Kapitel 4

Hermine schloss die Tür zur Wohnung auf und hing ihren Mantel an die Garderobe. Sie wusste selbst nicht, warum sie es immer wieder tat. Sich selbst Stück für Stück umzubringen. Sie seufzte leise und legte die Tasche, die sie bei sich getragen hatte, auf die Kommode. Die Sachen würde sie auch später noch einräumen können.

Sie ging kurz in ihr Zimmer um sich ihre Freizeitkleidung zu holen und ging dann direkt ins Bad. Sie brauchte dringend eine warme Dusche. Sie fühlte sich so schmutzig. Mit einem Wink ihrer Hand war der Spiegel mit einem weißen Tuch verdeckt. Sie konnte ihr Spiegelbild momentan nicht ertragen. Sie würde so wie so nur eine hässliche Fratze sehen, die ihr wie die Personifikation des Bösen vorkam.

Hermine drehte das Wasser auf und stellte sich ohne zu zögern unter den Strahl. Sie bekam kaum mit, dass das Wasser am Anfang eisig kalt war, viel zu sehr war sie in den Kampf mit den Schuldgefühlen verwickelt, die sie zu überrollen drohten.

Ohne dass sie es verhindern konnte, liefen ihr heiße Tränen die Wangen hinunter. Ihr Widerstand brach und die ganze Verachtung, die sie sich selbst gegenüber empfand, der Schmerz, der sie jedes Mal befiel, durchfluteten ihren Geist und machten jeden anderen Gedanken unmöglich.

Sie war so in ihrem Gefühlschaos gefangen, dass die Beine unter ihr nachzugeben drohten und sie sich gegen die Kacheln lehnen musste. Ein leichtes Zittern durchlief ihren Körper und kurz darauf bahnte sich ein Schluchzer den Weg aus ihrer Kehle. Warum? Warum musste ausgerechnet sie so ein Schicksal treffen?

Auf einmal verließ sie die Kraft und sie ließ sich langsam auf den Boden der Dusche sinken, wo sie von Schluchzern geschüttelt wurde. Wie sollte sie das nur aushalten? Sie hatte weder genügend Kraft um aufzuhören noch um weiterhin dieses Leben zu führen.

Nach einer schieren Ewigkeit ebbte ihr Weinen ab und sie war wieder ruhig genug um sich so weit zu sammeln, dass sie Snape gegenübertreten konnte. Sie drehte das Wasser ab, trocknete ihren Körper und schlüpfte in ihre Freizeitkleidung. Sie wusste nicht, was sie ihm sagen würde. Das würde sie entscheiden, wenn es so weit war. Was sie wusste, aber war, dass sie diese Nacht keinen Schlaf finden würde.

Auf leisen Sohlen ging sie aus dem Badezimmer und hoffte, nein flehte, dass Snape sie nicht bemerkten würde. Doch es kam, wie es immer in solchen Situationen kam. Er bemerkte sie doch und stand nur wenig später im Türrahmen, der zum Wohnzimmer führe, wo er die ganze Zeit gesessen hatte.

„Wie war der Spaziergang?", fragte er. Nicht, dass er innerhalb einer Stunde zu einem höflichen, zuvorkommenden Mann mutiert war. Nein, er war lediglich neugierig, was genau ihr so nahe gegangen war die letzten beiden Tage.

Hermine fuhr erschrocken herum und starrte ihn an. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals und pumpte Unmengen Adrenalin durch ihre Adern. Endlich, nach einer schieren Ewigkeit, wie es ihr schien, hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie sicher war, sie würde nicht stottern. „Schön", sagte sie und wusste im nächsten Moment, dass diese Antwort etwas zu knapp ausgefallen war.

Doch bevor er noch weiter nachhakten konnte, klingelte das hausinterne Telefon, das direkt neben der Wohnungstür hing. Dankbar für diese Rettungsleine, die Alfred ihr unabsichtlich zugeworfen hatte, eilte sie hin und hob den Hörer ab.

„Hallo?"

