B-Blutgericht

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11.08.1522- Wiener Neustadt- Rathaus

Antonio trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Er wollte nicht hier sein. Auf der einen Seite hatten die Verurteilten ihr Los verdient aber auf der anderen Seite wollte er nicht Zeuge werden wie Roderich von seinem (Antonios) Schützling erniedrigt wurde. Der Österreicher stand mit einem verkrampften Gesichtsausdruck vorm Fenster und sah sich gezwungener Weise das Schauspiel an. Mit jedem Schwertstreich des Henkers verkrampften sich die Hände des bleichen Braunhaarigen immer mehr um den Sims des Fensterbrettes. Antonio meinte sogar das Kratzen der Nägel auf dem kalten Stein zu hören. Ferdinand, sein Schützling, welcher ab nun über die Österreichischen Länder regieren wird, stand an einem der Nachbarfenster und blickte mit unbewegter Miene auf den Platz. Wieder verkündete der Ausrufer das Vergehen des nächsten Delinquenten und der Henker hob das Schwert über dessen Haupt. Der Streich saß gut und der Kopf rollte sauber abgetrennt auf den Boden. Die spanischen Mitglieder vom erlauchten Zirkel des Habsburger, feixten schadenfroh über das Schicksal der Verurteilten.
Vor zwei Tagen waren die adligen Mitglieder dieser Ständeaffaire, wenn man es so nennen konnte hingerichtet Schaudern erinnerte sich Antonio an den Aufstand, den der Repräsentant der österreichischen Länder gemacht hatte. Beinahe wäre er dabei auf einen besonders kecken spanischen Adligen losgegangen, als dieser sich über die Lage der Wiener lustig machte. Der einzige Grund weshalb dessen Nase noch dort saß wo sie sollte, bestand darin, dass Antonio im letzten Augenblick dazwischen gegangen war um größeren Schaden zu verhindern. Diese zornige und unbeherrschte Seite kannte er von Roderich nicht. Als er ihn vor vielen Jahren bei der Doppelhochzeit zu ersten Mal richtig wahrgenommen hatte, hatte er einen kühlen und distanzierten jungen Mann kennengelernt, welcher eine unnatürliche große Begabung zu Musik besaß. Doch damals hatten weder er noch Roderich gedacht dass ihre Zukunft durch diese Heirat von Phillip des Schönen von Habsburg mit Johanna der Wahnsinnigen so eng mit einander verschlungen sein würde.

