Deep Space Nine, 2380

„Dies ist empörend! Ist das die Art, wie die Föderation ihre eigenen Gesetze respektiert?"

„Botschafter Garak…"

Elim genoss diese Aufführung. Sie befanden sich in der Mitte der Promenade. Es war nicht ganz einfach gewesen, Admiral Picard genau in dem Moment abzufangen, in dem er den Tempel verließ, aber es war die Mühe wert gewesen. Er hob die Datentafel, die eingefroren das Gesicht der Föderationspräsidentin zeigte. ‚Bacco hebt Beschluss des Föderationsrates auf', lautete die Überschrift.

„Der Rat hat meinen Argumenten zugestimmt! Dieses Embargo wurde für unrechtmäßig erklärt!"

Inzwischen hatte sich eine Ansammlung von Zuschauern um sie herum gebildet. Einige von ihnen wussten bereits, worum es ging, der Rest fing gerade an, es zu verstehen. Elim hatte nicht erwartet, dass die Sternenflotte ihnen ein so wundervolles Geschenk machen würde. Er hatte erwartet, dass er die Debatte verlieren würde, egal was für Argumente er hatte, aber offensichtlich war der Föderationsrat unabhängiger, als er gedacht hatte. Als er dann auch noch die Erde auf dem Flagschiff der Föderation unbehelligt verließ, hatte er fast begonnen zu glauben, dass er seine Gegner überschätzt hatte. Was – nun, einen politischen Sieg für Cardassia bedeutete, die Öffnung der Handelswege würde nützlich sein – aber es zerstörte viele schöne Pläne. Er war bereits auf Terok Nor, als er die Nachricht bekam, dass die menschliche Präsidentin gegen den Beschluss des Rates Veto eingelegt hatte.

Etliche ihrer Zuhörer kannten ihn als den zurückhaltenden Schneider, der jahrelang auf dieser Station gelebt hatte. Keiner von ihnen hatte ihn je wütend erlebt. Ihre Überraschung über sein Auftreten wäre erheiternd gewesen, hätte sich Elim nicht gerade auf seinen Zorn konzentriert.

Picard war die ganze Situation offensichtlich unangenehm. Der Admiral war ein faszinierender Mann, Elim hatte während der Reise ein paar Mal die Gelegenheit gehabt, sich mit ihm zu unterhalten. Er wusste, dass Picard persönlich für die Aufhebung des Embargos war. Elim bewunderte das. Genauso, wie er es bewunderte, dass Picard gerade im Moment heldenhaft versuchte, sich nicht von seiner Abneigung gegen Cardassianer beherrschen zu lassen.

Er trat mit Absicht auf die Treppe vor dem Tempel, so dass er auf Picard hinunter sah, und änderte seine Körpersprache auf subtile Weise. Madred war etwas kleiner und fülliger gewesen als er, und so zog er seinen Kopf ein wenig ein und blähte seine Nackenwölbungen auf. Für die Bajoraner würde es so aussehen, als würde er den Menschen nur widerwillig konfrontieren. Picard würde es an einen anderen Cardassianer erinnern, der ihn von oben herab angeschrien hatte. „Ich dachte, die Föderation hielte sich an ihre Versprechen, aber offensichtlich war das naiv!", zischte er. „Warum habe ich überhaupt meine Energie verschwendet? Der Versuch war von Beginn an zum Scheitern verurteilt!"

Er konnte den genauen Augenblick sehen, an dem Picard die Beherrschung verlor. Er mochte so viel mit seiner halbbetazoidischen Beraterin reden wie er wollte, was Madred getan hatte ließ sich nicht so einfach vergessen.

„Sie haben nicht das geringste Recht, Forderungen an uns zu stellen!", entgegnete Picard ärgerlich. „Wir schulden Ihnen keine Zugeständnisse! Schließlich haben Sie diesen Krieg begonnen!"

Einige der Zuhörer riefen ihre Zustimmung, was zu erwarten gewesen war, aber bei anderen rief diese Antwort Unwillen hervor. Das war der Teil, auf den Elim zählte.

„Oh, so ist das also!", rief er. „Dies ist die Strafe für Dukats Hybris! Es spielt keine Rolle, dass er tot ist, dass Millionen Cardassianer gestorben sind um diese korrupte Regierung zu stürzen! Es spielt keine Rolle, dass wir beinahe unsere Heimatwelt geopfert hätten, um das Dominion zu besiegen! Ganz Cardassia soll die Konsequenzen für die Handlungen eines einzelnen Wahnsinnigen tragen, ist es das, was Sie sagen? Was für ein arroganter Mann Sie sind!"

„Wir haben Ihnen unsere Hilfe angeboten! Sie haben sie abgelehnt!", rief Picard.

„Hilfe!" Elim lachte abfällig, und diesmal brauchte er seine Gefühle nicht zu spielen. Seine Verachtung für die Art der Hilfe, die die Alliierten Cardassia angeboten hatten, war sehr real. „Hilfsrationen, für freien Zugang zu unserem gesamten Raumgebiet und der Stationierung der Sternenflotte auf Cardassia, so dass Sie uns bei der Neubildung unserer Regierung helfen können! Ich wette, in ein paar Jahren hätten Sie uns die Mitgliedschaft in der Föderation angeboten!"

„Wenn ihre Regierung den demokratischen Richtlinien der Föderation entsprochen hätte, sicher, das wäre eine Möglichkeit gewesen", erwiderte Picard, ruhiger. „Es ist noch immer eine Möglichkeit, wenn Sie Ihre Grenzen wieder öffnen und unsere Hilfe bei den Reformen annehmen."

„Was für ein großzügiges Angebot." Er verspürte plötzlich realen Ärger, und trat von der Treppe hinunter, in die Mitte der Gruppe Bajoraner. „Sie hatten niemals vor, dieses Handelsembargo aufzuheben, oder? Dieses ganze politische Theater ist nur eine Farce. Sie werden dieses Embargo erst aufheben, wenn Cardassia zustimmt, ein Protektorat der Föderation zu werden. Es tut mir leid, Admiral, diese Art von Hilfe müssen wir leider ablehnen."

Picard runzelte die Stirn. „Sie verdrehen meine Worte. Das ist nicht das, was ich gesagt habe."

„Alle hier haben gehört, was Sie gesagt haben. Es war klar genug."

Picards Stirnrunzeln verstärkte sich. Er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, auch wenn ihm noch nicht ganz klar war, welchen. Der Admiral war ein kluger Mann, und ein geübter Diplomat.

„Wir würden ihnen helfen, eine demokratische Regierung zu bilden. Sie waren doch bereits auf dem Weg dorthin, bevor Dukat die Macht ergriff." Picard machte einen Schritt auf ihn zu. „Ich weiß, es gibt eine Bewegung auf Cardassia die für Fortschritt eintritt. Die Föderation würde Ihnen dabei assistieren. Doch selbst wenn…"

„Denken Sie nicht, es sollte unsere eigene Entscheidung sein, was für eine Regierung wir wollen?", unterbrach Garak ihn. „Vielleicht ist die Art wie die Föderation ihre Planeten regiert nicht die Art, wie wir Cardassianer am besten regiert werden, haben Sie jemals darüber nachgedacht? Vielleicht sind wir einfach anders als Sie."

„Jedes Volk strebt nach Demokratie", sagte Picard mit Überzeugung. „Jedes Individuum, egal welcher Rasse, strebt nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Die Föderation gibt allen ihren Mitgliedern diese Freiheit."

„Ich weiß, dass Sie ehrlich daran glauben", entgegnete Elim mit einem Hauch von Bedauern. „Sie glauben daran, dass Ihre Art, ein Volk zu regieren, die einzig richtige Art ist, und Sie glauben, dass Sie das Richtige tun, wenn sie anderen Völkern helfen, die Form von Regierung zu entwickeln, die Sie für richtig halten, mit Anführern, die Ihrer Philosophie folgen. Eine bewundernswerte Überzeugung, aber Cardassia will diese Art von Hilfe nicht."

„Das ist nicht das, was ich gesagt habe", wiederholte Picard ärgerlich.

„Wir haben alle gehört, was Sie gesagt haben", wiederholte Elim, „und wir haben alle gesehen, was Sie getan haben."

Elim warf ihm den Datenblock vor die Füße, und wandte sich ab, um die Promenade zu verlassen. Er hatte erreicht, was er hatte erreichen wollen. Die meisten der Bajoraner wichen zur Seite, um ihm Platz zu machen.

Das Amüsante daran war, selbst wenn die Folgen dieser Diskussion offensichtlich werden würden, die Föderation würde es mit ihren Erklärungsversuchen nur schlimmer machen.

