Am nächsten Tag, saß ich dann unschlüssig vor meinen Laptop. Mein Gefühlschaos inspirierte mich. Ich begann die vergangen Tage zu skizzieren, doch fragte mich im gleichen Augenblick, wie ich das auf den Laptop lassen sollte. Wenn Mike dranging und das finden würde. Obwohl er sich ja strikt weigerte irgendwas zu lesen, was ich schrieb. Wenn ich den Namen ändern würde, könnte ich es notfalls als Fiktion darstellen. Unweigerlich formten sich die Charaktere aus meinen eigenen Erfahrungen und ich schrieb wie besessen. Das erste Mal besetzte ich selber eine Hauptrolle in meinen Geschichten. Doch irgendwas fehlte noch. Etwas, was diese Liebesgeschichte, wie sie sich jetzt in meinen Kopf ausbreitete das gewisse Etwas gab. Ich schrieb sogar noch mittwochs bis ungefähr fünf Uhr nachmittags weiter. Doch weiterhin fehlte mir die interessante Wendung in meinen Plot. Ich speicherte also erst einmal gegen fünf die Datei und schob sie auf eine Speicherkarte, die ich zwischen meiner Unterwäsche versteckte.
Das Telefon klingelte und Mike rief an. Er würde es erst gegen neun schaffen zu kommen und wir sollten schon einmal essen. Ich seufzte doch überlegte mir, dass ich so vielleicht Zeit hatte zu sehen, wie Angela und Jazz miteinander umgingen. Da ich immer noch im Hauslook angezogen war, begab ich mich ins Bad und begann mich fertig zu machen. Unschlüssig frisierte ich meine Haare, nicht sicher, ob ich sie offen oder hochgesteckt tragen sollte. Ich entschied mich dann für eine lockere Hochsteckfrisur mit einem schwarzen Haarband. Hier war es dann nicht so schlimm, wenn ein paar Locken hervorsprangen. Die Kleiderfrage war heute auch problematischer. Es sollte leger wirken, wollte aber auch nicht das Missfallen von Mike erregen. Dieser Abend würde eine Katastrophe werden. Mein Blick fiel auf das neue Kleid, das ich zusammen mit Angela erstanden hatte. Verdammt ich war bei meiner Schwester zu Besuch und nicht auf einer von Mikes Veranstaltungen. Ich zog es an. Die Schwarz-Weiße Optik passte perfekt zu der Frisur, die mich im Romantiklook erstrahlen ließ. Ich liebte dieses Kleid. Soll doch Mike denken, was er will.
Zufrieden mit meinen Äußeren packte ich meine Tasche und bestellte ein Taxi, das mich zu Angela bringen sollte. Als ich vor ihrer Tür stand, hörte ich bereits Gelächter. Vielleicht würde der Abend doch nicht so schlimm werden wie gedacht und klingelte. Ben öffnete die Tür.
„Hey Kleines!" sagte er, als er mich in die Arme zog. Ben war nicht ganz so wie Angela, eher der ruhigere Typ. Er war zwar gut aussehend, aber kam nicht an Jazz heran. Ich fragte mich wirklich, wie Angela es schaffte, überhaupt nicht von Jazz angezogen zu werden. Es war mir ein Rätsel.
„Wir sind alle in der Küche! Es ist doch etwas größer als erwartet geworden. Los ich stell dich unseren Freunden vor. Jazz kennst du ja schon!" Ben nahm mich an der Hand und führte mich in die Küche. Das Gelächter war verstummt und es folgte eine nahezu erwartungsvolle Stille. Mein erster Blick fiel auf Jazz, der entspannt an der Wand lehnte, ein freches Grinsen auf dem Gesicht, als er mich sah. Ich trat etwas irritiert von einem Fuß auf den anderen.
„Bella, da bist du ja!" rief Angela aus, als sie in einer Schürze auf mich zulief und mich drückte. „Komm ich stell dir die anderen vor!" Das einzige bekannte Gesicht, war das von Rose, die neben einen großen dunkelhaarigen Mann stand, der wohl Emmett sein musste. „Rose kennst du ja schon!" ich gab ihr die Hand. „Hi Rose!"
