Kapitel 4

Nachdem sie ausgiebig gefrühstückt hatten, gingen sie für das Picknick am morgigen Memorial Day einkaufen. Sie hatten viel Spaß dabei, denn beide führten sich auf, wie frisch verliebte. Sara nahm immer wieder seine Hand und hätte sie am liebsten nicht mehr losgelassen. In Vegas war dies nie möglich, erst hatten sie ihre Beziehung geheim gehalten und dann war Sara ein halbes Jahr später, nach der Entführung, aus Vegas weggegangen. Hier in San Francisco konnten sich beide ungezwungener bewegen. Das war schon damals so, als sie sich kennen lernten, doch war Las Vegas irgendwie ihre Heimatstadt.

Nach dem Einkaufen verbrachten sie ein paar Stunden in der Stadt, bis Grissom den Vorschlag machte, einmal nach Alcatraz hinüber zu fahren. Sara war sofort begeistert. Zwar hatte sie Alcatraz schon mehr als einmal besichtigt, aber das alte Gefängnis übte eine Art Faszination auf sie aus.

Sie stiegen auf ein Schiff, das sie und einige Touristen zur Insel rüberbrachte. Auf dem Deck setzten sie sich nach oben und ließen sich die Nachmittagssonne auf die Haut scheinen.

„Hier gefällt es mir. Ruhe, keine Leichen, keine Mörder.", begann Sara, als sie auf dem Meer waren.

„Du hast Gedanken, Honey.", grinste Gil.

„Weißt du, seit ich weg bin, habe ich viel darüber nachgedacht. Auch wenn ich wieder in Las Vegas bin, werde ich nicht mehr zum CSI gehen. Ich denke ich finde eine bessere Aufgabe als ständig Verbrecher zu jagen. Ich bin es leid Tag ein, Tag aus Leichen zu sehen.", gab sie nachdenklich von sich.

Gil rückte ein Stück an sie ran und nahm sie in den Arm.

„Das wird wieder, Honey. Du musst einfach erstmal alles verdauen.", beschwichtigte ihr Verlobter sie.

Es geht nicht darum, dass ich wieder zum CSI will. Ich möchte gar nicht mehr. Unabhängig davon, ob ich es verkrafte oder nicht. Ich würde gerne etwas anderes tun. Etwas wo ich Menschen helfen kann, so etwas nicht zu tun. Schon vorher sie davor warnen, was alles passieren kann. Aber für Gil zählt nur das CSI. Von mir aus könnten wir nach der Hochzeit auch nach San Francisco ziehen. Hier würde ich mich genauso wohlfühlen.

„Vermutlich.", gedankenverloren gab Sara ihm die Antwort.

Was ist los mit ihr? Will sie wirklich nicht mehr zum CSI zurück? Vielleicht sollte ich auch das CSI hinter mir lassen. Vielleicht ist sie hier in San Francisco glücklicher. Aber ich glaube eher nicht. Sonst hätte sie nicht gesagt, dass sie wieder mit zurück nach Las Vegas kommt.

Die restliche Überfahrt verlief angenehm ruhig. Bis auf ein wenig Small Talk, viele Küsse und noch mehr Lächeln genossen sie beide die Fahrt. Man merkte aber immer noch die Spannung, unter der beide standen. Weder Gil noch Sara konnten den Gedanken an Warricks Tot verdrängen, bemühten sich aber, trotz allem den Tag zu genießen.

Sie waren beide begeistert von Alcatraz, für Grissom war es das 2. Mal, dass er dort war. Die Faszination schien von ihm ebenso Besitz zu ergreifen, wie auch von seiner Freundin.

Abends gingen sie in der Nähe der Fisherman's Wharfs essen. Sara hatte ein kleines gemütliches Restaurant empfohlen, bei dem es vorwiegend Fisch und vegetarisches Essen gab.

„Wollen wir noch einen kleinen Spaziergang am Strand machen? Ich kann dir eine schöne Stelle zeigen, wo wir morgen ziemlich Ruhe haben werden.", fragte Sara, als sie den Nachtisch bestellt hatten.

Gils Augen leuchteten. Er fand es wunderbar, mit Sara den ganzen Tag verbracht zu haben, auch in Saras Gesichtsausdruck lag Begeisterung.

„Ja, sehr gerne. Du hast dich damals schon als gute Fremdenführerin herausgestellt.", Grissom lächelte Sara strahlend an.

„Gut, dass du es so siehst.", gab sie keck zurück.

