Broken
Kapitel 4
Gerettet
Ginny wachte am nächsten Morgen zwei Stunden zu früh auf. Sie warf sich eine halbe Stunde lang von einer Seite auf die andere, aber der Schlaf war schon längst verschwunden. Vielleicht war sie nervös, da sie ja jetzt eine Siebtklässlerin war. Vielleicht war es, weil sie einen Traum gehabt hatte, der dem im Zug geähnelt hatte und sie noch immer nicht in der Lage war, herauszufinden, wer diese Leute waren. Oder vielleicht war es das Gefühl, dass sie sich seit dem Eröffnungsfest beobachtet und verfolgt fühlte.
Vorsichtig kletterte sie aus dem Bett. Ihr Arm tat noch immer weh und sie spürte, dass der Bluterguss in ihrem Gesicht wieder zu sehen war. Sie griff nach ihren Kleidern und ging auf Zehenspitzen ins Badezimmer, damit sie keine ihrer Zimmergenossinnen weckte. So wie sie aussah, würden zu viele Fragen auftauchen, für die Ginny sich so früh am Morgen noch keine überzeugenden Lügen ausdenken konnte. Sie ging ins Bad, legte einen Schweigezauber über die Tür und drehte die Dusche auf, um unter den heißen Wasserstrahl zu treten. Als das Wasser auf ihr Gesicht und ihren Arm traf, begannen die Blutergüsse zu schmerzen, aber darüber machte sie sich momentan keine Sorgen. Sie ließ ihre angespannten Muskeln locker und wusch sich, damit sie einen ordentlichen Heilzauber zustande bringen konnte.
Nach einer halben Stunde trat Ginny aus der Dusche. Sie zog sich langsam an und trocknete ihr Haar, bevor sie zum Spiegel trat, um ihren Heilzauber auszusprechen. Als sie in den Spiegel blickte, überkam sie das selbe Gefühl wie schon vor zwei Tagen. Dass sie verloren war, unausgefüllt und dazu verdammt, für immer so zu bleiben. Sie hatte sich immer gesagt, dass sich im nächsten Jahr alles ändern würde, dass sie sobald sie mit der Schule fertig war, von zu Hause ausziehen würde, aber jedes Jahr ging es weiter wie vorher, wenn nicht schlimmer. Und sie wusste, wenn sie von zu Hause fortlaufen würde, würde sie sich nie wieder ganz fühlen. Sie hatte nie die Chance gehabt, ihr Leben zu leben, hatte nie echte Freunde gehabt, die sie unterstützten und ihr Kraft gaben während dieser schlimmen Zeit. Sie würde nie eine Familie haben, die sie lieben und nett zu ihr und glücklich sein würde. Sie würde immer alleine kämpfen und leben müssen. Sie würde immer kraftlos sein von dem fortwährenden Kampf. Nie würde sie glücklich sein können.
Schnell sprach sie ihre Zauber aus und verließ das Bad. Sie hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Frühstück, also setzte sie sich ans Fenster. Sie konnte Tiergeräusche aus dem nahen Wald hören und beobachtete, wie die Sonne am Himmel nach oben kletterte. Tief atmete sie die frische Luft ein und konnte das Gras riechen, sogar von hier heroben. Sie beobachtete, wie ein paar Eulen über das Schloss und in Richtung Eulerei flogen, um sich für diesen Tag zurückzuziehen.
Ihre Zimmergenossinnen wachten langsam auf und machten sich fertig. Ginny ignorierte sie und blickte weiterhin aus dem Fenster. Sie wünschte, sie könnte wie die Vögel sein, die einfach wegfliegen konnten, wenn ihnen etwas nicht gefiel. Die mussten sich über nichts im Leben Sorgen machen. Sie sah auf die Uhr und merkte, dass sie nur noch fünfzehn Minuten Zeit hatte, um in die Große Halle zum Frühstück zu kommen. Sie verabschiedete sich kurz und knapp von ihren Zimmergenossinnen und machte sich auf den Weg in den Gemeinschaftsraum. Als sie merkte, dass Harry und Ron nicht da waren, stieß sie die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte, und schlüpfte schnell durch das Portraitloch.
