Mein Hass saß tief und doch hatte er recht mit dem was er gesagt hatte. Warum musste er jetzt wieder in mein Leben treten? Nein, ich hatte ihn nicht vergessen, dass könnte ich nie. Doch zugleich zeigte er mir meine Schwächen auf und das behagte mir nicht. „Sieh mich nicht so an, es wird Dir nichts nützen. Ich werde Dir nie verzeihen, dass weißt Du." Ich drehte mich zu ihm und hielt seinem Blick stand, ich hatte meine Sicherheit wieder gefunden. Wenn auch nur schwer, was ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen. „Warum bist Du zurückgekehrt?" „Ganz wie früher, Du kommst immer direkt zur Sache. Das habe ich immer an Dir geschätzt." Er zündete sich einen Cigarillo an, den er aus der Innentasche seines Mantels hervorzog. Eine der wenigen menschlichen Genüsse, die wir Beide teilten. Als er ihn sich anzündete, wirkte er fast menschlich. Er sog genüsslich daran und ließ den Rauch langsam aus seinem Mund heraus.
Die Band stimmte einen neuen Song an. Es war ein altes irisches Volkslied, dass den großen Conchobar Mac Nessa besang und dessen Tod. Warum mussten sie ausgerechnet diesen Song bringen? Kennen Sie die Sage um ihn? Nun abgesehen davon, dass er König von Ulster war, so war er doch noch mehr für seine nicht erwiderte Liebe zu Deirdre bekannt.
Für sie riskierte er sein ganzes Reich und verlor schließlich auch sein Leben. Er wollte ihre Liebe zu ihm erzwingen, doch sie zog den Freitod vor. Dies ist zu einer Sage geworden und auch zu einem Mythos der alten Welt.
„Was willst du von mir?" Er bewegte sich leicht im Takt der Musik und summte den Text mit. Er verspottete mich und das wusste er. Nichts was er je getan hat, tat er ohne Grund. „Ich liebe dieses Lied Morrigan. Diese große Tragödie erinnert mich an uns, geht es Dir nicht ebenso?
Er hat sie aufrichtig geliebt, er opferte Alles für die Eine die er liebte. Doch sie verriet ihn. War es ihre Eitelkeit oder ihre Arroganz? Warum nur hat sie nie erkannt, dass er all dies nur aus einem Grund tat, weil er sie liebte." „Du handelst nicht aus Liebe, die Bedeutung dieses Wortes kennst du nicht einmal." Ich brauchte große Mühe, um meine Wut nicht zu zeigen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und gegangen. Doch dies hätte keinen Sinn gehabt. Er würde mich finden, wo auch immer ich bin, dass hat er immer getan. Ich drückte meinen Cigarillo aus und sah ihn an. Er hielt meinem Blick stand und es schien Nichts um uns herum zu existieren, nicht einmal die Musik nahm ich mehr war und auch nicht wo wir uns befanden. Plötzlich wurde ich aus dieser Illusion heraus gerissen.
Er legte diverse Zeitungsberichte auf den kleinen Tisch. Sie alle zeigten verbrannte und zerstückelte Leichen, versehen mit großen Schlagzeilen der üblichen Art, wie es derartige Gazetten zu gerne tun. „Was willst du mir damit sagen? Bist du jetzt zu einem Privatdetektiv geworden oder waren es etwa Verwandte von Dir?" Ich konnte mir ein ironisches Grinsen nicht verkneifen. Doch sein Blick hatte sich verändert. Sein Gesicht schien wie versteinert, keine Regung war zu erkennen. Dann senkte er seinen Blick und kleine Sorgenfalten bildeten sich auf seiner Stirn. „Auch wenn Du Dich selten mit den Unsrigen abgegeben hast. So solltest Du doch den Ernst der Lage erkennen. Dies waren Vampire, sie waren nicht so alt wie wir. Doch es geschieht auf der ganzen Welt. Jemand tötet sie und er arbeitet sich langsam an die Ältesten heran. Nur noch wenige von uns sind übrig. Zunächst töten sie die Jüngeren, jene die sich nicht so im Abseits halten wie wir es tun." „Sie sind kein Verlust, sie erregten für meinen Geschmack immer schon zu viel Aufsehen. Und die Älteren wissen sich gut zu verteidigen. Jene die der unerträglichen Leichtigkeit des Seins nicht standhalten konnten, sind fort. Sie zerstörten sich selbst. Doch dieses Schicksal teile ich nicht." „Wenn es dabei geblieben wäre, so würde ich mir deswegen auch keine Sorgen machen, doch nunmehr sind auch Ältere getötet worden. Und wir Beide wissen, dass es immer schon Leute gab, die unsere Existenz nur zu gern beweisen wollten. Auch sie sind nun verstärkt hellhörig geworden und ihre Mittel, welche Absicht sie auch haben mögen, sind nicht gerade die Feinsten. Daher möchte ich Dich bitten auf Dich Acht zu geben und Dich bedeckt zu halten. Ich denke eine Großstadt wie London bietet Dir keinen Schutz mehr. Zu viele