Das Geheimnis der Mühle
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4. Eine schmutzige Angelegenheit
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Am nächsten Morgen verkündete der Meister beim Frühstück, dass der Abort erneuert werden musste, und teilte Hanzo, Andrusch und Staschko für diese Arbeit ein.
„Ihr könnt Juro fragen", sagte der Meister in hämischem Tonfall, „ob er noch irgendwo ein paar alte Lumpen herumliegen hat, die ihr dazu anziehen könnt. Möglich, dass ihr in die Grube hinunter müsst."
Hanzo, Andrusch und Staschko waren den ganzen Tag mit dem Zuschütten der alten und dem Ausheben und Festzimmern einer neuen Grube sowie dem Versetzen des Aborthäuschens beschäftigt. Andrusch rutschte dabei gleich zu Beginn auf unerklärliche Weise aus und fiel der Länge nach in die volle Grube, gerade, als der Meister an den dreien vorbeikam. Hätten ihn Hanzo und Staschko nicht rasch herausgezogen, wobei sie gleichfalls von oben bis unten verdreckt wurden, hätte es böse ausgehen können für Andrusch.
Am Abend stanken die drei eine Meile gegen den Wind und sahen aus, als hätten sie sich im Mist gewälzt. Nachdem sie ihre besudelte Arbeitskleidung, die ohnehin nur aus Lumpen bestanden hatte, neben dem Misthaufen vergraben hatten, warf Juro ihnen Seife und weitere Lumpen zum Abtrocknen vor die Tür. Sie wuschen sich fast eine halbe Stunde lang mit eiskaltem Wasser vom Brunnen, das sie dazu erst in Eimern neben den Mistplatz schleppen mussten. Sich andernorts zu säubern, erlaubte der Müller ihnen nicht. Alle drei waren blaugefroren und zitterten am ganzen Körper, als der Meister ihnen endlich gestattete, ins Haus zu kommen und ihre gewöhnliche Kleidung wieder anzulegen.
Da standen sie nun in der Gesindestube, müde und geschlagen, während die anderen am Tisch saßen, auf dem Juro und Witko bereits das Essen verteilt hatten. Staschko war den Tränen nahe, und selbst der starke Hanzo schwankte vor Erschöpfung.
Der Meister musterte die drei unbarmherzig. „Das", bemerkte er kalt, „wird euch hoffentlich eine Lehre sein. Ihr habt anscheinend nicht begriffen, was ich euch damals gesagt habe, als sich einer, der vergessen ist, aufhängen wollte! Nun werdet ihr euch wohl wieder erinnern."
Dann sah er nur noch Hanzo an. „Deine Brüder haben dich vor zwei Jahren zum Altgesellen gewählt, Hanzo, aber ich will dir nicht verhehlen, dass ich von Anfang an meine Zweifel hatte. Die letzten beiden Jahre hast du deine Sache gut gemacht, aber dieses Jahr hast du schlecht begonnen. Ich bin nicht zufrieden mit deiner Arbeit. Du wirst dich in Zukunft zusammenreißen müssen, wenn du Altgesell bleiben willst."
Danach wandte er sich an Staschko: „Es gibt Scherze, die spaßig sind, und dann gibt es welche, die sind von so schlechtem Geschmack, dass sie einem alles vergällen können. Du hast uns vor zwei Jahren ein feines neues Mühlrad gebaut, Staschko, und das halte ich dir immer noch zugute. Aber übertreib es nicht. Es mögen andere Burschen auf die Mühle kommen, die auch etwas von Holz verstehen."
Zuletzt war Andrusch an der Reihe. „Du", sprach der Meister grimmig, „bist ein Faulpelz und ein dummer Hund. Ich habe dein Gekasper satt. Du wirst dich von nun an auf Korn und Spelz an die Regeln halten – und du wirst Lyschko zufrieden lassen, hörst du?!"
Endlich entließ der Meister die drei. „Jetzt setzt euch und esst, und dann geht hoch und schlaft. Und wagt es nicht, mir krank zu werden!"
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Ostern kam, und der kleine Stani beugte sich unter das Joch der Bruderschaft, wie alle Gesellen vor ihm.
Die Arbeit auf der Mühle ging ihren gewohnten Gang. Die ersten Obstbäume blühten.
Krabat und Lyschko kamen hinlänglich miteinander aus. Seit Lyschko in der Kammer schlief, war er kein einziges Mal von bösen Träumen geplagt worden. Sie sprachen nicht viel miteinander, und morgens gingen sie an die Arbeit, die Hanzo ihnen zuwies, manchmal zusammen, manchmal getrennt. Bei Tisch saß Lyschko zwischen Krabat und Juro. Wenn der Meister Krabat abends zu sich befahl, um ihm zusätzliche Lehren in der Schwarzen Kunst zu erteilen, zog Lyschko sich meist in die Kammer zurück, um den anderen Gesellen aus dem Weg zu gehen.
Eine Woche nach Ostern nahm der Meister Krabat nach Dresden mit, und diesmal stellte er ihn dem Kurfürsten vor. Drei Tage waren sie bei Hofe zu Gast, und Krabat war wie geblendet von all dem Prunk und Protz. Es gab einen Abend mit Musik und Tanz, bei dem viele Damen mit geschminkten Gesichtern und gepuderten Perücken anwesend waren. Unter den Perücken und den üppigen Lagen von knisterndem Stoff allerdings rochen sie säuerlich und hatten Läuse, wie Krabat zu seinem Leidwesen feststellen musste, nachdem er sich dazu hatte verleiten zu lassen, einer in ein Zimmer zu folgen, in dem sie verwirrende Dinge mit ihm tat, die er mit seinem vom Wein benebelten Verstand nur halb begriff.