„Miss Granger? Es ist etwas Schreckliches geschehen! Schalten Sie den Fernseher ein, es läuft auf allen Sendern. Ich...", kam es wie eine Sintflut vom anderen Ende der Leitung.

„Alfred, beruhigen Sie sich! Was kommt auf allen Sendern?", versuchte Hermine den alten Mann zu beruhigen – mit Erfolg, wohl bemerkt.

„Man hat den Millionär David Miller umgebracht!", brachte er schließlich heraus, nachdem er ein paar mal tief durchgeatmet hatte.

Hermine stockte der Atem. So schnell schon? Sie sah auf die Uhr. Es hatte keine viertel Stunde gedauert! Gut, die Wachmänner hatten hundertprozentig auch ihre Handys dabei gehabt und die Polizei von New York war auch nicht die langsamste, aber so schnell... Ihr lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter.

„Miss Granger, sind Sie noch am Aperrat?", fragte Alfred, nachdem einige Sekunden lang Stille geherrscht hatte.

„Ja, bin ich", antwortete sie leise. „Entschuldigen Sie bitte, aber ich..."

„Sie haben ihn gekannt, nicht wahr? Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Wie auch immer... Ich wünsche Ihnen noch einen erholsamen Abend."

Hermine erwiderte seinen Gruß, bevor sie den Hörer auflegte und sich mit der Stirn an die Wand lehnte. Gönnte man ihr denn keinen Moment Ruhe? Nicht wenigstens noch eine oder zwei Minuten? Sie ließ sich an der Wand hinuntergleiten und zog die Beine nah an ihren Körper. Nur eine Minute Ruhe, mehr wollte sie doch überhaupt nicht. Nur einen Moment.

Auf einmal spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter und sie schreckte auf.

Snape war zu ihr getreten und hatte sich neben sie gehockt, bevor er eine Hand auf ihre Schulter gelegt hatte. „Alles in Ordnung?", fragte er leise, während er sie besorgt musterte. In diesem Moment sah sie so aus, wie er sich nach einem Todessertreffen fühlte und das machte ihm große Sorgen. Nicht, dass sie eine Todesserin war, aber in ihrem Alter sollte man so etwas noch nicht erlebt haben.

Hermine schüttelte den Kopf, da sie wusste, dass er etwas Anderes nicht glauben würde. Sie fühlte sich tot, als wäre eine endlose Ödnis in ihrem Inneren und sie hatte nicht mehr die Kraft, es zu verbergen. Hermine sah ihn ängstlich an, da sie keine Ahnung hatte, wie er reagieren würde. Würde er sie mit Fragen löchern oder es einfach akzeptieren und nicht nachhaken?

Snape beobachtete sie mit steigender Besorgnis. Was war geschehen, dass sie dermaßen fertig war? Ohne dass er es verhindern konnte, stieg ungeheures Mitleid für sie in ihm auf. Er schloss kurz die Augen. Er hatte zwei Möglichkeiten: Entweder würde er sie nun ausfragen und somit alles erfahren, was sie bedrückte, oder er würde ihr Zeit lassen und sie einfach nur trösten.

Ersteres passte zwar eher zu dem Bild, das man im allgemeinen von ihm hatte, aber er wusste, dass er somit nur in der so wie so schon viel zu tiefen Wunde herumstochern würde. Würde er ihr Zeit lassen, würde die Wunde, wenn Hermine endlich den Mut gefunden hatte, alles zu erzählen, heilen und nicht nur noch erweitert werden.

Er bedachte die junge Frau vor sich mit einem mitleidigen Blick, bevor er sie in seine Arme schloss.

„Was auch immer es ist, das dich bedrückt", flüsterte er ihr ins Ohr, „ich werde dich nicht ausfragen. Ich weiß, wie es ist und ich möchte nicht, dass du das erleben musst." Er spürte, wie sich Hermine langsam entspannte. „Ruh dich aus", wisperte er leise, während er ihr über den Rücken strich.

