Gefangene der Angst
der Winter
Der Winter in Südfrankreich war aufgrund des maritimen Klimas mild und verlief fast ohne Schnee. Im Chateau trat eine gewisse Routine ein, jeder hatte seine Aufgabe und Pierre ging inzwischen den meisten Leuten weitgehend aus dem Weg, was nicht weiter schwer war, schlief er doch tagsüber im Torwächterhaus und hielt nachts Wache. Die einzigen Berührungspunkte gab es am späteren Nachmittag.
Raoul kümmerte sich darum, dass eine Hebamme und ein Arzt im Chateau einzogen, für den Arzt richtete er sogar im Souterrain eine eigene Praxis ein und übernahm sämtliche Kosten dafür. Die Überlegungen waren einfach - einerseits wollte er einen Arzt im Haus haben, für den Fall, dass bei der Geburt irgendetwas schiefgehen sollte, andererseits hielt er Pierres Argument, er würde sich einen Arzt in der Nähe wünschen, sollte er im Kampf verletzt werden, für sehr vernünftig hielt. Wenn tatsächlich ein Notfall eintreten sollte und erst ein Diener mit einem Pferd losgeschickt werden müsste um den Arzt aus dem etwa 10 km entfernten Dorf zu holen, dann dauerte es einfach zu lang bis Hilfe kam. Ein Arzt im Chateau hingegen wäre binnen weniger Minuten da.
Der Arzt war ein hervorragender Arzt aus Paris, der gleich mit seiner Familie übersiedelte, aus dem einfachen Grund, weil er schon lange davon träumte, nach Südfrankreich zu gehen, es sich aber, da er aus einer wenig begüterten Familie stammte und noch die Schulden aus der Zeit seines Studiums gerade erst abbezahlt hatte, nicht leisten konnte. Nun bot sich für ihn die glückliche Fügung, ohne über ein eigenes Vermögen zu verfügen, seinen Traum von einem Weingut in Südfrankreich - zumindest teilweise - zu erfüllen. Dr. Gaston Martin kam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern. Christine hatte ein hübsches Appartement im Gästetrakt des Chateau für sie herrichten lassen und freundete sich binnen kürzester Zeit mit Madame Martin und den beiden Mädchen an. Sie fand es großartig, dass ihr Kind mit Spielgefährten aufwachsen würde und hatte alle Mühe, den Enthusiasmus ihres Gatten zu bremsen, der sich schon vor der Geburt auf die Suche nach einem geeigneten Hauslehrer machen wollte.
Eines Nachmittags übte Raoul im hinteren Teil des Gartens mit seiner Pistole. Er hatte die Schießscheibe an die Mauer gehängt, damit die Kugeln, wenn er schon daneben schießen würde, in der Mauer stecken bleiben würden. Pierre stand daneben und sah ihm eine Weile zu. Die großen Hunde hatten sich unter die Treppe der Terrasse des Chateau zurückgezogen, weil es dort trocken war und außerdem Pierre ihnen dort aus für das Haus unbrauchbaren Teppichen ein angenehmes Lager gebastelt hatte. "Was wollen Sie eigentlich mit Ihren Übungen erreichen?" fragte Pierre nach einer Weile. "Wenn wir angegriffen werden, will ich selbst in der Lage sein zu kämpfen", antwortete Raoul. Pierre sah interessiert zu, wie Raoul die Pistole putzte und neu lud. "Es ist aber wenig sinnvoll, wenn man den, der beschützt werden muss, an die Front stellt", warf Pierre ein.
