3.
Noel landete an der Küste Schottlands und verharrte einen Moment. Sie schloss ihre Augen und dachte ganz fest an Severus, sie musste ihn einfach finden. Sie holte tief Luft und apparierte abermals. Wieder landete sie an der Küste, sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie hier war.
Sie war gerade gelandet, als sie einen Schrei vernahm. Noel lief sofort los, umrundete ein Haus und eilte auf die Klippen zu. Es war Severus gewesen, der geschrieen hatte, seinen Schmerz in die Welt geschrieen hatte...besorgt trat sie näher. Er zuckte heftig zusammen, als er ihre Schritte auf dem Kies vernahm.
Severus sah über seine Schulter, erkannte sie sogar, aber er sah nicht ihren traurigen Blick.
„Geh! Bitte, geh wieder! Warum bist du überhaupt hergekommen? Wie hast du mich gefunden? Ich will nicht, dass du hier bist.", erklärte er kühl. Noel streckte ihre Hand nach ihm aus, doch sie stockte, als er weiter sprach. „Ich will nicht sehen, wie du mich hasst....das tut schon jeder, doch bei dir will ich es nicht sehen." Noel ließ ihre Hand sinken.
„Hör auf!", rief sie verzweifelt. „Hör auf damit, Severus! Du kannst niemandem sagen, was er fühlen soll." Sie wischte sich eine Träne von der Wange. „Das ist gar nicht deine Art. Hör auf damit, dich selbst zu bemitleiden. Ich habe keinen Grund dich zu hassen, denn ich glaube nicht, dass du deinen besten Freund, ohne Grund töten würdest." Noel drehte sich um und ging davon. Nachdem sie das Haus zwischen sich und Severus gebracht hatte, ließ sie sich auf die Eingangsstufen sinken. Sie legte ihren Kopf auf die verschränkten Arme, sie schluchzte und die Tränen liefen nur so über ihr Gesicht.
Sie hörte, wie Severus sich näherte und versuchte ihr Weinen zu unterdrücken, doch es wollte ihr einfach nicht gelingen.
„Du...du hasst mich wirklich nicht?", fragte er leise. Noel sah auf und blickte direkt in Severus' Augen. Diese Augen, die sie schon immer in ihren Bann gezogen hatten. Sie schüttelte den Kopf.
„Wieso sollte ich....ich weiß, dass du keine herzloser Killer bist. Ich verstehe, dass du so denkst. Ich kenne das Gefühl, die Schuld, die einen auffrisst...du solltest nicht allein sein, wenn die Träume kommen.", flüsterte sie und blickte noch immer in diese dunklen Abgründe, seiner Augen.
„Mit Träumen komme ich schon klar.", murmelte Severus. Noel schloss die Augen, löste so den Bann.
„Nicht mit diesen." Sie stand auf und wollte gehen.
„Du gehst, aber...du wolltest doch nicht, dass ich allein bleibe..." Severus sah ihr perplex nach.
„Das war es doch, was du wolltest." Sie war bereits ein paar Meter gegangen.
„Noel!" Es war sein verzweifelter Ruf, der Noel verharren ließ. „Lass mich nicht allein, bitte!" Sie wandte sich um und sah ihn an, wie er da wie ein Häufchen Elend auf den Stufen saß.
„Zuerst musst du an einen Ort, wo niemand dich vermutet. Ich kenne einen guten Platz. Komm mit mir!" Severus nickte, er ging ins Haus und kehrte mit einem Koffer in der Hand zurück. Noel fasste ihn bei der Hand, sie sah ihm in die Augen und dann apparierten sie gemeinsam davon.
Sie landeten vor einem großen Haus, gebaut aus gelbem Sandstein, ein großzügig bemessener Garten umgrenzte es. Noel lächelte leicht und führte Severus hinein.
„Wo sind wir?", fragte er leise und sah sich ein wenig um. Sie standen in einer riesigen Eingangshalle, eine große Freitreppe führte in die oberen Stockwerke. Es machte alles einen einladenden Eindruck.
„Gravestown. Das Haus gehörte meinem Vormund, aber seit seinem Tod, im letzten Jahr, gehört es mir."
„Das ist dein Haus?", fragte Severus verblüfft. „Das hast du mir gar nicht erzählt."
„Ich hielt es nicht für wichtig und dann habe ich es vergessen.", murmelte Noel und hob die Schultern.