Augen sind nun auf uns Alle gerichtet." „Denkst Du, ich lasse mich von so etwas einschüchtern. Du solltest mich besser kennen." „Daher bin ich hier, ich kenne Dich nur zu gut. Versprich mir, dass Du vorsichtig bist. Schlag Deine Brücken hier ab und komm mit mir." „Mit Dir? Wie kommst Du darauf, dass ich Dir vertrauen würde. Du hast mich schon einmal allein gelassen und das kommt einem Verrat gleich. Gräm Dich nicht Connor, ich weiß schon selbst auf mich Acht zu geben, ich bin kein 20- jähriges Mädchen mehr." „Du solltest mein Angebot nicht so leichtsinnig in den Wind schlagen. Ich mache mir wirklich ernsthafte Sorgen. Auch wenn Du es nicht glauben wirst, es gibt nur einen Menschen der mir etwas bedeutet und das bist Du." Ich sah ihn an und für einen kurzen Moment, hätte man annehmen können, seine Worte seien aufrichtig. „Der einzige Mensch der Dir etwas bedeutet? Du hast dafür gesorgt das ich kein Mensch mehr bin."
Ich stand auf, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Als ich an der Garderobe stand, kam Louis auf mich zu. „Was ist da gerade geschehen? Ist er auch so wie Du?" Kurz übermannte mich eine Wut, doch erkannte ich, dass es nicht Louis war, auf den ich wütend war und ich hatte kein Recht, sie an ihm auszulassen. „Nichts, mach Dir keine Sorgen. Trotzdem solltest Du die Augen offen halten und falls er auf Dich zukommt, sag ihm nichts. Egal was er Dich fragt. Er wird Dir nichts tun." Behutsam legte ich meine Hand auf seine Schulter und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Als ich den Club verließ, dämmerte es bereits. Ich verspürte großen Durst, doch es war nun zu gefährlich. Normalerweise komme ich mit einer Mahlzeit aus, doch zu Vieles beschäftigte meinen Geist und die alte Lady war nicht gerade eine ausgewogene Mahlzeit gewesen. Paul rief ein Taxi für mich heran und wünschte mir noch einen schönen Tag.
Ich sackte auf dem Rücksitz zusammen und wies den Fahrer an mich einen Block von meinem Haus entfernt abzusetzen. Zum Glück war er nicht einer von Jenen, die ihre Fahrgäste mit belanglosen Phrasen oder Anekdoten aus ihrem Taxifahrerleben langweilten. Ich bezahlte ihn und belohnte ihn zusätzlich mit einem großzügigen Trinkgeld.
Noch hatte ich etwas Zeit und so schlenderte ich langsam die Kensington Road entlang und bog in meine Seitenstrasse ab. Doch irgendwas stimmte hier nicht. Kein Vogellaut oder irgendetwas Anderes war zu vernehmen. Ich liebe die Ruhe, doch dies war eine unnatürliche Ruhe. Ich wurde beobachtet, doch lies ich mir meine leichte Unsicherheit nicht anmerken. Ich entschied mich nicht über den Haupteingang mein Haus zu betreten. Plötzlich streifte mich ein Schuss. Mein Bein blutete, doch darauf konnte ich nun keine Rücksicht nehmen. Unvermittelt drehte ich mich um, zu der Richtung aus der der Schuss gekommen war. Ich erkannte ein Zielfernrohr, dass gerade wieder in den Innenraum eines schwarzen Van´s gezogen wurde. Mit einem Satz war ich an dem Auto und riss die Tür auf. Mir kam eine Faust entgegen, doch ich wich ihr aus. Ich zerrte den vermummten Mann heraus und warf ihn zu Boden. In diesem Moment fuhr der Wagen mit quietschenden Reifen los, ehe ich dem Einhalt gebieten konnte. Ich wand mich wieder meinem Angreifer zu. Ich riss ihm die Maske vom Kopf und hielt ihn zugleich auf dem Boden, indem ich ihm meinen Stiefel auf den Brustkorb rammte. Es war ein Asiate mit europäischem Einschlag. Mit Sicherheit bereitete ich ihm große Schmerzen. Jedoch lies er sich nichts anmerken, außer der Tatsache das er nur schwer atmen konnte. „Wer seid Ihr und was wollt ihr? Denkt Ihr wirklich, ihr könnt mich so einfach töten?" Ich kniete nieder, ohne jedoch meinen Stiefel von seinem Brustkorb zu nehmen. „Dein Hochmut ist legendär und er wird Dein Schicksal besiegeln. Du bist kein Hindernis für uns. Du bist unnatürlich und alle die sind wie Du, werden sterben. Ihr seid Raubtiere, die töten nur aus Lust um des Tötens willen. Zu lange streift Ihr schon umher und stört das Gleichgewicht der Welt. Doch damit ist nun Schluss." Er sah mich hasserfüllt an und spuckte mir ins Gesicht. Ich spürte eine Wut in mir aufkommen, zum Teil weil sie es geschafft hatten mich zu überraschen und zu verletzen, aber auch weil Connor Recht zu haben schien. Was mich noch mehr in Rage brachte. Ehe ich mich versah, zerschmetterte ich seinen Brustkorb. Er war sofort tot.
