A/N: Fünf Jahre hat es gedauert... aber jetzt geht es hier tatsächlich weiter. Meinen allerherzlichsten Dank an alle, die diese Fic nicht aufgegeben haben und mir immer wieder mal einen keinen Tritt in den Hintern gegeben haben, dass ich doch bitte endlich mal in die Gänge kommen und sie zuende schreiben sollte. ^^

Beta: morbides maedchen und Poet_of_Babylon. Danke euch beiden!

Disclaimer: siehe erstes Kapitel


4. Klebrigsüßer, grüner Reis

"Mr. Potter? Professor Dumbledore lässt Sie bitten, sich nach dem Abendessen in seinem Büro einzufinden. Das Passwort ist Kusa-Mochi." Harry sah Professor McGonagall neugierig an. Was konnte der Schulleiter von ihm wollen? Und wieso wusste Harry, dass es sich bei 'Mochi' um eine japanische Süßigkeit handelte? Es geschah oft, dass Harry Wissen in seinem Kopf vorfand, von dem er weder wusste, woher es stammte, noch, ob man ihm vertrauen konnte.

"Na, bist du wieder wichtig?", stichelte Tim und riss Harry damit aus seinen Gedanken. Professor McGonagall warf dem Slytherin einen missbilligenden Blick zu, doch Harry lachte nur. Er hakte Tim unter und zog ihn mit sich in Richtung der nächsten Stunde.

Abends verabschiedete er sich sehr zeitig vom Essenstisch und brachte seine Schultasche zurück in sein Zimmer in den Kerkern. Dann stieg er gemächlich zum Büro des Schulleiters hinauf.

"Kusa-Mochi." Der Gargoyle sprang zur Seite und Harry ließ sich von der Wendeltreppe nach oben befördern. Eigentlich auch nicht anders als eine Rolltreppe, dachte er müßig.

"Komm nur herein, Harry", rief Dumbledore. Harry machte sich schon gar nicht mehr die Mühe, die Hand zum Klopfen zu erheben; der Schulleiter wusste ohnehin immer schon vorher, wer wann vor seiner Türe stand. Vermutlich bekam er rechtzeitig eine Warnung vom Gargoyle.

Die Türe schwang auf und Harry betrat das Büro. Noch bevor er sich richtig umgesehen hatte, begann Dumbledore schon, auf ihn einzusprechen.

"Meine Herrschaften, dies ist Harry Potter; Harry, mein Junge, das hier sind -"

"Sam?! Tezuka-san! Wie kommen Sie denn hier...?"

Harry, der dem Schulleiter ins Wort gefallen war, schlug sich plötzlich die Hand vor den Mund und riss entsetzt die Augen auf. "Oh bitte, verzeihen Sie! Ich habe Sie mit jemandem verwechselt!"

Siedendheiß war ihm eingefallen, dass er die beiden mit Charakteren aus seinen Träumen verwechselt haben musste. Er war nie wirklich in Japan gewesen, folglich konnte er dort auch nicht wirklich einen Heiler namens Tezuka Naoki getroffen haben. Genauso wenig kannte er den berühmten Sam Keyston persönlich. Bevor die beiden Männer vor ihm tatsächlich etwas mit Medizin am Hut hatten, würden vermutlich wahnsinnige Rinder auf dem Mond Walzer tanzen...

"Wieso sagst du 'verwehuselt', Hari-san?", fragte der Japaner ihn neugierig. "Sehen wir aus so anders als vor zwei Jahre?"

Gut, vielleicht gab es auf dem Mond doch die eine oder andere Kuh.

"Du hast uns damals sehr geholfen, Harry", ergänzte der andere Mann mit leicht amerikanischem Akzent. "Wir sind froh, dich bei guter Gesundheit anzutreffen."

Viele Kühe. Und ein Grammophon.

Dumbledore nutzte Harrys Verwirrung, um seine eigene zu überkommen. "Meine Herren", wandte er sich an die beiden Heiler, "ich bin mir sicher, Sie müssen Harry mit jemandem verwechseln. Der Junge lag die letzten vier Jahre im Koma, und ich bin mir sicher, dass er davor niemals England verlassen hat."