Er wusste selbst nicht, warum er so verständnisvoll zu ihr war. War es, weil er wusste, wie sie sich fühlte? Mit Sicherheit, aber nicht nur deswegen. Es war, als würde er einem Teil von sich selbst gegenüberstehen und endlich einmal die Chance bekommen, etwas richtig zu machen.

Nicht sicher, was er sonst hätte tun sollen, wiegte er sie sanft hin und her und wartete. Worauf war ihm nicht klar, aber er tat es.

Es dauerte nicht lange und sie war eingeschlafen. Er wartete noch einige Momente, bevor er aufstand und sie auf seine Arme nahm. Er passte auf, dass er nicht zu laut war, während er sie in ihr Zimmer brachte und sanft auf ihrem Bett ablegte. Er deckte sie zu und strich noch einmal über die Bettdecke bevor er aus dem Zimmer ging.

Kaum hatte er die Tür hinter sich mit einem leisen Klick geschlossen, ließ er die Luft aus seinen Lungen entweichen, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie angehalten hatte. Er sah auf seine Hand, die vor nicht mehr als zehn Minuten noch auf ihrer Schulter geruht hatte. Was war nur geschehen, dass sie so ruhelos war?

Er hatte zwar nicht vor, sein Wort zu brechen, aber es interessierte ihn dennoch. In dieser Hinsicht war er nicht besser als Dumbledore. Obwohl... nein nicht wirklich. Er ging zurück ins Wohnzimmer und ließ sich wieder auf das Sofa fallen und wandte sich wieder seinem Glas Wein zu.

Überhaupt sah es ihm nicht ähnlich, dass er sich so um eine Person dermaßen sorgte, wie um sie momentan. Aber irgendwie konnte er nicht anders. Er genehmigte sich einen größeren Schluck aus seinem Glas und lehnte sich danach entspannt zurück.

Er war gerade dabei, die Decke anzustarren und über Gott und die Welt nachzudenken, als plötzlich das Telefon schrillte. Und dieses Mal war es leider nicht das Hausinterne. Er sah diesen schwarzen Aperrat skeptisch an und hoffte, dass er bald auf hören würde, aber dem war nicht so. Nach einer halben Minute hatte er schließlich genug und hob den Hörer ab.

„Hi, Mia, hier ist Johnson. Du hast wirklich saubere Arbeit erledigt, muss ich schon sagen. Die sind alle vollkommen aus dem Häuschen wegen deinem kleinen Auftritt", sagte die Stimme des Mannes, der am Vortag besucht hatte.

Snape runzelte die Stirn. Auftritt? Was meinte er damit? Er räusperte sich kurz und merkte deutlich, wie Johnson am anderen Ende der Leitung überrascht die Luft zwischen den Zähnen einsog. „Oh, entschuldigen Sie bitte, Mr Snape, das war nicht meine Absicht, Sie mit Hermine zu verwechseln. Ich wünsche noch einen schönen Abend."

Ehe Snape noch etwas sagen konnte, oder eine der Fragen stellen konnte, die ihm auf der Seele brannten, hatte Johnson aufgelegt und ein penetrantes Tuten ertönte. Verdammt! Er stellte den Hörer heftiger als nötig in die Ladestation zurück und ließ sich wieder auf den Sessel fallen. Er wollte endlich wissen, was Hermines Geheimnis war!

Warum hatte er ihr auch versprechen müssen, sie nicht auszufragen? Er raufte sich kurz die Haare, bevor er sich seines Slytherindaseins entsinnte und schlagartig damit aufhörte. Langsam aber sicher wurde er verrückt.

°°°

Der nächste Morgen wurde nicht besser. Da er erst um ungefähr ein Uhr ins Bett gegangen war, war er um sieben Uhr, das war die Zeit, zu der er einfach immer aufstand, entsprechend müde und jeder Schüler wäre ihm in Hogwarts aus dem Weg gesprungen, wäre er dort gewesen. So aber stand er grummelnd auf und gönnte sich erst einmal eine Dusche.