Als sie in die Große Halle ging, überkam sie wieder das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. Sie blickte sich um und sah einige andere Gryffindors, aber keiner schenkte ihr besondere Aufmerksamkeit. Sie sah hinüber zu den Tischen der Hufflepuffs und Ravenclaws, wo sie ebenfalls keiner beachtete. Sie sah nicht zum Slytherintisch, auch wenn die, die sie beobachteten, vielleicht dort saßen. Das war ihr im Moment ziemlich egal.
McGonagall ging durch die Gänge und reichte Ginny ihren Stundenplan. Sie erklärte ihr, dass sie ihre Bücher direkt von den Professoren im Unterricht abholen konnte. Als sie den Stundenplan betrachtete, realisierte sie erst, dass sie nun im siebten Jahr war und dass es extrem schwierig für sie werden würde. Ihre Eltern würden immer noch die allerbesten Noten erwarten, und es würde sehr schwer für sie werden. Sie betrachtete die heutige Spalte und stöhnte auf, als sie sah, dass sie all ihre Fächer heute mit Slytherins hatte. Sie überflog die restlichen Spalten und bemerkte, dass alle ihre Fächer heuer gemeinsam mit den Slytherins stattfanden. Sie kontrollierte nochmals, welche Fächer sie heute hatte, bevor sie nach ihrer Tasche griff und aufstand, obwohl sie kaum etwas gegessen hatte.
Blaise, Draco und Pansy beobachteten Ginny weiter, bis sie die Große Halle verließ.
„Sie sieht so … zerbrochn aus", sagte Pansy. Ihr fiel kein besseres Wort dafür ein.
„Ich glaube, sie sieht ein bisschen besser als gestern aus", sagte Draco, nachdem er einen Moment lang nachgedacht hatte. Gestern sah sie verängstigt und ausgezehrt aus, heute war sie bloß müde.
„Auch nur deshalb, weil sie endlich ihre blauen Flecken heilen konnte", merkte Blaise an.
„Naja, zumindest können wir das ganze Jahr lang ein Auge auf sie werfen", sagte Pansy, als sie auf ihren Stundenplan sah (der genau gleich aussah wie der von Draco und Blaise) und bemerkte, dass die Slytherins immer gemeinsam mit den Gryffindors Unterricht hatten. „Das ist ein bisschen komisch, oder?", fragte Pansy die anderen beiden, als sie dies bemerkten.
„Ein bisschen, aber wahrscheinlich versuchen sie nur, die Häuserrivalität zu verringern", meinte Draco mit einem Schulterzucken.
„Kommt schon, wir gehen besser, wenn wir vor Ginnys Bruder in der Klasse für Zauberkunst sein wollen", sagte Blaise, als er auf seine Uhr blickte.
„Wir wissen immer noch nicht mit Sicherheit, dass er es ist", wies Pansy darauf hin. Sie wollte immer noch nicht glauben, dass die Weasleys zu so etwas fähig sein könnten.
„Doch, naja, wir vermuten es. Du hast doch den Blick auf seinem Gesicht gesehen, als er sich zu ihr rübergelehnt und mit ihr gesprochen hatte. Und weniger als eine Stunde später haben wir sie mit zwei roten Malen im Gesicht gesehen", sagte Blaise, als sie die Große Halle verließen.
„Ich weiß, aber … es ist einfach schwer zu glauben", sagte Pansy leise, als sie an ein paar Gryffindors vorbeigingen.
Ginny saß im leeren Klassenzimmer für Zauberkunst und genoss die Zeit, die sie für sich allein hatte, bevor Harry, ihr Bruder und die Slytherins kommen würden. Die Ruhe hielt jedoch nicht lang an. Sie sah, dass drei Slytherins das Zimmer betraten. Es waren Blaise Zabini, Pansy Parkinson und Draco Malfoy. Sie war komplett geschockt, dass sie so früh schon in den Unterricht kamen, und ließ beinahe ihr neues Buch für Zauberkunst fallen, das Professor Flitwick ihr gerade gegeben hatte. Sie war noch schockierter, als sie merkte, dass sie zu ihr kamen und sich neben sie setzten. Pansy saß rechts von ihr, Blaise links und Draco neben Blaise. Keiner von ihnen sagte etwas, und Ginny war zu schockiert, um nachzufragen, was hier vor sich ging.
„Ähm … was macht ihr drei hier?", fragte sie nach ein paar Augenblicken voll unerträglicher Stille.