Er hatte ihren Alliierten auf Bajor genug Material geliefert, um die bajoranische Skepsis an der Föderation weiter zu bestärken. Es gab noch weitere Argumente, die sie bereits nutzten und weiter nutzen würden. Hatte nicht der Abgesandte selbst von einem Beitritt in der Föderation abgeraten? Hatte nicht die Föderation oft genug versucht, die Kontrolle über Terok Nor zu übernehmen? Sisko war nicht länger in der Lage, dieser Bewegung entgegen zu wirken.

Ein Abzug der Föderation von Bajor war natürlich noch nicht alles. Sicher, es gab genug Guls im Zentralkommando, die nur zu bereit waren, Bajor erneut zu annektieren, aber das war es nicht, was Raghman wollte, und Elim stimmte ihr zu. Vielleicht hätte sie das auf kurze Sicht ihren Zielen näher gebracht, aber sie beide hatten längerfristige Pläne. Cardassia gewann nichts dabei, sich neue Generationen fanatischer Terroristen heranzuziehen. Verlässliche Alliierte würden sich auf Dauer als sehr viel nützlicher erweisen.

Es würde allerdings nicht einfach sein, die Bajoraner davon zu überzeugen.

Ihre Verbündeten auf Bajor waren klug genug, zu sehen, dass eine solche Allianz im Interesse Bajors war, aber sie waren eine Minderheit. Vielleicht würde sich das ändern, wenn der neue Kai sich für eine Allianz aussprach.

Der Vedek, auf den sie ihre Hoffnung setzten, war ein ehemaliger Schüler Kai Opakas, ein Freund von Jerald. Sein Name war Abrejoti Brillu. Abrejoti war einer der populärsten Kandidaten für die Wahl des nächsten Kai, die in sechs Monaten stattfinden würde. Seine Familie stammte aus der religiösen Kaste, und hatte die Traditionen nie ganz aufgegeben. Er war in einem Kloster aufgewachsen, und hatte in seiner Jugend nicht viel von der Besatzung mitbekommen. Zudem, er war der Föderation von Beginn an mit Skepsis begegnet. Er war laut Jerald nie wirklich überzeugt gewesen, dass ein Mensch der Abgesandte war, und auch wenn ihn Siskos Tod in den Feuerhöhlen schließlich überzeugt hatte, war er der Meinung, dass Sisko von seiner Herkunft beeinflusst worden war. Abrejoti hatte es begrüßt, als Bajor begann, zu den D'jarras zurückzukehren, und es hatte ihn verärgert, dass die Föderation damit drohte, den Bajoranern deswegen die Mitgliedschaft zu verweigern. Es würde nicht zu schwierig sein, ihn zum Kai wählen zu lassen, solange die Bajoraner so beeinflussbar waren wie im Moment.

Elim war inzwischen zum Habitatring gelangt und lehnte sich an ein Fenster, um den roten Planeten zu betrachten. Eine Allianz zwischen Bajor und Cardassia, das würde ein interessantes und nicht gerade einfaches Unternehmen werden. Er war sich selbst nicht ganz sicher, dass es funktionieren würde, auch wenn Raghman davon überzeugt war. Waren die Bajoraner wirklich zivilisiert genug?

Es war nicht so, dass Elim die Bajoraner nicht mochte, oder dass er dachte sie seien Cardassianern unterlegen. Er war sich lediglich der Tatsache bewusst, dass die Besatzung jede Art von gesunden gesellschaftlichen Strukturen auf dem Planeten zerstört hatte, und dass die meisten der gegenwärtigen Bajoraner in Chaos und Anarchie aufgewachsen waren. Sie würden sich gegen jede von außen kommende neue Ordnung wehren, insbesondere, wenn Cardassianer daran beteiligt waren. Es war tragisch, aber Realität.

„Ich bemitleide Picard beinahe."

Elim drehte sich um, und lächelte, als sein Blick auf den braunhaarigen Bajoraner fiel. „Warst du auf der Promenade?"

Der andere Mann nickte. „Eine beeindruckende Rede. Ich habe es dir beinahe abgenommen."

„Nur beinahe?", fragte Elim amüsiert. „Du denkst, Cardassia wird am Ende doch der Föderation zu Füßen kriechen?"

Iro musterte ihn abschätzend. „Ich weiß nicht. Vielleicht."

Die Arroganz in den braunen Augen des Bajoraners erregte Elim, und er konnte sehen, dass sein Liebhaber genau wusste, welchen Effekt er auf ihn hatte. „Komm", sagte er, und Iro folgte ihm ohne ein weiteres Wort.

Sobald sich die Tür seines Quartiers hinter Iro geschlossen hatte stieß er ihn gegen die Wand und küsste ihn. „Es gefällt dir, mich zu provozieren, nicht wahr?"

Iro grinste und schlang muskulöse Arme um ihn. „Ich weiß, welchen Cardassianer ich gerne zu meinen Füßen kriechen sehen würde."

Elim packte Iros Haare und zog seinen Kopf grob nach hinten. „Nicht heute." Er presste seinen Mund auf den schmalen Nacken des Mannes.

Iro holte tief Luft und ballte seine Fäuste um den Jackenstoff über Elims Schultern. „Sie wollen, dass ich dich davon überzeuge, mich mit dir nach Cardassia zu nehmen."

Elim hielt kurz inne. Das war keine völlig überraschende, aber sehr törichte Idee des bajoranischen Geheimdienstes. Dachten sie wirklich, er wäre so naiv?

„Und, wirst du tun was man dir sagt?"

Iro erstarrte einen Moment, dann gab er plötzlich nach und ließ sich von ihm auf die Knie stoßen. Elim konnte fühlen, dass er nicht wirklich in der Stimmung war, sich ihm zu unterwerfen, und er trat einen Schritt zurück. Der Bajoraner war zornig. Iro wusste so gut wie er selbst, was dieser Auftrag bedeutete.

„Du kennst die Antwort darauf."

Ja, Elim kannte die Antwort, weil es dieselbe war, die er auch gegeben hätte, hätte Tain ihm einen solchen Auftrag gegeben. Iro liebte Bajor, so wie Elim Cardassia liebte. Es gab nur eine Antwort.

„Steh auf", sagte er angewidert.

Die einfachste Lösung wäre es gewesen, das Angebot abzulehnen. Iro war nicht wichtig genug, um Informationen zu besitzen, die für den Orden von Nutzen wären, und ohnehin kannte Elim den Mann inzwischen in und auswendig. Doch es war aus anderen Gründen verführerisch.

Iro wich seinem Blick aus und betrachtete das Regal zwischen ihnen. Elim hatte ein paar kleine cardassianische Antiquitäten darauf gestellt, und einige Bücher. Er hatte auf seinen Reisen immer gerne etwas zum Lesen dabei.

„Nein!", rief er, als sein Liebhaber die Hand ausstreckte, um eine der Figuren zu ergreifen. Er packte sein Handgelenk, bevor er seine Aufforderung ignorieren konnte. „Ich habe dir zuvor gesagt, ich will nicht, dass du diese Sachen ohne meine Erlaubnis anfasst."

„Vielleicht habe ich heute keine Lust, deinen anmaßenden Befehlen zu folgen." Iro begegnete seinem Blick herausfordernd, und Elim lächelte schließlich amüsiert. „Nein, das sehe ich."

Er zog den Bajoraner mit sich, und stieß ihn auf sein Bett, dann begann er methodisch, sich auszuziehen. „Ich ziehe willige Partner vor", sagte er dabei. „Wie du weißt. Was ist es, was du willst?"

Iro musterte ihn hungrig. „Das habe ich bereits gesagt, oder? Ich will, dass du mir zu Füßen kriechst."

Elim fühlte eine vertraute Erregung, die sich von seinem Unterleib in den Rest seines Körpers ausbreitete und seinen Herzschlag beschleunigte. Er begehrte Iro mit einer Intensität, die er schon lange nicht mehr empfunden hatte, und die ihn manchmal schockierte, aber er genoss das Gefühl. Als er sich ausgezogen hatte, sank er auf die Knie und kroch zum Ende des Bettes, zu dem Bajoraner hochsehend. Er griff nach seinen Knöcheln, und zog ihm die Schuhe und Socken aus, dann küsste er seine Füße. „Ich will, dass du mit mir nach Cardassia kommst."

