Kapitel 04 – Ein machiavellischer Anfang

„Ich kann nichts hören", sagte Hermine, deren Ohr seit fast fünf Minuten gegen die kalte Holztür gepresst war. „Könnt ihr irgendetwas hören?"

„Nicht, wenn du quasselst", zischte Ron. „Schh!"

Sie verdrehte die Augen und rückte von der Tür weg, um sich gegen die Wand zu lehnen. Ihr finsterer Blick blieb unbemerkt, da Ron seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tür wandte. Er drückte sein Gesicht dagegen und verzog es zu einer Mischung von grotesken und komischen Grimassen, die blauen Augen ins Nichts gerichtet. Harry hatte nichts gesagt, seit Moody und Draco hineingegangen waren. Er kniete nur auf dem Boden, das Ohr gegen das Holz gepresst. Er trug einen grimmigen Ausdruck auf dem Gesicht und einen entfernten Blick in den Augen.

Plötzlich sprangen beide Jungen von ihren Positionen auf dem Boden auf.

„Was ist? Was ist los?", drängte sie.

„Sie kommen heraus", antwortete Harry. „Schnell, benehmt euch ganz normal."

Harry und Ron begannen, ziemlich laut von Quidditch zu reden, als Channing Orman aus der Tür erschien.

„Oh, hallo, Mr. Orman", sagte Harry, während er armselig Überraschung vortäuschte. „Wie geht es Ihnen heute?"

Channing schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass Sie an der Tür gelauscht haben", sagte er offen heraus.

„Wovon reden Sie?", gab Harry wieder vor, ahnungslos zu sein.

„Potter, bitte. Sie haben ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht. Sie sind ein fürchterlicher Lügner."

Unsicher, ob er Channings Aussage als Kompliment auffassen sollte oder nicht, entschied Harry sich, es zu ignorieren. „Was haben Sie dadrin gemacht?"

„Das geht Sie nichts an. Aber denken Sie darüber nach und ich bin sicher, Ihnen könnte eine Erklärung einfallen." Das Trio verfiel in Schweigen. Als Harry endlich eine Frage formuliert hatte, war Channing verschwunden.

„Tja, das war ja hilfreich", sagte Ron sarkastisch.

„Doch, das war es", entgegnete Hermine. „Wen haben wir am Ende des Schuljahrs verloren?"

„Dumbledore", antwortete Ron. Harry schwieg.

„Ja, aber wir haben auch Snape verloren." Aus dem Augenwinkel sah Hermine, dass Harry die Hände ballte.

„Ich würde das nicht gerade als Verlust ansehen, Hermine", sagte Ron düster.

„Und warum sollte er uns etwas kümmern?", fragte Harry zwischen zusammengebissenen Zähnen.

„Wegen dessen, was er tun könnte. Snape war begabt in Legilimentik, genau wie Dumbledore. Jetzt wo beide fort sind, brauchte der Orden einen Neuen. Und da kommt Channing ins Spiel…"

„Orman ist der neue Legilimentiker!", realisierte Ron.

„Exakt", sagte sie, überrascht und erfreut von Rons schneller Erkenntnis. „Er hat offensichtlich Malfoys Gedanken durchgesehen, um herauszufinden, ob er vertrauenswürdig ist."

„Aber wie gut ist er als Legilimentiker? Ein begabter Okklumentiker könnte leicht seinen Geist beschützen", erwiderte Harry.

„Das werden wir nie wissen", gab Hermine zu. „Wir werden einfach hoffen müssen, dass Channing ein ausgesprochen guter Legilimentiker oder dass Malfoy ein armseliger Okklumentiker ist."

Die Unterhaltung versiegte hier. Sie alle dachten das gleiche: dass Channing besser ein verdammt guter Legilimentiker sein sollte.

Nach einer Minute ging Harry wieder an der Tür lauschen.

„Das ist sinnlos", dachte Hermine und nahm ihre entspannte Pose an der Wand wieder ein. „Moody hat offensichtlich die Tür verzaubert." Sie verschränkte die Arme und starrte mit leerem Blick auf die Tür, doch ihre Gedanken rasten. Eine Frage, die sich in ihren Geist bohrte, trat vor allen anderen hervor: Was machte Malfoy hier? Eine unlogische Lösung nach der anderen tauchte in ihrem Kopf auf und verschaffte ihr das frustrierendste Gefühl von Unzufriedenheit, das sie sich vorstellen konnte. Hermine seufzte wütend, was ihr ein weiteres lautes „Schh!" von Ron einbrachte.