„Miss Noel..." Dieser Ruf ließ Severus herumfahren. „Miss Noel ist hier? Aber es sind doch keine Ferien." Eine Hauselfe wuselte heran und umarmte Noel auf Kniehöhe.
„Klara...Ich bin nur übers Wochenende hier." Klara sah sie einen Moment traurig an. „Aber du bleibst nicht allein. Mein Freund Severus, wird eine Weile hier wohnen.", erklärte Noel. Klara sah sich ihren neuen Hausbewohner genauer an.
„Willkommen, Sir.", piepste sie dann und verbeugte sich.
„Vielen Dank!" Noel grinste leicht.
„Machst du das westliche Gästezimmer für Severus bereit, Klara?" Wieder folgte eine Verbeugung und Klara eilte lächelnd davon. „Soll ich dir das Haus zeigen?"
„Gerne, wenn ich wirklich hier wohnen darf." Noel grinste und nahm Severus' Hand. Langsam schlenderten die beiden durch die verschiedenen Räume, zum Schluss erreichten sie das obere Stockwerk und damit die Schlafzimmer.
„Hier wirst du wohnen, jedenfalls die nächste Zeit und solange du willst." Das Zimmer gefiel Severus, es war schließlich in dunklen Farben gehalten. Teures Mahagoniholz überwog bei der Einrichtung.
„Sehr schön.", murmelte er. Noel schmunzelte.
„Du hast dein eigenes Badezimmer. Wenn du willst, kann Klara sich auch fernhalten.", erklärte sie.
„Nein, es ist okay, wenn sie sich um alles kümmert. Bist du...bist du in der Nähe?" Noel nickte.
„Ich wohne zwei Türen weiter. Willst du dich einen Moment hinlegen? Komm einfach runter, wenn du soweit bist."
Noel ließ Severus erst einmal allein und begab sich ins Wohnzimmer.
„Miss Noel geht es gut?", fragte die kleine Hauselfe, die gerade Staub wischte.
„Ja Klara, Mir geht es gut. Hast du eine heiße Schokolade für mich? Dann läuft es mit den Hausaufgaben gleich leichter."
„Schon da." Klara zog ein Tablett hinter ihrem Rücken hervor und reichte Noel den dampfenden Becher.
Noel trank genüsslich ihre Schokolade aus, dann seufzte sie und trat zum Kamin. Sie steckte ihren Kopf, nachdem sie Flohpulver gestreut hatte, ins Feuer und nannte die Adresse.
„Ring-Of-Kerry-University, Raum 307." Ihr Kopf wurde herumgewirbelt, dann sah sie auf einen Teppich. „Miriam?" Das Mädchen auf der Couch sprang auf und kniete sich vor den Kamin.
„Noel, alles klar bei dir?" Noel nickte und grinste die Freundin an.
„Ja, alles okay. Was hat Hawk gesagt?"
„Es geht in Ordnung, wenn du nur am Montag wieder da bist. Konntest du deinem Freund helfen?"
„Für den Anfang schon...na ja, es wird schon werden.", seufzte Noel. „Miriam, wärst du so lieb, mir die Aufzeichnungen von heute zu schicken?"
Es vergingen keine zwei Minuten, dann flogen Noel die Pergamente aus dem Kamin in die Arme. Sie setzte sich gleich daran. Es wurde dunkel draußen, als sie die letzten Blätter zur Seite legte. Noel streckte sich und verließ das Wohnzimmer.
„Miss Noel hat Hunger?" Klara fing sie an der Eingangstüre ab.
„Nein Klara, später. Ich gehe ein wenig an die Luft." Noel ging in den Rosengarten, hier hatte sie sich schon immer am wohlsten gefühlt. Sie ließ sich auf der kleinen Bank nieder und lehnte sich zurück. Ihre Gedanken kreisten um die Schule, um eine Aufgabe, die Professor Hawk ihr aufgetragen hatte. Sie zog ein Pergament aus der Tasche und überflog es. Sie zog auch noch eine Feder hervor und machte sich Notizen. Einige strich sie gleich wieder durch. Immer wieder probierte sie im Licht der Gartenlaterne herum.
„Was tust du?" Noel zuckte zusammen.
„Severus, du hast mich erschreckt. Schleich dich bitte nicht so an.", bat sie und sah ihm ins Gesicht. Severus sah müde aus und auch nicht wirklich gesund. „Hast du nicht schlafen können?", fragte sie sanft.
„Nein. Also, was tust du?"