Iro zuckte zusammen. Elim strich mit seinen Fingern über die blassen Narben auf Iros Fußknöcheln und küsste sie. Der Mann schauderte und entzog ihm seine Füße beinahe. Sein ganzer Körper hatte sich verkrampft. Elim kroch zu ihm auf das Bett, und begann, ihm seine Hose auszuziehen. „Es gibt nichts zu fürchten, ich werde nicht zulassen, dass du zu Schaden kommst."

Der Bajoraner lachte zynisch. „Was werde ich dann sein, dein Schoßhund?"

„Etwas in der Art", murmelte Elim, einen Punkt unterhalb Iros Bauchnabels küssend.

Iro bäumte sich zu ihm auf und vergrub die Hände in seinen Haaren. „Es gibt Momente, in denen ich dir ernsthaft Schmerzen zufügen will."

Elim lächelte und half Iro aus seinem Uniformoberteil, so dass sie schließlich beide nackt waren. Er legte sich neben ihn und strich über den muskulösen Brustkorb des anderen Mannes. Eine von Iros Narben war eine präzise Linie unterhalb seiner linken Rippe, die er mit seinem Finger nachfuhr. „Wenn es das ist, was du willst…"

„Ich rede nicht von einem Spiel." Iro richtete sich auf und sah auf ihn hinunter.

Elim begegnete seinem Blick ohne zu blinzeln. Unter dem Zorn des anderen Mannes verbarg sich eine Kälte, die er bisher nur wenige Male gesehen hatte, und sie faszinierte ihn. Elim wusste, wozu Iro fähig war, er kannte schließlich die Akte seines Liebhabers. Es war jedoch eine Seite, die Iro gewöhnlich vor ihm verbarg. Er war ein humorvoller, sehr intelligenter Mann, und Elim schätzte das, aber es hätte ihn niemals so eingefangen, wäre das alles gewesen. Was ihn wirklich an Iro faszinierte war, wie ähnlich sie sich waren, trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft. „Es ist immer ein Spiel", entgegnete er.

Iro stand abrupt auf und verließ das Bett. Elim blieb regungslos liegen. Als er Iro zu seinem Quartier mitgenommen hatte, hatte er vorgehabt, ihn zu dominieren wie bei ihren letzten Treffen, aber nun war dieser Wunsch verflogen. Er wusste, was der andere Mann brauchte, und er wollte es ihm geben. Es überraschte ihn, wie sehr ihn der Gedanke abstieß, Iro mit sich nach Cardassia zu nehmen. Es würde nützlich sein, ja. Nützlich für die geplante Allianz, nützlich um den bajoranischen Geheimdienst zu manipulieren und mit ihm die Föderation. Elim musterte Iro, als er zurückkam. Er schätzte die Stärke des anderen Mannes. Er schätzte ihn als einen Gleichgestellten. Seine Artgenossen würden das niemals akzeptieren, nicht in dem gegenwärtigen Klima. Sie beide wussten das.

Iro schwieg, während er Elims Hände an das Kopfende des Bettes fesselte. Anschließend setzte er sich über ihn und sah auf ihn hinunter. „Bist du sicher, dass du das willst?"

Elim begegnete seinem Blick ruhig. „Wäre es dir lieber, wenn es nicht so wäre?"

Iro drehte ein kleines Gerät zwischen seinen Fingern hin und her. Elim betrachtete es mit einer gewissen Neugier. Er wusste nicht, was es war. Es war metallisch, sternförmig, mit einem Kristall in der Mitte.

„Dies war unter den frühen Funden aus dem Gammaquadranten", sagte Iro, seinen Blick bemerkend. „Es stellte sich heraus, dass es sehr leicht nachzumachen war, sobald unsere Wissenschaftler herausfanden, wie man die Kristalle züchtet. Zu Beginn hielten sie es für einen Energiespeicher. Vielleicht ist das sogar eines seiner Zwecke."

Er drehte den Stern und Metallbänder sprangen daraus hervor und schlangen sich um seine Hand. Der Kristall begann zu leuchten. „Das Interessante daran ist, dass es von den Sensoren der Station nicht als Waffe erkannt wird, auch wenn man es als solche bezeichnen könnte."

Iro presste den Kristall gegen Elims Brust, und Elim rang nach Luft, als Schmerz ihn durchfloss. Es war ein dumpfer, nicht sehr intensiver Schmerz.

„Das Faszinierende an dem Gerät ist, dass seine Wirkung allein von dem Willen des Benutzers abhängt", fuhr Iro fort. „Ähnlich einem vulkanischen Meditationsstein, so wurde es mir zumindest gesagt."

Elim bäumte sich zu ihm auf. „Habt ihr das an Freiwilligen getestet?"

Iro lächelte kalt. „Nein." Er schloss einen Moment die Augen, und einen Augenblick später verstärkte sich der Schmerz so stark, dass sich nach wenigen Sekunden Elims Implantat aktivierte und der Schmerz in Hochgefühl unterging. Er stöhnte, und zerrte an seinen Fesseln. Das war das erste Mal, dass dies passiert war. Iro hatte die Wahrheit gesagt, dies war kein Spiel mehr. Jedenfalls keines, bei dem es um Lust ging. Obwohl, wie er sehr wohl fühlen konnte, Iro noch immer erregt war.

Als er die Augen öffnete, begegnete er Iros frustriertem Blick. „Du wusstest, dass das passieren würde."

Elim lächelte. „Tu dieses Spielzeug zur Seite, wer weiß, welchen Schaden es anrichten kann." Er war sich selbst nicht ganz klar, warum er den nächsten Satz sagte. „Da ist ein anderes in der Schublade."

Iro sah ihn einen Moment lang verwirrt an, dann öffnete er die Schublade des Nachtschränkchens. Elim spannte sich unwillkürlich an, als er das Steuergerät herausholte. „Gib es mir", sagte er dennoch.

Er konnte den Aktivierungscode eingeben, ohne es zu sehen. Iro legte sein sternförmiges Gerät beiseite, und nahm das nun aktive Steuergerät aus Elims Hand, es neugierig musternd. „Dies kommt mir bekannt vor."

Elims Augen wanderten über die Narbe auf Iros Brustkorb. „Ich weiß."

Iro bemerkte, wo er hinsah, und sein Blick wurde kalt. „Ist das für mich oder dich?"

„Du hast das Implantat noch?", fragte Elim überrascht. Er hatte angenommen, Iro hätte es entfernen lassen, sobald er konnte.

Iro biss die Zähne zusammen und sah zur Seite. „Es sitzt in meinem Rückenmark. Sie sagten mir, sie können es nicht entfernen ohne das Risiko einzugehen, dass ich querschnittsgelähmt bleibe."

Elim holte überrascht Luft. Das kam bei cardassianischen Gefangenen manchmal vor, aber es war sehr ungewöhnlich bei Bajoranern. Jemand musste einen persönlichen Groll gegen Iro gehegt haben, um so weit zu gehen. Auf Cardassia würden sie es entfernen können, und es lag ihm auf der Zunge, Iro das zu sagen, aber am Ende tat er es nicht. „Ich müsste es dafür umprogrammieren", sagte er stattdessen. Iro presste die Taste als Antwort.

Der Schmerz war vertraut, allumfassend. Elim hatte nie aufgehört, sich davor zu fürchten, trotzdem er begonnen hatte, ihn zu begehren. Er schrie, als der Schmerz ihn vereinnahmte. Als er wieder zu sich kam, strichen Iros Hände über seine verkrampften Muskeln und halfen, sie zu entspannen. Elim genoss seine Berührungen. Seltsam, er hatte es immer gehasst, wenn Raghman dies tat, aber als Iro ihn erneut erregte genoss er es, auch wenn er wusste, dass er ihm erneut Schmerzen zufügen würde. Er konnte fühlen, dass sein Liebhaber dies genoss.

Elim wollte nicht zu sehr darüber nachdenken, was das bedeutete. Er wusste, dass Raghman es genoss, auf sexuelle Weise genoss, zu foltern. Es war etwas, das Elim immer abgestoßen hatte, auch wenn er selbst ein Sadist war. Er genoss es, Schmerzen zuzufügen, wenn sein Partner willig war, so wie Iro. Folter hatte ihn niemals sexuell erregt, auch wenn er die Herausforderung eines Verhörs genoss.

„Elim?" Iro strich seine Augenwülste entlang. „Alles in Ordnung?"

Elim atmete tief durch und lächelte gezwungen. „Ja."

Sein Liebhaber runzelte die Stirn und legte das Steuergerät zur Seite. „Nein, es ist nicht alles in Ordnung." Er löste die Handschellen. „Es tut mir leid Elim, dies war keine gute Idee. Ich war zu wütend."