Als er danach wieder in den Flur trat, fiel ihm zum ersten Mal die Tasche auf, die Hermine am Vortag wohl nicht mehr weggeräumt hatte. Er streckte schon die Hand danach aus und wollte in ihr Inneres spähen, als auf einmal Hermines Stimme ertönte. „Wenn Sie das machen, hexe ich Sie in die nächste Woche", zischte sie und hatte tatsächlich ihren Zauberstab in der Hand.

Das ging nun endgültig zu weit und irgendwo hatte auch sein Verständnis einmal ein Ende. „Und Sie glauben, dass Sie das können, Miss Granger", knurrte er und hielt die Tasche weiterhin in der Hand. Das letzte Mal, dass man ihm gedroht hatte, war schon eine Weile her und der, der den Zauberstab gegen ihn gerichtet hatte, war zwei Wochen ins St Mungos eingewiesen worden.

„Allerdings, Sir", erwiderte Hermine eisig und ging einige Schritte auf ihn zu. „Und nun würde ich doch sagen, dass ich das wieder bekomme." Sie deutete auf die Tasche, die sich immer noch in seinem Besitz befand.

Snape jedoch machte keinerlei Anstalten, sie ihr zurückzugeben. „Und ich sage, dass ich das erst tun werde, wenn ich weiß, was sich in dieser Tasche befindet." In ihm brodelte es, schon seit der Direktor ihm eröffnet hatte, dass er einen Urlaub in New York machen dürfte, und nun hatte er endlich einmal die Gelegenheit, seinem Ärger Luft zu machen.

Er wollte gerade die Tasche öffnen, als sie ihm entrissen wurde und sich seine rechte Hand in einem äußerst schmerzhaften Griff befand. Es fühlte sich so an, als würden die Knochen jederzeit nachgeben und brechen können, doch Jahre mühsamen Trainings verhinderten, dass er auch nur eine Mine verzog und sich den Schmerz anmerken ließ.

Er erwiderte den zornfunkelnden Blick, den Hermine ihm zuwarf und dachte nicht daran klein beizugeben. „Sie sind sich darüber im Klaren, dass das noch ein Nachspiel haben wird", sagte er eisig.

Hermine schnaubte abfällig. „Das glaube ich kaum, Sir, denn dann müssten Sie zugeben, dass sie in meinen Sachen rumgeschnüffelt haben", sagte sie ebenso eisig und hielt seinem Blick stand. Sie fixierte ihn noch einige Momente, bevor sie sich umdrehte und in ihr Zimmer marschierte – mit der Tasche, wohlbemerkt.

Snape blieb nichts Anders übrig, als mit den Zähnen zu knirschen. Sie hatte Recht! Sie hatte verdammt noch mal Recht! Er ballte seine Händen zu Fäusten. Hatte er am Vorabend noch Verständnis und Mitleid ihr gegenüber empfunden, hatten diese nun Wut und teuflischen Rachegelüsten den Platz räumen müssen. Er wusste, dass dies nur die allgemeine Meinung über ihn bestätigte, nämlich dass er sehr launisch war, aber das war ihm in diesem Moment egal.

Er zwang sich zwei, drei Mal tief durchzuatmen, bevor er in sein Zimmer zurückkehrte und sich anzog. Erst da fiel ihm auf, dass er vorher nichts weiter als ein Handtuch getragen hatte. Dies war einer der Momente, in denen er am liebsten laut geschrieen hätte, aber sein Stolz verbot es ihm.

‚Rache ist am besten, wenn sie unerwartet kommt', sagte er sich, während er in seine Hosen stieg. Und er würde seine Rache schon noch bekommen, so viel stand fest.

°°°

Zwei Wände und zwei verschlossene Türen weiter stand Hermine mitten in ihrem Zimmer und verfluchte sich selbst, weil sie so unvorsichtig gewesen war. Was wäre gewesen, wenn Snape den Inhalt der Tasche gesehen hätte? Hätte er eins und eins zusammen gezählt? Sicher hätte er das, er war schließlich nicht umsonst einer der besten Zaubertränkemeister des Jahrhunderts.

So langsam aber sicher ebbte die Panik ab, die sie empfunden hatte, als sie ihn dort mit der Tasche hatte stehen sehen und machte ungezügelter Wut Platz. Warum wühlte er auch in ihren Sachen?