„Wir sitzen hier", sagte Blaise mit einem Grinsen.
„Das sehe ich. Ich meinte warum?", fragte Ginny dismal ein wenig forscher.
„Warum nicht?", forderte Pansy sie heraus.
„Schaut, wenn ihr das nur macht, um mir mein letztes Jahr zur Hölle zu machen, könnt ihr euch gleich verziehen, weil dafür bin ich absolut nicht in Stimmung", sagte Ginny mit mehr Zuversicht, als sie wirklich empfand.
„Ehrlich, wir wollen dir dieses Jahr nicht zur Hölle machen. Wir wollen nur hier sitzen", sagte Blaise mit einem Lächeln. Ginny wollte schon etwas darauf sagen, aber in diesem Moment ging die Tpre auf und ihr Bruder und die anderen Gryffindors kamen herein. Sie alle blieben vor Schock und leichter Angst stehen, als sie sahen, dass die drei Slytherins neben der jüngsten Weasley saßen. Rons Gesichtsausdruck wandelte sich innerhalb von drei Sekunden von Schock in Zorn und er begann, auf sie zuzuschreiten. Ginny zuckte innerlich zusammen, als er näher kam und sich die Wut in seinem Gesicht verstärkte.
„Und das ist noch ein Grund, warum wir hier sitzen", flüsterten Pansy und Blaise ihr ins Ohr. Sie bemerkte die Wut in ihren Stimmen, aber wusste gleichzeitig, dass diese gegen Ron gerichtet war und nicht gegen sie.
„WAS MACHT IHR HIER BEI MEINER SCHWESTER?", bellte Ron die drei Slytherins an, die angesichts seines Brüllens keine Miene verzogen. Ginny wollte schon einen Witz darüber machen, als sie bemerkte, dass die meisten Leute in der Klasse dachten, dass Ron sie beschützen wollte.
„Wir sitzen hier bei ihr wie du vielleicht bemerkt hast", sagte Draco gedehnt. Ginny sah ihn verwirrt an. Sie war schockiert, dass er sich gegen ihren Bruder richtete, und sie gleichzeitig nicht beschimpfte oder runtermachte.
„STEHT SOFORT VON DIESEN PLÄTZEN AUF!", rief Ron, diesmal jedoch ein bisschen leiser.
„Warum? Uns gefällt es hier. Und du bittest uns nicht gerade nett darum", sagte Blaise mit einem Grinsen. Ginny hätte über diese Situation gelacht, wenn es nicht bedeuten würde, dass Ron bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm bot, sie wieder schlagen würde.
„Gibt es hier ein Problem?", fragte Professor Flitwick, der gerade wieder in das Klassenzimmer kam.
„Malfoy, Parkinson und Zabini sitzen bei meiner Schwester", sagte Ron. Sogar er wusste, dass dieses Argument schwach war.
„Wir haben auch Vornamen, weißt du?", sagte Pansy und starrte Ron böse an. Ron ignorierte ihre Worte und ihren Blick.
„Ja, ich sehe, dass sie bei Miss Weasley sitzen. Ich verstehe das Problem aber noch immer nicht", sagte Flitwick mit einem amüsierten Lächeln auf dem Gesicht.
„Harry, Hermione und ich wollten bei ihr sitzen."
„Wir waren zuerst da", sagte Blaise Flitwick mit einem Grinsen in Rons Richtung.
„Ist das wahr? Waren diese drei vor Ihnen da?", fragte Flitwick Ron.
„Ja … aber …", versuchte es Ron, wurde aber von Flitwick unterbrochen.
„Und Sie würden sie gerne von ihren Stühlen schubsen, weil sie vor Ihnen hier wahren?", fragte er mit einer erhobenen Augenbraue.
„Ich … äh … naja", stammelte Ron.
„Nehmen Sie Platz, Mr. Weasley. Ich bin mir sicher, dass es Ihrer Schwester hier gut geht", sagte Flitwick, als er auf den leeren Platz zeigte, den Hermione und Ron für sie reserviert hatten. „Ihr wird es doch hier gut gehen, oder?", fragte er die drei Slytherins.
