Kapitel 4

Kevin Ryan hatte das Revier am frühen Morgen schon immer gemocht. Wenn noch niemand groß da war und die typischen Geräusche und die Hektik eines betriebsamen Polizeialltages erst noch beginnen mussten. Dann war es, wenn er am besten arbeiten und sich auf einen Fall konzentrieren konnte. Wenn nach einer Nacht mit erholsamen Schlaf die Einzelheiten noch frisch waren und die Verbindungen zwischen den verschiedenen Einzelheiten viel leichter zu sehen waren.

Aber an diesem Tag waren seinen Gedanken vollkommen woanders.

„Erde an Ryan. Bist du da?", begrüßte Esposito ihn mit einem Schulterklopfen. „Bist du in Ordnung?"

„Yeah, yeah. Entschuldigung. Ich war abgelenkt. Guten Morgen."

„Um was machst du dir Sorgen?"

„Die Tagesbetreuung der Kinder wird schon wieder teurer."

„Hör zu Ryan, ich habe es dir schon mal gesagt, wenn du Hilfe brauchst", begann Esposito zu sagen, wurde aber von Ryan unterbrochen.

„Ich weiß und ich bin sehr dankbar, Mann. Aber das ist es nicht. Es ist nur… hast du schon etwas vom Sergeants-Examen gehört. Sie wollten es uns eigentlich sagen, wenn wir es wiederholen können, aber bisher habe ich nichts erfahren…"

„Entschuldigung, Bro. Ich habe auch noch nichts gehört, aber hey. Mache dir keine Sorgen, sie haben uns doch erzählt, dass es nicht lange dauern würde."

„Ich hoffe, du hast Recht", murmelte Ryan mit unkonzentriertem Blick und mit seinen Gedanken weit weg, während Esposito nur seufzte und ihm nochmal aufmunternd auf die Schulter klopfte.

„Guten Morgen, Männer!" Eine lebhafte Stimme grüßte sie von hinten. Die Detectives drehten sich um und sahen Castle und Beckett aus dem Fahrstuhl heraus treten.

„Irgendwelche Neuigkeiten?", fragte Beckett und wie gewöhnlich zeigte sich ihre Fähigkeit sofort in den Arbeitsmodus zu schalten.

„Yeah", antwortete Esposito. „Wir haben eine Identifizierung für den Mann, den die Zeugen mit Lauren streiten gesehen haben. Wir haben nochmal mit ihrer Mitbewohnerin gesprochen und sie hat bestätigt, dass er mit unserem Opfer verbunden war, aber dass es nicht ihr Freund gewesen ist."

„Sehr schön", kommentierte Beckett. „Wir müssen ihn herholen, ich würde gerne mit ihm sprechen."

„Schon dabei", sagte Ryan, riss sich aus seiner nachdenklichen Stimmung und war wieder voll dabei, während er mit Esposito im Schlepptau, seinen Weg zum Fahrstuhl machte.


Castle musste sich gestehen, dass der junge Mann, der ihm im Befragungsraum gegenüber saß, genau wie ein lockerer Freund aussah und sich auch genauso verhielt, wie Laurens Mitbewohnerin die Beziehung beschrieben hatte. Er lehnte sich mit sorgfältig zerzaustem Haar auf seinem Stuhl zurück und seine nicht zusammen passende Kleidung war so perfekt, dass es nur das Ergebnis einer intensiven Planung sein konnte. Alles von Brian James deutete auf durchdachte Lässigkeit hin. Und nachdem sie mit den Annehmlichkeiten und der Präsentation des Falles durch waren, mussten Castle und Beckett feststellen, dass alles, was aus seinem Mund herauskam, sich genauso klischeehaft anhörte, wie er zu sein schien.

„So, Sie wollen uns also sagen, dass sie zu der Convention gingen um Lauren zu treffen, aber nur, weil sie Sie gefragt hat", fasste Beckett zusammen und zwickte sich entnervt an der Nase. Eine Geste, die sie sich angeeignet hatte, wenn sie frustriert war.

„Genau", nickte er.