Hermine mühte sich, ihre Wut zu bändigen, doch irgendwie wollte ihr das nicht wirklich gelingen. Sie verstaute die Tasche in einem Geheimfach, das nur sie mit ihrer Magiesignatur öffnen konnte, bevor sie in ihre Trainingssachen schlüpfte und in den Raum nebenan ging. Ihr war es egal, ob Snape das offene Bild sah oder nicht, sie musste sich einfach nur abreagieren.

Der Streit mit ihm hatte alles vom Vorabend wieder hochgebracht und die Ruhe, die sie empfunden hatte, als sie aufgewacht war, war wie weggeblasen. Sie griff sich ihren Stock und begann mit den Übungen.

Tatsächlich dauerte es nicht lange und Snape stand im Bildrahmen. Ein paar Minuten beobachtete er argwöhnisch jede ihrer Bewegungen, bevor er ihr den Rücken zudrehte und zur Küche ging um sich etwas zum Frühstück zu machen.

Nach einer Stunde hörte Hermine endlich auf und gönnte sich eine Pause. Sie war völlig geschwitzt, doch ihre Wut war kein bisschen gemindert. Sie hatte eher noch das Gefühl, als hätte sie sich vervielfältigt. Hermine sah noch einmal auf den Holzstab in ihrer Hand, bevor sie ihn in die Ecke pfefferte, sich in ihrem Zimmer ein Tuch holte, dass sie sich um den Hals schlang, nach ihren Schlüsseln griff und aus der Wohnung ging, mit dem Entschluss erst einmal eine Runde im Central Park joggen zu gehen.

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Snape hörte die Tür zu fallen, doch wirklich registrieren tat er es nicht. Er kochte immer noch vor Wut über ihre Unverschämtheit. Er war seit längerem nicht mehr so wütend gewesen. Um genau zu sein, seit er Longbottom nicht mehr unterrichten musste. Die kleineren Wutanfälle, die er wegen Albus gehabt hatte, zählten nicht, weil er da nur die ein oder andere Phiole zertrümmert hatte.

Doch nun stand er an dem Fenster in seinem Fenster und starrte hinaus auf den Central Park, wo er die winzige Gestalt von Hermine entlang rennen sehen konnte. In Gedanken ging er alle möglichen Arten durch, in denen er Rache nehmen könnte.

Schon lange hatte es niemand gewagt, ihn einfach so stehen zu lassen, nachdem man ihn zurechtgewiesen hatte. Das letzte Mal, dass ihm so etwas passiert war, war vor über fünfundzwanzig Jahren gewesen, als ihn sein Vater wegen irgendetwas angeschrieen hatte, aber das war nun irrelevant.

Er begann langsam in seinem Zimmer auf und ab zu schreiten. Irgendeinen Weg musste es doch geben, wie er ihr klarmachen konnte, dass man ihn nicht zum Narren halten konnte. Auf einmal stutze er. Wenn er es sich recht überlegte, konnte er sogar erfahren, was sie so sehr verheimlichen wollte.

Er zögerte noch einige Momente, in denen er das leise Stimmchen seines Gewissens niederkämpfte, was ihm vorhielt, dass er ihr doch versprochen hatte, sie nicht auszufragen, aber er kämpfte es nieder und disapparierte mit einem leisen ‚Plopp'.

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Hermine kam erst zwei Stunden später in die Wohnung zurück. Sie war vollkommen ausgepowert aber sie hatte sich auch endlich ein wenig beruhigen können – so weit, dass sie sich sicher war, sie würde Snape nicht an die Kehle fallen, wenn er ihr über den Weg lief.

Sie wusch sich und zog sich schnell um, bevor sie in die Küche ging, um sich ein Glas Wasser zu holen. Dabei musste sie an Snape vorbei, der es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer bequem gemacht hatte, aber da er sie keines Blickes würdigte, ignorierte sie ihn ebenfalls.