Elim streichelte die Hüften des Mannes über ihm, seine schmerzenden Handgelenke ignorierend. „Es ist in Ordnung. Ich brauche nur einen Moment."

Iro küsste ihn. Danach verharrte er, Stirn an Stirn mit ihm. „Ich wollte dich leiden sehen, aber ich wollte dich nicht wirklich verletzen, Elim. Es tut mir leid wenn…"

Elim verstärkte seinen Griff auf Iros Hüften und lächelte. Mit einem Mal konnte er nicht mehr verstehen, wie er Iro und Raghman hatte vergleichen können. Iro würde niemals so sein wie Raghman. „Es ist in Ordnung, Liebling, wirklich. Es geht mir gut. Soll ich dir beweisen, wie gut es mir geht?"

Cardassia, 2379

„Es war nie meine Absicht, mehr als eine geringfügige Rolle im diplomatischen Dienst zu erfüllen."

„Absichten sind nur das… Absichten." Raghman grinste. „Cardassia braucht Sie, Mr. Garak. Niemand kennt die Föderation besser als Sie. Wer sonst könnte diese Position besser ausfüllen? Sie haben unser vollkommenes Vertrauen."

Elim biss die Zähne zusammen. Er war sich nicht sicher, ob dies nur ein Trick war, um ihn von Cardassia weg zu bringen, oder ob sie wirklich glaubte, er wäre der Beste für diese Aufgabe. Vielleicht beides. Sie hatte Recht damit, dass er geeignet für diese Rolle war. Mehr als das, es würde ihm Spaß machen. Es mochte ihn genauso gut umbringen.

Botschafter in die Föderation. Ein leerer Titel, da keine diplomatischen Beziehungen mit der Föderation existierten. Bislang. Es wäre unerhört, eine solche Ernennung auszuschlagen.

Er zwang sich, zu lächeln. „Ich fühle mich geehrt. Danke für Ihr Vertrauen, Gul-tar, verehrte Mitglieder der Detapa, ich werde mich bemühen, ihm würdig zu sein."

Die anderen Cardassianer im Raum klaschten, perfekte Statisten in Raghmans Inszenierung. Elim lächelte grimmig. Raghman täuschte sich, wenn sie glaubte, dies würde ihn aufhalten.

Deep Space Nine, 2380

Als Elim erwachte, war das erste, was er bemerkte, dass sie nicht allein waren. Er erstarrte einen Moment, dabei wohlbedacht, seinen Atem ruhig zu halten. Die Präsenz im Raum mit ihnen war menschlich, aber der Geist des Mannes war zu beherrscht als dass er mehr als oberflächliche Gefühle hätte wahrnehmen können. Das allein sagte ihm, mit wem er es zu tun hatte. Sektion 31.

Elim war überrascht, dass sie erst jetzt auftauchten. Er hatte sie früher erwartet. Auf der Erde, auf Starbase 1, auf der Enterprise… Ihre Abwesenheit hatte ihn leichtsinnig werden lassen. Heiße Wut erfüllte ihn von einem Moment auf den anderen. Er war ein so unglaublicher Idiot! All die Tage zuvor hatte er sein Quartier überprüft, wenn er abends zurückgekommen war, und nichts gefunden. Genau an dem Tag, an dem jemand die Sicherheitssperren manipuliert haben musste, war er zu sehr von Lust beherrscht gewesen, um es zu bemerken!

Der Mann musste sie beide betäubt haben, ansonsten hätte Elim ihn früher bemerkt, und er war zu gelassen um nicht Zeit genug gehabt zu haben, durch Elims Quartier zu gehen und sicher zu stellen, dass sie ihn nicht angreifen konnten. Dies war sein Quartier. Er konnte die Gedanken der Bewohner der Station wahrnehmen. Eine weitere Überraschung, und er erlaubte es sich einen Moment darüber nachzudenken. Warum waren sie noch hier? Der Mann musste keine Zeit gehabt haben, ihn zu seinem Schiff zu transportieren, oder vielleicht hatten ihn die Schilde der Station daran gehindert. Elim erinnerte sich, dass sie nach dem Krieg erneuert worden waren, um unauthorisierte Transporte zu verhindern. Natürlich. In der Nacht waren eine Reihe Tests vorgesehen gewesen, weswegen die Schilde noch immer aktiviert waren. Ein sehr schlechter Zeitpunkt für diese Aktion also, aber der Agent hatte nicht länger warten können. Er wusste, dass Elim am kommenden Tag abreisen würde. Warum er so lange gewartet hatte blieb dennoch ein Rätsel.

Er öffnete die Augen mit einem gewissen Widerwillen. Der Mann, der in dem Stuhl vor dem Bett saß und sie beobachtete, war ein blonder, untersetzter Mensch mittleren Alters. Er war weder besonders attraktiv, noch besonders hässlich. Ein kantiges Gesicht, graue Augen, und die Kleidung eines beliebigen Zivilisten – niemand würde ihn zweimal ansehen, wenn er ihn auf der Promenade sah.

Er schien damit beschäftigt zu sein, eine von Elims antiken Figuren von dem Regal aus dem angrenzenden Raum zu studieren. „Sie sind früher wach, als ich gedacht hatte", sagte er, ohne aufzusehen. „Interessant."

„Seien Sie vorsichtig damit", sagte Elim ärgerlich. „Es ist ein wertvolles Artefakt."

Der Mann lächelte, und stellte die Figur zur Seite.

„Ich habe viel über Sie gelesen Mr. Garak. Ich muss sagen, es ist wirklich aufregend, Sie endlich persönlich zu treffen." Die arrogante Erheiterung des Mannes strapazierte Elims Nerven, umso mehr, weil er nur zu gut wusste, dass der Mann jedes Recht hatte, so zu fühlen. Er hatte Elim ausmanövriert wie einen blutigen Anfänger.

„Was wollen Sie?", fragte Elim. Er hatte keine Geduld für die Spielchen des Mannes, auch wenn er wusste, dass er sie wohl oder übel würde ertragen müssen.

„Ich?" Der Mann lehnte sich in seinem Stuhl zurück und seufzte. „Ein langer Urlaub wäre schön. Vielleicht in Paris. Paris soll wunderschön sein um diese Jahreszeit. Waren Sie nicht vor kurzem in Paris, Mr. Garak? Hat es Ihnen gefallen?"

„Es war nicht besonders inspirierend, ebenso wenig wie Ihr gesamter Planet."

„Ich bedauere es, das zu hören." Der Mann warf ihm etwas zu und Elim fing es. Es war ein Hypospray.

„Es ist das Heilmittel für das Virus, mit dem ich ihren hübschen Bajoraner infiziert habe", sagte der Mensch mit einem gleichgültigen Tonfall. „Er wird in ein paar Stunden anfangen, die ersten Symptome zu spüren. Nach meiner Abschätzung wird der Tod in etwa einem Tag eintreten."

Elim betrachte das Gerät mit Widerwillen. Er war nicht dumm genug, es Iro sofort zu injizieren, obwohl der Mensch die Wahrheit sagte. Es zwei Seiten jeder Wahrheit. Nach allem was er wusste, würde es ihn sehr viel schneller umbringen, als das Virus es konnte. „Warum?", fragte er, auch wenn die Antwort offensichtlich war.

„Weil es sehr viel einfacher war, ihn zu infizieren, natürlich", erwiderte der Mensch. „Ich konnte schließlich nicht wissen, dass wir uns schon so bald persönlich begegnen würden."

Elim betrachtete Iro. Der Mensch hatte ihn geknebelt und an das Bett gefesselt, aber im Moment war sein Liebhaber noch immer bewusstlos. Elim legte das Gerät beiseite. „Glauben Sie wirklich, ich würde mein Volk für einen Bajoraner verraten?"

Der Mann lächelte. „Nein, ich bin nicht so naiv. Warum hätte ich Ihnen sonst das Gegenmittel gegeben? Nein, ich wollte Ihnen nur zeigen, dass wir diese Krankheit heilen können. Der Verlauf bei Cardassianern wird natürlich anders sein, als bei Bajoranern. Langsamer, vor allem."

Elim lehnte sich in die Kissen zurück. „Warum haben Sie nicht gewartet, bis ich nach Cardassia zurückgekehrt bin? In ein paar Monaten hätte die Föderation mit ihrer überlegenen medizinischen Technik uns alle retten können. Wir wären so dankbar gewesen." Ein erschreckender Gedanke, hätten sie nicht etwas dergleichen vorhergesehen. Es war schließlich zuvor geschehen. Auch wenn bislang niemand etwas von Odo gehört hatte, somit blieb die Frage unbeantwortet, ob sein Auftrag erfolgreich gewesen war.