Ich war mir sicher, er hätte mir nicht mehr verraten und so war es eine richtige Entscheidung ihn zu töten. Doch nun musste ich fort von hier. Mein Haus war nicht sicher genug. Sie schienen mehr über mich zu wissen, als mir lieb war und ich wollte das Risiko nicht eingehen, dass sie mir am Abend in meinem eigenen Haus auflauerten. Da kam mir meine kleine Paranoia zu Gute, die mich schon vor etlichen Jahren dazu veranlasst hatte, einen unterirdischen Gang in meinem Haus freizulegen, dessen Ein- und Ausgang nur mir bekannt war. Ich verband meine Wunde provisorisch um keine Blutspuren zu hinterlassen und begab mich über einen Seiteneingang in mein Haus. Dort angekommen, begab ich mich sofort in mein Versteck. Von dort aus hatte ich absolute Kontrolle über das Sicherheitssystem. Ich verriegelte alle Eingänge mit einem Knopfdruck, der dafür sorgte, dass alle Türen und auch Fenster mit panzerfestem Spezialglas verstärkt wurden.
Ebenso wurden die Kaminschächte verriegelt, hier jedoch waren es dicke Stahlplatten. Ich bereitete alles für eine schnelle Abreise vor. Sobald die Abenddämmerung einsetzte musste ich hier fort. Es gibt nicht viele Dinge, an denen ich hänge. Die wenigen persönlichen Memoralien passten in einen kleinen Rucksack. Meine Geldgeschäfte, regelte ich stets mit einem vertrauten Mitarbeiter einer Bank in Hongkong. Es war eine Privatbank, die mir sicherte meine Geschäfte zu führen, ohne das jemand neugierig wurde. Ich hatte dort nicht die Sorge, dass man mich hinterging. Denn wissen Sie, jedermann ist käuflich und sei dem nicht so, so gibt es andere Wege seine Loyalität zu gewinnen. Er jedoch war mir tatsächlich ergeben. Warum dies so ist, würde an dieser Stelle zu weit führen. Lassen Sie mich nur so viel sagen, seine Familie verdankt mir ihr Überleben und ihren hohen Stand, und dies zollen sie mir seit vielen Jahren mit ihrer Diskretion.
Ich versicherte mich noch einmal der Tatsache, dass alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen waren und legte mich dann auf mein Bett. Doch zu viele Gedanken marterten mich und so fand ich keinen Schlaf. Wo sollte ich nun hingehen? In welchem Winkel der Welt, würde ich sicher sein? Wieso schien es mir, dass dieser Attentäter mehr über mich zu wissen schien. Warum war er so herablassend und beschrieb mich wie ein Monster. Denn auch wir sind doch nur Geschöpfe der Natur. Wir töten um zu überleben. Sicher mag es da welche unter uns geben, die auch aus Lust töten, doch tun das die Sterblichen nicht auch! Mein Hochmut wird mein Schicksal besiegeln? Was meinte er damit? Vielleicht wollte er mich einfach nur aus der Reserve locken. Doch jemand der weiß was ich bin, würde sicher nicht so naiv sein und das tun! Da musste etwas Anderes dahinter stecken.
Irgendwann übermannte mich doch der Schlaf, doch er war überschattet von einem Albtraum.