"Wie meinen Sie das?" fragte Raoul erstaunt. "Nun ja, eine Pistole ist eher für Nahkämpfe und Sie würde ich lieber im Chateau sehen. Sie sollten ein Gewehr benutzen und aus großer Entfernung schießen. Darf ich?" Pierre nahm sein Gewehr von der Schulter, ging weiter weg von der Schießscheibe, zielte, ließ das Gewehr wieder sinken und ging noch weiter weg. Raoul folgte ihm. "Wenn Sie mich mit Ihren Schießkünsten beeindrucken wollen, nur zu", sagte Raoul gut gelaunt. Pierre wählte tatsächlich eine Distanz, auf die Raoul sich nicht mehr zugetraut hätte, den innersten Ring zu treffen, die Schießscheibe vermutlich schon. Dann legte Pierre sich flach auf den Boden, zielte mit der linken Hand und brummte "Sie müssen das natürlich spiegelverkehrt machen, Sie haben ja ein gesundes rechtes Auge", wobei er den linken Ellenbogen auf den Boden stützte. Dann drückte er ab. Gemeinsam gingen sie zur Schießscheibe und Raoul stellte überrascht fest, dass Pierre sehr gut getroffen hatte. Pierre lud sein Gewehr nach und hielt es Raoul hin: "Jetzt Sie!" Wieder gingen sie zu dem Punkt, von dem aus Pierre geschossen hatte und Raoul legte an. "So nicht", sagte Pierre. "Warum, was passt Ihnen nicht?" "Zunächst einmal, dass Sie aufrecht stehen. Wenn Sie auf diese Distanz treffen, kann das ein anderer auch. Hinlegen!" "Hinlegen? Bei dem Wetter, in den Dreck?" Pierres Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen, als er antwortete: "Wenn Ihnen die Kugeln um die Ohren fliegen, ist Dreck Ihre geringste Sorge. Ich hab mich mal in einem Misthaufen versteckt, meine Verfolger haben den aus Ekel nicht durchsucht, so was kann wirklich lebensrettend sein." Raoul nickte und legte sich hin, wobei er Pierres Position von vorhin nachahmte.
Pierre griff in seine Hemdbrusttasche und zog seine Zigaretten hervor. Raoul zielte. "Sie tun sich leichter, wenn Sie atmen", bemerkte Pierre. "Ich atme doch." "Aber nicht richtig. Sie sind nervös, warum auch immer, versuchen Sie, ruhig zu atmen, das beruhigt. Versuchen Sie, ruhig zu bleiben und alles andere auszublenden. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Tiger, der auf der Lauer liegt und auf die Beute wartet. Da ist die Beute. Und die erlegen Sie jetzt." Raoul versuchte, ruhig zu atmen und zu vergessen, dass er im matschigen, nassen Gras lag, was alles andere als einfach war. Dann drückte er ab. Als sie gemeinsam die Zielscheibe ansahen, nickte Pierre anerkennend und sagte: "Sieht gut aus, für den Anfang. Mit ausreichend Übung können Sie in ein paar Jahren vom Dach des Chateau aus jeden Eindringling niederschießen." Raoul schüttelte sich, nicht so sehr vor Kälte sondern weil ihm vor dem Gedanken, einen Menschen töten zu müssen, graute. Pierre schien nicht einmal der Gedanke zu kommen, dass es Raoul stören könnte, auf Menschen zu schießen, denn er fuhr fort zu erklären, welche Treffer einen Menschen sofort umbrachten und welche den Menschen leben ließen, aber kampfunfähig machten. Raoul versuchte plötzlichen Brechreiz zu unterdrücken.
Pierre bemerkte, dass der Vicomte sehr blass geworden war und entschied, das Thema zu wechseln. "Darf ich eine indiskrete Frage stellen, Monsieur?" fragte er vorsichtig und zündete seine Zigarette an. Raoul versuchte etwas von dem Matsch von seiner Kleidung zu streifen und nickte. "Wie weit würden Sie gehen? Wie weit würden Sie gehen, um Ihre Familie zu schützen?" Die Frage überraschte Raoul nicht sonderlich. "Ich würde mein Leben geben!" antwortete er leidenschaftlich. Pierre schüttelte den Kopf: "Das ist nicht genug. Sterben ist ganz leicht, das kann jeder. Nein, Sie müssen bereit sein, alle eigenen Wünsche und Bedürfnisse aufzugeben, Sie müssen bereit sein, Dinge zu tun, die Sie aus tiefster Seele verabscheuen und Sie müssen damit leben können, wenn Sie es getan haben." Diese Antwort traf Raoul überraschend. "Wie meinen Sie das?" Pierre versuchte eine Erklärung: "Wären Sie bereit, auch einen Mord zu begehen, wenn es nötig wäre? Zu lügen, zu betrügen, zu stehlen, alles, was Ihnen widerwärtig ist?" "Wenn es keinen anderen Weg gibt - ja. Hören Sie, Monsieur Bertrand, ich weiß ja nicht warum Sie das so unbedingt wissen müssen, aber ich habe bereits alle meine Träume hinsichtlich meiner eigenen Zukunft aufgegeben - oder glauben Sie, mir macht es Spaß, hier den Verwalter zu spielen? Hier gibt es außer viel Natur gar nichts und ich habe mir mein Leben wahrlich anders vorgestellt. Aber das kann ich nicht ändern, ich muss jetzt das Beste daraus machen. Und wenn es so weit ist, dass ich wirklich etwas tun muss, was mir zutiefst widerstrebt, dann werde ich es tun. Sind Sie zufrieden?" Als Antwort hielt Pierre ihm sein Zigarettenetui hin und bot ihm eine Zigarette an, als Raoul sie annahm, sagte er: "Dann werde ich Ihnen beibringen zu kämpfen."
