Die Reise nach Sizilien war lang. Bald ging ihm das Essen aus, und neues war nur schwer zu beschaffen. Er wollte so wenig Zeit wie möglich mit der Jagd verschwenden, und obwohl er an vielen Bauernhöfen vorbeikam, gaben nur wenige Leute ihm tatsächlich etwas zu essen. Er hatte die Kapuze seines weißen Umhanges dann immer über seinen Kopf gezogen und seinen Blick die meiste Zeit über gen Boden gesenkt. Alles, damit die Leute seine Augen und Haare nicht sahen, denn anfänglich hatte er dies nicht getan und man hatte ihn weggejagt, sobald er in Sichtweite war. Es war alles einfacher gewesen, als der Deutsche Orden ihn noch begleitet hatte. Er hatte mehrmals überlegt, umzukehren und noch einmal nach Akkon zu gehen, sich aber immer wieder dagegen entschieden. Die Stadt konnte ihm nicht viel bieten, nicht mehr als jeder andere Ort dieser Welt. Bis auf Sizilien: wenn er den Kaiser finden und ihn überreden könnte, diesen Kreuzzug zu beenden, wäre sein Volk gerettet. Und wenn der Mann erst von seinen guten Absichten erfuhr, könnte er ihn vielleicht auch überreden den Deutschen Orden zu zwingen, ihn wieder aufzunehmen. Er weigerte sich, über seine Chancen auf Erfolg nachzudenken, er wollte nicht bereits vor seiner Ankunft in Sizilien alle Hoffnung verlieren.
In Italien reiste er weiter gen Süden, er mied Städte wie Venedig und Rom, denn er wollte nicht zu große Menschenmengen um sich herum haben. Je weniger Menschen er begegnete, desto wahrscheinlicher würde er seine Reise unversehrt überstehen. Als er dann endlich einen Hafen erreichte, von dem aus Schiffe nach Sizilien abfuhren, schlich er sich leise auf eines und hielt sich dort die Fahrt über versteckt.
Was ihn an diesen Tagen am meisten quälte war weder Hunger noch Erschöpfung, nicht die Ungewissheit über seine Zukunft oder wie feindselig er oft behandelt wurde, sondern die Einsamkeit. Er hatte niemanden zum reden, und obwohl er immer davon überzeugt gewesen war, dass er ohne Schwierigkeiten alleine zurechtkam, realisierte er nun dass er nie zuvor wirklich allein gewesen war. In seinem Tagebuch war kaum mehr Platz zum schreiben, er würde sich die wenigen Seiten für das Ende seiner Reise aufheben, und sein Pferd hatte er auch nicht mehr. Ein paar Tage vor der Schifffahrt hatte er das Tier verkaufen müssen, um sich Essen, einen Ort zum schlafen und sogar einen neuen Uniformrock leisten zu können. Aber er weigerte sich, seine neuen Kleider anzuziehen, obwohl seine alten bereits zerrissen und dreckig waren: Seine Uniform war das einzige, was ihm vom Deutschen Orden noch blieb, abgesehen von seinem Schwert. Und wenn er wie ein Ritter gekleidet war, waren die Menschen ihm etwas freundlicher gesinnt, griffen nicht so schnell zum Stein.
Aber er hätte nicht ahnen können was passierte, als er in Sizilien das Schiff verließ. Stunden später konnte er sich über seine Unwissenheit bloß wundern: jeder mit gesundem Menschenverstand hätte das kommen sehen.
Ein paar Leute nahmen ihn mit, als sie ihn sahen - Ritter, vermutete er, Leute, die für den Kaiser arbeiteten - und brachten ihn an diesen Ort. Er wusste nur, dass der Raum unter der Erdoberfläche lag, denn es schien kein Licht außer dem Feuer der Fackeln. Er schien zu groß für einen Keller, aber ein wenig klein für ein Verlies.
