4.Kapitel
Eheleben
Hermine hatte Harry nichts von ihrem Besuch bei Snape erzählt. Sie würde es tun...irgendwann. Doch jetzt musste sie erst einmal selbst mit den seltsamen Ereignissen klarkommen. Und wenn sie zu dem Schluss kam, dass dies alles eine absolut bescheuerte Idee gewesen war, dann brauchte sie nicht auch noch Harry, der ihr dies bestätigte.
Ihre Ehe war noch sehr jung; doch die Tatsache, dass sie sich schon seit so langer Zeit kannten, ließ sie erahnen, welch wütende Emotionen ihn überkommen würden, wenn er wüsste, dass sie bei Snape gewesen war, und wie der Mann sie behandelt hatte. Abgesehen davon, dass er es ohnehin nicht sonderlich schätzte, wenn ein anderer Mann Hermines Brüste allzu offensichtlich betrachtete. Doch dies hätte sie Harry ohnehin nicht erzählt und sie ärgerte sich insgeheim darüber, dass sie überhaupt noch daran dachte. Aber vielleicht war es auch nur so, dass sie es doch ein wenig genossen hatte, weil sie genau wusste, dass ihr Körper seit dem Unfall nicht sonderlich ansehenswert war. Wenn sie bekleidet war, dann konnte man es nicht auf Anhieb bemerken, abgesehen von ihren Händen, die einige Narben aufwiesen. Hermine hatte von Anfang an versucht, ihre Entstellungen zu ignorieren - doch ihre Beine wiesen noch weit mehr Narben auf als ihre Arme, und so hatte sie kurze Röcke aus ihrem Kleiderschrank verbannt. Das einzige Zugeständnis an ihren jugendlichen Körper, waren ärmellose Shirts und Kleider. Konnte man es da wirklich übel nehmen, wenn sie sich über einen Blick auf ihren Busen freute - auch wenn der Blickende Snape gewesen war.
"Wir haben das neue Gesetz bald durch", rief Harry aus der Dusche. Das Wasser rauschte und Hermine musste ebenfalls ihre Stimme heben, als sie rief: "Das ist toll, Schatz! Was ist mit deinem Urlaub?"
Als nicht sofort eine Antwort kam, wusste Hermine schon, was er für eine Mitteilung für sie hatte: "Ich kann jetzt keinen Urlaub nehmen. Bald sind Schulferien, die Kollegen mit Kindern gehen vor."
Hermine seufzte still: 'Kinder - wenn wir auch welche hätten, dann wäre dies jetzt kein Problem.' Laut sagte sie: "Dann eben wenn die Schulferien rum sind."
Harry stellte das Wasser ab und trat aus der Dusche.
"Ich verspreche dir, nicht mehr so viele Überstunden zu machen, in Ordnung?"
Hermine nickte stumm. Harry griff nach dem Handtuch und trocknete sich nachlässig damit ab. Dann rubbelte er sein dunkles Haar trocken, so dass es wild nach allen Seiten abstand, auch sein Versuch, es mit den Händen in Form zu bringen, war nur von leidlichem Erfolg gekrönt. Schließlich warf er das Handtuch über den Wannenrand und sah Hermine mit glänzenden Augen an. Ihr entging nicht, dass seine Bewegungen äußerst geschmeidig waren, als er jetzt auf sie zukam. Von seinem Körper strahlte Hitze aus, als er sie sanft an sich zog und sie küsste.
Hermine erwiderte den Kuss.
Sie spürte fast augenblicklich seine Erektion gegen ihr Bein drücken.
"Lass uns ins Schlafzimmer gehen", raunte er leise.
Hermine kam seinem Wunsch nach und begab sich ins Schlafzimmer.
Als sie sich auf das Bett legte, sah sie, wie Harry nach seinem Zauberstab griff, und einen schnellen Verhütungszauber sprach. Dann legte er sich neben sie und küsste sie nochmals, während er seine Hand über ihren Körper wandern ließ. Zwischen ihren Beinen ließ er sie kurz verweilen, kam dann wohl zu dem Schluss, dass sie bereit sei und beugte sich über sie, um dann vorsichtig in sie einzudringen. Hermine sah zur Decke, als er sich rhytmisch in ihr bewegte. Sie hörte ihren eigenen flachen Atem und Harrys, der stoßweise seinen Mund verließ.