Jungs…", dachte Hermine und verdrehte die Augen.

Harry und Ron wurden plötzlich auf den Boden geschleudert, als sich die Tür ruckartig öffnete. Hätte Moody nicht so grimmig ausgesehen, hätte Hermine gelacht. Moody hielt sein Metallbein in einer Hand, den Zauberstab in der anderen, und hopste heraus. Er hatte sein Bein abgenommen, um sich leiser nähern und dadurch Ron und Harry beim Lauschen erwischen zu können. Sie sahen überrascht zu ihm hoch.

„Ich kann durch Türen sehen, wisst ihr noch", knurrte er die Jungen an. Hermine gluckste in sich hinein, doch ihre Schadenfreude war von kurzer Dauer, als sie Draco hinter Moody auftauchen sah. Er sah nicht so verdrießlich aus, wie Hermine gehofft hatte, was ihr den Grund zum Misstrauen gab. Sie wartete wie auf glühenden Kohlen auf eine Erklärung.

Unglücklicherweise wurde ihnen keine geboten. Stattdessen sprach Moody einige Befehle aus: „Potter, Weasley. Ich muss sofort mit Ihnen beiden sprechen. Miss Granger, zeigen Sie Mr. Malfoy das leere Zimmer am Ende des Korridors. Dein Gepäck und deine Eule", sagte er an Draco gewandt, „sind schon da."

Eine Sekunde später brachen Harry und Ron in hysterisches Gelächter aus, gepaart mit kaum verhohlener Wut. Durch sein angespanntes Lachen brachte Harry hervor: „Professor, Sie lassen es aussehen, als würde Malfoy bei uns wohnen. Das ist doch lächerlich."

„Lächerlich", stimmte Ron zu. „Richtig?"

„Ich fürchte nicht. Mr. Malfoy wird den Rest des Sommers bei uns bleiben."

Moody beließ es bei dieser Erklärung. Harry, Ron und Hermine sprachen alle auf einmal:

„Nein, Professor, wissen Sie, was er versucht hat zu tun? Dieses Stück Scheiße! Ich meine…" „Verflucht noch mal! Sie sind verrückt! Warum…" „Wie können Sie uns das antun? Wissen Sie, was wir seinetwegen durchmachen mussten? Das ist…"

„Meine Entscheidung!", brüllte Moody, was die gesamte Gruppe zum Schweigen brachte. „Ich erwarte nicht von Ihnen, es zu verstehen, aber was ich von Ihnen erwarte, ist sich vernünftig zu verhalten. Und das fängt damit an, darauf zu hören, was ich sage. Potter, Weasley, hierein. Granger, bringen Sie Malfoy nach oben. Sofort."

Seine barsche Stimme und sein Blick bestätigten, dass Moody es nicht dulden würde, missachtet zu werden. Ron und Harry warfen Hermine beide mitfühlende Blicke zu, die offensichtlich die undankbarste Aufgabe abbekommen hatte. Moody bedachte Hermine mit einem ausdruckslosen Blick und trat nach Harry und Ron ein, die Tür hinter ihnen schließend. Hermine blieb allein mit Draco zurück.

Sie hatte nicht einmal einen Blick für ihn übrig. Schnell stürmte sie durch die verzweigten Gänge des Hauses der Blacks. Sie bog scharf um die Ecken und raste fast die Treppe hoch.

„Was ist, Granger? Meinst du etwa, wenn du nur schnell genug läufst, wirst du mich abhängen?", höhnte Draco hinter ihr. Seine langen Beine konnten leicht mit ihrem Tempo mithalten. Hermine unterdrückte den Drang, ihn anzufunkeln, und ging weiter.

„Endlich", dachte sie, als der unbelegte Raum am Ende des Korridors in Sicht kam. „Nur noch ein paar Meter… ich kann es schaffen, ohne ihn zu schlagen."