Harry beobachtete neugierig, wie die beiden Ausländer einen gewichtigen Blick austauschten. Dann setzten beide ein wunderbares falsches Lächeln auf und wandten sich an Dumbledore. "Natürlich, Schulleiter. Sie haben vollkommen Recht. Wie dumm von uns. Darum kennt Harry uns ja auch nicht, nicht wahr? Er muss natürlich ein anderer sein."

Keystons Stimme triefte vor Sarkasmus, und nun fiel auch noch Tezuka-san ein: "Ih erinnere mih, der Mensch auf Fotos von meine Sekuretarin aussehen auh ganz anders als Hari-chan hier."

"Kann ich die Fotos mal sehen?", fragte Harry neugierig. Dumbledore warf ihm einen finsteren Blick zu. "Nur, um einmal meinen Klon zu sehen, Schulleiter", versicherte Harry ihm schnell.

Keiner der Männer im Raum glaubte seinen Worten auch nur eine Sekunde lang. Doch darum ging es auch nicht.

Dumbledore hatte, wenngleich unwissentlich, den Wolf in seinen Schafstall gebeten und nun musste er mit den Konsequenzen leben. Sein ganzes schönes Lügengespinst, mit dem er Harry bei der Stange halten wollte, fiel vor seinen Augen in sich zusammen.

"Harry. Diese beiden Gelehrten wollten sich mit dir unterhalten, um dich über Lockharts Selbstverhexung in deinem zweiten Schuljahr zu befragen. Sie sind Koryphäen auf dem Gebiet-"

"-der Hirnforschung, ich weiß." Harry runzelte die Stirn. "Lockhart?", fragte er skeptisch.

Sam zuckte nur die Achseln. Harry konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Lockhart lediglich ein Vorwand war, um ihn zu besuchen. Das hier wurde immer spannender. War er wirklich in Japan gewesen?

Oder war dies alles ein ausgefeilter Plan Voldemorts, um ihn gegen Dumbledore aufzubringen?

Der Gedanke war beunruhigend wahrscheinlich. Immerhin war Voldemort der einzige, der dank Harrys Narbe Zugang zu dessen Gedanken hatte. Er hatte vier Jahre Zeit gehabt, diese Verbindung zu erforschen, während Harry hilflos im Koma lag. Was sollte Voldemort davon abhalten, sein neu gewonnenes Wissen nun einzusetzen, um seinen Gegnern zu schaden?

Harry riss sich zusammen. Es gab zu viele unbekannte Größen in dieser Gleichung, als dass er zu einem Ergebnis kommen könnte. Besser, er hielt sich bis auf Weiteres aus der Unterhaltung heraus.

"Ich bin nicht davon begeistert, wie Sie meinen Schüler verwirren, Herrschaften", sagte Dumbledore düster. "Ich möchte Sie daher bitten, das Schloss jetzt zu verlassen. Harry, mein Junge, es tut mir leid, dass ich dir dies hier zugemutet habe. Ich verspreche dir, unerwartete Besucher in Zukunft genauer zu überprüfen, bevor ich sie dir vorstelle."

Bei den Worten "unerwartete Besucher" kam Harry unwillkürlich das Bild in den Sinn, wie Remus vor der Türe der Dursleys stand, um ihn... zu entführen. "Tun Sie das, Schulleiter", sagte er kühl. Mit einem Kopfnicken verabschiedete er sich formell von den beiden ausländischen Ärzten und ignorierte deren erstaunte und - bildete er sich das nur ein? - verletzte Blicke, als er das Büro des Schulleiters verließ.


In den folgenden Wochen war Harry sehr nachdenklich. Ständig hatte er das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Doch was? Harry stapfte gedankenverloren über die Ländereien von Hogwarts und grübelte.

Seit Tim mit Jason zusammen war, hatte Harry viel zu viel Zeit für sich selbst. Er sah zu, wie es draußen langsam Frühling wurde. Frisches, junges Gras winkte verführerisch hinter jedem Fenster, Blumenduft wehte zu allen Türen und Toren herein und die Sonne lachte aus einem strahlend blauen Himmel.