Gil nahm Saras Hand und sah ihr tief in die Augen. Ihre braunen Augen funkelten gerade so vor Erotik. Zumindest meinte Grissom dies zu erkennen.

„Der Tag war wirklich wunderschön. Ich bin froh, dass du wieder in meiner Nähe bist.", sagte Gil.

„Ja, es war ein wirklich toller Tag. Aber wir haben noch jede Menge solcher Tage, wir müssen sie uns nur nehmen.", gab Sara zurück.

„Du hast recht, wir sollten in Vegas auch öfters mal rausgehen. Vielleicht mal zum Lake Mead fahren oder überhaupt ein wenig mehr unternehmen. Wir haben uns beide immer in die Arbeit vergraben."

Sara war im ersten Augenblick ziemlich überrascht, so etwas aus dem Mund ihres Verlobten zu hören.

„Das hast du jetzt nicht wirklich gesagt, oder?", lachte sie und hoffte, er hätte es ernst gemeint.

„Doch, das ist mein voller Ernst. Ich habe den Fehler gemacht und habe dich gehen lassen. Ich hätte mit dir gehen sollen. Die 6 Monate waren eine einzige Qual für mich, ohne dich. Ich will viel mehr Zeit mit dir verbringen, Sara.", Grissoms Stimme war ernst geworden.

Sara sah in seine tiefblauen Augen und wusste, dass er es ernst meinte.

„Das werden wir, Gil, versprochen.", lächelte Sara vor Freude.

Eng umschlungen gingen sie am Strand spazieren. Es war ein kleiner beleuchteter Weg, der zu Saras „geheimer" Stelle führte, so konnten sie ungehindert dort hinlaufen. Als sie durch den Sand liefen, lies Gil Saras Hand keine Minute los, als hätte er Angst, sie könnte ihm davonlaufen. Dass er davor wirklich Angst hatte, aber in anderem Sinne, wollte er ihr nicht sagen.

An dem kleinen abgelegenen Strand war es traumhaft, ein paar Bäume würden morgen Schatten spenden und vorne fiel der Sand flach zum Meer hinab.

„Ein traumhafter Platz. Den hast du mir damals vorenthalten.", schmunzelte Gil.

„Den Strand kannte ich damals schon, doch leider, bist du ja sang- und klanglos aus San Francisco verschwunden.", konterte Sara vielleicht ein wenig zu scharf.

Gil sog scharf den Atem ein. Er wollte sie nicht daran erinnern. Nicht daran, dass er sie damals sehr verletzt hatte.

„Es tut mir leid, Honey, so war das nicht gemeint.", entschuldigte er sich.

„Schon ok, jetzt, bis du mein Bugman und ich habe nichts mehr zu befürchten.", lächelte Sara ihn entwaffnend an.

„Ja und du bist meine Sara. Ich werde dich nicht wieder weglassen.", gestand er ihr.

Sie standen mit den Füssen im Meer und küssten sich innig. Es war wie in einem Traum. Sara dachte daran, wie sie vor Jahren hier gewesen war und gelitten hatte. Nie hätte sie gedacht, dass sie heute mit ihrem zukünftigen Mann in inniger Umarmung hier stehen würde.

Ich fühle mich so gut, so frei und einfach nur glücklich. So stelle ich mir das Leben vor. Einfach mal nur glücklich sein. Für ein paar Tage den Stress und Alltag vergessen. Warum kann es nicht immer so sein?

Sie wanderten noch eine ganze Weile an der kleinen Bucht entlang. Beide hatten das Gefühl, sie wären Jahre jünger. Sie bespritzen sich mit Wasser und neckten sich gegenseitig, woraus lange, zärtliche und überaus sanfte Küsse entstanden.

Am Ende des Spaziergangs waren beide zwar nass, aber glücklich.

„So gut habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.", strahlte Sara, als sie zu ihrem Appartement fuhren.

„Ja, ich mich auch nicht. Es war wirklich schön dort. Ich freue mich schon auf morgen.", lächelte Grissom voller Vorfreude.

Am nächsten Tag standen sie früh auf, um alles für das Picknick vorzubereiten, dann frühstückten sie noch gemütlich und fuhren Richtung Strand. Da sie nicht bis direkt an den Strand fahren konnten, mussten sie den Rest des Weges zu Fuß laufen. Wie Sara versprochen hatte, war es sehr ruhig. Es waren kaum Menschen an der kleinen Bucht. Es war ein heißer Tag am Memorial Day. Selbst für San Francisco ungewöhnlich. Aber durch den leichten Wind lies es sich gut ertragen.