Der letzte Kopf rollte auf dem Boden des Platzes. Antonio konnte sehen wie Roderich die Zähne aneinander mahlte. Hier ging es zwar auch um das Los dieser Männer, doch Roderich war politisch gesehen kein Dummkopf. Er wusste dass diese unmissverständliche Botschaft ihn galt, um erst gar nicht auf dumme Gedanken zu kommen.
Ferdinand strich sich noch einmal kurz über den Bart und wandte dann den Kopf dem Repräsentanten der österreichischen Länder zu. Als die Menge begann sich unten zu verstreuen und die Henkersknechte die Leichname den Totengräbern übergaben, löste der Österreicher die Hände vom Sims und wandte sich zum gehen an. Der Habsburger räusperte sich kurz, worauf die Wachen Roderich grob zurück hielten. Zornig erwiderte dieser den Blick seines neuen Herrn. Antonio fühlte sich mehr und mehr unbehaglich. Er hatte immer mehr das Gefühl zwischen den Fronten geraten zu sein. Warum hatte er auch nur Ferdinand in dieses Land begleiten müssen? Eine lange Schweigepause trat ein, bei denen sich der Braunhaarige mit dem Herrscher ein stummes Blickduell lieferte. Schließlich gab das Erzherzogtum nach.
„Habe ich eure Erlaubnis mich zurück zuziehen, Herr?"
Ferdinand lächelte zufrieden, doch seine Augen blieben kalt. Er machte eine wegwerfende Handbewegung, als würde er einen Hund für ein Kunststück loben, welches dieser eben begriffen hat.
„Du darfst dich jetzt in deine Gemächer zurück begeben."
Die Wachen zogen ihre Hände von den schmalen Schultern des Österreichers weg. Doch bevor dieser
die Tür erreichen konnte, begann der Fürst erneut zu sprechen.
„Noch etwas Österreich, du wirst Senor Antonio nach Spanien begleiteten."
Verwundert drehte sich die Nation um, und sah den Mann mit einem verständnislosen Blick an, ebenso wie Antonio.
„Ich verstehe nicht, Herr. Warum? Mein Platz ist doch hier!"
Ferdinand begann wieder den Bart um den Finger zu zwirbeln.
„Ich möchte dass du die Gepflogenheiten des spanischen Hofes lernst."
Darauf lief es also hinaus. Der Habsburger wollte nicht sich nicht an die Landeskultur seiner österreichischen Vorfahren anpassen, sondern seine vertraute, die Spanische in die österreichische Gesellschaft einführen. Antonio konnte den Blick des Erzherzogtums auf sich spüren. Roderich machte den Mund auf um etwas zu erwidern, doch er schloss ihn gleich wieder als er sich anders überlegte. Dann nickte er nur kurz. „Ich habe verstanden, Herr."
„Gut ihr werdet morgen in der Früh aufbrechen."
Ferdinand gab seinem Gefolge einen Wink und schritt an dem österreichischen Erzherzogtum vorbei, durch die Tür hinaus. Als sie nun allein gelassen wurden, schritt Antonio zögerlich auf den Österreicher zu.
„Es tut mir leid, Amigo.", sprach er in einem holprigen Italienisch. „Du wirst sehen, er wird ein guter Herrscher sein…"
„Ach hör schon auf!", fuhr ihn Roderich an, wobei er ganz auf seine Manieren vergaß. „Uno, bin ich NICHT dein Freund. Duo, habe ich nie nach diesem „Gescherten" (er fiel kurz in seinem deutschen Dialekt zurück) da verlangt…"
Er wollte noch zu einem dritten Punkt ansetzten, entschied jedoch es beruhen zu lassen und versuchte sich innerlich zu beruhigen. Als er wieder zu Antonio aufsah, nahm er seine gewohnte distanzierte Haltung ein. „Bitte entschuldige mich, ich wollte nicht grob werden. Es ist nur so dass es mir sehr nahe geht wenn Wien in Konflikten involviert ist. Ich bin in diesen Zeiten immer gereizt"
Antonio lächelte zögerlich. „Wien ist nicht immer die einfachste Stadt, nicht wahr? Aber du stehst ihr sehr nahe."
Roderich versuchte sein Lächeln zu erwidern. „Wenn du so willst, repräsentiert Wien, meine aufständische Seite." Er machte eine Handbewegung Richtung Tür und begleitete die spanische Nation hinaus. Der Spanier hatte leicht Gefühl, das Situation zwischen ihnen entspannte. Zwar nicht viel, aber immer hin genug um das Eis zwischen ihnen zu ein wenig einzubrechen.

Anmerkung:

Nun kommen wir zum Begriff, der für mich den Anschlag gab dieses Projekt zu starten.

Das Wiener Neustädter Blutgericht ist in Schulbücher meist nicht zu finden, und wenn doch dann nur in einem Satz erwähnt. Wenn man die Habsburger und die Österreicher in Verbindung bringt, bedenkt man meistens nicht das vor allem in ihren Anfängen bis in die Neuzeit, viele Habsburger regelmäßig Probleme hatten sich in den österreichischen Ländern zu etablieren. Die Habsburger betrieben eine vor allem internationale Politik, und so kam es das manche Habsburger als Fremde in ihren österreichischen Ländern wahrgenommen wurden (und da reichte es zum Beispiel aus, wenn der Betroffene aus der steirischen Line stammte). Besonders die Wiener machten es den Habsburgern nicht leicht und schlugen ihnen mehr als einmal die Tore vor der Nase zu (einmal belagerten sie sogar die kaiserliche Familie in der Hofburg).
Für die, die es nicht wissen:
Wiener Neustadt ist eine Stadt im Süden von Wien (übrigens, Richard Löwenherz wurde für Wiener Neustadt unfreiwillig zum Förderer, ein Löwenanteil seines Lösegeld floss in die Errichtung dieser Stadt ein)

Gut aber kommen wir zu Punkt des Begriffes.