Der Mensch schürzte mit ehrlichem Bedauern die Lippen. „Ich hätte diesen Verlauf der Dinge vorgezogen. Leider sind meine Vorgesetzten zu sehr daran interessiert, was Sie mit Konsul Sotak diskutiert haben – und an allem anderen, was Sie wissen, natürlich."

Elim lachte, auch wenn er das Ganze ganz und gar nicht amüsant fand. Der Mensch hatte begonnen, mit einem Elim unbekannten Werkzeug an dem Steuergerät herumzuspielen, das sie am Abend vorher in haarsträubender Fahrlässigkeit neben dem Bett hatten liegen lassen. Vielleicht wurde er langsam alt. „Sotak? Wir haben uns während des Mittagessens über ein paar vulkanische Studien zur menschlichen Natur unterhalten. Vulkanier schätzen die gepflegte Konversation ebenso wie mein eigenes Volk. Warum fragen Sie nicht ihn?"

Der Mensch sah kurz auf. „Er hat uns nichts von Nutzen gesagt."

Elim ballte hinter seinem Rücken die Hand zur Faust. Er hatte gewusst, dass Sotak nicht mehr erreichbar war, aber er hatte gehofft… Wie auch immer. Der Tod des Vulkaniers würde am Ende von Vorteil für sie sein. Die Sektion war töricht gewesen, einen ihrer eigenen Alliierten auf diese Weise umzubringen. „Denken Sie wirklich, Sie könnten mich dazu bringen, Ihnen etwas von Wert zu sagen, bevor jemand merkt das etwas nicht stimmt und diese Räume überprüft?"

Der Mensch lächelte, offenbar hatte er seine Reaktion bemerkt. „Niemand wird uns unterbrechen, keine Sorge."

Die Selbstsicherheit des Menschen machte ihn zornig. Elim hatte gewusst, dass Sektion 31 über viel Einfluss verfügte, aber er hatte nicht erwartet, dass er sich auf Deep Space Nine erstreckte. Vielleicht, weil er die Station närrischer Weise noch immer als sein Zuhause betrachtete, als sein Territorium. Die Sektion hatte ihn besser gekannt als er sich selbst, sie hatten gewartet bis er sich sicher fühlte. Das sie die Dreistigkeit hatten ihn hier zu verhören, in seinem eigenen Quartier, schürte seinen Zorn. Er hatte seinen Gegner unterschätzt, und nichts ärgerte ihn mehr als sein eigenes Versagen.

„Ich hatte gehofft, Sie wären vernünftig, und würden sich entscheiden, ihr eigenes Leben zu retten. Dr. Bashir hat immer gesagt, sie wären ein Mann mit gesundem Eigeninteresse."

Bashir. Ein weiterer Faktor den er unterschätzt hatte. Er wusste, dass Bashir nicht mit der Sektion zusammenarbeitete, auch wenn sie das gerne gehabt hätten, aber das hieß nicht, dass er nicht ohne es zu wissen für sie arbeitete. Bashir war ein Mann mit vielen Talenten, wenn auch etwas naiv und von einem Hang zu Ruhm und Abenteuer getrieben. Er war außerdem loyal zur Föderation, trotz aller Gründe die dagegen sprachen. Admiral T'Prynn hatte sicher keine Schwierigkeiten gehabt, ihn anzuwerben. „Ich wette, er hat Ihnen auch gesagt, dass ich ein Patriot bin."

Der Mann seufzte. „Stellen Sie sich nur vor, wie es sich anhören wird: Der cardassianische Botschafter, ermordet von seinem bajoranischen Liebhaber." Er schüttelte den Kopf. „Es braucht nicht einmal die Details…"

„Ich denke, Sie überschätzen das Mitgefühl meines Volkes für Personen die dumm genug sind, sich mit ehemaligen Terroristen einzulassen." Es würde seinen Ruf für immer ruinieren, hätte es etwas zu ruinieren gegeben. Elim strich über Iros Arm, und sein Puls überzeugte ihn, dass er sich die flüchtige Bewegung nicht eingebildet hatte. Würde es die Allianz gefährden? Einfacher würde es sie sicher nicht machen. Elim verabscheute den Gedanken, dass die Imperialisten auf Cardassia seinen Tod für ihre Zwecke missbrauchen könnten.

„Warum haben Sie es dann getan?", fragte der Mann neugierig. „Sie sind doch ansonsten ein kluger Mann."

Elim betrachtete Iro, der noch immer den Eindruck erweckte bewusstlos zu sein. „Eine meiner Schwächen, wie es scheint. Ich habe es vermisst, nehme ich an. Bajoraner sind so sehr viel empfänglicher als cardassianische Subjekte." Diesmal fühlte er das Zucken unter seiner Hand, auch wenn es für die Augen des Menschen noch immer zu subtil war.

Als er den Menschen wieder ansah, sah er den Abscheu in seinem Blick. Menschen waren solche Heuchler. Er hatte aufgehört, an dem Steuergerät herumzubasteln, und drehte es nun zwischen den Fingern. „Ich habe diese Implantate des Obsidianischen Ordens immer für sehr lästig gehalten. Wie gut zu erfahren, dass es einen so einfachen Weg gibt, sie zu umgehen. Meine Vorgesetzten werden sich freuen."

Elim spannte seine Muskeln an und sprang. Er schlug mit Wucht gegen das Kraftfeld, das das Bett umgab, und wurde gewaltsam zurückgeschleudert. Einen Moment lang drehte sich alles. Der Mensch lachte. „Sie haben doch nicht wirklich gedacht, ich mache es Ihnen so leicht", sagte er, ernst werdend. „Sagen Sie mir, was ich wissen will. Sagen Sie mir, was der Orden plant."

Elim holte tief Luft. „Sie sind ein Mann, der Hirngespinste jagt. Der Obsidianische Orden ist vor Jahren durch das Dominion vernichtet worden."

Der Schmerz, als er begann, überstieg alles, was Elim jemals zuvor empfunden hatte. Cardassianische Folter war subtiler, sie hatte gewöhnlich das Ziel, das Subjekt am Leben zu halten. Dafür waren die Sperren da, die der Mensch offensichtlich abgeschalten hatte. Natürlich hatte der Mann nicht sehr viel Zeit für Subtilität, dennoch… Elim rang mühsam nach Atem als er wieder zu sich kam, und er fühlte eine altvertraute Panik in sich aufsteigen. Er hatte nie gut mit Schmerzen umgehen können. Seine Muskeln zuckten in unkontrollierten Bewegungen, als er langsam die Kontrolle über sie zurückgewann, und er rollte sich gegen seinen Willen zusammen, als würde das irgendwie helfen. Es stank nach Urin.

Wie konnte er Cardassia schützen, wenn ihn bereits wenige Minuten der Schmerzen zu einem solch erbärmlichen Wrack reduzierten?

„Sagen Sie mir, was ich wissen will."

Elim zuckte zusammen, als er die Stimme hörte. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass der Mensch so nah an ihn heran gekommen war. „Ich weiß nichts über den obsidianischen Orden."

„In Ordnung", sagte der Mann täuschend freundlich. „Vielleicht glaube ich Ihnen das. Erzählen Sie mir doch stattdessen etwas über Cardassia. Ist es ein schöner Planet?"

Elim lächelte trotz der Schmerzen. „Ja. Cardassia wird immer der schönste Planet für mich sein." Er dachte an die neuentstandenen Alleen in Coranum, die wachsenden Türme in Tor, die wie schwarze Ten'pra Bäume im gleißenden Licht der Sonne in die Höhe ragten. Er dachte an die Gärten, durch die er mit Palandine gewandert war, und den süßen Duft der Orchideen. Er dachte an die neuen Schiffe der Hareki Klasse, die durchs All glitten wie ein Schwarm von Sandfischen.

„Garak!"

Elim richtete mühsam seine Augen auf den Mann.

„Woher bekommen Sie ihre Ressourcen?"

„Alouette, gentille alouette, alouette, je te plumerai", antwortete er, ein Lachen nicht ganz unterdrückend. Vielleicht war es tollkühn, etwas zu rezitieren, das er aus den Gedanken des Menschen aufgefangen hatte, aber Elim kümmerte das nicht mehr. Der Mann starrte ihn an, und Elim kannte plötzlich seinen Namen. Was für eine nutzlose Information… Im nächsten Moment hatte er ihn bereits wieder vergessen, als Schmerz ihn vereinnahmte.

