Kapitel 4
Ironside beschloss, Belinda Mallone einen Besuch abzustatten, und zwar allein. Er war sich seiner attraktiven Ausstrahlung auf Frauen sehr wohl bewusst. Manchmal öffneten sie sich ihm, aber wenn Eve dabei war, so fühlten sie sich gehemmt.
Mark chauffierte ihn nach San Rafael. Er wartete im Paddy Wagon.
Ironside hatte seinen Besuch nicht angekündigt, aber er hatte Glück: Sie war zuhause und bereit, ihn zu empfangen.
Belinda musste in ihrer Jugend eine Schönheit gewesen sein. Jetzt war sie in den Vierzigern, mittelgross, brünett, und ihr Gesicht zeigte Spuren von zu viel Gutem: Zu viel Tabak, zu viel gutes Essen, zu viel Sonne, vermutlich auch zu viel Alkohol. Sie trug einen formlosen Seidenkimono und rauchte mit einer goldenen Zigarettenspitze.
Sie führte ihren Besucher in einen wunderbar möblierten Salon. Der Van Gogh an der Wand sah echt aus.
„Möchten Sie etwas zu trinken, Mr. Ironside?"
Er dachte an ihre ‚Zuviels' und verwarf den Gedanken an ein gutes Glas Bourbon. „Ja, eine Tasse Kaffee wäre angenehm."
Belinda rief ein unsichtbares Dienstmädchen. Er hatte nicht erwartet, dass sie den Kaffee selber machen würde.
„Haben Sie herausgefunden, wer meines Mannes Kreise stört?"
„Wir arbeiten daran."
„Ich hoffe, dass Sie die Typen bald hinter Gitter bringen werden!"
Sie klang wütender, als es Ironside von einer kultivierten Dame erwartet hätte.
„Ihr Mann verliert wohl eine Menge Geld wegen der Drohungen."
„Geld!" Sie rief es in der abschätzigen Art, wie es nur die Frau eines Millionärs kann.
„Was ist es denn, was Sie beunruhigt, wenn nicht das Geld?"
„Er hat kaum eine freie Minute, solange dieses Ding nicht in Betrieb ist."
Ironside beschloss, ein wenig auf den Busch zu klopfen.
„Ist das der Grund für Ihre Affäre?"
Sie schien nicht im Geringsten überrascht zu sein. „Sie haben also das mit Roger herausgefunden. Ich habe gehört, dass Sie sehr findig sind. Und jetzt verdächtigen Sie mich, hinter den Problemen mit der Anlage zu stecken, nicht wahr?"
„Stecken Sie hinter den Problemen?"
„Nein. Und Roger hat keinerlei Bedeutung. Ich liebe meinen Ehemann immer noch." Sie schaute ihm direkt in die Augen.
Sie war immer noch eine Schönheit, dachte Ironside. Er wünschte ihr die Energie, sich zusammenzureissen, sich angemessen anzuziehen und ihr Leben in die Hand zu nehmen.
Jedenfalls sah sie nicht schuldig aus, aber furchtbar besorgt.
„Und wer steckt dahinter? Ihr Sohn?"
Sie stand auf und schritt zum Fenster. „Haben Sie Kinder, Mr. Ironside?"
Er dachte an seine drei jungen Freunde. Sie waren seine Familie. Er sorgte sich um sie, und er fühlte ihre Zuneigung zu ihm. Aber das war nicht das, was sie meinte.
„Nein."
Sie schien zum Fenster zu sprechen. "Dann wissen Sie nicht, was es bedeutet, wenn der Sohn, den Sie lieben, Ihnen entgleitet. Wenn Sie keinen Einfluss mehr haben auf das, was er tut. Sie wissen nicht, was er in der Schule macht, und erst recht nicht in der Nacht. Wenn Sie ihn fragen, so sagt er, Sie sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern. Sie fühlen sich hilflos. Jeder Telefonanruf könnte die Polizei sein…"
„Warum denken Sie, dass Sie keinen Einfluss auf ihn haben?"
„Er ist über eins-achtzig gross und gebaut wie sein Vater, er muss schon an die 80 Kilo wiegen. Was soll ich da ausrichten?"
„Mit ‚Einfluss' meinte ich nicht unbedingt körperliche Züchtigung. Das Üblichste wäre doch, mit ihm zu sprechen, oder nicht?"
„Immer, wenn ich ein Gespräch mit ihm anfange, geraten wir in einen Streit. Es hat keinen Sinn."
Ironside wog seine nächsten Worte sorgfältig ab.
„Was könnte denn Ihrer Meinung nach helfen? Vielleicht etwas mehr Distanz?"