In Ermangelung einer besseren Beschäftigung begann Harry, ausgedehnte Spaziergänge ums Schloss zu machen. Seit wann er gerne spazieren ging, war ihm ein Rätsel; außer bei den Dursleys, wo es einfach nichts Spannenderes für ihn zu tun gab, war ihm alleine bisher immer viel zu schnell langweilig geworden, als dass er freiwillig Spaziergänge unternommen hätte.

Doch jetzt genoss er es in geradezu Besorgnis erregendem Maße, mit bloßen Füßen durchs junge Gras zu schlendern und sich die frische Luft ums Gesicht wehen zu lassen, welche zahlreiche Geräusche und Gerüche vom Verbotenen Wald zu ihm herüber trug. Manchmal hatte er das Gefühl, sich zusammenreißen zu müssen, um nicht die Nase ins Gras zu senken und ein paar Halme abzurupfen. Es war höchst beunruhigend.

Mit einem Seufzer streifte er seinen Tarnumhang ab, als er einen Ausläufer des Waldes umrundet hatte und vom Schloss aus nicht mehr zu sehen war. Er konnte ja verstehen, dass Dumbledore gerne immer ein Auge auf ihn hatte (oder vielmehr, jemanden beauftragte, ein Auge auf ihn zu haben)... denn immerhin war er schon einmal entführt worden. Doch irgendwann war es auch mal gut. Konnte er denn gar nichts mehr alleine machen? Jeder Mensch brauchte doch hin und wieder ein paar Augenblicke nur für sich. Harry jedenfalls glaubte, er würde durchdrehen, wenn er nicht ab und zu ganz abschalten und sich nur auf sich selbst konzentrieren konnte. Also legte er sich regelmäßig den Tarnumhang um die Schultern und floh unbemerkt aus dem Schloss.

Nun ließ er sich müde ins Gras sinken, legte sich auf den Rücken und sah den Schäfchenwolken zu, wie sie langsam dahin zogen.

Wann war er das letzte Mal einfach so im Gras gelegen und hatte Schäfchen gezählt? Harry konnte sich nicht erinnern. Zu seiner Hogwartszeit, früher, war er ständig um Ron und Hermine gewesen. Da war nie Muße für Sonne und Wolken geblieben. Immer mahnte Hermines Stimme zu Hausaufgaben und Lernen, oder Ron wollte über Quidditch diskutieren oder Snape Explodiert spielen... Nicht, dass er sich beschweren wollte; es war eine gute Zeit gewesen. Er fand lediglich, dass das ruhige Entspannen auf der Wiese durchaus auch seine Vorteile hatte.

Die Ruhe wurde jäh durchbrochen, als ein schwarzer Schatten unter heftigem Blättergeraschel und dem Geräusch brechender Zweige nur wenige Fuß von ihm entfernt aus dem Unterholz sprang.

Mit einem Satz war Harry auf den Beinen, sein gezückter Zauberstab deutete drohend auf den vermeintlichen Angreifer.

Dieser jedoch saß nur schwer atmend da und blickte Harry aus treuen Hundeaugen über einer heraushängenden Zuge hervor freundlich an.

"Schnuffel...?!"

Harry machte einen taumelnden Schritt rückwärts, stolperte und landete sehr unzeremoniell auf seinem Hintern. Der Hund kam besorgt ein paar Schritte näher und stupste ihn mit seiner feuchten Nase an. Wie von selbst erhob sich Harrys Hand, um ihm über den Kopf zu streichen.

"Du siehst aus wie ein alter Freund, mein Schöner...", sagte Harry mit trauriger Stimme. "Der eine Mensch außer Voldemort, der plante, mich von den Dursleys wegzuholen..." Die nächsten Worte sprach er mit vor Bitterkeit verzogenen Mundwinkeln. "Nur dass letzterer es geschafft hat, Sirius von seinen Anhängern umbringen zu lassen. Und auf seine Art der 'Hilfe' gegen die Dursleys hätte ich dann doch verzichten können."