Ich befand mich wieder im Club. Langsam ging ich durch den schmalen Eingangsbereich und das Licht flackerte. Als ich den Hauptraum betrat, stellte ich fest das ich in etwas feuchtes getreten war und als ich meinen Blick erhob sah ich ihn. Louis lag mit aufgeschnittener Kehle auf der Bar und sein Blut rann die verglaste Front entlang und auf dem Boden bildete sich ein Rinnsal. Ich wachte auf und stellte zum Glück fest, dass dies nur ein Traum gewesen war. Die Sonne war noch nicht untergegangen. Doch ich nutzte die Zeit und buchte einen Nachtflug nach Berlin. Von da aus würde ich weiter reisen. Wohin, dass wusste ich noch nicht. Doch darüber machte ich mir zunächst keine Gedanken. Ich musste nur schnellstmöglich fort aus London. Louis würde ich keine Nachricht hinterlassen. Er war es gewohnt, dass ich oft für einige Zeit verschwand und ich wollte nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig auf ihn lenken. Wenn die Angreifer so viel wussten, wie ich es ahnte, so hätte ich ihm sowieso nicht helfen können. Darauf konnte ich nun keine Rücksicht nehmen. Um seiner und um meiner Willen.
Ich wusch mich, und dabei musste ich feststellen, dass die Wunde am Bein nicht komplett verheilt war, sie schmerzte sogar. Doch mir blieb keine Zeit mich nun darum zu kümmern.
Ich verband sie und zog mir frische Kleidung an und packte meinen Koffer. Als ich das Haus verlies und mich zum Flughafen begab, schlug ich einige Schneisen. Falls ich doch verfolgt wurde, so sollten sie es nicht zu leicht haben, mich zu finden. Ich hatte großen Durst, doch gab ich ihm nicht nach. Dafür würde genug Zeit sein, sobald ich England hinter mir lies. Ich legte einen neuseeländischen Pass vor, es ist eines der Länder, bei denen die Zollbeamten keinerlei Argwohn hegen. Das erleichtert Vieles. Auch wenn ich zugeben muss, dass es in den alten Zeiten doch wesentlich einfacher war seine Spuren zu verwischen.
Diese Moderne Zeit hat zugegebenermaßen auch seine Vorzüge, wenn man bereit ist, sich ihr anzupassen. Doch werde ich mich wohl nie daran gewöhnen, dass es nun ebenso einfacher ist über die technische Datenbahn alles herauszufinden, wonach einem der Sinn steht. Und es gibt die verschiedensten Freaks, die sich mit den so scheint es, kuriosesten Dingen beschäftigen. Es gibt sogar Menschen die sich einbilden sie seien Vampire und weil sie ja so geheimnisvoll sind, plaudern sie darüber ganz entspannt im Internet.
Natürlich mit speziellen Kennworten kodiert, die selbst ein kleines Kind erraten könnte. Verzeihen Sie mir bitte, wenn ich so abschweife, doch amüsiert es mich doch sehr. Natürlich gab es derlei auch schon in früheren Jahrhunderten, doch waren sie meist recht harmlos. Die Möglichkeiten des World Wide Web haben es diesen Menschen sehr einfach gemacht ihre Profilneurosen auszuleben. Verstehen sie mich nicht falsch, jeder soll nach seiner Fasson leben, dass tue ich ebenso. Doch amüsiert es mich doch sehr und zugleich gibt es mir die Möglichkeit in einer anonymen Masse unterzutauchen.
Als ich an Bord der Maschine ging, übermannte mich noch ein kurzer Anfall von Paranoia. Unauffällig sah ich mich um, doch da war niemand. Ich bestieg das Flugzeug und setzte mich in meinen gemütlichen und sehr komfortablen Sitz in der ersten Klasse. Eine schlanke und wirklich sehr gut aussehende Stewardess, dessen feingliedriges Gesicht von ihren blonden Locken wie Engelshaar eingerahmt wurde, kam auf mich zu.
„Guten Abend, kann ich ihnen irgendetwas bringen um ihnen den Flug so angenehm wie möglich zu machen?" „Es wäre sehr nett, wenn sie mir noch eine Decke bringen könnten." „Aber natürlich gern." Sie stellte sich auf ihre Fußspitzen und öffnete ein kleines Fach, das sich über meinem Sitz befand. Sie zog eine beigefarbene Decke heraus und beugte sich zu mir, um sie mir auf die Beine zu legen. Dabei konnte ich das rasche Pulsieren ihres Blutes hören und ich musste mich beherrschen, meinem Durst nicht nachzugeben. „Wir werden in 65 Minuten in Berlin landen, benötigen Sie vielleicht noch etwas?" „Nein danke." Die Flugzeit verging wirklich sehr schnell und alsbald setzten wir zur Landung an.