Sie hatten ihn gefesselt, und kurz darauf kam ein Priester und führte einen Exorzismus durch. Nun hätte ihn das kaum verstimmt, hätte das Ritual lediglich aus ein wenig Weihwasser und heiligen Worten bestanden, aber sie folterten seinen Körper im Versuch, ihn zu exorzieren. Er konnte nicht viel verstehen von dem, was gesagt wurde, aber sie dachten wohl, das Böse hätte von ihm Besitz ergriffen aufgrund seines Aussehens, oder dass er das Böse in Person wäre, sie versuchten nicht nur ihn zu exorzieren, sondern gleich den Planeten seines zu entledigen. Er wusste es nicht, und es kümmerte ihn auch nicht. Ihm tat alles weh, und er wollte mehr als alles andere, dass sie aufhörten. Er schrie sie an, dass er nicht böse war, dass er nur hierher gekommen war um sein Volk zu retten, aber sie verstanden nicht. Er konnte ein wenig italienisch sprechen, aber ihr sizilianisch war einfach zu anders. Eher bestätigte sein Geschrei sie wohl in ihrer Überzeugung er sei des Teufels, aber es war ihm egal. Er konnte nichts anderes tun.
Aber dann hörte er schließlich eine andere, jüngere Stimme. Er konnte sich nicht umdrehen und sehen wer sprach, und er konnte die Worte nicht verstehen. Aber die Menschen ließen auf der Stelle von ihm ab, verbeugten sich höflich und traten zurück, erlaubten dieser neuen Person, näher zu kommen. Als er ihn sah, wusste er dass er nur eines von zwei Dingen sein konnte: ein Prinz oder ein Land. Ein Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, älter als er und Ungarn jedenfalls, dem diese Leute untertan waren. Seine blasse Haut und sein goldblondes Haar sagten Preußen dass er Deutscher war, und er vermutete, dass hier das Heilige Römische Reich vor ihm stand. Diese Annahme erwies sich als korrekt. „Entschuldigung," sagte das junge Reich in klarem, fließendem Deutsch. „Ich habe diesen Leuten hier viele male gesagt, dass, sollte jemals einer des Hellen Volkes hierher kommen, sie ihn zu mir schicken sollen bevor sie irgendetwas anderes tun." Er schüttelte den Kopf und seufzte. „Aber sie hören nie zu. Ist das hier schon länger so gegangen?" fügte er hinzu und gestikulierte in Richtung der Menschen, forderte sie auf, ihren Gefangenen freizulassen. Preußen schüttelte den Kopf und antwortete sarkastisch, es seien nur ein paar Stunden gewesen. Das Heilige Römische Reich zog eine Grimasse. „Tut mir leid. Ich hatte gehofft, unsere erste Begegnung würde anders ablaufen. Aber nun ist es so geschehen, und wir können es nicht ändern. Ich freue mich, dich endlich zu sehen, Preußen."
Darauf starrte ihn Preußen verwirrt an und gab ein paar unverständliche Laute von sich. Die meisten waren keine echten Worte, aber einige hatte das Heilige Römische Reich schon verstanden haben müssen, denn er lächelte und antwortete. „Natürlich kenne ich dich. Ich war schließlich dabei, als du in den Deutschen Orden aufgenommen wurdest." Preußens Gedanken hielten ruckartig. Das größte Reich Europas war anwesend gewesen, als er, zu der Zeit ein neugeborenes Land, dem Deutschen Orden überlassen worden war? Warum hatte niemand es für nötig gehalten, ihm das zu erzählen? Wenn das Heilige Römische Reich dort gewesen war, musste der damalige Hochmeister des Deutschen Ordens doch sicherlich gewusst haben dass der blonde Junge ein Land war? Und wenn dies der Fall war, muss er gewiss auch gewusst haben, wer Preußen war. Oder? Er folgte überhaupt nicht mehr dem Geschehen, sowohl wegen dieser neuen Information als auch dem Schmerz in seiner Brust und seinen Gliedmaßen, und als er endlich wieder in der Lage war klar zu denken, zog das Heilige Römische Reich ihn am Arm mit sich. „Es gibt so viel, über das wir sprechen müssen, Preußen," sagte das Heilige Römische Reich ihm. „Eine Menge Informationen die du schon vor langer Zeit hättest bekommen sollen."
„Ich-ich verstehe nicht," stammelte Preußen, er war verwirrt und ihm war schwindelig. Er erinnerte sich nicht einmal mehr an das meiste, was früher an diesem Tag geschehen war, jetzt da alles so schnell ging. „Ich verstehe das alles nicht."
„Das überrascht mich nicht," antwortete das Reich. „Ist schließlich eine Menge auf einmal, und ich mag mir gar nicht ausmalen, was du hier durchgemacht hast, bevor ich herkam." Er blickte dann über seine Schulter und beäugte das angeschlagene junge Land mit Neugier und Sorge. „Haben die nur diese Peitsche benutzt oder auch andere Dinge?"