Der Arzt errechnete Christines Geburtstermin für Ende Februar oder vielleicht Anfang März, worauf Raoul sehr glücklich reagierte. "Was macht der Geburtstag für einen Unterschied?" fragte Christine erstaunt und Raoul gab zu, dass er Sorge gehabt hatte, dass das Kind nicht von ihm wäre. "Also wirklich, wie kannst du nur!" protestierte die junge Frau empört. "An dir habe ich nie gezweifelt", verteidigte sich der Vicomte, "Aber du hast gesagt, dass Erik dich betäubt hat während er dich gefangen hielt - du weißt gar nicht, was er mit dir gemacht hat. Aber das spielt ja keine Rolle, wenn der Geburtstermin der Februar ist, dann ist es im Juni passiert - und damit mit absoluter Sicherheit unser gemeinsames Kind. Unser Baby - ich freue mich ja schon so darauf!"
Dann kam Weihnachten. Im Chateau war es Brauch, dass diejenigen Domestiken, die ihre Familie besuchen wollten, Gelegenheit dazu bekamen, und diejenigen, die im Chateau blieben, dort eine Weihnachtsfeier veranstalteten. Aber wie sie mit der Situation umgehen sollten, dass nun zwei Mitglieder der Familie de Chagny auch da waren, wusste keiner. Schließlich entschied Raoul, dass er mit Christine feiern würde, allerdings dürften die Dienstboten trotzdem wie gewohnt die große Eingangshalle für ihre Feier verwenden.
Raoul hatte für sich und Christine das Kaminzimmer ausgewählt, um bei Kerzenlicht ein gemeinsames Abendessen einzunehmen. Es war das erste Mal seit Monaten, dass sie beide völlig auf Erik vergaßen und sich nur ganz auf sich konzentrieren konnten. Christine hatte für Raoul als Weihnachtsgeschenk ein modernes Gerät kommen lassen, das Musik aufzeichnen konnte, ein Phonograph sowie ein paar Walzen. "Damit können wir das erste Wort unseres Babys aufnehmen", sagte sie strahlend, als Raoul etwas unschlüssig vor dem Apparat stand. "Oder du kannst eine Arie darauf singen", schlug Raoul vor, "Dann können noch unsere Urenkel deine wunderbare Stimme hören." Beide lachten, als sie daran dachten, dass sie beide irgendwann als Großeltern vor dem Kamin sitzen und ihren Enkelkindern Geschichten erzählen würden. Raoul hatte für Christine ein Collier anfertigen lassen, das einer Königin würdig war.
In der Halle ging es sehr viel weniger romantisch zu. Die Dienerschaft war teilweise etwas angetrunken und es wurde lauter. Der Vicomte und die Vicomtesse hatten für diejenigen, die Weihnachten im Chateau verbrachten, kleine Weihnachtsgeschenke vorbereitet und verteilten diese, bevor sie sich zurückziehen wollten. "Wo ist Pierre Bertrand?" fragte Christine. Die Köchin antwortete: "Draußen, bei seinen Hunden. Er mag nicht mit uns feiern. Vorhin hat er sich etwas zu Essen und eine Tasse Punsch geholt, aber bleiben wollte er nicht."
Also ging Raoul hinaus. Christine wollte mitkommen, aber Raoul hielt es für zu gefährlich, wenn sie in der Dunkelheit hinausging. Kaum öffnete er die Türe des Chateau, stand einer der Hunde bellend vor ihm. "Ganz ruhig, ich bins nur", sagte er, denn er wusste ja, dass die Hunde ihn kannten. Trotzdem stand der Hund quer vor ihm und ließ ihn nicht aus dem Haus. "Carybdis! Sitz!" rief Pierre und beeilte sich, zu Raoul zu kommen. "Verzeihung, Monsieur, ich wusste nicht, dass Sie um die Zeit noch ausgehen wollen?" "Ich wollte nur zu Ihnen, weil Sie nicht bei der Feier sind", sagte Raoul freundlich, "Wollen Sie nicht hereinkommen?" Pierre warf einen Blick auf die Hunde, dann meinte er achselzuckend: "Wenn Sie das so wünschen."