Ein Schauer lief über Harrys Rücken und er zog die Beine an, legte seine Arme darum und kauerte sich ganz klein zusammen. Der Hund, dessen Nase durch Harrys Bewegungen beiseite gedrängt worden war, winselte und begann, nervös hin und her zu laufen und sich um sich selbst zu drehen, als jage er seinen eigenen Schwanz. Das Verhalten war so sonderbar, dass Harry verwundert den Kopf hob und dem Tier zuschaute.

Plötzlich blieb der Hund stehen und sein ganzer Körper spannte sich an. Ein Zittern lief durch das gepflegte Fell - Allein deshalb könnte es schon nicht Sirius sein, dachte sich Harry, er lief immer herum wie ein räudiger Straßenköter. Der Hund drehte sich halb herum und sah Harry direkt in die Augen. Dann verwandelte er sich in einen Mann.

"Harry..."

"Sirius? Du bist es! Du bist es wirklich!" Harry sprang auf und warf sich seinem Paten in die Arme. "Wie kann das sein? Ich habe dich doch fallen gesehen - Bellatrix' Fluch - der Torbogen - wie...? Warum...? -"

"Langsam, Harry, langsam!", lachte Sirius. "Ich verstehe deine Verwirrung. Glaube mir, als ich vor einem Monat die Augen aufschlug, konnte ich nicht glauben, dass unser Kampf im Ministerium bereits fünf Jahre her sein sollte; für mich war es wie gestern."

Harry löste seinen Klammergriff um Sirius' Schultern und trat einen Schritt zurück. "Du siehst nicht wirklich anders aus als damals. Nur... gepflegter."

Sirius lachte. "Stimmt. Ich war die letzten Wochen über zur Bettruhe verdammt. Es ist bemerkenswert, wie sehr regelmäßiger, langer Schlaf und gutes Essen einen Mann verändern können. Ohne meine Ringe unter den Augen und eingefallenen Wangen erkenne ich mich selbst kaum wieder. Und hast du Schnuffels Fell gesehen? Ich könnte grad' eitel werden..."

Harry lachte. Sehr schnell aber verstummte er wieder und sah Sirius anklagend an. "Ein ganzer Monat? Und du hast mir nichts gesagt?"

Sirius zog eine Grimasse. "Tut mir leid. Ich durfte nicht. Und ich war nicht in der Position, mich wehren zu können."

"Oh Gott! Geht es dir nicht gut?" Sorge verdrängte den Ärger aus Harrys Augen und ließ ihn sofort mehrere Jahre älter erscheinen.

Sirius hob beschwichtigend die Hände. "Nein, nein, keine Bange: Mir geht es gut. Ich war nur einfach schwach."

"Und die Heiler in St. Mungos konnten nicht einfach eine Nachricht für dich schicken?"

Sirius' Augen verengten sich. "Ich war nicht in St. Mungos. Tatsächlich verdanke ich meine Rückkehr weder Dumbledore noch dem Ministerium."

"Wem dann?", fragte Harry mit großen Augen.

Sirius legte den Kopf schief und musterte Harry. "Vieles davon ist geheim. Die Leute, die mich zurückgeholt haben, taten es nicht aus uneigennützigen Interessen. Ich misstraute ihnen anfänglich, und es hat viele Gespräche gebraucht, bis ich von ihrem guten Willen überzeugt war. Gespräche - und Demonstrationen, Zeugenaussagen – das offensichtliche Vertrauen der Kinder, das kann man einfach nicht vortäuschen - und vieles mehr. Doch das Resultat kann sich sehen lassen: Ich kann mit bestem Wissen und Gewissen sagen, dass ich voll hinter den Zielen und Idealen dieser geheimen Organisation stehe. Und das hat nichts mit Imperius oder Vorspielung falscher Tatsachen zu tun..."

"Ja wer ist es denn nun?", fragte Harry, der während Sirius' Rede langsam ungeduldig wurde. Wer außer dem Orden konnte ein Interesse daran haben, Sirius Black wieder auf den Plan zu rufen?

"Tut mir leid, ich kann es dir nicht sagen. Die Leute, die mich zurückgeholt haben; die Leute, die mit der momentanen Politik der Mächtigen nicht einverstanden sind; die Leute, die ein Waisenhaus betreiben und -"

"Voldemort?"