Grissom breitete die Decke im Sand aus und sie ließen sich etwas außer Atem auf die Decke fallen. Der Weg in der Hitze mit der Kühlbox und den Schwimmsachen war schon etwas anstrengend. Sara sah ihren Verlobten an und begann zu lachen.

„Was ist los?", er sah sie etwas irritiert an.

„Bugman, du siehst einfach zu lustig aus.", Sara bekam sich nicht mehr ein vor Lachen.

„Komm' schon Sara, was habe ich?", fragte er stirnrunzelnd.

„Du hast im ganzen Gesicht den Sand kleben. An deinem Bart, sieht man keine Haare mehr, sondern nur noch Sand.", prustete Sara heraus.

Gil zog argwöhnisch die Augenbraue in die Höhe, was Sara noch mehr zum Lachen brachte.

„Komm' einfach mit ins Wasser."

Sara stand auf und schlüpfte aus ihrer Hose und ihrem Top. Sie zog den noch immer etwas verdutzt schauenden Grissom an der Hand hoch, doch der lies nur den Blick über Saras Körper wandern.

Diese Frau sieht einfach nur gut aus. Ich bekomme sie selten so zu sehen. Einfach wunderhübsch und sie ist bald meine Frau. Sara Sidle wird meine Frau. Glücklicher kann ich gar nicht sein.

„Stimmt etwas nicht?", Sara sah irritiert an sich herunter.

„Nein im Gegenteil, Honey, alles perfekt, einfach wow!", grinste er sie an.

Sara errötete leicht, aber grinste dann gleich. Als Gil neben ihr stand, flüsterte sie ihm ins Ohr.

„Das Kompliment kann ich nur zurückgeben, mein Bugman. Hot würde ich sagen...", Sara lächelte schelmisch und kniff Gil spielerisch in den Po.

Dann zog sie ihren ebenfalls etwas leicht im Gesicht rot gewordenen Freund, Richtung Wasser.

Im Wasser schwammen sie beide erstmal um die Wette. Auch wenn Gil etwas kräftiger war als Sara, so musste sie bald feststellen, dass seine Kondition keineswegs zu wünschen übrig lies. Den letzten Rest schwammen sie gemütlich zu einer Sandbank, etwas weiter draußen. Man konnte beiden ansehen, dass es ihnen gefiel, sich so ungezwungen zu bewegen. Es war eine völlig neue Erfahrung für sie, die sie auskosteten.

Zurück am Platz machten sie sich hungrig über das Picknick her. Sie hatten sich allerhand eingepackt. Sara hatte Gemüse und Obst in allen Variationen eingepackt und Grissom kalte Chickenwings und Maccaroni Salat. Ein paar Bagels, eine Falsche kalten Weißwein und Saft rundeten die Vielfalt des Essens ab.

Satt und zufrieden ließen sie sich auf die Decke fallen. Sara legte ihren Kopf auf Gils Brust und schloss die Augen. Grissom stricht ihr zärtlich über den Arm.

Das ist wirklich so schön. Die Tage hier, werde ich sicher nie vergessen. Wer weiß, was mich in Vegas wieder erwartet. Gil ist so anders hier, völlig ungezwungen.

Ich würde am liebsten so mit Sara jeden Tag verbringen, es tut so gut, sie wieder an meiner Seite zu haben.

Sara döste im Schatten ein wenig weg, während Gil sie eingehend betrachtete. Er konnte den Blick einfach nicht von seiner Verlobten wenden. Jedes Detail an ihr hatte er sich die Jahre über eingeprägt. All die Jahre, wo er nicht ihr sagen konnte, was er für sie empfand. Aber doch war sie ihm besser bekannt, als irgendeine andere Frau in seinem Leben.

So langsam erwachte Sara wieder und sah ihren Freund liebevoll an, während sie sich auf die Ellenbogen stützte.

„Uhm, ich bin wohl eingeschlafen.", blinzelte sie etwas.

„Nicht schlimm, es macht mir Spaß dich zu betrachten.", schmunzelte er.

„Hey, ich bin nicht eines deiner Insekten, das sich betrachten lässt.", gab sie gespielt verärgert zurück.

„Glaube mir, Honey, wenn ich dir sage, dass du wesentlich interessanter bist, als jegliches Insekt.", grinste Gil.