Preußen war einen Moment lang still, aber dann antwortete er leise, „E-eine Peitsche… und mein Handgelenk…" Dann hielt er seinen linken Arm hoch. Sein Handgelenk war gebrochen, aber im Moment spürte er kaum etwas davon.
Das Heilige Römische Reich zog wieder eine Grimasse, versicherte ihm aber, dass das in weniger als zwei Tagen heilen sollte. Dann führte er ihn in einen großen Raum, und Preußen sah sich schockiert um. Er hatte noch nie solche Möbel gesehen. Es sah aus, als lebte hier ein Monarch, und als er so darüber nachdachte kam er zu dem Schluss, dass dem wahrscheinlich auch so war.
Das Heilige Römische Reich forderte Preußen auf sich zu setzen und war dann eine Weile still, so dass das jüngere Land Zeit hatte über all das nachzudenken, was in den letzten paar Stunden passiert war. Er war diesen Morgen auf einem Schiff gewesen. Er hatte sich raus auf die Straßen Siziliens geschlichen. Man hatte ihn gefangen, exorziert und gefoltert. Und jetzt saß er neben dem Heiligen Römischen Reich, ausgerechnet. Das Reich untersuchte vorsichtig sein Handgelenk, sagte aber, er könne nichts tun um ihm damit zu helfen und fügte hinzu, sie könnten später einen Medicus darauf schauen lassen wenn er wollte. Aber Preußen schüttelte geistesabwesend den Kopf und sagte, Schmerzen sei er gewohnt, er könne das problemlos aushalten.
„Also," fing das Heilige Römische Reich an. „Möchtest du jetzt über alles reden, oder dir das lieber für morgen aufheben? Du hast eine Menge hinter dir seit heute morgen, ich kann mir vorstellen, dass du müde bist, also-"
Preußen schüttelte den Kopf, ruckartig aus seinem verwirrten und schockierten Zustand gerissen. „Nein!" rief er und drehte sich zum Reich um mit feurigem, roten Blick. Heilig zuckte zusammen, sagte aber nichts. „Du bist hier, ich bin hier, und ich verdiene verdammt noch mal endlich ein bisschen Information! Sprich, um Himmels Willen!"
„Also gut," fing Heilig ruhig an und sah zu Boden. „Du hast Recht, Preußen, du verdienst Informationen. Wo soll ich anfangen?"
„Wie wär's mit dem Anfang?" murmelte der Preuße durch seine zusammengebissenen Zähne. „Macht doch Sinn. Sag mir, warum du dort warst als ich dem Deutsche Orden überlassen worden bin, sag mir, wer mich einfach so weggegeben hat, und sag mir warum."
Das Heilige Römische Reich starrte ihn einen Moment lang an und lachte dann sanft. „Das ist eine Menge für einen ‚Anfang', meinst du nicht? Aber gut. Ich war da, Preußen, weil man mir aufgetragen hat, deinen Fortschritt zu verfolgen und zu entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt ist dir zu sagen, wer und was du bist. Du hast es allerdings schon vorher herausgefunden, und das tut mir aufrichtig leid. Das muss dich sehr verwirrt haben." Preußen schnaubte und murmelte leise eine Antwort, aber das Reich redete einfach weiter ohne davon Notiz zu nehmen. „Du wurdest weggegeben von unserem Vater, Germanien. Er-"
„Unser Vater?" hustete Preußen, sein Herz stand kurz still als er das sagte. „Das ist unmöglich - Ich bin nicht einmal germanisch! Mein Volk ist baltisch, und ich bin ein baltisches La- Region."
Aber das Heilige Römische Reich schüttelte seinen Kopf. „Dein Volk ist baltisch zur Zeit, ja, aber du bist ganz sicher germanisch, zumindest teilweise."
„Woher willst du das wissen?"
„Weil du aussiehst wie er," antwortete das Reich, kurz und einfach, aber seine Worte bedeuteten Preußen so viel. „Du siehst aus wie Germanien, obwohl die Form deines Gesichtes eher der der vorherigen Verkörperung Preußens ähnelt. Du siehst ein wenig aus wie sie, daher denke ich, du hast gemischtes Blut." Ich bin germanisch! Dachte Preußen glücklich, sein Herz flatterte in seiner Brust, doch er zeigte seine Freude nicht. Jene Freude schwand als Heilig leiser hinzufügte, „Aber weder Germanien noch das alte Preußen waren Helles Volk wie du, das heißt du bist etwas ganz eigenes."