„Die Porträts unten hatten Recht", sagte Draco gedehnt. „Hier ist Dreck in diesem Haus." Hermine sträubte sich vor Wut, da sie wusste, dass er nicht von dem Zustand des Bodens sprach. Sie biss sich auf die Zunge, während er fortfuhr: „Wenn meine Geschichtskenntnisse korrekt sind, war die Black- Familie eine der reinsten Blutlinien, neben meiner eigenen natürlich. Eine Schande, dass sie so tief gesunken ist."

Sie gelangten an Dracos Tür, die Hermine aufstieß. „Mahlzeiten werden meistens angekündigt. Wenn du eine verpasst, isst du allein. Geh in keins der anderen Zimmer, es sei denn du hast die Anweisung dazu erhalten. Das Badezimmer ist am anderen Ende des Korridors – die dritte Tür auf der rechten Seite." Sie spulte alles sehr schnell und hastig ab. Sie wandte sich zum Gehen, erstaunt über ihre eigene Belastbarkeit, was Malfoys Sticheleien anging. Gerade als sie glaubte, auf sicherem Boden zu sein, sagte er:

„Jetzt sag mir, Granger, denn ich bin neugierig." Hermine blieb stehen. Sie wusste von seinem Tonfall, dass das, was als nächstes kam, nicht angenehm sein würde. „Hat Potter dir jemals erzählt, was in der Nacht von Dumbledores Tod passiert ist?" Er hielt dramatisch inne. „Wie er nichts getan hat, um den Tod zu verhindern?"

„Was wirst du schon darüber wissen?", zischte sie.

Es war fast zu leicht. „Granger", sagte Draco, gefolgt von einem kurzen Lachen. „Ich war da." Seine Lippen verzogen sich zu einem boshaften Feixen und seine Augen verengten sich und funkelten gefährlich.

Hermine wirbelte zu Draco herum. Zorn ließ ihre braunen Augen aufblitzen. Sie hob die Hand, um ihn zu schlagen. Gerade bevor ihre Handfläche mit einem befriedigenden Klatschen ihr Ziel traf, packte sie ein Griff wie ein Schraubstock. Sie schrie vor Überraschung und Schmerz auf. Bevor sie sich wehren konnte, wurde sie herumgedreht, den Arm schmerzhaft auf den Rücken gebogen. Malfoy riss ihren Arm hoch und Hermine schnappte nach Luft. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Schmerz zu lindern.

„Das hat er dir nie erzählt, oder, Granger?", zischte Malfoy ihr ins Ohr, der den Ausdruck von Angst auf ihrem Gesicht genoss. „Musstest es in der Zeitung lesen, was?" Mit ihrem Körper an seinen gepresst, realisierte Draco, wie viel größer er war als sie. Er bemerkte ebenfalls, wie zerbrechlich sie sich in seinen Armen anfühlte. „Ich könnte sie entzweibrechen", dachte er mit einem bösartigen Grinsen. Er verstärkte seinen brutalen Griff.

„Er wird es uns erzählen, wenn er bereit dazu ist", sagte Hermine mit leicht bebender Stimme. Das riss Draco aus seinen Gedanken.

„Wenn er bereit dazu ist. Ha!", höhnte Draco. „Potter ist ein Feigling, Granger. Das wissen wir beide. Er ist schwach und seine Schwächen sind es, das ihm am Ende zum Verhängnis werden wird. Es sei denn, er kriegt seine Fehler in den Griff, sonst wird er niemals gegen den Dunklen Lord gewinnen."

„Harry ist nicht schwach, Malfoy. Zuerst einmal greift er nicht zu Gewalt, um zu bekommen, was er will. In dieser Hinsicht ist er stärker als die meisten", keifte sie.

Ihre Beleidigung entging Draco nicht. Sein Gesicht verfinsterte sich und er hob Hermines Arm noch höher. Er lächelte, als er sie wimmern hörte. Während er mit ihr sprach, hob er ihren Arm auf dem Rücken immer höher, um langsam den Schmerz zu steigern. „Ich schulde dir etwas für deine Begrüßung an der Tür", sagte er. Ein krankes Lächeln schwang in seiner Stimme mit: „Nimm dich in Acht, Schlammblut."