Sara seufzte auf und legte sich wieder neben ihn auf die Decke. Sara kamen die Erinnerungen ganz plötzlich wieder an ihre Entführung und fröstelte ein wenig. Grissom spürte, dass Sara plötzlich fror.

„Was ist los?", Gil drehte sich zu ihr um und sah sie besorgt an.

„Erinnerungen an Natalie.", gab sie blass wieder.

„Sara, was ist damals genau passiert? Du hast mir einiges noch nicht erzählt, und irgendwann warst du weg.", hakte er nach.

„Was soll ich auch groß erzählen. Natalie hat mich in die Wüste entführt und mich unter eine Auto gelegt. Den Rest kennst du.", gab sie zynisch wieder.

„Sara, bitte, ich will dir doch nur helfen. Meinst du nicht, ich habe das Recht es zu erfahren? Wie soll ich dir denn helfen, wenn du mir nicht vertraust?"

„Du kannst mir nicht helfen. Das habe ich dir schon vor einem halben Jahr gesagt.", Sara hatte sich entrüstet aufgesetzt.

„Sara wir haben Natalie festgenommen. Wie lange willst du warten, bis du mir alles erzählst? Bis zur Verhandlung? Soll ich da erst alles erfahren? Das ist nicht fair, Sara.", entrüstete sich Grissom.

Jetzt hatte Sara genug. Sie wollte nicht heute am Memorial Day über Natalie oder das sprechen, was sie mit ihr gemacht hatte. Sie wollte am liebsten überhaupt nicht darüber sprechen, sondern alles vergessen.

„Ach, es ist nicht fair, Gil. Was war all die Jahre nicht fair, als du mich immer wieder zurückgewiesen hast und mir wehgetan hast? Erinnere dich damals an hier an San Francisco, wo du einfach verschwunden bist. - Ohne irgendetwas zu sagen. Weißt du eigentlich, wie weh du mir damals getan hast?", Sara war wütend aufgesprungen.

„Bitte Sara, das ist Vergangenheit, wie lange willst du mir das noch vorhalten? Wir werden bald heiraten, ich habe das Recht darauf zu erfahren, was mit dir los ist.", gab er ungehalten zurück.

„Noch sind wir nicht verheiratet! Du bist nicht mein Mann und ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.", entgegnete Sara heftig wütend.

Mit diesen Worten lies sie einen völlig verwirrten Gilbert Grissom zurück und stürzte davon ins Meer.

Was ist mir ihr los? Der Tag hatte so schön begonnen. Ich möchte doch nur wissen, was mit ihr los ist. So kann es doch nicht weitergehen. Ich kann nicht immer so tun, als wäre die Entführung durch Natalie nie passiert. Warum muss sie mich immer gleich so angreifen? Merkt sie denn nicht, dass sie mir damit auch nicht gerade einen Gefallen tut? Auch wenn ich meine Gefühle manchmal nicht gut ausdrücken kann, treffen mich ihre Worte hart. Ich hatte solche Angst um sie. Fast habe ich geglaubt, sie nicht mehr lebend zu finden. Catherine hat mich wieder aufgebaut in der Wüste, als ich nicht mehr weiter wusste. Ich liebe sie mehr als mein Leben. Warum begreift sie denn nicht, dass ich ihr nichts Böses will?

Sara rannte blind vor Tränen in Richtung Meer. Sie wollte einfach nur alleine sein. Gil sollte nicht sehen, dass sie immer noch so mitgenommen war durch das, was geschehen war.

Warum begreift er nicht, dass ich nicht darüber reden will? - Besonders nicht heute. Die letzen zwei Tage waren so schön, warum muss er immer alles kaputt machen? Ich hasse ihn manchmal dafür, dass er einfach nicht nachgibt. Nur weil Dr. Gilbert Grissom jetzt über Gefühle redet, muss ich es nicht auch tun. Besonders nicht über negative. Es ist meine Sache, was in der Wüste geschehen ist. Ich hatte Angst, große Angst, dass ich das alles nicht überlebe. Ich habe um mein Überleben gekämpft. Reicht es ihm denn nicht? Was muss ich noch tun? Die toughe Sara Sidle wurde mal wieder eines Besseren belehrt.

Sara schwamm mit kräftigen Zügen hinaus aufs Meer. Sie weinte noch immer. Das Salz vom Meer brannte in ihren Augen. Sie hasste diese Gefühle. Diese Hilflosigkeit, nahe eines Zusammenbruchs.