Aber Snape hatte sie durchaus bemerkt und beobachtete gespannt ihre Bewegungen. Er stand schließlich auf und ging ebenfalls in die Küche – wie ein Raubtier, das eine Beute gewittert hatte. Er beobachtete, wie sie sich ein Glas aus dem Schrank nahm und sich aus der angebrochenen Sprudelflasche, die auf der Bar stand, einschenkte.

Hermine bemerkte seinen Blick und sah ihn fragend an. Es missfiel ihr, dass er sie so lauernd betrachtete, aber sie hatte keine Lust sich schon wieder mit ihm zu streiten und so nahm sie einfach einen Schluck aus ihrem Glas.

Sofort wusste sie, dass irgendetwas nicht richtig war, einfach nicht richtig sein konnte. Dafür war der Blick, den Snape ihr zuwarf viel zu... berechnend. Als sie dann den Nebel spürte, der sich langsam in ihrem Bewusstsein ausbreitete, wusste sie, was er getan hatte.

Das Glas, das sie eben noch sicher in der Hand gehalten hatte, fiel klirrend zu Boden und zersprang in Hunderte kleiner Splitter, die sich über den ganzen Fußboden der Küche verteilten. Ihre Hände zitterten, als sie langsam rückwärts stolperte. Sie kümmerte sich nicht darum, dass sie dabei mit ihren nackten Fußsolen in die Glasscherben trat, die sich tief in ihr Fleisch hineinbohrten. Sie nahm es überhaupt nicht war.

Das einzige, was in diesem Moment ihr Denken bestimmte, war Snape und die Tatsache, dass er ihr Veritaserum in ihr Wasser gemischt hatte. Doch dieses war etwas schwächer als das, welches er bei Barty Crouch angewendet hatte. Sie blieb bei vollem Bewusstsein, aber sie konnte sich nicht gegen seine Fragen wehren. Außerdem war ihr Körper so weit geschwächt, dass sie keinen nennenswerten Widerstand leisten konnte.

Durch ihre Adern pulsierten Unmengen Adrenalin, doch sie war so gelähmt vor Angst, dass sie noch nicht einmal einen Versuch eines Fluchtversuches startete. In ihrem Gehirn war nur der Platz für eine Frage: WARUM? Warum zum Teufel musste er ihr so etwas antun? So unmenschlich konnte er doch nicht sein! Oder etwa doch?

„Nein, bitte...", flehte sie leise. Ihr ganzes Selbstvertrauen, ihre Stärke, ihr Rückrad, dass sie bis vor einer Minute noch an den Tag gelegt hatte, war wie weggeblasen und sie war erfüllt von einer Panik, die für eine ganze Masse an Menschen vollkommen ausgereicht hätte. Sie floh so weit rückwärts, bis sie gegen die Schränke stieß. Die roten Spuren, die sie dabei auf dem Fußboden hinterließ bemerkte sie überhaupt nicht.

Snape stieß sich von dem Türrahmen ab, an den er sie die ganze Zeit angelehnt hatte, und ging langsam auf sie zu. Er sagte kein Wort, bis er direkt vor ihr stand und sie so unausweichlich festnagelte.

„So", sagte er gedehnt und seine Stimme hinterließ einen tiefen Schnitt in Hermines Seele. „Dann wollen wir mal erfahren, was Madame so alles verheimlicht." Die kleinen Stimmchen seines Gewissens, die Protest brüllten, nahm er gar nicht war – nach so vielen Jahren Leben als Todesser war es für ihn ein leichtes geworden, sie zu überhören. Und noch nicht einmal der flehende Blick von Hermine konnte ihn daran hindern seine Rache durchzuführen.

„Wie lautet dein richtiger Name?", fragte er ohne jegliche Gefühlsregung und beobachtete, wie Hermine vergeblich gegen die Wirkung des Veritaserum ankämpfte. Dann, nach ein paar Momenten kam die Antwort, die sie zwischen den Zähnen hindurchpresste.

„Hermine Lysblance."