Mit dieser letzten geraunten Drohung stieß Draco sie von sich weg. Hermine stürzte zu Boden, da ihr plötzlich die Stütze fehlte. Sie landete mit einem Ächzen auf die Seite. Sofort drehte sie sich auf den Rücken. Sie hatte Angst, ihre Augen zu lange von Draco abzuwenden.

Sie begegnete seinem Blick. In ihren schokoladenbraunen Augen wirbelte etwas interessantes Neues. Zum ersten Mal sah sie Draco mit Furcht an.

„Wird ja auch mal Zeit", dachte Draco zufrieden.

Er beobachtete kühl, wie sie sich hastig aufrappelte. Sie wich den Korridor entlang zurück, ihren wunden rechten Arm mit der anderen Hand umschlungen. Sobald ein paar Meter zwischen ihnen lagen, drehte sie sich um und eilte auf die Treppe zu. Zweimal sah er, wie sie zu ihm zurückschaute. Zweimal erwiderte er ihren Blick mit demselben steinernen Ausdruck der Teilnahmslosigkeit, den er in jahrelanger Arbeit perfektioniert hatte.

Draco hörte sie die Treppe hinunterrennen und trat mit einem Gefühl des Stolzes in sein neues Zimmer, das dringend saubergemacht werden musste. Eine Staubschicht bedeckte alle Möbel und, zu Dracos Entsetzen, sogar den Bettüberzug. Er schüttelte die Decke auf und nieste, als Staub seine Nase kitzelte.

„Sie hätten wenigstens ein bisschen putzen können", murmelte Draco vor sich hin. Er zog seinen Zauberstab aus der Hosentasche und machte sich daran, den Raum sauberzumachen. Er riss die Fenster weit auf, damit seine Eule kommen und gehen konnte, wie es ihr beliebte. Mehrere „Ratzeputz" später war das Zimmer alle Beweise des Nichtsgebrauchs losgeworden. Der Staub und die Spinnweben, die wie dicke Perlenvorhänge in den Ecken gehangen hatten, waren verschwunden, ebenso wie die Spinnen und blutleeren Insekten, die in ihnen gehaust hatten.

Draco blickte sich im sauberen Raum um, immer noch stirnrunzelnd. Es war beträchtlich kleiner als sein Zimmer zu Hause und auch um einiges schlichter. Ein bescheidenes Einzelbett stand auf der anderen Seite des Raums, daneben war ein kleines Fenster. Auf der anderen Seite stand eine Kommode. Auch nachdem Draco saubergemacht hatte, hatte er den merkwürdigen Geruch nicht völlig entfernen können.

Das Zimmer hatte definitiv etwas Arbeit nötig, doch Draco hatte den ganzen Sommer, um es zu verbessern. Für die Zwischenzeit war er zufrieden, dass es zumindest ein wenig wohnbarer geworden war. Er ließ sich aufs Bett fallen und dachte über sein kleines „Spiel" mit Hermine nach. Er wusste, dass er die Szene auf dem Dach nicht hätte zur Sprache bringen sollen, doch solch einer Gelegenheit konnte er einfach nicht widerstehen. Obwohl es seine eigenen Fehler zur Schau stellte, würde es gleichzeitig ihr Vertrauen in Harry erschüttern. Und jede Chance, Hermines Glauben in ihren geliebten Helden zu schwächen… tja, Draco würde sie ohne Zögern ergreifen.

Er gluckste, als er sich ihren ängstlichen Gesichtsausdruck in Erinnerung rief. „Sie wird es Potter und Weasley nicht erzählen", dachte er zuversichtlich. „Sie wird nicht wollen, dass sie sich Sorgen machen." Dann fiel ihm etwas ein. Etwas Überraschendes, aber keineswegs Bedrückendes. Er dachte daran, wie zerbrechlich sie sich in seinen Armen angefühlt hatte, die Angst in ihren Augen und das beinahe erotische Gefühl der Kontrolle, die er über sie hatte. „Kontrolle…", dachte er und schauderte in verdrehtem Entzücken. „Wäre das nicht schön…"

Seine Gedanken wanderten eine Weile in diese Richtung und er döste, während er einen wunderbaren Tagtraum erlebte, in dem Granger ihm Mahlzeiten servierte und sein Zuhause putzte, wobei er sich daneben auf seinem schwarzen Ledersofa fläzte.


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