Die Lampe an der Zimmerdecke schien sich im Takt zu bewegen, als Harry Hermines Körper nun stöhnend vor und zurück schob. Als er noch schneller wurde, schloss Hermine die Augen. Ein Teil von ihr war dankbar, dass er sie erregend fand, obwohl all diese Spuren des Unfalls sie zeichneten; doch ein anderer Teil von ihr war unglücklich, weil sie nicht das empfinden konnte, was man unter lodernder Leidenschaft verstand. Es lag an ihr. Sie fühlte sich buchstäblich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Und außerdem war es die Gewissheit, dass ihr Wunsch, ein Kind zu empfangen, so rücksichtslos von Harry schon im Vorfeld zunichte gemacht wurde. Er vergaß den Spruch nie! Hermine spürte, wie er sich jetzt in ihr ergoss. Samen, der fortgewischt würde - der nichts weiter war, als Körperflüssigkeit die ausgeschieden wurde, und die keine weitere Bedeutung hatte.
Harry ließ sich neben sie sinken. "Was ist los?" fragte er, wie jedesmal in letzter Zeit. Zu Anfang hatte er noch inne gehalten - hatte sich zwischendurch aus ihr zurückgezogen und versucht sie mit der Hand zu stimulieren; doch nach scheinbar endloser Zeit und endlosen Versuchen hatte er es aufgegeben. Sie beschwerte sich nicht - es lag an ihr. Sie waren verheiratet und sie wollte ihn glücklich machen. Sex gehörte dazu, und eines Tages würde auch sie wieder Spaß daran haben - hatte sie jemals schon Spaß daran gehabt? Sie war sich nicht sicher - es gab Momente, da war sie sich über gar nichts sicher. Seit ihrer ersten gemeinsamen Nacht, hatte Hermine die körperliche Zuwendung als tröstlich empfunden - doch wirkliches Verlangen hatte sich nicht eingestellt.
Hermine zog die Decke über ihren Körper und drehte sich auf die Seite. "Nichts - alles in Ordnung - ich bin nur müde."
Harry reichte diese Erklärung offensichtlich. Er war ebenfalls müde und erschöpft. Nur wenige Minuten später hörte sie seinen regelmäßigen Atem. Hermine stahl sich aus dem Bett.
Sie wollte nicht, dass er mitbekam, dass sie sich wieder die halbe Nacht um die Ohren schlug. Als sie im Wohnzimmer saß, griff sie zu einem Buch und schlug es auf. Die Seite war leer. Sie würde sie füllen, wie sie es jeden Abend in letzter Zeit getan hatte. Sie nahm eine Feder und begann zu schreiben. Ein Tintenfass stand vor ihr auf dem Tisch und sie tauchte in regelmäßigen Abständen die Feder hinein. Obwohl sie viele praktische Dinge der Muggel übernommen hatte, zog sie es privat immer noch vor, Tinte und Feder zu benutzen. Stetig begann sie die Seiten zu füllen. Buchstaben wurden zu Wörtern. Wörter zu Sätzen und Sätze zu einer Aneinanderreihung ihrer Gedanken. Da war so viel in ihrem Kopf. So vieles, das während des Schreibens aus ihr heraus floss. Doch noch während sie ihre Buchstaben zu Papier brachte, wusste sie, dass es immer noch Stellen in ihrem Geist gab, die ihr selbst verborgen waren. Das Gefühl war schrecklich, und dennoch auf eine sonderbare Art auch wunderbar beruhigend.
Es war schon tief in der Nacht, als sie das Buch endlich zur Seite legte und sich wieder zu Harry ins Bett schlich. Im Mondschein sah sie sein schwarzes Haar glänzen. Er atmete gleichmäßig und sie schloss ebenfalls, von Müdigkeit übermannt, die Augen. Plötzlich spürte sie eine Bewegung neben sich. Sie öffnete ihre Augen überrascht. Harrys Haare wuchsen in die Länge und reichten schon bald bis fast auf die Schultern. Seine Augen wurden dunkler und blickten ihr direkt bis in die Seele. Er hatte sich aufgestützt und seine Gesichtszüge veränderten sich, während er auf sie hinab blickte.
"Du musst auf dich aufpassen - versprich mir das!" forderte er unnachgiebig. Doch das war nicht Harry, der da zu ihr sprach - das war Snape. "Snape! Was soll das? Was meinen Sie!" Hermine schrie ihn geradezu an.
"Hermine! Hermine - wach auf!"
Sie riss die Augen auf, von denen sie bis eben noch geglaubt hatte, sie seien geöffnet gewesen.
Harry sah sie besorgt an: "Ist alles in Ordnung?"
"Harry - du bist es", erwiderte sie völlig verwirrt.
Er runzelte die Stirn: "Hast du jemand anderen erwartet?"
Hermine schüttelte schnell den Kopf.
"Was hast du geträumt? War es wieder das Auto?"
"Ja - das Auto", sagte Hermine leise.
"Es ist alles gut. Du musst dich davon lösen. Komm in meinen Arm."
Sie rückte an ihn heran.