„Worüber haben Sie sich dann gestritten?", fragte Castle.

„Wir haben nicht gestritten", entgegnete Brian oberflächlich, obwohl seine Haltung sich änderte und weniger entspannt erschien, als noch einen Moment zuvor.

„Das ist nicht, was wir gehört haben", sagte Beckett ihm. „Unseren Zeugen zufolge wurden Sie diskutierend am Eingang des Hotels gesehen. Tatsache ist, dass einige Leute Sie beide streiten gesehen haben."

„Das ist nicht wahr", verteidigte Brian sich, aber es hörte sich nicht so überzeugend an, wie es beabsichtigt war.

„Ich denke nicht, dass es gerade eine gute Idee ist uns anzulügen, Brian", riet Beckett. „Soweit wir sagen können, waren Sie die letzte Person, die Lauren lebend gesehen hat und das macht Sie zu unserem Hauptverdächtigen."

„Aber ich war es nicht! Ich konnte es nicht gewesen sein. Da waren Massen an Menschen auf der Convention. Einer von ihnen muss es doch gesehen haben. Ich versichere, dass ich alleine wegging."

„Und warum gingen Sie zu der Convention?"

„Ich bin ein großer Fan", behauptete der Freund, sich fast verteidigend.

„Von was?", fragte Castle.

„Von diesen Büchern, die Lauren so liebte."

„So, Sie sind ein Fan und doch wissen Sie die Titel dieser Bücher nicht?", fragte Beckett ungläubig.

„Ja, natürlich. Die… die ‚Heat'-Bücher", schrie Brian fast und wenn man seinem selbstgefälligen Lächeln glauben konnte, war er offensichtlich stolz darauf, dass er sich an den Namen erinnert hatte. „Lauren war auf dem Weg den Schriftsteller zu treffen und ich wollte da auch hin."

Castle und Beckett schauten sich amüsiert lächelnd an, schwiegen für kurze Zeit. Sie genossen den Moment. Brian muss gespürt haben, dass irgendetwas nicht stimmte, denn er versuchte ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Riesen-Fan", wiederholte er mit enthusiastischen Kopfnicken.

„Lassen Sie mich klarstellen…", begann Beckett. „Sie sind ein ‚Riesen'-Fan der ‚Heat'-Bücher und Sie wollten den Autor treffen."

„Ja, ich liebe sie…" Aus dem Augenwinkel musste er Castles Kopfschütteln gesehen haben, da er sich sofort korrigierte. „Ihn! Ich liebe ihn! Er ist großartig und ich wollte ihn treffen."

„Nun gut, dann ist es Ihr Glückstag, Brian, weil das arrangiert werden kann", erklärte Beckett ruhig. „Brian, treffen Sie Richard Castle, den Autor der ‚Nikki Heat' und ‚Derrick Storm' Serien."

Die Art, wie Brian die Augen wild aufriss, wäre urkomisch gewesen, wenn Castle nicht besorgt gewesen wäre, dass sie ihm tatsächlich aus dem Kopf fallen würden.

„Es ist immer angenehm einen so hingebungsvollen Fan, wie Sie zu treffen, Brian", sagte er enthusiastisch, bevor er wieder ernst wurde. „Nun, warum hören Sie nicht auf zu lügen und erzählen uns, was Sie wirklich auf der Convention gemacht haben."

„Nun gut, was auch immer, ich ging dorthin, um Lauren zu treffen", gestand der Junge und wagte es nicht ihnen in die Augen zu schauen. Seine Haltung war zusammengesunken und sich ergebend. „Ich hatte uns Tickets für einen Film gekauft. Ich wollte ihr zeigen, was für ein guter Freund ich sein konnte, wenn sie mir die Möglichkeit dazu gab."

„Sie waren dann also nicht wirklich ein Paar?", fasste Castle zusammen.

Brian seufzte schwer und schaute ihm letztendlich in die Augen. „Etwas in der Art. Wir haben uns schon seit einer Weile getroffen, aber es war nichts Ernstes."