„Oh ja, es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen, Professor", sagte Blaise mit einem Zwinkern in Ginnys Richtung. Flitwick nickte und ging nach vorne, um mit dem Unterricht zu beginnen. Ginny sah hinüber zu Ron und wollte über den Ausdruck in seinem rot angelaufenen Gesicht lachen, aber dann sah er zu ihr herüber und sein böser Blick sagte klar und deutlich: Warte, bis du mir unter die Finger kommst. Ginny begann, vor Angst zu zittern. Pansy bemerkte, dass Ginny zitterte, und schaute Ron böse an.
„Mach dir keine Sorgen. Es wird alles gut, das verspreche ich dir", flüsterte sie Ginny ins Ohr. Ginny beruhigte sich merklich, aber nicht ganz. Diese Worte klangen so vertraut, aber sie hatte noch nie jemanden gehört, der das zu ihr gesagt hatte.
Die Stunde verging in einem angenehmen Tempo. Ginny hatte ein paar Probleme mit der richtigen Bewegung ihres Handgelenks, aber Blaise half ihr und sie hatte den Dreh bis zum Ende der Stunde raus. Als die Glocke klingelte, begann Ginny sich wieder Sorgen zu machen. Ron würde sicherlich ins nächste Klassenzimmer rennen, nur um bei Ginny sitzen zu können.
„Wir werden mit dir zu Verwandlung gehen", versicherte Pansy ihr, als sie Ginnys verschreckten Gesichtsausdruck sah. Ginny nickte einfach und ging mit den drei Slytherins aus dem Klassenzimmer. Sie erregten jede Menge Aufmerksamkeit, als sie den Gang entlang gingen. Die anderen Slytherins sahen verwirrt und zugleich amüsiert aus. Sie dachten offensichtlich, dass Ginny ihr nächstes Opfer sein würde. Die Hufflepuffs und Ravenclaws sahen einfach verwirrt aus. Aber die Gryffindors sahen allesamt verärgert aus und Ginny konnte nicht sagen, ob sie oder die Slytherins der Grund dafür waren.
Die vier betraten das Klassenzimmer für Verwandlung und ergatterten einen Tisch, der von Ron weit weg stand. Blaise, Pansy und Draco setzten sich genauso hin wie in Zauberkunst. Als Professor McGonagall hereinkam, blieb sie wie angewurzelt stehen und ließ beinahe ihre Bücher fallen, die sie bei sich trug. Sie fasste sich schnell wieder und ging zu ihrem Tisch. Sie nahm ein Buch von ihrem Stapel und reichte es Ginny.
„Wollen Sie, dass ich diese drei umsetze, Miss Weasley?", fragte sie Ginny ruhig, aber Draco, Blaise und Pansy konnten sie trotzdem verstehen. Ginny sah sie einen Moment lang an. Blaise grinste nur, er fand diese Situation offenbar amüsant. Pansy sah beleidigt aus und verschränkte ihre Arme, während sie sich zurück gegen die Lehne fallen ließ. Draco blickte McGonagall böse an.
„Nein Professor, mir geht's gut, versprochen. Danke", sagte Ginny süß und versuchte, nicht über den geschockten Gesichtsausdruck der älteren Frau zu lachen.
Dieses Fach war ein wenig schwieriger und Ginny hatte einige Probleme, genauso wie Blaise und Draco. Pansy stieß einen großen Seufzer voll falscher Genervtheit aus, als Draco sie fragte, ob sie wusste, was sie da tat.
„Das ist seine Art, nach Hilfe zu fragen", murmelte Pansy mit einem Grinsen in Ginnys Richtung.
„Das hab ich gehört", sagte Draco.
„Gut, vielleicht lernst du dann beim nächsten Mal, ordentlich zu fragen", sagte Pansy, als sie begann, Blaise und Ginny das beizubringen, was gerade gefragt wurde.
Bis zum Ende der Stunde hatte Ginny es schon fast geschafft und Draco hatte ordentlich um Hilfe gebeten. Die Glocke ertönte wieder und kündigte diesmal das Mittagessen an. Ginny erblasste, als sie daran dachte, am Gryffindor-Tisch sitzen zu müssen und niemanden zu haben, der sie vor ihrem Bruder bewahrte. Sie wusste, dass die drei Slytherins Bescheid wussten, und sich nur deswegen mit Ginny abgaben, aber Ginny war es egal. Es war ihr auch egal, wie sie es herausgefunden hatten.