„Nichts besonderes, ich versuche einen Zaubertrank zu entwickeln. Ist eine Aufgabe für einen Professor. Hast du Hunger?" Severus grinste.
„Kannst du Legilimentik? Ich könnte einen halben Ochsen verspeisen.", murmelte er. Noel grinste nun auch. Gemeinsam gingen sie ins Haus.
„Jetzt Hunger, Miss Noel? Sir?" Klara hatte beobachtet, wie sich die beiden dem Haus näherten. Sie eilte davon, als Noel nickte.
Ein Schrei riss Noel aus dem Schlaf.
„Also doch, die Träume sind da." Sie stieg aus dem Bett, warf sich eine Umhang über und eilte zu Severus' Zimmer. Vorsichtig öffnete sie die Tür und spähte hinein. Severus warf sich in den Kissen herum, gefangen in seinen Träumen. Noel trat auf nackten Füßen lautlos zu ihm, sie strich ihm das verschwitzte Haar aus der Stirn.
„Severus...", sprach sie ihn an und rüttelte ihn sanft bei der Schulter.
„Sir geht es schlecht? Hat Träume, wie Miss Noel früher?", kam es wispernd von der Tür.
„Ja Klara, wie bei mir."
„Soll Klara etwas tun?" Noel schüttelte den Kopf.
„Das kriege ich schon hin. Danke, Klara!" Die Hauselfe verbeugte sich und schloss die Tür von außen.
„Nein....Nein, ich wollte es nicht...", rief Severus und warf sich herum.
„Severus!" Noel hielt seine Hände, mit denen er um sich schlug, fest. „Wach auf!" Er fuhr aus dem Schlaf und saß nun aufrecht im Bett.
„Noel?"
„Du hast geträumt.....", flüsterte sie und setzte sich zu ihm. „...ich sagte doch, dass sie auch dich nicht verschonen." Noel strich ihm das Haar hinters Ohr. „Erzähl mir davon...das hilft."
„Ich weiß nicht, es wird dir nicht gefallen...." Noel schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Es....es war irgendwie vorhersehbar. Ich wusste, dass etwas geplant war. Flitwick, der Lehrer für Zauberkunst klopfte bei mir. Das dunkle Mal war über Hogwarts aufgetaucht. Ich ahnte, dass es soweit war...ich lief auf den Astronomieturm. Albus war dort, außer ihm ein Schüler und einige Todesser. Der Schüler, Draco Malfoy, du müsstest ihn kennen..."
„Blond, blaue Augen, spitzes Gesicht?" Severus nickte.
„Er hatte den Auftrag, Albus zu töten...ja, vom dunklen Lord." Er konnte die Frage in Noels Augen lesen. „Er schaffte es nicht, stattdessen tat ich es."
„Aber du hattest einen Grund, welchen?"
„Ich habe einen Eid geschworen, einen unbrechbaren...."
„Du hast aber doch nicht geschworen, Albus zu töten?", fragte Noel aufgeregt. Sie sah Severus in die Augen und schüttelte den Kopf. „Nein, so einen Eid hättest du nie geschworen.", murmelte sie.
„Nein, ich schwor Draco zu schützen und wenn ich dafür seinen Auftrag erledigen müsste."
„Wusste jemand von dem Eid?" Severus lächelte, von Noel hätte er keine anderen Fragen erwartet.
„Ja, ich berichtete Albus davon, er....er sagte, ich müsste es tun. Er wusste, dass seine Zeit gekommen war. Auf dem Turm, als er mich anflehte, mein Versprechen zu halten...ich hasste mich selbst dafür, aber...."
„Du konntest nichts anderes tun...du sagtest, es waren noch Todesser auf dem Turm. Albus wäre umgebracht worden....und der Eid hätte dich getötet. Und sein Versagen, hätte Draco und vielleicht seiner Familie das Leben gekostet." Severus drückte Noel an sich.
„So, wie du es sagst, kommt es mir so....richtig vor...", flüsterte er.
„Es war vielleicht nicht richtig, aber es gab keinen anderen Weg. Meinst du, du kannst jetzt noch ein bisschen schlafen?", fragte sie sanft. Severus lehnte sich langsam zurück und Noel strich ihm das Haar aus der Stirn. Es war so widerspenstig.
„Geh nicht weg!", bat er leise und schloss die Augen. Noel wartete, bis er eingeschlafen war. Sollte sie gehen? Sie entschied sich dagegen und legte sich vorsichtig auf die Bettdecke, neben ihn. Bald war auch sie eingeschlafen.....