Sirius' Gesicht verlor rasch alle Farbe. "Du weißt...?"

Harry machte ein würgendes Geräusch. "Es ist wahr?!"

"Du meinst, du wusstest doch nicht...?" Sirius war mit der Situation überfordert.

Harry ging es nicht viel besser. Er atmete einmal tief durch. "Ich... hatte einen Traum. Bevor ich nach Hogwarts zurückkam. In dem Traum war Voldemort Leiter eines Waisenhauses. Ich... wie kann es sein, dass du reagierst, als sei mein Traum die Wahrheit? Und wieso weiß Dumbledore offensichtlich nicht einmal, dass du hier bist?"

Es war kein Empfangskomitee erschienen, nicht einmal Remus Lupin oder Madam Pomfrey hatten sich blicken lassen. Sirius kehrte nach eigener Aussage das erste Mal seit fünf Jahren nach Hogwarts zurück - und niemand tat irgendetwas, um dieses Ereignis zu würdigen? Und Sirius war in Hundeform gekommen!

"Du bist heimlich hier, oder?" Harry sah ihn scharf an. "Vor wem glaubst du, dich verstecken zu müssen?"

Sirius sah betreten zu Boden. "Das hier ist schwieriger, als ich dachte..." Er blickte auf. "Harry, hör mir zu. Du musst aufpassen! Was Dumbledore dir erzählt hat, über dein Koma und deine plötzliche Genesung... das stimmt so alles nicht. Da war viel mehr! Ich kann dir jetzt nicht alles erklären, aber..."

Sirius brach ab, als plötzlich eine Stimme aus kurzer Distanz zu ihnen herüber klang. "Harry?", rief Timothy. "Harry, bist du hier irgendwo?" Sekunden später kam der junge Slytherin mit federnden Schritten um die Ecke und blieb abrupt stehen, als er neben Harry einen großen, schwarzen Hund im Gras sitzen sah.

"Harry? Ist der... gefährlich?" Er beäugte das Tier vorsichtig aus sicherem Abstand.

"Näh", machte Harry, "Schnuffel hat zwar keine Manieren" - der Hund kläffte zustimmend - "aber gefährlich ist er nur für Leute mit bösen Absichten..."

Tim, der bei Harrys ruhigem Tonfall einen Schritt nach vorne gewagt hatte, blieb bei den letzten Worten wie angewurzelt stehen. Schnuffel knurrte und Tim ging denselben Schritt wieder zurück. Harry lachte. "Böse Absichten mir gegenüber, Tim, nicht irgendwelchen armen, dummen Gryffs!"

Sirius winselte verwirrt, legte dann aber friedlich den Kopf auf die Vorderpfoten.

"Ich bin jetzt mehr Slytherin als Gryffindor", erklärte Harry zu Tims großem Erstaunen dem schwarzen Fellberg.

"Und er steht auf den Dunklen Lord", ergänzte Tim grinsend.

"Tim!", rief Harry mit hochroter Glühbirne. "Untersteh dich, meinen Freunden solche Lügen zu erzählen!"

"Wieso?", fragte Tim unbekümmert. "Ist doch nur ein Hund. Und eine Lüge isses auch nicht, aber das brauche ich dir ja nicht zu sagen, oder?" Er grinste immer noch; sogar noch breiter, als Harry das Gesicht in den Händen barg und vor lauter Peinlichkeit nur noch den Kopf schütteln konnte.

"Harry?", fragte Tim, mittlerweile doch ein wenig besorgt. "Was ist denn los?"

"Nichts", nuschelte Harry zwischen seinen Händen hindurch. "Absolut gar nichts."


Schnuffel zog bei Harry ein.

Es dauerte genau zwei Stunden, bis Schnuffel bemerkt wurde. Vielleicht war es nicht die genialste Idee, welche Harry und Sirius je gehabt hatten, Schnuffel einfach mit zum Abendessen in die Große Halle zu nehmen; doch letztendlich rechnete niemand ernsthaft damit, dass Sirius am Leben sein könnte, also war die Gefahr eines tatsächlichen Wiedererkennens minimal.