Draco sah ihr blasses Gesicht, als die Glocke läutete. Zuerst wusste er nicht, was falsch war, aber dann erinnerte er sich daran, dass es Zeit für das Mittagessen und nicht für eine neue Unterrichtsstunde war. Er wies die anderen diskret darauf hin und sie nickten.
„Professor?", rief Pansy.
„Ja, Miss Parkinson?", fragte McGonagall, als sie zu den vier Schülern herüberkam.
„Ist es in Ordnung, wenn wir vier während der Mittagspause hier bleiben? Wir haben den Spruch nämlich noch nicht so ganz perfektioniert", erzählt Pansy ihre halbe Lüge.
„Ich nehme an …", sagte McGonagall und überlegte einen Moment. Sie hatten die ganze Stunde lang keine Probleme verursacht, also warum sollte sie ihnen nicht erlauben, hier zu bleiben? „Ich bin sehr froh, zu sehen, dass Sie alle Ihre Arbeit so ernst nehmen, aber Sie müssen dennoch etwas essen", sagte McGonagall und mit einer Bewegung ihres Zauberstabs erschienen ein Teller voll Sandwiches und eine Kanne Kürbissaft. „Ich bin zum Ende der Pause zurück. Wenn Sie schon vorher fertig sind, können Sie gern gehen", sagte sie, verließ das Klassenzimmer und schloss die Türe hinter sich.
Pansy nahm zwei Sandwiches vom Teller und reichte eines davon Ginny. Sie nahm es, begann aber nicht zu essen.
„Du musst etwas essen, du bist zu dünn", sagte Pansy mit einem Lächeln.
„Warum macht ihr all das hier?", fragte Ginny, bevor sie sich bremsen konnte.
„Wir wissen, was hier vor sich geht, Ginny", sagte Blaise mit einem entschuldigenden Lächeln.
„Aber woher?", fragte Ginny.
„Wir haben bemerkt, wie verängstigt du warst, und wir haben gestern Nacht die roten Male auf deinem Gesicht gesehen", sagte Pansy in einem traurigen Tonfall.
„Oh", war alles, was Ginny sagen konnte. Sie nahm langsam ein paar Bissen von dem Sandwich, das Pansy ihr gegeben hatte.
„Wie lang geht das schon so?", fragte Blaise.
„Äh … seit ich acht oder neun war. Ich kann mich an das erste Mal nicht mehr so gut erinnern", sagte Ginny, nachdem sie geschluckt hatte. Die ersten Bissen weckten erst so richtig ihren Hunger und sie aß das erste Sandwich schnell auf, bevor sie nach dem nächsten griff.
„Es ist Ron, richtig?", fragte Draco. Wut war in seiner Stimme zu hören.
"Ja, aber nicht nur er allein", sagte Ginny langsam. Sie hatte noch nie zuvor darüber gesprochen und es fiel ihr auch nicht leicht. Sie wusste, dass sie es irgendwann jemandem erzählen musste, also warum nicht jetzt gleich.
„Wer noch?", fragte Pansy sanft, als sie sah, dass es Ginny so schwer fiel.
„Äh, mein Vater, er hat damit angefangen. Percy dann für eine Weile, aber er hat damit aufgehört, kurz bevor er ausgezogen ist. Und Harry", sagte Ginny, als sie ein drittes Sandwich vom Teller nahm. Sie sah die anderen drei an, sie sahen alle so aus, als würden sie jeden Moment aus dem Zimmer laufen und Harry und Ron verhexen.
„Warum Harry? Ich dachte, er wäre einer von den … Guten", sagte Pansy. Ihr fiel kein besseres Wort dafür ein.
"Zuerst hat er nichts gemacht, aber eines Tages hat Harry Ron erwischt, als er mich geschlagen hatte. Ron hat irgendeine verfluchte Lüge erzählt, von wegen er musste es immer tun, wenn ich mich seltsam benahm, für den Fall, dass noch ein Stück von Voldemort in mir wäre. Harry hat es daraufhin auch gemacht, weil er dachte, er würde damit helfen, aber ich kann wohl sagen, dass es ihm mittlerweile Spaß macht", erklärte Ginny. Sie zitterte, als Harrys Bild vor ihren Augen auftauchte, wie er sie gerade schlug.