Preußen verengte die Augen. Er wusste, was der ältere Junge versuchte, und es gefiel ihm gar nicht. Er tat, als wüsste er nicht was das hieß und fragte ruhig, „Was ist denn das ‚Helle Volk'?"
Das Heilige Römische Reich sah ihm einen Moment lang in die Augen, ihm war offensichtlich unwohl. „Also, ähm… das ist etwas, was ich mir ausgedacht hatte, als ich dich das erste mal gesehen habe, du warst nur ein paar Wochen alt. Ich dachte, du würdest es schätzen, wenn wir ‚dieser Sache' einen Namen gäben."
„Und was ist ‚diese Sache'?" hakte der Preuße nach, er versuchte nicht einmal mehr, seine Wut zu verstecken. Dieses Reich gab vor, sein älterer Bruder zu sein, aber nicht einmal er konnte sein Aussehen akzeptieren? Wenn es etwas gab, womit man ihn auf die Palme bringen konnte, dann war es das.
Der ältere Junge merkte wie verärgert er war, und antwortete mit schuldbewusstem Gestammel, „D-du, äh… dein Leiden."
„Du meinst mein Aussehen," korrigierte Preußen ihn aufgebracht. „Das ist kein Fluch, weißt du! Und du wirst auch nicht verflucht werden, wenn du es einfach so laut sagst. Sag's einfach, im Ernst: meine Haare sind weiß, meine Haut ist weiß, meine Augen sind rot. Das ist einzigartig, nicht sonderbar! Hast du gedacht, ich würde das gut finden? Nur zu deiner Information: Nein! Das ist echt beleidigend, also spar's dir!" Er schnaubte und er hätte die Arme vor seiner Brust verschränkt, wenn sein Handgelenk nicht so weh tun würde. „Ich bin so viel mehr wert als solch dumme Wörter, vergiss das ja nie!"
Das Heilige Römische Reich zuckte in Reaktion auf seinen Ausbruch und stammelte eine Entschuldigung, dann sah er stumm weg.
Die Stille hielt ein paar Minuten an, währenddessen Preußen sich beruhigte und über das nachdachte, was er bereits gehört hatte. Wie konnte er sicher sein, dass Heiliger die Wahrheit sagte? Das Reich kam ihm ein wenig bekannt vor, er bezweifelte nicht, dass sie sich zuvor schon getroffen hatten, als er noch jung war. Aber er hatte keinen Grund anzunehmen, dass was der Junge sagte wahr war, dass Germanien sein Vater war, ihr Vater, und sie daher Brüder waren. Wie konnte er germanisch sein, wenn sein Volk es nicht war? Er würde es sicherlich eines Tages begreifen, aber vorerst würde er dem Reich nicht blind vertrauen. Nach einer Weile erinnerte er sich an eine Frage, die ihm nicht beantwortet worden war, also stellte er sie noch einmal. „Und warum hat Germanien mich dem Orden überlassen?"
„Weil er gewusst hatte, das er bald sterben würde," antwortete das Heilige Römische Reich sanft und sah Preußen wieder an. „Er wollte, dass du als Deutscher aufwächst, dann würde dein Volk es eines Tages auch. Ich glaube das ebenfalls, da du ja definitiv mit uns verwandt bist. Wenn du mich fragst, wird der Deutsche Orden es schaffen Preußen zu erobern, aber das ist nur so eine Vermutung aufgrund deiner Geburt und Herkunft. Es könnte wahr sein, oder auch nicht.
„Aber der Grund, aus dem er dich weggegeben hat war, dass irgendjemand dich aufziehen musste. Einige der älteren in unserer Familie sind, naja… nicht wirklich dafür geeignet, ein Kind großzuziehen, wirklich nicht. Germanien hätte dich lieber mir überlassen, aber wie du siehst," fügte er hinzu und gestikulierte in Richtung seines kindlichen Körpers, „Bin ich dieser Aufgabe selber nicht gerade gewachsen. Und damals war ich noch jünger. Also musste er einen Ort finden, wo du germanisch erzogen werden würdest, und christlich noch dazu, wo du eine gute Bildung erhieltest. Der Deutsche Orden erwies sich als die beste Option." Dann wurde er still und beäugte Preußen einen Moment lang, seufzte und ließ seinen Blick hoch zur Decke wandern, er wirkte weit weg, als konzentrierte er sich auf etwas höheres als diese Steine. „Ich glaube jedoch, dass es Gottes Entscheidung war. Sieh doch, wohin das Schicksal dich gebracht hat: Der Deutsche Orden, der dich aufziehen sollte, hat dich zu deinem Land gebracht, gerade rechtzeitig zu der Zeit, da baltisches germanisch wird. Glaubst du nicht, dass das etwas zu bedeuten hat?"