Er wusste nicht wie viel später es war, als er ein weiteres Mal zu sich kam. Die Fragen des Menschen waren immer die gleichen geblieben, aber er hatte die letzten paar Male nicht mehr darauf geantwortet. Seine Muskeln waren so schwach, dass er sich nicht mehr bewegen konnte, und er schmeckte Blut. Ohne die genetischen Verbesserungen hätte er die letzte Runde nicht überlebt. Elim lächelte, als der Mensch sich über ihn beugte. Seine Lippen hatten angefangen, sich blau zu färben.

„Was ist so amüsant?", fragte der Mann ärgerlich. Er war nicht länger so arrogant wie zu Beginn. Er hatte inzwischen realisiert, dass er die Informationen, die er wollte, nicht bekommen würde, spätestens, als die Drogen, die er Elim verabreicht hatte, nicht wirkten.

Elim leckte sich über die Lippen. Es war schwierig, zu sprechen. „Du bist ein toter Mann, Ghislain", sagte er schließlich, und lachte. Blut füllte seinen Mund und er hustete, als er keine Luft mehr bekam. „Ein toter Mann."

Der Mensch trat einen Schritt zurück, und zum ersten Mal sah Elim so etwas wie Furcht in seinen Augen. Einen Sekundenbruchteil später begann er zu würgen, und brach zusammen. Die blaue Farbe seiner Lippen kroch wie ein Spinnennetz über sein Gesicht und den Rest seines Körpers, und verwandelte sich zu Schwarz.

Elim wünschte sich, er hätte ihm beim Sterben zusehen können, aber er war viel zu schwach. Er war nicht einmal in der Lage, die Gedanken des Mannes zu durchdringen, um an die Informationen in seinem Geist zu kommen, die so nützlich hätten sein können. Er sah jedoch ein paar Namen, ein paar Gesichter. Das würde genügen müssen.

Es dauerte seine Zeit, bis der schlimmste Schaden heilte, genug, dass er sich zu Iro herumdrehen und die Fesseln an seinen Handgelenken lösen konnte. Seine Finger blieben einen Moment lang auf den blutigen Striemen ruhen, die die Fesseln hinterlassen hatten. Wie es schien, hatte sein Bajoraner es irgendwann aufgegeben, Bewusstlosigkeit vorzuspielen. Iro löste den Rest seiner Fesseln und sah zu ihm herunter. „Ist er tot?"

„In ein paar Minuten wird er ausgelöscht sein."

Iro sah kurz auf den zuckenden Körper des Menschen hinunter. „Gut."

„Es war seine eigene Schuld", sagte Elim leichthin. „Er hätte diese Figur nicht anfassen sollen."

Iro warf ihm einen kurzen Blick zu, erkennend, so nahm Elim an, welches Glück er am Tag zuvor gehabt hatte.

„Was ist mit dem Kraftfeld?"

„Öffne das Panel hinter der Lampe", sagte er mühsam.

Iro tat es, und begriff ohne Elims Hilfe, was seine Absicht gewesen war. Er zerrte den Energiespeicher aus der Wand und schleuderte ihn in Richtung des Kraftfelds. Das Feld überlud sich zischend, und die Energiequelle, die sich neben dem Stuhl befunden hatte, explodierte.

„Hilf mir zum Badezimmer", sagte Elim mühsam. Iro hob ihn kommentarlos hoch, und trug ihn ins Bad, wo er ihn unter der Ultraschalldusche absetzte.

„Du brauchst medizinische Versorgung. Lass mich meine Leute rufen…"

„Wissen sie, dass ich weiß, was du bist?", entgegnete Elim ungehalten.

„Ja, natürlich."

Das war nicht die Antwort, die Elim erwartet hatte. Iro zog eine Braue hoch. „Ich bin kein Verräter, Elim. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich es dir sagen werde."

„Sie mögen dich anscheinend nicht besonders, wenn sie dich trotzdem nach Cardassia schicken."

Iro presste die Lippen zusammen. „Sie sehen keine andere Möglichkeit."

Elim schloss einen Moment lang die Augen. „Nein. Wir müssen die Station verlassen so schnell es geht. Mir geht es gut genug."

„Du kannst dich kaum auf den Beinen halten!"

Das stimmte, aber damit musste er zurechtkommen. Der Mensch hatte die Wahrheit gesagt, was das Virus betraf. Elim hatte nicht vor, Iro sterben zu lassen, und noch weniger hatte er vor, selbst zu sterben. Er zog sich mühsam an und packte seine Sachen. „Wo hast du dein Gepäck?"

„Am Andockring, in der Gepäckaufbewahrung."

Elim suchte seinen Kommunikator hervor und presste ein paar Tasten, um den Captain des xepolitischen Frachters zu erreichen, der ihn zurück zum cardassianischen Raum bringen würde. „Bereiten sie die Abreise vor", sagte er lediglich. „Wir sind in fünfzehn Minuten an Bord." Der Xepolit stellte keine Fragen, er bestätigte lediglich die Anweisung.

Iro sah ihm zu, als er die Artefakte und das Hypospray in seinen Koffer warf. „Du bist immun?", vermutete er.

„Natürlich." Er war dankbar, als Iro den Koffer ergriff und ihn stützte.

Der Körper des Menschen hatte sich zu diesem Zeitpunkt fast aufgelöst. In kurzer Zeit würden nicht einmal Moleküle von ihm übrig sein. Der Gedanke gab Elim grimmige Genugtuung. Er brach den Rücken eines seiner Bücher, und Naniten fielen zwischen den Lederseiten heraus wie schwarzes Pulver. Sie würden sicherstellen, dass nichts in diesem Quartier zurückblieb, was Probleme verursachen konnte, selbst wenn der Mensch ihr Gespräch aufgezeichnet hatte. Iro beobachtete ihn, aber sagte nichts dazu.

Der Weg vom Habitatring zum Andockring war zum Glück nicht sehr weit, und sie begegneten kaum jemandem. Die Bajoraner, die sie sahen, gaben sich größte Mühe, sie nicht zu sehen. Es beunruhigte Elim, dass es ihm nicht bereits wesentlich besser ging. Immer seit seinen Verbesserungen in Sandun heilte sein Körper mit fast unnatürlicher Geschwindigkeit von selbst schweren Verletzungen, doch er konnte noch immer kaum stehen, als sie das xepolitische Schiff erreichten, wobei sie auf dem Weg noch Iros Tasche abgeholt hatten. Der Xepolit an der Schleuse warf ihnen nur einen Blick zu und winkte sie hastig herein.

Einen Augenblick später hörte er, wie sich die Andockklammern lösten, und er fühlte eine profunde Erleichterung. „Wie lange bis zur cardassianischen Grenze?"

„Zwei Stunden. Wir können nicht mit voller Geschwindigkeit fliegen, solange wir uns noch in Sensorreichweite der Station befinden." Der erste Offizier des Schiffes klang entschuldigend. Elim nickte nur. Er wusste das. Schiffe dieser Klasse besaßen gewöhnlich keinen Hochwarpantrieb, und hätte die Föderation davon gewusst hätte das lästige Fragen aufgeworfen. Der Xepolit rang die Hände. „Mr. Garak, es gibt da ein weiteres Problem…"

Elim biss die Zähne zusammen. Das war das Allerletzte, was er hören wollte. „Ja?"

„Wir mussten einen Passagier mitnehmen. Kira hätte uns ohne ihn nicht abdocken lassen. Sie drohte mit einer Inspektion…" Die Haut des Mannes war fast weiß vor Nervosität.

Elim ballte die Fäuste. „Können wir ihn loswerden?" Er machte sich nicht die Mühe, zu verbergen, wie genau er das meinte.

Der Xepolit wurde wenn das möglich war noch bleicher. „Es ist ein Sternenflottenoffizier…"

„Ein Sternenflottenoffizier!" Elim verlor die Beherrschung. Er war erschöpft, er hatte einen extrem miesen Tag hinter sich, und dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es kümmerte ihn nicht, dass die Xepoliten im Grunde keine Wahl gehabt hatten. „Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Wollen Sie einen interstellaren Eklat provozieren? Ich hatte gedacht, meine Partner hätten sich klar ausgedrückt! Ich hatte gedacht, Sie hätten verstanden, wie essentiell es ist, Föderationsagenten von diesem Schiff fern zu halten!"

Der Xepolit war zwei Schritte zurückgewichen und sank in sich zusammen. „Es tut mir so leid, Mr. Garak… Colonel Kira…"

Elim fauchte wütend. Er holte ein paar Mal tief Luft. „Wer ist es? Kennen Sie seinen Namen?"

„Ein Dr. Bashir", flüsterte der Mann, als würde ein lautes Wort ihn weiter provozieren.