„Das sind Emmett und Edward!" Interessiert betrachtete ich Edward. Er hatte grüne Augen und hellbraune Haare, nur in den Gesichtszügen war seine Verwandtschaft zu Jazz und Rose zu erkennen. Trotzdem hatte Angela Recht gehabt. Der gesamte Cullen-Clan und auch der Anhang waren wirklich mit guten Genen gesegnet. Emmett begrüßte mich überraschenderweise mit einer Umarmung. „Das ist also die kleine Schwester von Angie! Wir haben alle lange darauf warten müssen, dich kennen zu lernen!" Seine Augen blitzen verschmitzt. Ich mochte ihn auf Anhieb. Edward allerdings, der nach Jazz Beschreibung etwas nachdenklichere Typ, war nicht ganz so überschwänglich. „Freut mich, dich kennen zu lernen. Wir haben schon viel von dir gehört!" Ich lächelte ihn an, doch die Gedanken überschlugen sich. Nicht nur Jazz war mit Angela verbündet, sondern anscheinend der ganze Cullen-Clan. Ich konnte mir nur den Horrorabend ausmalen, der mir bevorstand. Wenn sie alle so direkt waren, wie Jazz und Angela, dann würde ich nichts zu lachen haben. Jazz trat jetzt auf mich zu. „Hey Bella, lange nicht gesehen!" Er zwinkerte, denn es war erst drei Tage her. Er drückte mich nur kurz unverbindlich, kein Verweilen wie sonst, allerdings blieb er jetzt neben mir stehen. Ich konnte nicht weiter darüber nachdenken, da Angela mit einem Glas Wein neben mir stand. Jetzt bemerkte ich erst, dass alle ein Glas in der Hand hatten außer Rose. Anscheinend hatte sie meinen fragenden Blick registriert. „Nachtschicht, ich muss um zwölf ins Krankenhaus. Kein Alkohol für mich, heute!"
Ich trank schnell einen Schluck.
„Bella, erzähl wie findest du Big Apple bis jetzt!" fragte nun Emmett. Ich stand hier definitiv jetzt im Mittelpunkt des Interesses.
„Erschlagend!" Aus irgendeinem Grund fingen bei dieser Aussage alle an zu lachen und ich schaute etwas irritiert in die Runde.
„Das Gleiche hatte Angie auch gesagt, als sie das erste Mal hier war! Sie sind also sicher Schwestern!" meinte Emmett und ich musste erst mal grinsen. „Sie hat fast das gesamte erste Jahr im Central Park verbracht, bis sie sich an das Stadtleben so richtig gewöhnt hat. Doch jetzt ist sie eine richtige New Yorkerin!" Ich schaute Angela zweifelnd an.
„Naja fast!" lachte sie. „Ohne mich würden hier alle in ihrem Großstadtmief versinken!"
„Das ist wohl wahr. Angie kommen hier immer die besten Ideen, um hier raus zu kommen! Vor zwei Wochen sind wir alle Paintball Schießen gegangen!" meinte Emmett enthusiastisch.
„Weißt du noch, wie ich Rose am Kopf getroffen habe und sie dich beschuldigt hat, dass du sie nicht gedeckt hast, Emmett! Du hättest die beiden sehen sollen. Rose hat sich vor ihm aufgebaut und mit ihm gestritten. Leider waren sie so sehr vertieft, dass plötzlich die Farbe von allen Seiten auf sie zuflog!" lachte Ben jetzt. Rose blickte Emmett finster an, als ob das alles wirklich seine Schuld gewesen war, doch der grinste nur.
„Naja und diese Krankenschwester, die Jazz mitgenommen hatte zum Schießen. Ich hoffe wirklich, die bringst du nie wieder mit!" meinte Angela jetzt.
„Sicher nicht. Äh, war ja nur, damit die Zahl aufging. Immerhin war Alice ja auch noch dabei. Und ich brauchte eine Partnerin!" es klang rechtfertigend.
„Vor uns musst du dich nicht rechtfertigen Jazz, wir wissen doch wie es ist!" lachte Angie.
Mich würde allerdings sehr interessieren, wie es ist. Ich versuchte meine Mike-Miene aufzusetzen, doch ich fragte mich, ob es mir gelang, denn ich spürte seinen Blick von der Seite.
„Jedenfalls war die eine totale Niete darin. Und was die von sich gegeben hatte. Wenn wir Krieg spielen, gibt es keine weiße Flagge!" sagte Emmett bestimmt und alle lachten.
„Und wie Klein-Alice sich hinter Edwards Rücken versteckt hatte, und alle aus dem Nichts abschoss. Man hat sie wirklich nicht gesehen. Ein Wunder, dass sie keine High-Heels anhatte!" lachte Rose. Ich stellte mir Klein-Alice, das Energiebündel vor. Ich war total gespannt sie kennen zu lernen.