Irgendwann war sie völlig außer Atem und hatte auch keine Tränen mehr. Sie schaute sich um und konnte ihren Verlobten nur noch als kleinen Punkt ausmachen. Sie war wütend, aber nicht auf Gil, sondern auf sich selber, dass sie ihre Emotionen nicht im Griff hatte. Würde sie jemals wieder die alte Sara Sidle werden, jemals wieder die Erinnerungen verdrängen können?

Was ist, wenn ich nie darüber hinwegkomme? Was ist, wenn es Gil irgendwann zu viel wird und er sich wieder scheiden lässt? Ich habe Angst wieder ohne ihn zu sein. Er bedeutet mir alles in meinem Leben. Vielleicht sollte ich einfach versuchen, mit ihm darüber zu reden. Vielleicht wird es besser, wenn ich ihm alles erzählt habe. Vermutlich kann er mich dann besser verstehen. Aber da ist auch die Angst, dass Gil mich mit anderen Augen sieht. Ich möchte von ihm nicht die ganze Zeit immer wieder bevormundet werden.

Grissom saß auf der Decke und sah Sara nach. Er war wütend, über Sara und über sich selbst. Wiedermal wusste er nicht, was er tun sollte.

Was soll ich nur tun? Wenn ich ihr jetzt nachgehe, laufe ich die Gefahr, dass sie noch mehr in die Luft geht. Aber wenn nicht, ist sie vielleicht wieder verletzt. Vielleicht braucht sie mich. Ich kenne Sara, manchmal kann sie es einfach nicht zugeben, wenn sie Hilfe braucht. So sehr man es ihr auch anbietet. Sie ist und bleibt eben eine typische Sidle. Aber genau wegen dieses Sturkopfs liebe ich sie so sehr, auch wenn es mit ihr manchmal nicht gerade leicht ist.

Gil sah aufs Meer. Sara war ein ganzes Stück weit rausgeschwommen. Diesmal fackelte er nicht lange und ging ebenfalls ins Wasser, um zu Sara zu schwimmen. Er sah aus der Entfernung, wie sie ihre Haare zusammenband. Er fand sie so ungemein attraktiv, wenn sie ihre Haare zum Pferdeschwanz hatte. So hatte er sie damals kennengelernt. Er schwamm in schnellen Zügen auf Sara zu, die immer noch mit dem Rücken zu ihm stand. Sie bemerkte Gil nicht, wie er näher kam. Sie war wohl auf einer Sandbank, denn Grissom konnte sehen, wie Sara stand und wohl einfach nur ihren Gedanken nachhing, jetzt hatte sie sich etwas seitlich gedreht, dass er ihr Profil sehen konnte. Aber sie sah ihren Verlobten immer noch nicht.

Als Gil Sara erreicht hatte, war seine Wut fast schon verflogen, er wollte sie einfach nur in den Armen halten. Er stellte sich hinter sie und küsste sanft ihren Nacken. Grissom konnte einfach nicht widerstehen, er wollte den Tag nicht mit Streit verderben. Er legte die Arme um sie und Sara ließ ihren Kopf auf Gils Schulter sinken.

„Hey, geht es wieder?", fragte er sie.

„Ja, es tut mir Leid, Gil. Manchmal weiß ich einfach nicht mehr weiter. Ich habe das Gefühl, dass ich aus dieser Hölle nicht mehr rauskomme.", Sara drehte sich jetzt um und sah Grissom mit verweinten Augen an.

Der Anblick schmerzte Grissom.

Oh Gott, Sara, wenn ich dir doch nur irgendwie helfen könnte. Seit einem Jahr versuche ich ihr zu helfen, aber sie lässt mich einfach nicht an sich ran.

„Bitte hilf mir, Gil. Ich schaffe es nicht alleine.", Sara schluchzte auf.

Gil zog sie fester in die Arme und stricht ihr beruhigend über den Kopf.

„Ich versuche es ja, Honey, aber du lässt mich einfach nicht an dich ran. Sara, so kann ich dir unmöglich helfen.", erwiderte er.

„Ich weiß. Mein ganzes Leben lang war ich ein Einzelkämpferin, bis du mich in dein Leben gelassen hast, habe ich alles mit mir selber ausgemacht. Verstehe mich nicht falsch. Ich habe mich nie mehr zu Hause gefühlt als bei dir. Du bist mein Leben, Gil. Aber manchmal fällt mir einfach alles so schwer und jetzt das noch mit Warrick.'", Sara fröstelte ein wenig.

„Komm' lass uns wieder ans Ufer schwimmen, dir ist schon ganz kalt.", schlug Gil vor.