„Bashir!" Elim lachte fast hysterisch. Natürlich, Bashir! Warum nicht? „Erst Sektion 31, nun der verdammte Sternenflottengeheimdienst! Was ist ihr brillanter Plan? Soll ich ihn mitnehmen nach Cardassia? Oh, warum nicht! Ihr würdet hübsch zusammen aussehen, Iro, denkst du nicht?"

„Es schmeichelt mir, dass Sie mich so attraktiv finden, Garak. Glaube ich zumindest." Bashir war am Ende des Ganges erschienen. Er trug keine Sternenflottenuniform, ansonsten war er sein typisch arrogantes Selbst.

Elim sah zu dem Xepolit, der sich noch mehr zusammenkauerte. „Sie lassen ihn frei in diesem Schiff herumlaufen? Warum führen Sie ihn nicht gleich überall herum?"

„Ich bin ein Passagier dieses Schiffes, so wie Sie es sind", sagte Bashir ruhig. „Ich habe jedes Recht, hier zu sein."

Elim lachte erneut. „Jedes Recht, natürlich. Wo ist Ihre Uniform, Doktor? Sagen Sie mir nicht, Sie haben ihren Dienst quittiert um mich begleiten zu können."

„Das ist genau das, was ich getan habe", entgegnete Bashir. Er log nicht, jedenfalls nicht in der Tatsache. Er hatte seinen offiziellen Dienst quittiert, um diesen Auftrag zu verfolgen.

Iros Griff um Elims Arm verstärkte sich.

„Wie es scheint, können seine Vorgesetzten ihn ebenfalls nicht besonders leiden", sagte Elim an Iro gewandt, dann richtete er sich an den Xepolit. „Bringen Sie diesen Narr in eine Arrestzelle."

Bashir starrte ihn mit offenem Mund an. „Das können Sie nicht ernst meinen. Garak, ich dachte, wir wären Freunde!"

Elim begegnete seinem Blick ungläubig. „Freunde? Sie sind ein Agent des Geheimdienstes der Föderation, Doktor. Dachten Sie, ich wüsste das nicht?"

Zwei xepolitische Sicherheitsmänner erschienen und packten den Arzt, der sich nur halbherzig gegen sie wehrte. Ja, der Idiot hatte wirklich geglaubt, Elim würde es nicht wissen – und das, obwohl sie sich schon so lange kannten.

Elim schwankte, und stützte sich an der Wand ab, nachdem die Xepoliten den Arzt abgeführt hatten. „Geben Sie ihm ein Betäubungsmittel, die doppelte Dosis", sagte er müde. „Ich nehme ihn mit."

Der xepolitische Offizier nickte hastig und musterte ihn besorgt. „Geht es Ihnen gut?"

„Nein", erwiderte Elim brüsk. „Sie beeilen sich besser."

Der Mann nickte nervös. „Lassen Sie mich Ihnen Ihr Quartier zeigen."

Als Iro ihm weiter half, fühlte Elim sich zunehmend schwächer.

„Sind Sie sicher, dass wir nach der gewöhnlichen Routine vorgehen sollen?", fragte der Xepolit besorgt. „Sie sehen nicht so aus, als könnten Sie ein Shuttle fliegen."

„Lassen Sie das meine Sorge sein", sagte er schwach, und ließ sich von Iro auf das Bett des kleinen Raumes setzen. Er ließ sich nach hinten sinken und genoss es einen Moment lang, einfach nur liegen zu bleiben.

Etwas später hörte er die Tür gehen. „Ist er gegangen?"

Iro nickte. Er betrachtete ihn besorgt. „Du siehst wirklich nicht gut aus, Elim. Um ehrlich zu sein, du siehst so aus, als wenn du innere Verletzungen hast. Gibt es keinen Arzt an Bord dieses Schiffes?"

Elim lachte trocken. „Ich habe ihn gerade in eine Arrestzelle sperren lassen."

„Einen anderen Arzt."

Elim schüttelte müde den Kopf. „Keinen, dem ich mich überlassen würde." Iro hatte Recht, er hatte wahrscheinlich innere Verletzungen, und sie mussten extrem genug sein, dass sie nicht ohne weiteres heilen konnten. „Das Schiff, das auf uns wartet, ist mehr als ausreichend ausgestattet, um alle unsere Probleme zu lösen. Wie geht es dir, mein Lieber?" Er hatte nicht vergessen, dass der Mensch gesagt hatte, die Symptome der Infektion würden in einigen Stunden beginnen. Er wusste nicht einmal, wie lange das her war!

„Ich fühle mich gut. Keine Anzeichen bisher. Vielleicht war es ein Bluff."

Elim schüttelte den Kopf. Er wusste, dem war nicht so. Iro schlug nicht vor, das angebliche Heilmittel zu nehmen. Er wusste so gut wie Elim, dass es wahrscheinlicher ein Gift war. Ihre Wissenschaftler würden es trotzdem untersuchen, vielleicht gab es ihnen einen Anhaltspunkt.

„Was, wenn sie es nicht heilen können?"

Elim drückte Iros Hand. „Dann sterben wir." Er atmete einmal tief durch. „Wir haben zwei Stunden. Ich will, dass du einen Bericht an deine Vorgesetzten schickst, solange wir uns noch auf dieser Seite der Grenze befinden."

Iro betrachtete ihn eine Weile nachdenklich, dann nickte er, und trat an die Computerkonsole. Elim schloss seine Augen.

Farha, 2378

Die Begegnung mit Manisi ging Elim noch lange im Kopf herum. Die junge Frau faszinierte ihn, nicht nur, weil sie Ilianas Schönheit besaß. Iliana… war eine komplizierte Frau. Die Freundschaft, die sie sich zwischen ihnen entwickelt hatte, war ungeplant gewesen. Zu Beginn an hatte Elim gehofft, dass mehr daraus werden würde, aber ihm war schnell klar geworden, dass Iliana nicht das geringste Interesse an einer romantischen Beziehung hatte. Für eine Weile hatte er sich selbst damit überrascht, dass er dennoch weiterhin Zeit mit ihr verbrachte. Sie hatten nicht viel gemeinsam. Iliana war trotz all ihrer Erfahrungen eine sehr gradlinige, etwas naive Frau. Sie glaubte daran, dass Raghman ein besseres Cardassia schaffen würde, und sie glaubte daran mit der gleichen Überzeugung, mit der sie einmal dem obsidianischen Orden beigetreten war.

Sie war viel zu unsubtil, um je eine gute Agentin gewesen zu sein. Ihr Patriotismus machte sie jedoch zu einer perfekten Gul, eine Spezies, für die Elim nie sehr viel Wertschätzung empfunden hatte. Dennoch, ihre Freundschaft hatte sich erhalten.

Umso mehr faszinierte es ihn, wie anders ihre Schwester war. Er hatte nicht lange Zeit gehabt, sie zu studieren, aber er war sich dennoch sicher, dass sie mehr war, als nur das Bild, das sie ihnen geboten hatte. Sie war die perfekte Gastgeberin gewesen, sicherlich, aber Elim hatte zu keinem Zeitpunkt ihre Gedanken lesen können, nicht einmal ihre Gefühle – etwas, was bei Iliana trotz ihrem Training einfach war.

Sie war ein Mysterium, verpackt in einem wunderschönen Frauenkörper, und somit war sie eine perfekte Falle, hätte Raghman sich eine für ihn ausdenken wollen. Elim wusste das, doch anstatt dass es ihn abhielt, machte es das Ganze für ihn nur interessanter.

Es war töricht, sie erneut aufzusuchen, er wusste das. Dennoch klopfte er eines Morgens erneut an ihre Tür.

Die junge Frau trat überrascht einen Schritt zurück, als sie sah, wer vor ihrer Tür stand. Einen Moment lang wirkte sie angespannt, aber im nächsten Augenblick war das bereits wieder verschwunden, und sie lächelte, so als hätte sie ihn erwartet. „Mr. Garak. Was für eine Überraschung." Sie trat zur Seite, um ihn einzulassen.

Die Wohnung war deutlich unordentlicher als beim letzten Mal, was bezeugte, dass sie zuvor gewusst hatte, dass Besuch kommen würde. Ihre Flugechse hing in einer Ecke des Raumes kopfüber an der Decke, zusammen mit zwei anderen Echsen, die er das letzte Mal nicht gesehen hatte. Als er eintrat wachte eine von ihnen auf und starrte mit grüngelben Augen auf ihn hinunter.

„Wie kommt es, dass sie mich erneut aufsuchen?", fragte sie. „Haben Sie meinen Tee so sehr vermisst?"