„Tja meine Alice ist eben unberechenbar!" lachte Edward und seine Augen funkelten vor Liebe auf. Mein Blick wanderte zu Rose, die mit Angela, jetzt am Herd herumhantierte. Emmett drückte ihr einen Kuss auf den Nacken, Ben hatte eine Hand in Angelas Hosentasche. Es erinnerte mich an unsere Eltern, die auch eine sehr offene Beziehung geführt hatten. Ich überlegte, wann Mike das letzte Mal sich ähnlich verhalten hatte und es fiel mir einfach nicht ein.
„Verachtet mal Bella nicht!" lachte jetzt Angela. „Sie würde euch allen beim Paintball die Hölle heiß machen. Ihr hättet sie einmal mit achtzehn sehen sollen. Da hatte sie mich mit ein paar Klassenkameraden mitgenommen. Ich glaube es haben alle vor ihr gezittert. Obwohl wir das einzige komplette Frauen-Pärchen waren, haben wir am Ende gesiegt. Sie ist wie ein kleiner Jason Bourne gewesen. Auch mit so komischen Agentenzeichen, die sie mir vorher erklärt hatte! Ich glaub ich hab mich wie ein Bond-Girl gefühlt! Ehrlich gesagt machen solche Sachen erst richtig mit ihr Spaß!" Ich schaute etwas verlegen in die Runde musste dann aber grinsen. Sie hatte Recht zusammen waren wir unschlagbar gewesen. Ich vermisste die Zeiten.
„Bella liebt Extremsportarten!" sagte jetzt Jazz und grinste mich an. „Außerdem hat sie ein gutes Auge für selbstgebaute Boote!"
„Ich habe das Boot nur gewählt, weil ich mir genauso ein Haifischboot vorgestellt hatte, mit einem dicken Mann drin. Was kann ich dafür, dass es dann mich direkt angesprungen hatte. Ich hab die anderen erst einmal gar nicht gesehen!" schmollte ich.
„Jedenfalls muss ich jetzt zum Bungeejumping!" lachte Jazz.
„Als ob dir das was ausmacht!" neckte Angela.
„Naja durch dich bin ich erst auf die Idee gekommen, solche Dinge auszuprobieren. Vorher war ich ein artiger Arztsohn!" Ben brach in schallendes Gelächter aus.
„Braver Arztsohn. Jazz hat schon als Kind rebelliert. Ich wundere mich immer noch wie er und Emmett trotz der ganzen Sachen, die sie angestellt haben nach Harvard gekommen sind. Und dort trifft er natürlich auf genauso eine rebellische Person wie er! Angie, wahrscheinlich die einzige Frau, an die er sich nie herangemacht hat. Zum Glück!" Ich fragte mich, wie alle damit so locker umgehen konnten. Mir versetzte es jedes Mal einen Stich, wenn ich hörte, wie austauschbar Frauen für Jazz waren. Ich schaute zu ihm und er rollte genervt die Augen.
„Ich bin gespannt, wie die Frau sein wird, auf die Jazz mal wirklich ein Auge wirft!" warf sie jetzt ein.
„Ich glaub die muss erst geboren werden!" meinte jetzt Angie. So hatte sie es mir oft erzählt.
„Wir werden sehen!" lachte Rose jetzt, anscheinend auch nicht sicher, ob das je eintreffen würde. „Das Essen ist jedenfalls jetzt fertig. Also lasst uns raus gehen!"
Während des Essens folgten lustige Anekdoten aus der Studienzeit von Angela und den anderen.
„Wisst ihr noch, wie Rose die Tussi, aus dieser Verbindung, wie hieß sie noch mal, Charline mit Ketchup überschüttet hatte, weil sie Emmett angegraben hatte!"
„Oder wie Jazz und Angie, die Verbindungscup gewonnen hatten?"
„Wie Esme den Truthahn zu Thanksgiving herunterfallen ließ, weil Emmett eine Spielzeugmaus in die Küche geworfen hatte!"
Und und und!
Ich wurde immer neidischer, aufgrund ihrer vieler gemeinsamer Erfahrungen. Ich wünschte ich hätte auch so enge Freunde in meinen Leben. Wie sie alle mit einander umgehen, wie sehr sie Angela liebten. Es war so deutlich zu erkennen. Hier erinnerte mich nichts an die Steifheit, die sonst in meinen Leben präsent war. Ich hatte den unwiderstehlichen Drang, sie alle näher kennen zu lernen. Hoffte, dass ich sie irgendwann auch Freunde nennen konnte.
„Ich habe gehört du kannst auch Snowboarden?" fragte Edward, nachdem das Essen weggetragen wurde.
„Naja, wenn man direkt neben den Rockies aufwächst, kein Wunder. Unsere Eltern waren große Wintersportler. Ich stand schon mit drei auf Skiern. Mit sechs wollte ich dann Snowboarden, weil ich das so cool damals fand!" erklärte ich ihnen.