„Wir haben schon über eine gute Militärschule nachgedacht."
„Das ist ein guter Gedanke. Vielleicht wäre er dann dankbar, dass er in den Ferien nach Hause kommen könnte, und es gäbe weniger Konflikte."
„Mein Mann hat dies schon vor Wochen vorgeschlagen, und Pierce hätte gar nichts dagegen, denke ich. Aber wie wüsste ich dann, dass er nicht wieder in Schwierigkeiten geraten würde? Und dort hätten wir keine Möglichkeiten, mit der Polizei zu sprechen, wenn er mit dem Gesetz in Konflikt geriete…"
„Es könnte ja kaum schlechter sein als jetzt, oder? Er muss erwachsen werden und anfangen, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und für deren Folgen gerade zu stehen. Wollen Sie nicht den Versuch wagen, ihn loszulassen?"
In ihren schönen Augen lag ein sehr nachdenklicher Blick. Sie fühlte, dass dieser grosse Mann in seinem Rollstuhl etwas zu sagen hatte. Sein eigenes Leben konnte nicht einfach sein. Offensichtlich war er durch seine eigenen Kämpfe gegangen. Dies machte ihn irgendwie vertrauenswürdig. Sie fühlte sich zuversichtlicher als je in den letzten Jahren. Sie schaute in seine klugen blauen Augen. Er war seit langem der erste Mensch, der ihr wirklich zu gehört hatte. Vielleicht war er der erste, dem sie ihr Problem so offen anvertraut hatte. Was war um diesen Mann, was ihn so besonders machte?
Vielleicht war ihre Situation ja gar nicht hoffnungslos. „Sie haben Recht. Ich will es versuchen. Danke, Mr. Ironside. Und bitte – finden Sie heraus, wer die Anlage meines Mannes sabotiert hat, wer auch immer es war."
Am Donnerstag korrigierte Lehrer Grey Aufgabenhefte. Um sieben Uhr Abends war er fast fertig damit, aber sein Kopf fühlte sich langsam an wie ein Wespennest. Um sich einen Moment zu entspannen öffnete er ein Fenster. Es war dunkel draussen, und die Januarluft war kühl. In einer Ecke des Schulhofs, nicht weit entfernt von seinem Fenster, sah er den Schein einer Taschenlampe. War der Abwart immer noch an der Arbeit?
Aber was er hörte liess ihn aufhorchen: "…jeder muss Schutzgeld bezahlen. Wenn du es nicht uns bezahlst, so kommen andere, aber die wollen dann mehr als zehn Dollar, und vielleicht werden sie dir weh tun!"
Der Ausdruck ‚Schutzgeld' traf einen Nerv. Das war etwas, was Ed niemals tolerieren würde, verdeckte Ermittlung hin oder her. Seiner Meinung nach war Schutzgelderpressung etwas vom Gemeinsten, was Jugendliche einander antun konnten.
Ohne einen weiteren Gedanken sprintete er aus dem Klassenzimmer, die Treppe hinunter und über den Schulhof gegen die fragliche Ecke. Eine Treppe führte zu einer Kellertür hinunter.
Brown hörte die Geräusche eines Kampfes, etwas, was über eine Wand kratzte und einen Schrei.
Ed lief ein paar Treppenstufen hinunter und rief: „Stopp!"
Drei Männer oder grosse Jungen stiessen einen kleineren Jungen herum. Die grossen trugen Strumpfmasken, um ihre Gesichter zu verbergen, und der kleine… war Andy Drake. Er klammerte sich verzweifelt an einen Geigenkasten
Ed ging weiter die Treppe hinunter. „Lasst den Jungen gehen!" befahl er.
„Das ist der neue Pauker. Der hat eine Lektion nötig!"
Ein gewöhnlicher Lehrer hätte die dumpfe Stimme unter der Maske wohl nicht erkannt – anders als ein gut ausgebildeter Polizei-Sergeant: Ed wusste sofort, dass er es mit Pierce Mallone zu tun hatte. In Bezug auf die anderen war er sich allerdings nicht sicher.
„Sir, seien Sie vorsichtig, sie haben Waffen!" warnte Andy.
Jetzt, da sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten, sah Ed, dass zwei von ihnen Baseball-Schläger in den Händen hielten. Der dritte, Pierce, zog eine Fahrradkette aus einer Plastiktasche. Die drei umzingelten ihn.
„Andy, lass mich allein", sagte er ruhig.
Weil er dem Jungen nachschaute, um sicher zu gehen, dass er gehorchte, sah er die Kette, die auf ihn zuflog, einen Sekundenbruchteil zu spät …