„Vielleicht habe ich die Gastgeberin vermisst." Elim betrachtete die Bilder an den Wänden. Sie waren so unterschiedlich, dass sie auf so kleinem Raum chaotisch hätten wirken sollen, aber irgendwie hatte Ilianas Schwester es geschafft, sie so zu arrangieren, dass sie ein harmonisches Ganzes bildeten. Elim gefielen besonders die abstrakten Gemälde, die ihn an Ziyals Werke erinnerten.

Manisi bedachte ihn mit einem kritischen Blick. „Meine Schwester mag Ihnen vertrauen, Mr. Garak, aber ich bin nicht meine Schwester. Sie und ihre Organisation repräsentieren alles, was ich von Kind an zu Fürchten gelernt habe. Vergeben Sie mir meine Direktheit, aber ich glaube Ihnen nicht." Sie goss ihm erneut Tee ein, ein surrealer Kontrast zu ihren kühl gesprochenen Worten.

Elim war ein wenig überrascht, dass Iliana ihrer Schwester gesagt hatte, dass er für den Orden arbeitete. Was hatte sie ihr sonst noch gesagt? Alles? Wenn die Frau ihn fürchtete, so sah man es ihr nicht an. Sie hatte guten Grund dazu, wenn sie es tat. Zwanzig Jahre zuvor hätte er sie ohne Bedenken an die Behörden ausgeliefert, in dem vollen Bewusstsein, dass sie es nicht überleben würde. Er hatte sich seitdem geändert. Manchmal erschreckte es ihn, wie er einmal so absolut an etwas geglaubt haben konnte, von dem er nun wusste, dass es fundamental falsch war. Er nahm eine Tasse aus ihrer Hand und atmete den Duft des Tees ein. Sein Onkel Tolan hatte diesen Tee geliebt. „Sie haben keinen Grund, mich zu fürchten", sagte er ruhig. „Ich bin nicht hier um Ihnen Schaden zuzufügen."

„Warum sind Sie dann hier?"

„Sie faszinieren mich", antwortete er ehrlich. „Sie sind ein Rätsel, das ich bislang noch nicht gelöst habe."

„Bin ich das?" Sie lachte zynisch. „Ich glaube nicht, dass ich Ihr Rätsel sein will, Mr. Garak. Nichts Gutes kann daraus entstehen."

Breman, 2377

Elim betrachtete das dreidimensionale Netz glitzernder Punkte, das sich vor ihnen erstreckte. Auf eine Handbewegung von ihm hin ordnete es sich neu, und eine Karte Cardassias wurde erkennbar.

„Über siebzig Prozent unserer überlebenden Agenten haben sich zurückgemeldet", sagte er, die Punkte nachdenklich studierend. Jeder von ihnen war ein Chip, der sich auf den Ruf des Ordens hin aktiviert hatte, ein Agent, der bei dem Treffen seiner Zelle erschienen war.

„Es ist beeindruckend, was du in so kurzer Zeit erreicht hast", sagte Pythas. Der Mann bewegte sich noch immer vorsichtig, aber Eknaars Künste hatten Wunder bewirkt. Sein blindes Auge war durch eine bionische Prothese ersetzt worden, und fast alle Brandnarben waren verschwunden. Die unterschiedlichen Farben seiner Augen verunsicherten manche, aber Pythas wollte es so. Er wollte, dass die Cardassianer daran erinnert wurden, was geschehen war, und er wollte selbst daran erinnert werden. „Bist du sicher, dass du mir die offizielle Leitung des Ordens überlassen willst?"

Elim lächelte dünn. „Du sagst das so, als würde ich dir einen Gefallen tun."

Pythas erwiderte das Lächeln. Es bereitete Elim Genugtuung, dass es das gleiche Lächeln war, das er aus der Vergangenheit kannte. Sein alter Freund hatte nicht nur seine körperliche Verfassung wiedergewonnen, er hatte seine innere Stärke wiedererlangt. Er machte sich keine Sorgen, dass der Mann seine Stellung gegen ihn verwenden würde. Pythas war so loyal wie Akreen und Marendrial, wenn nicht loyaler. Er war kein Telepath, aber er beherrschte seine Gedanken gut genug, um Telepathen blockieren zu können. Elim vertraute Pythas, und es gab nicht viele, über die er das sagen konnte. Pythas war die perfekte Person, um den Orden nach außen zu repräsentieren, nicht nur, weil er bereits einmal Leiter des Ordens gewesen war. „Wie du meinst." Der andere Mann betrachtete die Lichter vor ihnen. „Was ist mit den restlichen dreißig Prozent?"

„Einige von ihnen haben ihren Chip vielleicht verloren oder zerstört. Ich hoffe, dass sie sich melden, sobald der Orden offiziell seine Arbeit wieder aufnimmt. Einige von ihnen sind wahrscheinlich tot und bislang nicht in den Datenbanken. Einige von ihnen arbeiten für Raghman, deren Namen werden aus dem Register gelöscht. Sie werden natürlich niemals wieder für den Orden arbeiten, aber als ein Zugeständnis an Raghman werden wir sie nicht für ihre Desertation zur Rechenschaft ziehen. Ohnehin, alle von ihnen wurden von Tain aus dem Verzeichnis aktiver Agenten entfernt, somit könnte man behaupten, er hat sie aus dem Dienst entlassen." Wobei es keine Rolle spielte, dass niemand jemals zuvor aus dem Dienst des Ordens entlassen worden war. Tain hatte erwartet, dass diese Agenten starben, oder niemals ihre Erinnerungen zurück erlangten, was auf das gleiche hinauslief. „Es wird einmaliges Zugeständnis bleiben. Der Rest…" Elim schwieg einen Moment. Alle Agenten, die den Ruf willentlich unbeantwortet ließen, waren Deserteure. Sie mochten im Moment noch glauben, dass der Orden nicht länger funktionsfähig war, aber wenn der Orden wieder offiziell wurde gab es nicht länger diese Entschuldigung. „Wenn wir einen solchen Ungehorsam tolerieren, wird es die Strukturen des Ordens von Beginn an aufweichen. Wenn wir Desertation und Verrat in unseren eigenen Reihen tolerieren, wie können wir glaubhaft die Integrität unseres Staates verteidigen?"

„Ich stimme dir da zu", sagte Pythas. Sein alter Freund war immer ein kalter Stratege gewesen. Pythas hatte sich niemals Sentimentalitäten erlaubt, er hatte sich immer seinen Abstand bewahrt. Elim fragte sich flüchtig, ob Nal das geändert hatte. Wenn es so war, würde Pythas es ihn gewiss nicht wissen lassen. Mit Sicherheit bereute er seine Bitte bei ihrem ersten Zusammentreffen bereits – er hätte diese Worte niemals ausgesprochen, hätte er nicht geglaubt, dass Elim ihn umbringen würde. Etwas, das Elim nie auch nur in Erwägung gezogen hatte, aber es kränkte ihn nicht, dass Pythas es erwartet hatte. Elim hätte an seiner Stelle das Gleiche gedacht. „Wir können uns keine Schwäche erlauben, wenn wir Raghman und ihren Antamon auf Augenhöhe gegenüber treten wollen."

Elim hatte keine Geheimnisse vor Pythas. Er hatte seine Pläne und Sorgen offen mit ihm geteilt – es war notwendig, wenn Pythas seine Funktion effizient erfüllen sollte. Elim wollte keine Marionette, auch wenn er erwartete, dass der Mann sich ihm unterordnete, wenn es darauf ankam.

Sie wechselten einen Blick, und nickten. Sie waren beide einer Meinung bei diesem Thema. Gut.

„Also dann…", sagte Pythas. „Die Zeit ist da. Ich werde morgen mit der Gul-tar, der Kastellanin und dem Zentralkommando reden. Sie werden keine Wahl haben, als uns unseren rechtmäßigen Platz zurückzugeben."

Diese Worte, so dachte Elim, hatten einen wundervollen Klang. Er hob sein Glas Kanar, und erinnerte sich plötzlich an eine andere Situation mit einem ähnlichen Mann. „Auf die Zukunft, mein Freund." Er hoffte, dass dieses Unternehmen nicht ebenso desaströs enden würde, wie das letzte, auf das er so angestoßen hatte.

Pythas hob antwortend sein Glas. „Auf die Zukunft, und den Mann, der sie möglich gemacht hat."

Elim lachte beinahe, so ironisch war dieser Trinkspruch. Anstelle dessen hob er das Glas zu seinen Lippen und leerte es in einem Zug. „Diese Arbeit, mein Freund, hat gerade erst begonnen."