Langsam ließ er seine Hand über ihren Rücken gleiten. Hermine legte ihren Kopf in seine Halsbeuge und sog seinen beruhigenden Geruch ein. Schließlich ließ Harry sich wieder tiefer ins Bett sinken und Hermine kuschelte sich an ihn.
Nach ein paar Minuten lag seine Hand schwer auf ihrem Bauch und er schnarchte leise.
Doch Hermine konnte lange Zeit nicht einschlafen. Sie hatte wieder von Snape geträumt - und das, nachdem sie doch gehofft hatte, dass ihr Besuch bei ihm genau dies verhindern würde. Doch es stimmte schon - je mehr man sich in etwas hineinsteigerte, desto weniger konnte man dem natürlich entfliehen. Statt ihre Ängste loszuwerden, hatte sie sie lediglich übertragen. Nun verfolgte sie kein Auto mehr in ihren Träumen, sondern einer der unangenehmsten Menschen die sie kannte, ließ ihr seltsame und irgendwie angsteinflößende Warnungen zukommen.
Ihn erneut aufzusuchen würde ihre Fantasie höchstens noch mehr veranlassen, ihr Träume über ihn einzupflanzen. Also nahm sie sich vor - sollte er sich erneut als Protagonist ihrer Traumwelt herausstellen - es einfach zu ignorieren . Sie hatte das Auto überstanden - dann würde sie Snape gewiss auch überstehen.
oooooooooooooooooooooooooooo
"Schatz, willst du mit mir frühstücken?"
Hermine öffnete vorsichtig ein Auge.
"Hm...komme gleich", murmelte sie benommen.
Harry sah ungeduldig auf die Uhr.
"Dann musst du dich aber beeilen. Ich muss in einer Viertelstunde los."
Hermine kämpfte sich mühsam aus dem Bett.
Harry sollte nicht wissen, dass sie erst vor zirka einer Stunde wieder eingeschlafen war.
Er goss ihr einen Kaffee ein und schob ihr die Tasse recht schwungvoll zu. Hermine sah, wie sich der übergeschwappte Kaffee über den Tisch ergoss und Harry fast im gleichen Moment schon zum Zauberstab griff, um die Lache zu beseitigen.
'Wenn sich doch alles so leicht beheben ließe', schoss es ihr durch den Kopf.
"Ich werde heute Abend erst später nach hause kommen", sagte Harry, ohne sie anzusehen.
"Aber du sagtest doch gestern, dass du weniger Überstunden machen willst", erwiderte Hermine zaghaft.
Nun sah er sie doch an - ärgerlich, wie sie feststellte.
"Das werde ich ja auch - sobald es sich einrichten lässt. Ehrlich Hermine, ich denke es wäre gut, wenn du deine Arbeit auch wieder aufnehmen würdest. So langsam wird es Zeit."
Hermine starrte in ihren Kaffee.
Sie wusste, dass er Recht hatte. Doch sie fühlte sich, als würde er von ihr verlangen sich in eine Schlangengrube zu stürzen.
"Ich bin noch nicht so weit - ich werde darüber nachdenken, in Ordnung?"
"Nein - ich glaube nicht länger, dass das in Ordnung ist. Vielleicht solltest du doch lieber mit einem Psychologen sprechen."
"Ich will zu keinem Psychologen! Ich bin okay. Es geht mit gut - ich bin nur...ich brauche einfach noch etwas Zeit, um alles zu verwinden."
Harrys Mundwinkel sanken missbilligend nach unten.
"Weißt du Hermine - ich habe auch die Hölle durchgemacht...aber man muss nach Vorne sehen. Du hattest einen schlimmen Unfall - doch mehr war es nicht - ein Unfall, bei dem du fast dein Leben verloren hättest. Aber du hast überlebt! Und du musst dein Leben wieder so führen lernen, wie vor dem Unfall. Ich weiß nicht wie ich dir helfen soll. Ich kann es nicht!"
"Es gibt nichts, wobei du mir helfen müsstest - oder irgendjemand anderes. Ich komme klar!"
"Du kommst überhaupt nicht klar! Hör auf, dir irgendetwas vorzumachen - oder mir!"
Hermine schnaubte wütend.
Harry sah sie nicht minder wütend an: "Hermine - ich weiß wirklich nicht was mit dir los ist. Ich möchte dir eine Frage stellen und ich erwarte ein ehrliche Antwort von dir! Hattest du nur ein einziges mal einen Orgasmus, seit wir miteinander schlafen?"
Hermine blickte angestrengt in ihren Kaffee. "Ich glaube nicht, dass das ein gutes Thema für den Frühstückstisch ist, Harry", sagte sie ausweichend.
Er riss seine Arbeitstasche an sich, stand auf und sagte: "Ich denke mal, das heißt 'nein'." Damit verließ er die Wohnung, nicht ohne die Tür hinter sich ins Schloss knallen zu lassen.
tbc