„Bella und ich sind ja auch noch während des Studiums Snowboarden gegangen, wenn sie sich loseisen konnte!" entgegnete jetzt Angela, natürlich musste irgendwann eine Spitze von ihr kommen. Ich verdrehte die Augen.
„Wir waren auch mit Angie öfters in den Bergen. Doch bis auf Jazz und Emmett sind alle eher die Skifahrer!" erzählte jetzt Rose.
„Aber nur weil es beides Draufgänger sind!" meinte Edward grinsend.
„Angie war ziemlich frustriert am Anfang mit uns!" sagte Jazz.
„Jo sie meinte sogar einmal. Ich wünschte Bella wäre hier, dann hätte ich wenigstens wen, der wirklich auf einen Brett stehen kann! Aber wir haben uns doch schnell gebessert!" Sofort stellte ich mir vor, wie ich gemeinsam mit ihnen in den Bergen wäre.
„Oh ich zeige euch einmal ein Video von Bella in der Half-Pipe!" Angela sprang auf und lief zum Fernseher und wühlte im CD Regal, schob dann eine CD ein. Es war vor vier Jahren gewesen, als wir ein Wochenende in Whistler verbracht hatten. Sie filmte mich vom unteren Ende von der Half-Pipe aus. Ich wusste, dass ich gut war.
Ich schaute auf die etwas erstaunten Gesichter der anderen, als sie mich fahren sahen.
„Das sieht gefährlich aus!" kam es von Edward.
„Wow! Du bist ja ne richtige Snowboard-Mieze! Das würde ich gern mal Live sehen!" Emmett knuffte mir über den Tisch in die Seite und ich grinste ihn an. Ich wusste nicht, wie lange es her war, dass ich einmal von jemand bewundert wurde. Die Anerkennung tat mir gut.
„Wenn ich das so gut könnte, dann würde ich die Skier auch an den Nagel hängen!" lachte Rose. „Wenn Emmett dir das einmal nachmachen will, dann bin ich echt froh, dass er von Ärzten umgeben ist!"
Ich kam jetzt am unteren Ende der Half-Pipe an und fuhr direkt auf Angela zu. Als ich vor ihr stand, nahm ich den Helm vom Kopf, schüttelte die damals noch taillenlangen Locken!
„Und noch eine verdammt heiße Snowboard-Mieze! Die Swan-Frauen haben es in sich!" lachte Emmett.
„In der Tat!" Jazz grinste jetzt. „Ich überlege gerade, ob mir die langen Locken oder die kurzen besser gefallen!"
„Kein Hanky-Panky mit den Swans hier Jazz!" Angela klopfte ihn auf den Hinterkopf, lachte aber dabei auch.
„Das nächste Mal, wenn wir wieder zusammen auf die Piste gehen, dann machen wir mal Helisnowboarden. Mit dem Helikopter auf eine unpräparierte Piste gehen, Bella!" rief jetzt Angela aus.
„Wieso nicht!" sagte ich lachend. Das wollte ich schon immer einmal machen.
In dem Moment klingelte es. War es schon neun? Ben stand schulterzuckend auf. „Dann wollen wir mal!" murmelte er vor sich hin. Der ganze Tisch war still und ich rutschte etwas unruhig auf dem Stuhl herum. Von der aktuell noch so ausgelassenen Stimmung, war nichts mehr zu spüren. Alle um mich herum Sitzenden hatten plötzlich angespannte Gesichter. Sogar Rose, Emmett und Edward, obwohl sie mich kaum kannten, runzelten die Stirn. Jazz hatte einen ziemlich finsteren Blick drauf. Ich wunderte mich von neuen, ob nicht eine siebenköpfige Anti-Mike Front im Raum vor mir saß.
Mike kam dann mit Ben ins Zimmer, im Anzug gekleidet. Wenigstens hatte er die Krawatte ausgezogen. Mike nickte nur in die Runde, als Ben alle vorstellte, machte sich nicht einmal die Mühe alle persönlich zu begrüßen, als ob sie unter seiner Würde wären. Dabei waren es alle erfolgreiche Personen. Er setzte sich neben mich, nichts wies in dem Moment darauf hin, dass wir ein Paar waren. Nach dem sichtbaren Verhalten der Pärchen hier, schämte ich mich nahezu, dass er mich nicht einmal berührte, auch ich wurde nur mit einem kurzen Nicken bedacht. Angela sprühte nahezu vor unterdrückten Zorn, als ich sie ansah. In dem Moment wurde mir klar, was für ein Fehler es war zu versuchen Mike hier zu integrieren. Er wollte hier gar nicht sein und die anderen wollten ihn hier nicht haben. Doch wo passte ich in diese Gleichung hinein.