„Aber nicht, weil Sie es nicht wollten, richtig, Brian?", fragte Beckett sanft, das Geständnis des Jungen schien sie zu besänftigen.

„Yeah. Ich wollte eine Beziehung mit ihr. Offiziell."

„Warum haben Sie letzte Nacht gestritten?", forschte Castle nach.

„Sie wollte nicht mit mir in den Film gehen. Sie wollte bleiben, um das Foto zu bekommen oder vielleicht war es auch ein Autogramm oder so ähnlich. Wir haben darüber diskutiert und am Ende habe ich den Film alleine besucht. Zum Heulen, nicht wahr?"

„Und warum haben Sie uns angelogen?"

„Sie haben es selbst gesagt, ich war die letzte Person, die Lauren lebend gesehen hat", zuckte Brian mit den Achseln. „Und ich weiß, dass uns eine Menge Leute streiten gesehen haben. Ich lese zwar keine Krimis, aber ich weiß, wie ein Verdächtiger aussieht."

„Was passierte danach?", fragte Castle. „Haben Sie gesehen, wie Lauren das Hotel verlassen hat?"

„Ich weiß nicht. Ich ging raus ohne mich umzudrehen." Brians Worte wurden ihm bewusst und es schien, als wenn er in seinem Stuhl zusammensank. „Es wäre das letzte Mal gewesen, dass ich sie gesehen hätte und ich habe nicht zurück geschaut."


Während der Mittagszeit starrten Castle und Beckett intensiv auf das Mordfallbrett, als wenn sich so die Wahrheit selbst zeigen würde.

„Bisher haben wir drei Verdächtige, die aber alle ordentliche Alibis haben", kommentierte Castle.

„Andrea, Laurens Mitbewohnerin war in der Bibliothek. Die Sicherheitskameras bestätigen, dass sie um 16:30 Uhr angekommen und gegen Mitternacht wieder gegangen ist."

„Und Jane, die „Feindin" aus der Fangemeinde, war auf der Foto-Session, auf der gleichen, wo auch unser Opfer sein sollte. Es gibt diverse Zeugen, die das bestätigen", fuhr Beckett fort.

„Zuletzt Brian, der ‚Nicht-so-ernst-Freund', ist alleine in den Film gegangen, wie wir durch die Sicherheitskameras des Kinos gesehen haben", beendete Castle den Rückblick und sah genauso mürrisch aus, wie er sich anhörte.

„Keiner von ihnen konnte es getan haben und wir konnten bisher niemanden anders identifizieren, der Lauren hätte schaden wollen", fasste Beckett zusammen.

„Und doch habe ich das Gefühl, dass wir irgendetwas übersehen."

„Vielleicht, vielleicht aber auch nicht", sagte Beckett, wozu Castle ihr einen ungläubigen Blick zuwarf. „Denk drüber nach: Ihre Sachen waren nicht am Tatort. Ich hasse es, es zu sagen, aber vielleicht war es doch nur ein Raubüberfall, der schief gelaufen ist."

„Ich weiß nicht Beckett. Irgendetwas passt nicht zusammen. Ich bin nicht überzeugt", erwiderte Castle und fuhr sich mit der Hand frustriert durch das Gesicht.

„Und mit gutem Grund", rief eine Stimme hinten ihnen. Castle und Beckett drehten sich um und sahen Detective Ryan stolz lächelnd, lässig an der Wand lehnen.

„Wir haben gerade die Handtasche und den Laptop in einer Mülltonne vier Häuserblöcke entfernt vom Tatort gefunden", verkündete er.

„Siehst du?", rief Castle triumphierend. „Ich habe dir gesagt, dass es kein Raubüberfall gewesen ist."

„Aber das ist nicht alles." Ryan machte eine dramatische Pause bevor er fortfuhr: „Wir fanden auch die Fan-Trophäe des Opfers."

„Und warum ist das so wichtig?", hakte Beckett nach.

„Habe ich das nicht erwähnt? Er ist mit Blut bedeckt. Es sieht aus, als hätten wir unsere Mordwaffe."