Die restliche Mittagspause arbeiteten sie hauptsächlich an dem Zauberspruch, den sie in der letzten Stunde gelernt hatten. Die vier verließen das Klassenzimmer früh, sodass sie zur Doppelstunde Zaubertränke noch vor Harry und Ron kamen. Ginny wollte ihnen nicht sagen, dass Harry und Ron heuer Zaubertränke nicht besuchten, aber sie wollte dennoch, dass Blaise, Pansy und Draco bei ihr saßen, also war sie ruhig und hoffte, dass sie nicht böse auf sie waren. Sie kamen im Kerker an und waren geschockt, als sie das goldene Trio bei Snape stehen sahen.
„Auf Dumbledores Bitte hin können Sie heuer dieses Fach besuchen. Wie dem auch sei, wenn Ihre Noten nicht überdurchschnittlich ausfallen, darf ich Sie dennoch rausschmeißen", sagte Snape zu Harry und Ron.
„Ginny!", rief Ron verärgert, als er sie mit den drei Slytherins sah. „Du sitzt in diesem Fach bei uns, ob es dir gefällt oder nicht", zischte er zu ihr. Pansy sah bereits so aus, als könnte sie Ron töten, als er Ginny zu seinem Tisch zerrte. Blaise lief nach vorne und murmelte schnell etwas zu Snape, der erst die zwei Weasleys ansah, dann in Blaises Richtung nickte.
„Mr. Weasley, lassen Sie sofort Ihre Schwester los!", rief Snape zu Ron. „Heuer gibt es einen Sitzplan. Dean Thomas wird in Ihrer Gruppe sitzen, nicht Miss Weasley. Sie wird bei Mr. Malfoy, Mr. Zabini und Miss Parkinson sitzen", sagte Snape, als er Ginny deutete, sich an einen Tisch weit weg von Ron zu setzen.
Ginny setzte sich dankbar hin und sah die älteren Slytherins an. Sie schienen nicht böse auf sie zu sein.
„Danke Blaise", sagte Ginny.
„Mach dir darüber keine Sorgen. Wusstest du, dass dein Bruder und Potter Zaubertränke nicht besuchen wollten?", fragte er mit einer erhobenen Augenbraue.
Ginny zögerte wegen des Blickes, den ihr die anderen drei Slytherins zuwarfen. Sie wollte nicht, dass sie böse auf sie waren, aber sie wollte sie auch nicht anlügen. „J… ja…", stotterte sie. „Tut mir Leid, dass ich nichts gesagt hab", fügte sie hinzu und blickte auf ihre Hände hinab.
„Ginny, mach dir keine Sorgen. Es braucht dir nicht Leid tun. Wir hätten uns sowieso zu dir gesetzt", sagte Pansy in einem beruhigenden Ton. Bald darauf kamen die restlichen Schüler herein und die Stunde begann.
Alles verlief ziemlich glatt in Zaubertränke. Ginny erntete immer noch böse Blicke von Ron und Harry und verwirrte Blicke seitens den anderen Gryffindors, aber es war ihr egal. Sie war gerade mit der letzten Frage von Kapitel 3 in ihrem Buch fertig geworden, als die Glocke läutete.
„Komm mit, wir werden in der Küche zu Abend essen", sagte Draco, als er seine Sachen gepackt hatte. Ginny nickte einfach und folgte ihnen hinaus.
„Euch ist aber schon klar, dass wir das nicht jeden Tag machen können", wies Ginny die anderen drei darauf hin, als sie in der Küche saßen und auf das Essen warteten.
„Ja, das wissen wir. Wir werden uns darum kümmern, dass du bald am Slytherin-Tisch sitzen kannst", sagte Blaise mit einem Grinsen. Er lachte, als Ginny bei seinen Worten erblasste. „Mach dir keine Sorgen. Wir Slytherins sind nicht so schlimm. Und wenn wir sagen, dass du bei uns sitzen kannst, hat niemand damit ein Problem", fügte er hinzu.
Ginny verließ die Küche eine halbe Stunde spatter mit Blaise, Pansy und Draco. Sie fühlte sich ziemlich müde und verausgabt. Alles, was sie wollte, war schlafen zu gehen. Die drei Slytherins gingen mit ihr zurück zum Gryffindor-Turm und gingen erst, als sie sahen, dass das Portraitloch sich hinter ihr geschlossen hatte.