Preußen seufzte und zuckte mit den Schultern. „Sicher tut es das," murmelte er, dann wurde er wieder still. Er starrte das Heilige Römische Reich stumm an, und das Reich starrte zurück, ihre Blicke aufeinander fixiert. Heilig versuchte sichtlich, fröhlich und mitfühlend zu wirken, und obwohl Preußen sehen konnte dass es nicht alles gespielt war, sah er auch, dass es nicht komplett echt war. Mach dir keine Mühe, etwas vorzutäuschen, wollte er dem älteren Jungen sagen. Ich bin es gewohnt, dass Leute mich nicht mögen. Aber er fühlte sich auch sicher, wie er so neben dem Reich saß, und er realisierte, dass das Heilige Römische Reich ihm bekannt war auf die Art und Weise, wie es in einer Familie sein sollte: er wusste, dass dieses Land ihn nie für seinen Aussehen oder sein Handeln links liegen lassen würde, dass er ihm im Kampf beistehen würde wenn notwendig. Vielleicht waren sie Brüder, vielleicht nicht. Aber sie waren definitiv etwas wie eine Familie, das wusste Preußen, und es war alles was zählte.
Drei Tage später hatte das Heilige Römische Reich ihm ein Treffen mit dem Kaiser organisiert. In den Tagen davor hatte der Preuße Gelegenheit, sich auszuruhen, sich seit langer Zeit einmal wieder gründlich zu waschen, gut zu essen. Mit den neuen Kleidern, die das Heilige Römische Reich ihm gab, sah er bald passabel genug für eine Audienz beim Kaiser aus.
Als er auf den Kaiser zuging hielt er seinen Blick gen Boden gerichtet und kniete vor seinem Thron nieder, so lange bis der Mann ihm sagte, er solle wieder aufstehen. Aber auch dann wagte er sich nicht, aufzusehen. „Also, Preußen?" sagte der Kaiser. „Wirst du einem Kaiser zuhören oder nicht? Sieh mir in die Augen, Knabe."
„Entschuldigt mich, Eure Hoheit," antwortete Preußen ruhig. „Aber ich fürchte, meine Augen könnten Euch verstimmen."
„Mich verstimmen?" wiederholte der Kaiser und klang beinahe amüsiert. „Das einzige, was mich verstimmen kann, ist meine Befehle so zu ignorieren. Deine einzigartige Augenfarbe ist mir bekannt, Preußen. Ich habe seit vom Tag meiner Geburt Geschichten über dich von deinem Bruder gehört." Der Junge sah auf, und er sah wie der Kaiser ihn einen Moment lang anstarrte, seine Augen leuchteten. „Wirklich einzigartig… Du bist aus geschäftlichen Gründen hier, habe ich gehört. Was ist es, das du zu besprechen wünschst?"
Preußen wusste einen Moment lang nicht, was er sagen sollte. Er war einzigartig? Dieser Mensch war einzigartig, dachte er. Jemand der so redete als hätte er Preußen sein Leben lang treffen wollen? Das war einfach nur seltsam. Er wollte mich nicht sehen, sagte er leise zu sich selbst. Er wollte jemanden wie mich sehen. Trotzdem war es eine Chance, sein Anliegen vorzutragen. „Eure Hoheit, der Deutsche Orden ist hergeschickt worden, um mein Land in Eurem Auftrag zu erobern. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie gewalttätig dieser Feldzug ist, der gerade erst angefangen hat. Sie vertreiben die Preußen von ihrem Land, schlachten sie ab wie Bestien. Eure Hoheit, ich bin hierher gekommen um Euch zu bitten, dem ein Ende zu bereiten."
„Warum?" forderte der Kaiser und starrte jetzt emotionslos auf das junge Land herab. „Warum würdest du das wollen? Würde es dich umbringen, wenn dein Land vom Deutschen Orden erobert würde?"
„N-nein, nicht das ich wüsste," stammelte Preußen entmutigt. So interessiert wie der Mensch an ihm gewesen war, hatte er gedacht er wäre ihm ein wenig wohlgesonnener. „Nein, Eure Hoheit. Ich denke nicht, dass mich das umbringen könnte."
