht. Und dann war es vorbei. Etwas in mir zerbrach und ich lehnte mich noch näher zu ihm, als würde er mich magnetisch anziehen. Durch meine Bluse hindurch fühlte ich, wie ein tiefes Grollen in seiner Brust aufstieg und meinen ganzen Körper zum Erzittern brachte. Unsere Gesichter berührten sich nun beinahe; es wäre so einfach, den Abstand zwischen uns zu schließen, meinen Mund auf seinen zu legen, um noch einmal diese vollkommenen Lippen zu erobern … ich atmete seinen berauschenden Duft ein und schloss die Augen, lehnte mich noch näher an ihn, auf der Suche nach atemberaubendem Vergessen …

Ohne Warnung riss Edward sich mit knochenzermalmender Kraft von mir los und flitzte durch den Raum zum Fenster hinüber. Die Zurückweisung traf mich mit der Wucht eines beschleunigenden Lastwagens. Meine Muskeln verkrampfen sich, als ich versuchte, das Gefühl abzuwehren, dass mein Inneres auseinandergerissen wurde. Ich taumelte zu meinem Tisch und klammerte mich an der Kante fest, um nicht umzukippen. DU IDIOTIN, kreischten meine Gedanken, was zum TEUFEL hast du GEDACHT? Er liebt dich nicht, Bella! Ich hätte es wissen müssen und ich hätte mich dafür ohrfeigen können, so verdammt lächerlich gewesen zu sein. Ich bedeutete Edward nichts mehr; ich war nur noch eine lästige Erinnerung an seine Vergangenheit, ein peinlicher Fehler, den er lieber vergessen würde. Wie verzweifelt musste ich ihm jetzt vorkommen?

Ich fühlte, wie die Tränen zu kullern anfingen, als mich die Scham und das Entsetzen über das, was ich gerade getan hatte, überwältigten. Ich wischte sie ungehalten fort und drehte mein Gesicht weg von Edward. Ich war so beschäftigt damit, ihn zu ignorieren, dass ich erst nach dem vieren oder fünften Klopfen merkte, dass jemand vor der Tür stand.

"J-Ja?", stotterte ich und blinzelte die Tränen zurück, während ich mich herumdrehte und sah, wie die Tür aufging. Es war Emily Demarco, eine langbeinige Zwölftklässlerin mit braunen Augen und langen schwarzen Haaren.

„Ähm, hallo, Miss Swan", sagte sie mit ihrem breiten Broxer-Akzent. „Tut mir leid, dass ich störe, aber ich hab da eine Frage zur Hausaufgabe…", ihre Stimme verlor sich, als ihre Augen anerkennend über Edwards Profil wanderten. Obwohl ich immer noch beschämt war, fühlte ich einen Blitz der Eifersucht, als sie ihn so anschaute. Ich räusperte mich und Emily drehte sich leicht verlegen zu mir.

"Sie stören überhaupt nicht, Emily", sagte ich mit kühler Stimme und fest entschlossen, nicht in Edwards Richtung zu schauen. „Mr. Cullen wollte gerade gehen." Ich hörte, wie er hinter mir zu protestieren begann.

„Nein, warte, ich-"

"Das war alles, schließen Sie bitte die Tür hinter Ihnen", teilte ich der Luft mit, ohne Edward anzusehen. Die eiserne Haltung, die ich plötzlich eingenommen hatte, war nur eine Front – ein Verteidigungsmechanismus, um den Schmerz meiner Zurückweisung zu bewältigen – aber es war notwendig, um meine Verzweiflung vor Edward zu verbergen. Ich hörte, wie er hinter meinem Rücken innehielt, als würde er eine Entscheidung treffen, dann fühlte ich, wie lautlos an mir vorbeirauschte. Im Türrahmen blieb er abermals stehen und ich fühlte seine Augen auf mir, doch ich fuhr fort, mit leerem Blick auf den Boden zu starren. Nach ein paar Sekunden drehte er sich herum und ging, wobei er die Tür hinter sich zuknallte. Bei dem Geräusch zuckte ich zusammen und umklammerte die Tischkante so fest, dass meine Knöchel sich weiß färbten. Tief durchatmend zwang ich mich, zu Emily aufzusehen, die mich verwundert anschaute. „Also Emily", sagte ich angestrengt, wobei ich jedes Wort nur mit größter Mühe herausbrachte, „wie kann ich Ihnen helfen?


Vielen Dank nochmal für eure Reviews, die haben mir echt ein riesiges Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Über weitere würde ich mich natürlich sehr freuen … *grins*

Kapitel Numero 5 ist schon in Arbeit, ich hoffe, dass ich es bis Anfang nächster Woche fertig habe.