Der Vicomte brachte Pierre in das Kaminzimmer, wo die Vicomtesse wartete. "Monsieur Bertrand, wir möchten Ihnen ein frohes Weihnachtsfest wünschen!" sagte sie fröhlich und drückte dem verdutzten Mann ein kleines Päckchen in die Hand. Pierre starrte auf das Päckchen, als wisse er nicht, was er damit anfangen soll. "Danke", sagte er verwirrt, "Ich danke Ihnen sehr, nur... ich verstehe nicht...?" Christine lachte: "Es ist Weihnachten und wir gehen Ihnen ein Weihnachtsgeschenk, was gibt es da nicht zu verstehen?" Pierre lächelte, bedankte sich nochmals und fragte etwas verlegen, ob er es denn aufmachen dürfe. "Aber natürlich!" antwortete Christine. Pierres völlig unbeholfene Art, mit der Freundlichkeit und Großzügigkeit seiner Dienstherren umzugehen, rührte sie. Pierre öffnete geschickt das Päckchen und zog ein silbernes Zigarettenetui heraus, auf dem eine Kutsche mit zwei Pferden eingraviert war. Wie versteinert stand er da, das Etui in der Hand. "Danke, aber... das kann ich nicht annehmen", sagte er mit zitternder Stimme. "Warum denn nicht?" fragte Christine, "Gefällt es Ihnen nicht?" "Doch, doch sehr! Es ist nur... es ist viel zu wertvoll", sagte Pierre schnell, "Ich glaube nicht, dass ich das annehmen darf." "Wenn wir es Ihnen aber schenken", sagte Raoul freundlich.
Pierre drehte das Etui in seinen Händen hin und her, dann steckte er es ein und bedankte sich nochmals. "Ich habe jetzt gar nichts für Sie...", stammelte er verlegen, dann schüttelte er wie zufällig seinen Ärmel und eine kleine einschüssige Pistole rutschte in seine Hand. "Erlauben Sie mir, dass ich diese hier Ihnen schenke", sagte Pierre und hielt die Pistole Raoul hin, "Sie ist nicht kostbar, aber hat einen gewissen Wert für mich. Ich trage sie seit Jahrzehnten mit mir herum. Ich habe sie mir zugelegt, damit ich mich erschießen kann, bevor ich lebend in Gefangenschaft gerate. Die Kugel war nie für jemand anderen als mich selbst bestimmt." Der Vicomte spürte einen Knoten im Hals. "Und die wollen Sie wirklich verschenken?" Pierre nickte heftig: "Ja, jetzt sollen Sie beide sie haben, als Glücksbringer."
Die Zeit bis Ende Januar verlief erstaunlich ruhig. Dann brachte ein Bote einen Brief des Comte de Chagny mit folgendem Inhalt:
"Mein lieber Bruder,
ich beginne daran zu zweifeln, ob meine Einschätzung, dass Deine Frau und Du Gespenster seht, nicht doch revidiert werden muss. Seit etwa zwei Wochen vor Eurer Abreise aus Paris ist in der Oper nichts mehr passiert, was auf eine Anwesenheit des Phantoms hinweist. Die Loge 5 ist vermietet, es gibt keine Drohungen gegen die Direktoren, es gibt keine besonders auffälligen Unfälle oder ähnliches. Die Sorelli hat mir gesagt, dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn das Phantom einmal ein paar Wochen nicht von sich hören lässt, aber seit September herrscht Ruhe.
Passt auf Euch auf, ich beginne, mir Sorgen um Euch zu machen. Schickt den Boten mit einer Antwort zu mir zurück, damit ich weiß, ob es Euch gut geht.
Dein Bruder Philippe"
Raoul wurde blass, als er den Brief las. "O mein Gott, Erik ist uns doch die ganze Zeit gefolgt!" stöhnte er. Dann griff er nach der Glocke, um dem Diener zu läuten. "Hol mir Pierre Bertrand, sofort!"