„Warum missfällt dir dann das Beste, was deiner kleinen Region in seiner gesamten Geschichte je passiert ist?" fragte der Mensch. „Wenn die Ritter siegen, wird dein Land von deutschen Siedlern bewohnt sein, von Christen, von anständigen Menschen. Es wäre eine große Verbesserung gegenüber den Barbaren, die jetzt dort leben." Missbilligend sah er auf Preußen herab. „Ich werde sie nicht von preußischem Boden abziehen. Der Kreuzzug wird so lange geführt, bis jeder Preuße entweder getauft oder aus diesem Land verschwunden ist, und die Region Preußen wird die Grenzen dieses mächtigen Reiches verteidigen. Das ist mein letztes Wort." Dann blickte er die Personifikation seines Reiches an, der seinem Monarchen resigniert zunickte. „Heilig, dein Bruder mag so lange hier bleiben, wie er wünscht, unter der Bedingung, dass dieses Thema in Zukunft in Frieden gelassen wird. Bitte bringe ihn jetzt auf sein Zimmer. Ich habe keine Zeit für solch einen Unsinn."
„Selbstverständlich, Eure Hoheit," sagte Heilig mit noch einer kleinen Verbeugung. Dann drehte er sich um und nahm Preußen mit.
„Das war recht plump," murmelte Preußen und blickte nach hinten über seine Schulter während sie den Palast verließen. Wut funkelte in seinen Augen und er schnaubte, dann sah er Heilig wieder an. „Ich verstehe seine Entscheidung, aber ich finde, er hätte sich etwas netter ausdrücken können."
„Aber es ist wie du gesagt hast, Preußen," sagte Heilig ruhig. „Dieser Feldzug wird dich nicht umbringen, warum bist du überhaupt so dagegen? Ich glaube sogar, dass ein Ende des Kreuzzuges dich eher umbringen würde. Wenn ich mit meiner Theorie richtig liege bist du nur geboren worden wegen dem, was jetzt passiert."
„Und wenn nicht," murmelte Preußen wütend, „Bin ich in ein paar Jahren tot."
„Genug davon," seufzte Heilig und blickte den jüngeren mit einem warmen Lächeln an. Nach wie vor überraschte es Preußen, wie fröhlich sein angeblicher älterer Bruder war wenn sie zusammen waren. Der einzige andere der ihn je so behandelt hatte war Ungarn. Vielleicht sind Länder generell netter als Menschen, dachte er hoffnungsvoll. Er brauchte nicht einen Haufen Freunde, er hatte Jahrzehnte lang ganz gut allein gelebt, aber es wäre schön, zur Abwechslung einmal nicht ausgegrenzt und gemieden zu werden. „Du hast Erlaubnis, hier zu bleiben, Preußen," fuhr Heilig fort. „Wirst du?"
Preußen starrte ihn einen Augenblick lang stumm an, dann nickte er. Heilig lächelte und sagte, das freue ihn, und die beiden gingen weiter, Seite an Seite.
Eine Familie zu haben, beschloss Preußen, war gar nicht so übel.
AN: Das Heilige Römische Reich ist älter als Preußen. Gut 230 Jahre in dieser Fic (Das Heilige Römische Reich entstand im Jahr 962). Er ist tatsächlich sogar älter als Österreich, denn die Markgrafschaft Österreich entstand 14 Jahre später, in 976, und wurde dann 1156 ein Herzogtum im HRR. Ungarn ist noch älter als, dies wurde in Hetalia korrekt dargestellt. Aber Italien ist älter als Ungarn. Ich bin mir nicht sicher, welche Daten ich als ‚Geburtsdaten' der Italiener wählen sollte, da es in dem Land viele verschiedene Staaten gegeben hat. Aber nehmen wir einmal an, sie hätten beide noch das Römische Reich kennengelernt, wie in Hetalia… dann müssten sie im fünften Jahrhundert geboren worden sein. Wenn ich das Jahr wähle, in dem das Königreich der Langobarden fiel, wäre das 774. Und das Jahr in dem Karl der Große in Rom zum Kaiser gekrönt wurde? 800.
AÜ: Das war's auch schon mit Kapitel vier. Ich hoffe es hat euch gefallen, ich wünsche allen noch ein frohes Fest, und Bluesun herzliche Glückwünsche zum Geburtstag nachträglich!