Kaiser Maximilian von Habsburg ist tot, was Österreich schon im Inneren trifft obwohl die Beziehungen um den Zeitpunkt seines Todes deutlich abgekühlt sind. Sein Enkel Karl, aufgewachsen in Burgund, folgt ihm 1519 auf den Kaiserthorn als Karl V (in dessen Reich die Sonne niemals untergeht). Da sein anderer Großvater verstirbt ist er auch nebenbei König von Spanien. Der Bruder von Karl, war Ferdinand, welcher seine Erziehung in Spanien genossen hat. 1521 übergab Karl seinem Bruder die österreichischen Lande, wobei er Vorösterreich (also „Vorarlberg) und Tirol für sich selber behielt. Ferdinand, klug genug sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen (Tirol war reicher und moderner als die Herzogtümer Österreich, Steiermark, Krain und Kärnten), verließ Spanien mit seinem Gefolge und zog nach Österreich. Aber ab da gab es schon erste Spannungen, denn die österreichischen Stände sahen in Ferdinand einen Fremdherrscher. Wobei sich die Vorurteile erhärteten als Ferdinand, nicht einheimische Adelsmänner in Ämter einsetzte, sondern die von ihm mitgebrachten Spanier. Es entstanden Spannungen auf beiden Seiten, denn in Augen der Spanier waren die Österreicher in ihrer Kultur im Mittelalter stecken geblieben. Auch kam die prunkvolle Hofkultur der Spanier den Österreichern fremd und unverständlich vor („Das kommt mir spanisch vor" stammt aus dieser Zeit). Einer der ersten politischen Handlungen von dieses Habsburger war, die Vertreter der oppositionellen Wienerstände (davon 2 Adlige und der Wiener Bürgermeister, Siebenbürger) zu Gericht vorzuladen.
Diese haben nämlich vor Ferdinands Antritt,:
1-gegen seinen Bruder (Erinnerung Karl V) als Opposition agiert ,
2-sich Rechte für Wien herausgenommen, die ihnen nicht zustanden und
3- angeblich Steuergelder veruntreut.
Zusätzlich wurde den Wienern vorgeworfen, das vom alten Kaiser (Maximilian) landesfürstliche Gericht aus der Stadt vertrieben zu haben und ein neues Regiment einzusetzen (eigenständiges ständiges Handeln und Opposition gegen die Herrschaft!). Acht von ihnen wurden zum Tode in Wiener Neustadt verurteilt (Kopf ab).
In den Augen vieler Zeitgenossen (besonders die der Spanier) war dieser Machtbeweis eine vollverdiente Strafe, um die störrischen Wiener in die Knie zu zwingen. Zusätzlich sollte es als Exempel für den Rest von Österreich gelten.

Ach übrigens die Hofsprache zu dieser Zeit war italienisch (wenn ich mich nicht irre, finde gerade mein Buch nicht), somit reden auch alle anwesenden Personen in diesem OS. Italienisch (hat aber kaum Auswirkungen auf die Handlung).

Uff, für dass das ich dieses Mal einen Drabbel geplant, ist das folgende länger geworden und auch die Erklärung sollte eigentlich kürzer ausfallen.

a Gescherter oder auch Gscherte ist im wienerischen ein Zugereister (Fremder, Provinzler, Tölpel,…)
„-Schmähwort der Wiener gegenüber Leuten vom Land, diese Antworten mit dem Ausdruck Weana Bazi (= arroganter Wiener) „-Auszug aus Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs

lg, Sternenschwester
PS: Ach ja, ich würde jemanden als Beta Leser für diese Os. Sammulng suchen.