„Wir hatten gerade über Heli-Snowboarden geredet, dass Bella und Angie das einmal versuchen wollten!" versuchte Emmett das Gespräch im Gang zu bekommen.
„Ja, das würde mich schon reizen!" gab ich zu.
„Ich werde mich später mal im Internet umschauen, damit wir das in unseren Winterurlaub mit einplanen können!"
„Gute Idee!" ich wusste nicht, ob meine Stimme fest war. Jazz Blick bohrte sich in mich.
„Was ist Helisnowboarden. Ich bin ja der Meinung Skifahren wäre ein angemessener Wintersport für Bella!" sagte jetzt Mike. Jazz Blick löste sich jetzt von mir und er starrte Mike mit offenem Mund an.
„Helisnowboarden, da wird man mit einen Helikopter auf einen unpräparierten Berg abgesetzt zum Tiefschneefahren!" antwortete ich nun kleinlaut. Die Blicke der anderen wechselten jetzt zwischen mir und Mike und verdüsterten sich weiter.
„Ich denke nicht, dass es nötig ist, dass du dich nach so was umschaust, Angela!" platze Mike jetzt heraus. Er sah mich eindringlich an. „Bella, was denkst du was meine Kollegen sagen würden, wenn sie wüssten, dass meine Verlobte solche halsbrecherischen Aktionen macht!" Ich versank jetzt geradezu im Stuhl. Die gute Stimmung war wie weggeblasen. Ich bekam keinen Ton mehr heraus, fühlte mich einerseits zurechtgewiesen wie ein unartiges Kind andererseits schämte ich mich vor den anderen, dass ich einfach so klein beigab.
„Nachdem, was ich gesehen habe, wäre Bella bestimmt nicht in Gefahr, so gut wie sie auf den Brett ist!" Jazz sah Mike zornig an, ein Ton in der Stimme, der mir Schauer über den Rücken jagte.
„Hier geht es nicht darum, ob sie es kann, sondern dass sie es nicht tun soll. Bella kann bestimmt viele Dinge, doch es ist nicht gut für meinen Ruf, wenn sie das macht!" erklärte er sich jetzt ruhig, als hätte er die Feindseligkeit gar nicht bemerkt.
„Ist es in dem Fall überhaupt wichtig, was Bella denkt!" kam es nun von Rose schnippisch.
„Bella denkt darüber wie ich!" sagte jetzt Mike. „Wenn ich in meinen Beruf vorankommen will, müssen eben Opfer gemacht werden!"
„Warum soll Bella die ganzen Opfer bringen?" sagte jetzt Edward verwundert. Als würden sie sich mit den Spitzen abwechseln. Hatten sie sich vorher Fragen ausgeteilt.
„Ich sehe nicht, dass Bella ein Opfer bringt. Welche Frau wünscht sich das nicht, sich um Haus und Hof zu kümmern. Ins Spa zu gehen, shoppen, wann immer und wo immer sie will!" Mike wirkte gelassen. Ich fühlte mich, als würden die anderen gar nicht bemerken, dass ich noch am Tisch saß. Jazz starrte mich wieder an. Er sah mich jetzt verärgert an. Ich wusste nicht, was ich ihm getan hatte.
„Ich bin froh, dass ich arbeiten kann!" sagte Rose jetzt. Angela und Ben sagten nichts. Wunderbar, sie hatte zwar versprochen, sich zu benehmen, aber natürlich hatte ich nicht daran gedacht, dass sie das schlecht benehmen einfach den anderen überließ. Ich funkelte sie jetzt an und sie zuckte mit den Mundwinkeln bei meinen Blick. Ich versank regelrecht vor Scham in den Boden, griff nach dem Glas Wein, um mich wenigstens ein bisschen an etwas festhalten zu können und nahm einen tiefen Schluck. Wie sehr hätte ich mir jetzt gewünscht, noch etwas Stärkeres zur Hand zu haben.
„Und was soll sie tun, schreiben! Das ist doch peinlich, wenn man es nicht kann! Literaturstudium, das kann ja gar nichts werden! Wenn sie wenigstens etwas Anständiges gelernt hätte"
„Es gibt sehr viele Berufe, die man mit einem Literaturstudium ergreifen kann. Allein im Sportjournalismus stehen unzählige Möglichkeiten offen. Vor allem wenn man von Yale mit Summa Cum Laude abschließt!" Auch Emmetts Kommentar prallte an Mike ab. Ich hoffte nur noch, sie waren bald fertig über mich zu diskutieren.