Dumbledore sprach Harry nach dem Essen an; es war in Hogwarts für gewöhnlich nicht gestattet, Hunde als Haustiere zu halten. Doch der alte Mann versicherte Harry, er wisse, wie viel Sirius Harry bedeutet hatte, und so würde er in diesem Fall ein Auge zudrücken. Sonderbehandlung für den Jungen-der-Lebt - es überraschte eigentlich niemanden mehr.

Tagsüber blieb Schnuffel Harry immer dicht auf den Fersen; nachts unterhielten sie sich lange über alles, was seit Sirius' Fall durch den Vorhang in Harrys Leben passiert war. Sirius wollte alles wissen: Von der Heimkehr zu den Dursleys über die Entführung durch den falschen Lupin bis hin zu dem Tag, an dem Harrys Erinnerungen plötzlich schwammig wurden: dem Tag nämlich, als Voldemort Harry zu sich in die große Halle von Schloss Slytherin rufen ließ.

Doch wo Harry sich vage an Träume und Hirngespinste zu erinnern glaubte, da war jetzt absolut gar nichts mehr. Seine Erinnerung riss einfach ab und nahm erst wieder klare Formen an, als er von Dumbledore aus seinem langjährigen Koma geweckt wurde.

Sirius schien mehr darüber zu wissen, doch noch weigerte sich der Animagus, es Harry zu erklären. Es war zum aus der Haut fahren.

"Sirius!", brauste Harry plötzlich auf, als Sirius zum wiederholten Male seinen Fragen ausgewichen war. "Wieso kannst du mir nicht einfach sagen, was du weißt?!"

Sirius sah ihn ernst an. Es war ein ungewohnter Ausdruck auf dem Gesicht des sonst so albernen und unbedachten Mannes. "Würdest du mir denn glauben?"

Harry stutzte. "Ja warum denn nicht?"

"Ich habe von Keyston und Tezuka gehört..."

"Von wem?"

Sirius sah Harry geschockt an. "Sam Keyston und Tezuka Naoki-san, die beiden Heiler, die dich vor zwei Wochen besucht haben!"

"Haben sie?" Harry runzelte die Stirn. Er konnte sich nicht erinnern.

Sirius grollte. "Hat Dumbledore dir schon wieder deine Erinnerungen genommen?! Was fällt dem alten Sack eigentlich ein...!"

Harry starrte. So hatte er Sirius noch nie erlebt. Nicht einmal Snape konnte Sirius dermaßen wütend machen. Moment. Snape. Auf wessen Seite stand der nun eigentlich wirklich?

Harry hatte eine vage Ahnung, dass Snape Voldemort sehr viel treuer verpflichtet war denn Dumbledore, doch begründen konnte er diese Ahnung keineswegs.

"Du, Sirius?"

"WAS?"

Harry schluckte. Sirius sah wütend aus wie ein Stier vor dem roten Tuch. "Welche.. .also... Weißt du, auf wessen Seite Snape eigentlich steht?"

Sirius' Augen verengten sich. "Wenn ich es wüsste und es dir sagen könnte - was würdest du dann mit dem Wissen machen?"

Harry blinzelte. Eine unerwartete Frage, aber sicher eine gute. Was würde er tun? Wem vertraute er eigentlich noch?

Er seufzte. "Ich weiß es nicht."

Sirius nickte. "Wenn du es weißt, dann frag mich noch mal. Dann kann ich dir auch erzählen, was ich weiß. Im Moment ist es zu gefährlich, für mich, dich, und noch einige andere. So leid es mir tut, du bist zu sehr unter Dumbledores Einfluss und ich kann nicht auf deinen Verstand vertrauen."

Das war ein harter Schlag. Harry war kurz davor, Sirius wütend anzufauchen; doch etwas hielt ihn zurück. Sirius sah so traurig und so ernsthaft aus... und er schlief seit zehn Tagen als Hund zusammengerollt am Fußende seines Bettes. Wenn er Harry Böses wollte, hätte er längst handeln können. Und es war Sirius! Wie konnte Harry ihm nicht vertrauen?

"Ist gut, Sirius", sagte er müde. Was konnte er auch sonst sagen?