Der Meister lachte ihn aus, als er ihn am nächsten Morgen während ihrer Fahrt durch die Luft auf dem Kutschbock herumrutschen sah, und löste das Problem mit einem beiläufigen Wink.
„Vielleicht, Krabat", bemerkte er mit einem hintersinnigen Lächeln, „sollte ich dich auch über Frauen und all das andere lehren. Oder" – er lachte – „du könntest Lyschko fragen."
Krabats Wangen brannten.
Er zauderte, doch dann sagte er: „Darf ich dich etwas fragen, Meister?"
„Nur zu", antwortete der Meister leutselig.
„Wie stehst du wirklich zu Lyschko, Meister? Ich meine, ich habe nicht vergessen, was du mir gesagt hast: dass er nicht zu den anderen Gesellen passt, dass man ihn anders behandeln muss als die andern … Aber … das meine ich nicht."
Der Meister schwieg eine Weile, und Krabat fürchtete schon, mit seiner Frage zu weit gegangen zu sein.
Doch dann erwiderte der Meister: „Als Lyschko vor gut sechs Jahren auf die Mühle kam, war er fünfzehn oder sechzehn, er wusste es selbst nicht genau. Das ist schon ziemlich alt für einen Lehrjungen, die meisten fangen mit zwölf, dreizehn, vierzehn an. – Lyschko war ein Dieb. Nicht einer, der gelegentlich etwas einsteckt, sondern einer, der die Dieberei zu seinem Beruf gemacht hat. Wäre die Obrigkeit seiner habhaft geworden, dann hätten sie ihn gehängt. – Ich habe dir das bis jetzt nicht gesagt, Krabat, aber es kommen nur solche auf die Mühle, die der Tod bereits gezeichnet hat. Lyschko hätten sie aufgehängt, und du, du wärst in dem Winter damals erfroren, wenn du meinem Ruf nicht gefolgt wärst."
Krabat wurde es bei dem Gedanken noch nachträglich sehr kalt.
„Lyschko wusste", fuhr der Meister fort, „wie man sich durchschlägt. Dennoch war er halb verhungert, als er auf die Mühle kam. Dazu hatte er ein böses Pfeifen auf der Lunge. Doch Juro hat ihn wieder hochgepäppelt. Lyschko hatte seine Eltern früh verloren, und die Mühle war der erste Ort, den er ein Zuhause nennen konnte. Er war sehr dankbar dafür, und sehr bemüht, mir zu gefallen. Er gierte geradezu nach meiner Aufmerksamkeit und Anerkennung. Aus seinen Mitgesellen hingegen hat er sich nie viel gemacht. Seine schmiegsame Art und seine Bereitwilligkeit, mir zu dienen, unterhielten mich eine Weile, und ich habe ihm deshalb vielleicht zu viel durchgehen lassen. Er hat mich nie so gefürchtet, wie die anderen es tun. Er suchte meine Nähe, und ich habe sie ihm gewährt – eine Zeit lang."
Der Meister sah Krabat an. „Ich habe ihn nicht gezwungen, Krabat. Er ist zu mir gekommen. Aber ich habe auch nicht Nein gesagt. Doch er wurde älter, sein Betragen anmaßend. Er nahm sich zu viel heraus. Ich musste ihm dieGrenzen zeigen. Das vertrug er nicht. Und wie es jetzt ist, weißt du ja."
Krabat schwieg eine Weile. Dann begann er zögernd: „Meister … Das mit Lyschko … Ich denke, es ist nicht nur, dass er dir gefallen will. Es … ich glaube, es geht tiefer bei ihm. Aber …" Krabat wusste, dass er seine Grenzen überschritt. Er sprach es dennoch aus: „Aber ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst, Meister. Liebe, meine ich …"
Der Rest der Fahrt verlief in völligem Schweigen.
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Krabat sitzt am Mühlenweiher. Es ist Mai, kurz nach Pfingsten, und alles erstrahlt im Licht der Abendsonne in leuchtenden Grüntönen.
Der Tag war sehr warm, so dass Lyschko und er beschlossen haben, nach getaner Arbeit auszuprobieren, ob man sich schon ins Wasser wagen kann. Krabat ist es noch zu kalt, aber Lyschko hat sich ausgezogen und ist hineingewatet, lachend und grimassierend ob der schneidenden Kälte. Nun schwimmt er durch das dunkle Wasser des Mühlenweihers, mit ruhigen, gleichmäßigen Zügen.
Krabat sieht ihm dabei zu.
Dann wendet Lyschko und kommt auf ihn zu geschwommen. Er lächelt, und Krabat lächelt zurück.
'Tonda hatte Recht', denkt Krabat. 'Es ist wirklich gut, einen Freund zu haben auf der Mühle.'
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Krabat erwachte, weil Lyschko mit Nachdruck seinen Namen rief und ihn an der Schulter rüttelte.
„Krabat! Krabat, wach auf! Wir sind spät dran. Wir müssen uns eilen, oder die andern werden uns alles wegfressen."
Schlaftrunken kletterte Krabat aus dem Bett und schlüpfte in seine Kleider. Er spritzte sich zwei Hände voll Wasser ins Gesicht, dann lief er Lyschko hinterher, zum Frühstück.