„Das, was ich verdiene reicht für uns beide!" antworte Mike schulterzuckend.
„Der Traum jeder Frau. Sieben Jahre studieren und dann Däumchen drehen und Tee-Partys schmeißen!" Rose triefte jetzt vor Ironie.
„Ich seh du verstehst mich!" lachte Mike sie an. Rose rollte mit den Augen nach diesem Kommentar.
„Jedenfalls bei mir auf der Arbeit, da geht es hart zu. Da wäre es außerdem schlecht, wenn Bella nicht zu Hause wäre, wenn ich heimkomme. Es gibt ja außerdem viele ehrenamtliche Beschäftigungen!" Ich nahm einen weiteren tiefen Schluck aus dem Weinglas, doch es war bereits leer. Hatte ich das ganze Glas innerhalb ein paar Minuten getrunken. Ich blickte zur Weinflasche, doch sie war leer. Vielleicht sollte ich eine neue holen, um dem ganzen wenigstens ein paar Minuten zu entfliehen. Mike redete mittlerweile von seiner Arbeit, wie immer. Wie toll es war, doch auch wie hart es war, am unteren Ende der Nahrungskette zu stehen. Als hätte er ein Publikum vor sich, dass das wirklich interessierte. Ich wunderte mich über mich selber, dass ich wenigstens im Gedanken diesmal so aufbegehrte. Normalerweise verteidigte ich Mike, doch heute ging nicht einmal das. Meine Hände wurden nass.
Ich weiß nicht wie es dazukam, doch mir wurde alles zu viel und ich stand auf spürte weiterhin die Blicke der anderen auf mir. Ich griff nach der leeren Flasche und verließ das Zimmer ohne ein Wort zu sagen. In der Küche atmete ich erst einmal tief durch stütze mich mit den Händen am Tisch ab. Jemand betrat in diesem Augenblick die Küche. Erschrocken fuhr ich herum. Jazz stand einen Meter von mir entfernt. Sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Frustration und Zorn.
„Angela hat schon wieder untertrieben, es ist schlimmer als ich dachte!" Er kam näher.
„Ich bin wirklich fast enttäuscht von dir, obwohl ich damit hätte rechnen müssen. Doch es mit eigenen Augen zu sehen! Verdammt Bella, was tust du nur!" Er stand jetzt direkt vor mir. Meine Hände wanderten zum Tisch um mich erneut festzuhalten. „Er liebt dich gar nicht, er liebt nur das, was er aus dir gemacht hat!" Ich schaute verlegen auf meine Füße. Er war mir jetzt so nahe, dass ich die Wärme, die von seinem Körper ausstrahlte spüren konnte, obwohl er mich nicht anfasste.
„Sagt der, der jeden Tag eine andere hat!" murmelte ich.
„Das heißt nicht, dass ich es nicht sehen kann!" antworte er jetzt. Seine Stimme klang hart. „Aber du, du bist blind! Was tut er für dich, dass er dich verdient!"
Ich antwortete nicht und er fuhr fort: „Er verdient dich nicht! Angie hat Recht, er verdient dich nicht! Verdammt! Sag mir was er tut, dass du bei ihm bleibst! Rede mit mir!"
Ich betrachtete weiter meine Füße, als seine Hand unter mein Kinn griff und mich zwang hoch zu schauen. „Sie mich an!" und ich tat es. Seine Augen bohrten sich in die meinen, als versuchte er zu lesen, was ich nicht sagte. „Verdammt sag etwas!"
„Er sorgt für mich!" flüsterte ich. Er stöhnte nur.
„Wenn du arbeiten würdest, dann bräuchtest du ihn nicht! Siehst du das denn nicht!"
„Vielleicht?" es klang eher wie eine Frage. Seine Nähe machte mich ganz benommen. Seine Worte hallten in meinen Kopf wie Echo.