Pierre Bertrand erschien wenige Minuten später, er wirkte verschlafen und seine Kleidung zerknittert. An seiner Seite waren die drei großen Hunde. "Morgen", gähnte er, "Was ist passiert?" "Lesen Sie und sagen Sie es mir!" Pierre nahm den Brief, las ihn und gab ihn dem Vicomte zurück. Dann seufzte er. "Klingt so, als müssten wir auf der Hut sein", bemerkte Pierre. "Was sollen wir tun? Wir müssen doch etwas unternehmen! Meine Frau bekommt in nur einem Monat ein Baby, wir können jetzt nicht hier weg!" rief Raoul beinahe panisch.
"Keine unüberlegten Panikreaktionen. Sagen Sie Ihrer Frau nichts davon, bitte, wenn Sie sie nicht unnötig aufregen wollen. Wie geht das Phantom normalerweise vor? Jagd er wie ein Tiger, dann pirscht er sich an die Beute an und schlägt blitzschnell zu, jagt er wie ein Wolf, dann hetzt er seine Beute, bis diese erschöpft zusammenbricht, jagt er wie eine Spinne, dann baut er irgendwo eine Falle auf." sagte Pierre ruhig. Raoul versuchte seine zitternden Hände still zu halten, was ihm nicht ganz gelang. "Woher soll denn ich das wissen?" stöhnte er. Pierre blieb weiterhin ruhig: "Eben. In zwei der drei Möglichkeiten wäre es eine dumme Idee jetzt eine Reise zu beginnen, weil Sie dann wieder gehetzt werden oder in die Falle laufen. Und in der dritten Möglichkeit ist es ja immer noch so, dass ein Angreifer erst mal an mir und meinen Hunden vorbei muss. Ich weiß, dass ich nicht unbesiegbar bin, aber der Lärm würde sicher das ganze Chateau aufwecken und vielleicht bis ins Dorf zu hören sein. Wenn wir hier bleiben, haben wir die Möglichkeit, das Schlachtfeld auszuwählen und entsprechend zu präparieren, nicht jemand, der von außen kommt. Ich glaube, dass Sie hier am sichersten sind."
Raoul stand auf und ging zu der Kredenz, um sich etwas Cognac zu nehmen. Pierre legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: "Tun Sie das nicht!" "Fassen Sie mich bloß nicht an!" schrie Raoul, dessen Aufregung sich in Wut verwandelte. Pierre wich weder zurück noch ließ er Raoul los. "Tun Sie das nicht. Wenn Sie jedes Mal Cognac trinken, wenn Sie sich aufregen, dann werden Sie bald jeden Tag trinken. Wenn Sie entspannt sind und ein gutes Glas genießen, dagegen spricht gar nichts, aber jetzt sollten Sie einen klaren Kopf haben." Raoul riss sich los und verpasste Pierre einen kräftigen Stoß, der ihn zurückweichen ließ. Dann knurrte er: "Und was ist mit Ihrem verdammten Zigaretten?" Pierre lachte, als er antwortete: "Touche! Aber die benebeln wenigstens meinen Verstand weniger. Wollen Sie eine?" Er zog das silberne Etui hervor.
Kurz darauf saßen beide in dem Zimmer, das Raoul inzwischen zu seinem Büro gemacht hatte, und rauchten. Die Hunde lagen auf dem Teppich und dösten vor sich hin. "Was machen wir jetzt wirklich?" fragte der Vicomte, als er sich wieder beruhigt hatte. "Das, was wir bisher gemacht haben. Das Chateau absichern. Da wir davon reden... Schlösser können aufgebrochen werden, Riegel nicht oder nur sehr schwer, Riegel auf der Innenseite der Außentüren, die Souterrainfenster müssen neue Gitter bekommen, die Fensterläden im Erdgeschoss und den ersten zwei Stockwerken müssen auch von innen verriegelt werden können." "Selbstverständlich, veranlassen Sie das!"
Christine bemerkte nicht lang danach, dass Raoul sehr viel angespannter war als sonst. "Es ist nur wegen der Geburt... ich hab solche Angst, dass dir und unserem Baby etwas passiert", antwortete Raoul und seine Frau küsste ihn sanft und sagte: "Ich bin nicht die erste Frau, die ein Kind bekommt. Es wird alles gut gehen, das fühle ich."