Gemeinsam schwammen sie zum Strand und setzten sich wieder auf die Decke. Sara erzählte Grissom einiges von der Entführung und er musste aufpassen, dass er nicht selber die Fassung verlor, über dass gehörte. Jetzt erst wusste er richtig, was Sara durchmachen musste. Vielleicht, so hoffte er, verstand er sie jetzt besser und konnte ihr helfen.

Grissom wiederum erzählte Sara, was er erlebt hatte. Auch er hatte sich fast ein Jahr lang darüber ausgeschwiegen, was er durchgemacht hatte. Es war alles andere als leicht für beide mit so etwas fertig zu werden. Beide nahmen sich vor, es gemeinsam zu schaffen. Allerdings waren sich sowohl Grissom, als auch Sara, nicht sicher, ob ihre Beziehung dieser Herausforderung gewachsen war.

Den Tag am Strand genossen sie in der Zweisamkeit und redeten nicht mehr über die Themen Natalie und Warrick.

Am Abend aßen sie gemütlich auf dem Balkon zu Abend. Grissom hatte gekocht. Zucchini Auflauf mit Kartoffeln. Sara wusste, dass ihr Freund gut kochen konnte. Aber das Essen schmeckte wirklich hervorragend. Vielleicht lag es auch daran, dass sie einfach total hungrig war.

„Gil, das schmeckt fantastisch.", machte Sara ihm strahlend das Kompliment.

„Danke, da bin ich ja froh, dass es dir schmeckt. Das Rezept stammt noch von meiner Mutter.", grinste er.

„Hm ich kann nur sagen, deine Mum muss göttlich gekocht haben.", erwiderte Sara lächelnd.

Nach dem Essen wuschen sie noch schnell gemeinsam ab und Sara packte ihre Koffer. Ihr Flug ging morgen ziemlich früh und sie mussten rechtzeitig am Flughafen sein. In der Nacht war es nicht Sara, die unruhig schlief, sondern Gil. Er wälzte sich zuerst ständig hin und her. Leider musste er sich eingestehen, dass er Angst vor der Beerdigung hatte. Er wusste nicht, ob er stark genug für sich und Sara war und das machte ihm Angst. Er musste für Sara da sein. Aber gleichzeitig nahm ihn der Tod von Warrick mehr mit, als er sich eingestehen wollte. Als Gil endlich eingeschlafen war, begannen die Albträume. Irgendwann in der Nacht wachte er schweißgebadet auf.

Er schaute auf die andere Seite, wo Sara tief und fest schlief.

Wenigstens kann sie schlafen. Es ist schon schlimm genug, wenn ich die Beerdigung nicht richtig verkrafte. Sara muss fit sein, sonst steht sie das Ganze nicht durch.

Gil stand auf und ging ins Bad, um sich ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Er erschrak, als er in den Spiegel schaute, es war nicht zu übersehen, dass etwas mit ihm nicht stimmte, er war total blass und hatte Ringe unter den Augen. Plötzlich spürte er zwei Arme, die sich liebevoll um seinen Körper schmiegten.

„So schlimm, Bugman?", Sara sah ihn durch den Spiegel an.

Grissom nickte nur und wollte das Gesicht abwenden. Aber Sara schüttelte den Kopf, stellte sich vor ihn und legte ihre Hand an sein Kinn, um seinen Kopf wieder in ihre Richtung zu lenken.

„Ich bin auch für dich da! Wir schaffen das. Jetzt komm wieder mit ins Bett.", sagte sie und schob Gil aus dem Bad und machte das Licht aus.

Sie legten sich wieder ins Bett, aber diesmal nahm Sara Gil in den Arm, um ihn zu beruhigen. Er zitterte noch immer ein wenig.

Keiner von beiden sagte etwas. Sara küsste ihren Verlobten zärtlich und dann schliefen sie eng umschlungen ein. Noch mehrmals in der Nacht wachte Grissom, geplagt von Albträumen, auf. Immer war Sara an seiner Seite, die ihn nicht aus ihrer Umarmung ließ. Gil war sehr dankbar dafür, dass Sara bei ihm war. So wusste er, dass er sich an jemandem festhalten konnte.

Es ist so schlimm für Gil. Warrick war einer seiner besten Freunde. Es ist schön, dass er sich von mir helfen lässt und ich ihn ein wenig trösten kann. Wann hört das endlich auf? Warum können wir beide nicht einfach mal glücklich sein? Warum bleibt uns das Glück immer verwehrt?

... TBC