„Was muss man tun, um zu dir durchzudringen? Du bist das nicht! Wo steckt die Bella, die ich kennen gelernt habe?" in seiner Stimme schwang jetzt der Frust mit, den ich schon von Angela kannte. Die Hand, die an meinem Kinn lag, wanderte jetzt zu meiner Wange. Wie sollte ich auf seine Fragen antworten, wenn er mir so nahe war. Wusste er das nicht? Die zwei Gläser Wein halfen in der Situation auch nicht. Ich fühlte mich wie festgefroren. Benebelt vom Wein und seiner Nähe, sein Atem streifte mein Gesicht, vertrieb alles was sich noch in meinen Kopf befand und ich blickte ihn nur an. Seine Augen blitzen erneut auf, ein wissendes Schmunzeln machte sich in seinem Gesicht breit. Ich sah ihn näher kommen, doch trotzdem überraschte es mich, als seine Lippen sich auf meine legten, sanft aber mit einen solchen Nachdruck, dass ich glaube mir gaben die Knie nach, als auch schon ein Arm um meine Hüfte gelegt wurde, mich stützte. Ich riss die Augen auf, schnappte gegen seinen Mund nach Luft. Dabei entfuhr meiner Kehle ein Seufzer, ich konnte nicht sagen, ob er mir vor Entsetzten oder gespannter Erwartung entwich. Seine Zunge drückte leicht gegen meine Lippen, trotz der Sanftheit kannte sie kein Erbarmen und ich konnte nicht anders als mich ihm zu öffnen. Es war, als würde die Zeit still stehen, meine Bewegungslosigkeit löste sich in Luft auf. Meine Hände, die sich eben noch am Tisch befanden haben, waren bereits um seinen Hals geschlungen. Er musste mich nicht drängen, wie reflexartig antworte ich auf den erzwungenen Kuss, als ob mein Leben davon abhinge. Vergessen war für mich alles um mich herum, wo wir uns befanden, wer sich im Zimmer daneben befand. Manche Leute warteten ihren Leben lang auf solch einen Augenblick. Ich konnte mich diesen Moment nur hingeben, als sich unsere Zungen berührten, ich ihn das erste Mal schmeckte, versuchte mit den Sinnen zu begreifen was ich schmeckte. Wie eine Mischung aus der herrlichsten Süße und der erfrischendsten Minze, mit einem Hauch vom Wein, den wir getrunken hatten. Unsere Zungen bewegten sich wie im Einklang, wie als ob sie dafür gemacht wären. Er presste mich näher an sich, als würde er ebenfalls die Kontrolle verlieren. Ich selber war hoffnungslos verloren. Mein Gehirn hatte schon davor aufgehört zu existieren. Er löste sich von mir seine Finger strichen über meine noch geöffneten Lippen und ich öffnete die Augen, hatte gar nicht gemerkt, dass ich sie geschlossen hatte. Jazz Augen waren auf meine Lippen gerichtet, sein Blick überrascht, wie ich mich selber fühlte. Ein nahezu überhebliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht und seine Lippen, pressten sich noch einmal kurz auf meine jetzt wieder mit geschlossenem Mund und meine Mundwinkel zuckten.
„Die anderen werden uns vermissen!" sagte er leise und trat zurück und ich merkte wie langsam die Realität zurückkehrte. „Denke darüber nach, was ich gesagt habe!" Ich versuchte mein Gehirn wieder in Gang zu bringen als sich Entsetzten breit machte. Mike war im Raum nebenan und ich stand hier und küsste einen anderen. Ich konnte es nicht mehr leugnen, ich betrog Mike. Ich hatte Jazz von mir drücken sollen, nie auf diesen Stadtbummel gehen sollen. Doch ich konnte es nicht mehr ändern. Auch wenn das der wohl unglaublichste Kuss meines Lebens war. Ein Kuss bei dem sich die Zehen kringeln.
„OK!" flüsterte ich, als er mir zwei Weinflaschen in die Hand drückte und mit einem kurzen Schulterblick die Küche verlies, mich zurückließ in einen Scherbenhaufen, der sich um mich herum bildete. Ich konnte nicht mehr lange bleiben. Wie viel Zeit war vergangen seitdem ich den Tisch verlassen hatte. Wie konnte ich nur alles um mich herum vergessen, wie konnte ich das nur geschehen lassen. Der Geschmack von ihm brannte regelrecht auf meiner Zunge, als ich mich endlich dazu aufraffte, die Küche zu verlassen.