Snape konnte seine Überraschung nicht verbergen. DAS hatte er nun wirklich nicht erwartet. Sie war eine Lysblance. Eine waschechte Lysblance! Nun verstand er, warum sie ihre wahre Herkunft verheimlicht hatte. Würde in der Zauberwelt bekannt werden, dass die Tochter von Jean und Victoria Lysblance noch am Leben war, wäre sie in Lebensgefahr, da der Dunkle Lord auf jeden Fall versuchen würde, sie auf ihre Seite zu ziehen.

Aber er hatte später noch Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Es war ja schließlich nicht die einzige Frage, die er ihr stellen wollte. „Was war in der Tasche?", fragte er weiter und wieder konnte er sehen, wie Hermine gegen die Wirkung ankämpfte und zum wiederholten Male verlor.

„Meine Dolche." Ihre Augen waren getrübt von Trauer. Warum musste er ihr das antun? Was hatte sie verbrochen? Am liebsten würde sie in sich zusammensinken, aber da er direkt vor ihr stand, war ihr selbst das verwehrt. Und dann kam sie, die Frage, vor der sie sich am meisten gefürchtet hatte: „Wo warst du gestern Abend?"

Hermine stemmte sich innerlich gegen den Nebel, versuchte ihn zu lichten und eine Antwort damit zu verhindern, doch sie wurde überrollt von dieser weißen Übermacht in ihrem Verstand. „Ich... ich war im Central Park", stotterte sie schließlich und traute sich nicht, Snape in die Augen zu sehen.

Snape zog eine Augenbraue in die Höhe. Er hatte, als Hermine weggewesen war, die Zeitung gelesen, die Alfred am Morgen, noch bevor sie aufgestanden war, hinaufgebracht hatte. Er konnte sich noch sehr deutlich an die Überschrift erinnern, die ihm fast schon entgegengesprungen war: „David Miller ermordet! Hat die Phantomkillerin Atropos wieder zugeschlagen?"

Snape betrachtete ihr Profil und bemerkte, wie eine Träne sich ihren Weg über ihre Wange suchte. Konnte es sein? Konnte sie diese Auftragsmörderin sein? Aber dann müsste sie ja schon seit vier Jahren...

Er fasste sie sanft am Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Er sah ihr direkt in die Augen und was er dort sah, gefiel ihm überhaupt nicht. Panische Angst stand in ihnen geschrieben.

„Bitte frag mich das nicht", flehte sie und weitere Tränen rannen ihre Wangen hinunter. Sie wurde von leichten Schluchzern geschüttelt, die sie verzweifelt versuchte zu unterdrücken.

Doch Snape musste es wissen. „Hast du David Miller umgebracht?", fragte er und obwohl seine Stimme nicht mehr so durchdringend war wie zu Anfang, zuckte Hermine darunter zusammen wie unter einem Peitschenschlag.

Hermine schloss die Augen und zitterte. „Ja", presste sie hinaus und ein Schluchzer entweichte ihrer Kehle. „Ja, verdammt!" Auf den ersten Schluchzer folgten weitere und schließlich wurde sie von Schluchzern nur so geschüttelt.

Snape wollte sie an den Handgelenken fassen und sie zwingen, sich zu beruhigen, doch sie schüttelte ihn ab und machte zum ersten Mal einen Versuch sich zu befreien. Sie stemmte sich gegen seinen Körper und versuchte ihn wegzudrängen, doch durch das Serum war sie zu geschwächt, um wirklich etwas ausrichten zu können. So hatte sie nur die Kraft einer Achtjährigen.

Es war auch nicht wirklich verwunderlich, dass er nach kurzer Zeit ihre Handgelenke zu fassen bekam und sie festhielt, sodass sie kraftlos gegen seinen Oberkörper sank.

„Was bin ich nur für ein Monster?", schluchzte sie leise und er konnte den Drang nicht unterdrücken, sie zu umarmen.

Ende Kapitel 4

Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass ich dieses Mal die Reviewantworten weglasse, aber ich will euch nicht noch länger warten lassen. Das wäre etwas unfair euch gegenüber. Ich werde das aber das nächste Mal garantiert nachholen!