Ich war wie im Trance, als ich das Esszimmer betrat, niemand schien die längere Abwesenheit bemerkt zu haben, oder war es gar nicht so lange gewesen. Es kam mir so vor, als wären Ewigkeiten vergangen. Ich versuchte etwas unbeholfen eine Weinflasche zu öffnen, als sich eine Hand um die meine schloss. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen wessen Hand das war. Ich ließ los und Jazz nahm Flasche und öffnete sie. Ich setzte mich zurück neben Mike, fragte mich ob nicht jeder an meiner Nasenspitze ablesen konnte was gerade passiert war. Ich versuchte mich auf Mike zu konzentrieren, von Schuldgefühlen geplagt, griff geistesgegenwärtig nach dem nun wieder vollen Weinglas und nahm erneut einen tiefen Schluck. Mit den Augenwinkeln streifte ich Jazz, konnte es nicht über mich bringen, ihn jetzt direkt anzusehen. Und sein Blick war stechend, als versuchte er jetzt jede Reaktion von mir zu deuten. Er bemerkte mein linsen, und ein kleines Lächeln machte sich breit und er lehnte sich zurück. Wie konnte er das alles so gelassen sehen? Natürlich, für ihn stand ja auch nichts auf dem Spiel. Ich nahm wieder einen tiefen Schluck. Sich nehmen, was man will und dann wegwerfen. Es bedeutete ihm nichts. Es war egal, was mit mir passierte. Ohne Rücksicht auf Verluste, hatte das nicht einmal Angela gesagt. Ich trank erneut und das Glas war leer.
Ich hörte kaum etwas von den Gesprächen um mich herum, keine Ahnung ob die Stimmung immer noch so angespannt war wie vorher. In mir machte sich eine Wut breit, eine Wut auf mich selber, dass ich es soweit hatte kommen lassen, auf Mike, dass er mich regelrecht dazu getrieben hatte, auf Jazz, der gezielt meine eigene Schwäche für sein Vergnügen ausgenutzt hatte. Ich schenkte Wein nach.
„Hast du nicht genug getrunken?" hörte ich Mike neben mir.
„Ist ja nicht so, als ob ich morgen etwas vor hätte!" es klang schnippisch. Ich hatte ihn gerade betrogen und er hatte das nicht verdient. Ich hörte ein leises unterdrücktes Glucksen und schaute zu Angela. Die zuckte mit den Schultern, als sie mich bemerkte und wechselte einen vielsagenden Blick mit Ben. Oh Gott, hatte sie die Situation erkannt? Wusste sie, was eben passiert war? In diesem Moment wünschte ich mir nichts mehr als die Augen schließen und irgendwohin verschwinden zu können. Der Ort, wo ich mich vorhin noch so wohl gefühlt hatte, kam mir jetzt vor, als würde er sich um mich schließen und mich erdrücken.
„Bella, du musst unbedingt mal mit ins Joe's kommen!" sagte nun Rose und ich zuckte verwirrt zusammen.
„Entschuldigung ich war in Gedanken. Was hast du gesagt?" fragte ich nach.
„Dass du mit ins Joe's kommen musst!" meinte nun Emmett.
„Klar. Wieso nicht!" Ich schaute nicht einmal zu Mike bei der Antwort.
„Cool!" sagte Emmett.
„Wir müssen dann auch gehen, zumindest ich!" sagte Rose. War es schon so spät. „Es ist schon halb zwölf. Emmett setzt mich direkt vorm Krankenhaus ab!"
„Ich denke wir gehen dann auch!" sagte jetzt Mike. Ich war dankbar. Ich wollte hier weg. Musste meine Gedanken ordnen.
„Ja ich denke ich bin müde!" meinte ich und stand auf, schaute dabei aber noch einmal kurz zu Jazz. Er sah jetzt wieder etwas frustriert aus. Ich wurde einfach nicht aus im schlau.
Angela trat zu mir, drückte mir einen Kuss auf die Wange „Ich melde mich bei dir Süße!" Die anderen umarmten mich ebenfalls. Nur Jazz stand einfach nur da, unschlüssig was er tun sollte. Zorn machte sich erneut in mir breit, Zorn dass er mich aus meiner heilen Welt herausriss. Mein Gesicht musste meine Gefühle widergespiegelt haben, denn er kam nicht näher um mich zu verabschieden.
Mike und ich verließen die Wohnung und stiegen in ein Taxi.
„Interessanter Abend!" meinte er. „Du hättest nicht so viel trinken sollen. Du wirkst betrunken!"
„Es waren nur drei Gläser. Und du bist nicht mein Vormund, verdammt noch mal!" zischte ich. Mein Handy vibrierte, doch ich nahm es nicht aus der Tasche.
„Ist ja schon in Ordnung!"
„Nein ist es nicht. Ich mag es nicht, wenn man am Tisch über mich redet, als wäre ich gar nicht da!" Er schwieg darauf nur und schaute aus dem Fenster.
Zu Hause verschwand er sofort ins Bad und ich setzte mich aufs Sofa. Meine Gedanken begannen erneut zu kreisen und ich erinnerte mich, dass mein Handy vibriert hatte. Ich holte es aus der Tasche und öffnete die Nachricht.
Du schmeckst wie Himbeeren! J.
Und der Raum begann sich zu drehen, als das Handy zurück in meine Tasche glitt.
